Mo, 12:50 Uhr
06.10.2008
Knutschen mit dem AB
Im Oktober gibt es in der Dichterstätte in Limlingerode zwei Veranstaltungen. Die eine verspricht einen Schuß Erotik, die andere widmet sich einem neuen Buch von Sarah Kirsch...
Bevor am 25. 10. Witzig, spritzig und erotisch auf dem Programmzettel steht - so heißt auch die an diesem Nachmittag eröffnete Ausstellung des Künstlers Gerd Mackensen -, gibt es am Samstag, 11. 10. 08, ab 14.30 Uhr eine Lesung aus Sarah Kirschs soeben erschienenem Buch.
Im goldgelben Leineneinband mit frühlingsgrünem Buchrücken kommt ihre Prosaminiatur, das Sommerhütchen, vom Steidl Verlag Göttingen herausgegeben, daher. Da man weiß, dass der bekannte Künstler Dieter Goltzsche Bilder dazu schuf, erwartet man beim Aufschlagen eine Frontispiz-Seite – jedoch vergebens. Sarah Kirsch hatte sich Goltzsche als Illustrator gewünscht, denn er hat 1973 ihren Gedichtband, Zaubersprüche mit kongenialen Zeichnungen versehen, das Buch, das bis heute als eine der Maßstäbe setzenden Publikation jener Jahre gilt.
Sarah Kirsch verdichtet die täglich in ihrem Journal festgehaltenen Tage vom 16. April 2004, ihrem Geburtstag, bis zum 16. September auf dem Laptop zu Poesie, Dieter Goltzsche ergründet ihren Text mit seiner Feder und findet im Zeichnen die adäquate Sprache. Das Sommerhütchen, das im Titel so beschwingt daherkommt, ist ein Hohelied auf den Norden, die Landschaft, die die Autorin seit Mitte der 1980er Jahre zu ihrer dichterischen Heimat erkoren hat, auch, weil sie dort in Tee von Jahr zu Jahr intensiver das Hohelied der Einsiedelei singen kann.
Am Abend ihres im Eingangstext beschriebenen Geburtstages küsst sie ihren Anrufbeantworter, der es ihr ermöglicht, die auszuwählen, mit denen sie sprechen möchte. Es ist für sie fast unausstehlich, eine öffentliche Person zu sein. All die Postsendungen und die Telefonate, die da kommen mit den vielen Anfragen, die sie als dichtender Mensch nicht beantworten kann und will – wo bliebe denn ihr Schreiben, das doch Lebenselixier ist? Niemand ist ihr, abgesehen von wenigen Personen, in ihr jetzt der angenehmste Mensch. Mit Niemand versteh ich mich prachtvoll. Oh das herrliche simple Leben. Das Leben im Tal der Schmetterlinge.
Für Sarah Kirsch ist ihr Haus mit seinen Altersspuren, mit seinen Zimmern in alle Himmelsrichtungen ein feines Refugium. Von hier erlebt sie die Welt, und es dreht sich das schöne Mühlrad im Kopf.
Von weiter draußen kommen Bücher und die Fernsehprogramme, hochwach aufgenommen, oft bissig kommentiert. Aber das, was ihre Lebensqualität bestimmt, erfährt sie aus der Fluss-Deichlandschaft mit der Vogelschar, im naturnahen Garten, in den Wiesen, am Fluss. Die Blumen, denen sie begegnet, kennt sie, die winkenden Bäume sind vertraut, der Reiherbaum oft Ziel.
Die Tages- und Jahreszeiten geben ihrem Da-Sein den Rhythmus. Die Lyrikein offenbart sich in den Beschreibungen dessen, was da wächst, kreucht und fleucht . Sie liebt das Zeug das sich selbst erschafft. Und da sind die zwei Katzen, bekannt geworden durch den Band Regenkatze, eher erschienen, jedoch anschließend an das Sommerhütchen handelnd.
