Bei der heutigen zentralen Thüringer Gedenkveranstaltung zum 17. Juni erinnerte das Land erstmals in Nordhausen an die Opfer des SED-Unrechts und die mutigen Aufständischen von 1953. Dabei wurde deutlich: Die Stadt spielte damals eine wichtige Rolle beim Volksaufstand, doch bis heute fehlt ein sichtbarer Erinnerungsort... Die Gedenkveranstaltung fand erstmals in Nordhausen statt. OB Buchmann erwähnte in seiner Rede, dass es in Nordhausen bislang keinen Gedenkort für den 17. Juni gibt. (Foto: ssc)
Jedes Jahr richtet das Land Thüringen die Veranstaltung in einer anderen Stadt aus. In diesem Jahr fiel die Wahl erstmals auf Nordhausen. Mit dem Gedenken haben Sie etwas wachgerufen, das es bisher in unserer Stadt nicht gibt, sagte Nordhausens Oberbürgermeister Kai Buchmann (parteilos) bei der Kranzniederlegung vor dem Rathaus in Richtung Landtagspräsidenten Thadeus König und Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU).
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Tatsächlich prägen die Erinnerung an die Bombardierung Nordhausens, die Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora sowie die an das Kriegsende bis heute die lokale Gedenkkultur. Der 17. und 18. Juni hingegen blieben bislang weitgehend ein blinder Fleck. Dabei gibt es auch über diese Tage in Nordhausen viel zu erzählen.
In über 700 Städten und Gemeinden gab es am 17. Juni 1953 Volksaufstände. In Berlin wurden sie mit "sowjetischen Panzern niedergewalzt", sagte Voigt. Und Nordhausen gehörte zu den Streikzentren in der ländlichen DDR, wie der Thüringer Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Peter Wurschi, sagte. In den großen Betrieben der Stadt, darunter dem IFA-Schlepperwerk, dem Fernmeldewerk und Abus Maschinenbau, legten Männer und Frauen die Arbeit nieder. Am 18. Juni beteiligten sich nach Schätzungen rund 1600 Menschen an den Protesten gegen die politischen und wirtschaftlichen Vorgaben der SED-Führung. An ihrer Spitze stand Otto Reckstat.
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt sprach im Ratsaal vom freiheitlichsten Thüringen, in dem wir je gelebt haben. (Foto: ssc)
Die Behörden reagierten auf die Streiks in Nordhausen mit umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen. Polizei und Staatssicherheit bewachten vorsorglich das Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerk, die Post sowie die Talsperre Neustadt. Zudem wurde in Nordhausen der Ausnahmezustand verhängt. Jegliche Zusammenrottung wurde untersagt. Alle Gaststätten mussten zwischen 21 und 5 Uhr schließen, beschrieb Wurschi die damalige Situation. In der gesamten Stadt wurden Plakate des sowjetischen Garnisonskommandeurs angeschlagen, die den Ausnahmezustand bekannt machten.
Gut drei Wochen nach den Aufständen veröffentlichte Reckstat am 8. Juli einen 16-Punkte-Plan. Darin forderte er unter anderem die Beseitigung der Zonengrenze, die Wiedereinführung von Betriebsräten, den Achtstundentag sowie eine realistischere Planwirtschaft. Damit stand damals schon die deutsche Einheit im Fokus, sagte Landtagspräsident Thadäus König.
Die Gedenkveranstaltung fand erstmals in Nordhausen statt. OB Buchmann erwähnte in seiner Rede, dass es in Nordhausen bislang keinen Gedenkort für den 17. Juni gibt. (Foto: ssc)
Wie lebendig die Erinnerung an den Volksaufstand heute sein kann, zeigten die Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse des Humboldt-Gymnasiums. Sie beschäftigten sich intensiv mit Otto Reckstat und den Ereignissen des 17. Juni in Nordhausen. Wir haben unter anderem gelernt, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind, sagte Schüler Hannes Enzenberg.
Diesen alten Aushang zeigten die Schüler in ihrem Video. (Foto: ssc)
Die Jugendlichen präsentierten während der Feierstunde ein Videoprojekt und interviewten dafür die frühere Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD). Von Otto Reckstat habe ich erst nach der Wende etwas gehört, sagte Rinke. Das macht deutlich, wie sehr die DDR-Führung bemüht war, die Erinnerung an den Volksaufstand, an den faschistischen Putsch, wie es damals offiziell hieß, klein zu halten. Während der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1954 und 1990 als Feiertag begangen wurde, spielte er in der DDR offiziell keine Rolle.
Fredericke Nummer (links) und Clara Busse (rechts) im Gespräch mit der früheren Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke zum 17. Juni. (Foto: ssc)
Der 17. Juni 1953 war kein Tag der Niederlage, sondern ein Tag des Mutes. Das erste laute Nein gegen eine weitere Diktatur, sagte Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU). Nur acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hätten Menschen in der DDR den Mut gefunden, für Freiheit, Demokratie und bessere Lebensbedingungen einzutreten. Die Repressionen in der DDR seien oft im Flüsterton erfolgt. Da wurden Karrieren verhindert, Familien getrennt, sagte Voigt. Zugleich warnte er davor, dass es wieder Kräfte gebe, die die Erinnerung an den 17. Juni politisch instrumentalisieren. Wir leben im freiheitlichsten Thüringen, das es je gegeben hat, so Voigt.
Denn anders als Otto Reckstat könne heute jeder seine Meinung frei äußern, ohne Verhaftung oder politische Verfolgung befürchten zu müssen. Reckstat hingegen wurde von der DDR-Regierung wegen seiner Forderungen verhaftet und zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam jedoch vorzeitig frei und floh 1957 in die Bundesrepublik Deutschland. 1983 starb er in Bremen.
An Reckstat erinnert in Nordhausen seit dem 13. Oktober 1998 die Brücke zwischen der Barbarossastraße und der Halleschen Straße. Seither heißt sie Otto-Reckstat-Brücke, auch eine Gedenktafel erinnert an den Streikführer. Die Brücke verbindet jene beiden großen Werke, in denen die Streiks im Juni 1953 ihren Ausgang nahmen, berichtete Rinke, warum damals die Wahl auf die Brücke fiel.
Ob dies auch der Ort sein könnte, an dem künftig jedes Jahr an die Ereignisse des 17. Juni erinnert wird? Diese Frage steht im Raum. Wir suchen noch einen entsprechenden Platz in der Stadt, sagte Buchmann in seiner Rede. Denn bislang fehlt in Nordhausen ein sichtbarer Ort des Gedenkens an die Männer und Frauen, die sich im Juni 1953 gegen das SED-Regime stellten. Susanne Schedwill