Viel Musik erklingt im Haus, der Laptop wird betätigt, denn es entsteht der Text der Kuckuckslichtnelken, der autobiographischen Erzählung über Kindheit und Jugend. Vor allem die Mutter ist präsent, auch der Vater, der ihr aber immer fremder war. Die Erinnerungen florieren.
Einmal fährt die Dichterin zu einer Lesung. Wolkengedichte sind gefragt, die ihr oft aus der Feder geflossen sind. Der Himmel mit seinem Wolkengetier, Sonne, Mond und Sterne sind vertraut – das Leben lang. Sie liest mit dem Dichter aus Salzburg, C. W. Aigner, der in der Zwischenzeit eher ein Italiener ist, in der Ausstellung Die Entdeckung des Himmels. Da nimmt die Kirsch sogar die Menschen in kauf.
Ein halbes Jahr in geraffter Form, so wiedergegeben, wie die Gedanken strömen. Ohne Absatz bei dem jeweiligen Tag. Sie bedient sich einer ihr eigentümlich gewordenen saloppen Kunstsprache, die in den letzten Büchern mehr und mehr Vorrang bekommt.
Beim Lesen begegnen uns in unregelmäßigen Abständen die Zeichnungen des Künstlers Dieter Goltzsche, der eingehend den Dichterinnentext gelesen und dabei auch sein eigenes Leben befragt hat. Man ist beinahe ein Jahrgang. Einprägsame schwarz-weiß Zeichnungen kamen auf das Papier. Da bekannt ist, dass der Künstler mehr als die gedruckten 21 Grafiken schuf, wünscht man sich eine Ausstellung mit ihnen.
Was für ein treffendes Goltzschebild einer kess-lässigen Katze! Sie zeigt sich auf dem Schoß der Dichterin. Denn diese ist es, die da versunken nahe der Standuhr sitzt, aus der Gräser und ein Blümlein sprießen. Der magische Katzenrücken im hohen Gras! Diese unnachahmlichen Krähen, Schwalben, der Reiher! Die Bäume mit kühnen Schwüngen oder kontemplativ! Die feinen stimmungsreichen Fenster-Blicke! Jedes Blatt ist vieler Blicke wert. Es ist bereichernd, dass diese Bildfindungen im Buche sind.
Heidelore Kneffel
Autor: nnzBevor am 25. 10. Witzig, spritzig und erotisch auf dem Programmzettel steht - so heißt auch die an diesem Nachmittag eröffnete Ausstellung des Künstlers Gerd Mackensen -, gibt es am Samstag, 11. 10. 08, ab 14.30 Uhr eine Lesung aus Sarah Kirschs soeben erschienenem Buch.
Im goldgelben Leineneinband mit frühlingsgrünem Buchrücken kommt ihre Prosaminiatur, das Sommerhütchen, vom Steidl Verlag Göttingen herausgegeben, daher. Da man weiß, dass der bekannte Künstler Dieter Goltzsche Bilder dazu schuf, erwartet man beim Aufschlagen eine Frontispiz-Seite – jedoch vergebens. Sarah Kirsch hatte sich Goltzsche als Illustrator gewünscht, denn er hat 1973 ihren Gedichtband, Zaubersprüche mit kongenialen Zeichnungen versehen, das Buch, das bis heute als eine der Maßstäbe setzenden Publikation jener Jahre gilt.
Sarah Kirsch verdichtet die täglich in ihrem Journal festgehaltenen Tage vom 16. April 2004, ihrem Geburtstag, bis zum 16. September auf dem Laptop zu Poesie, Dieter Goltzsche ergründet ihren Text mit seiner Feder und findet im Zeichnen die adäquate Sprache. Das Sommerhütchen, das im Titel so beschwingt daherkommt, ist ein Hohelied auf den Norden, die Landschaft, die die Autorin seit Mitte der 1980er Jahre zu ihrer dichterischen Heimat erkoren hat, auch, weil sie dort in Tee von Jahr zu Jahr intensiver das Hohelied der Einsiedelei singen kann.
Am Abend ihres im Eingangstext beschriebenen Geburtstages küsst sie ihren Anrufbeantworter, der es ihr ermöglicht, die auszuwählen, mit denen sie sprechen möchte. Es ist für sie fast unausstehlich, eine öffentliche Person zu sein. All die Postsendungen und die Telefonate, die da kommen mit den vielen Anfragen, die sie als dichtender Mensch nicht beantworten kann und will – wo bliebe denn ihr Schreiben, das doch Lebenselixier ist? Niemand ist ihr, abgesehen von wenigen Personen, in ihr jetzt der angenehmste Mensch. Mit Niemand versteh ich mich prachtvoll. Oh das herrliche simple Leben. Das Leben im Tal der Schmetterlinge.
Für Sarah Kirsch ist ihr Haus mit seinen Altersspuren, mit seinen Zimmern in alle Himmelsrichtungen ein feines Refugium. Von hier erlebt sie die Welt, und es dreht sich das schöne Mühlrad im Kopf.
Von weiter draußen kommen Bücher und die Fernsehprogramme, hochwach aufgenommen, oft bissig kommentiert. Aber das, was ihre Lebensqualität bestimmt, erfährt sie aus der Fluss-Deichlandschaft mit der Vogelschar, im naturnahen Garten, in den Wiesen, am Fluss. Die Blumen, denen sie begegnet, kennt sie, die winkenden Bäume sind vertraut, der Reiherbaum oft Ziel.
Die Tages- und Jahreszeiten geben ihrem Da-Sein den Rhythmus. Die Lyrikein offenbart sich in den Beschreibungen dessen, was da wächst, kreucht und fleucht . Sie liebt das Zeug das sich selbst erschafft. Und da sind die zwei Katzen, bekannt geworden durch den Band Regenkatze, eher erschienen, jedoch anschließend an das Sommerhütchen handelnd.
Viel Musik erklingt im Haus, der Laptop wird betätigt, denn es entsteht der Text der Kuckuckslichtnelken, der autobiographischen Erzählung über Kindheit und Jugend. Vor allem die Mutter ist präsent, auch der Vater, der ihr aber immer fremder war. Die Erinnerungen florieren.
Einmal fährt die Dichterin zu einer Lesung. Wolkengedichte sind gefragt, die ihr oft aus der Feder geflossen sind. Der Himmel mit seinem Wolkengetier, Sonne, Mond und Sterne sind vertraut – das Leben lang. Sie liest mit dem Dichter aus Salzburg, C. W. Aigner, der in der Zwischenzeit eher ein Italiener ist, in der Ausstellung Die Entdeckung des Himmels. Da nimmt die Kirsch sogar die Menschen in kauf.
Ein halbes Jahr in geraffter Form, so wiedergegeben, wie die Gedanken strömen. Ohne Absatz bei dem jeweiligen Tag. Sie bedient sich einer ihr eigentümlich gewordenen saloppen Kunstsprache, die in den letzten Büchern mehr und mehr Vorrang bekommt.
Beim Lesen begegnen uns in unregelmäßigen Abständen die Zeichnungen des Künstlers Dieter Goltzsche, der eingehend den Dichterinnentext gelesen und dabei auch sein eigenes Leben befragt hat. Man ist beinahe ein Jahrgang. Einprägsame schwarz-weiß Zeichnungen kamen auf das Papier. Da bekannt ist, dass der Künstler mehr als die gedruckten 21 Grafiken schuf, wünscht man sich eine Ausstellung mit ihnen.
Was für ein treffendes Goltzschebild einer kess-lässigen Katze! Sie zeigt sich auf dem Schoß der Dichterin. Denn diese ist es, die da versunken nahe der Standuhr sitzt, aus der Gräser und ein Blümlein sprießen. Der magische Katzenrücken im hohen Gras! Diese unnachahmlichen Krähen, Schwalben, der Reiher! Die Bäume mit kühnen Schwüngen oder kontemplativ! Die feinen stimmungsreichen Fenster-Blicke! Jedes Blatt ist vieler Blicke wert. Es ist bereichernd, dass diese Bildfindungen im Buche sind.
Heidelore Kneffel


