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Fr, 09:07 Uhr
14.03.2014

Ohles Ärwe loßt nich verdärwe

Eine Reihe alter Bräuche und Sitten, die man in vielen Hainleitedörfern früher pflegte, gehören heute schon der Vergangenheit an und gerieten in Vergessenheit. So zum Beispiel „Bälle rus, Bälle rus!“ und „Von Osterfeuern, Knospentreiben und Osterwasser“. Wo hingegen die alte Tradition des Brauchtums des „Kugelschlagens“ und des „Stockreitens“ sich erhalten hat und auch hier in den Dörfern gepflegt wird...


Horst Rasemann hat in alten Kirchenbüchern und vergilbten Blättern recherchiert und möchte das Entdeckte über alte Bräuche Dir, lieber geneigter Leser, nicht vorenthalten.

„Bälle rus, Bälle rus!“

Zu einem dominierenden Brauch, der in vielen Dörfern der Hainleite untereinander gepflegt wurde, zählt das Bällewerfen und das Ballschlagen.

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In der Hainröder Kirchenchronik können wir darüber lesen, dass es hier am Palmarum (Sonntag vor Ostern) recht lebhaft zuging. Jeder im Laufe des Jahres verheiratete junge Ehemann hatte an diesem Tag seinen Tribut zu entrichten. In frühester Morgenstunde kamen die Kinder des Ortes vor das Haus des Jungverheirateten und riefen: „Bälle rus, Bälle rus, junge Frau widd den rus!“ Der junge Ehemann hatte sich schon darauf eingerichtet und warf seine Bälle (in bunten Stoff genähte kleine Gummibälle, Tennisbälle usw.) in verschiedene Richtungen auf die Dorfstraße.

In großer Hast und mit den notwendigen Balgereien wurden die Bälle aufgefangen oder aufgehoben. Jedes Kind war dabei bestrebt, die meisten und schönsten zu erhaschen. Danach ging es weiter unter Jubel vor die Tür des nächsten Ballwerfers mit dem selben Spruch: „Bälle rus---!“

Nachmittags versammelten sich die jungen Burschen zum Ballschlagen. Dazu erhielten sie von jedem Jungverheirateten einen großen Ball. Das Spiel begann, wenn der Geber eintraf. Dabei galt es, ihn, wenn er den Ball geschlagen hatte und nach dem Freimal lief, mit dem Ball abzuwerfen. Erreichte er das Freimal, ohne getroffen zu werden, so war der Jungvermählte frei, und ein anderer trat an seine Stelle. Am Ende des Tages wurden die Bälle in der Gastwirtschaft versteigert. Der Erlös diente zur Bezahlung der Getränke. Es ist schade, dass diese Sitte nach dem zweiten Weltkrieg einschlief und bis heute noch nicht belebt wurde.

„Das Kugelschlagen“

Ein seit vielen Generationen gepflegter Volksbrauch zum Frühlingsbeginn ist das Kohlen - bzw. Kugelschlagen in einigen Orten der Hainleite. Es beginnt für die schulentlassenen Jungen am Palmarum durch Aufnahme in den Burschenverein mit symbolischen Rutenschlägen, dem sogenannten „Bengeln“.
In Wernrode führt der Förderverein, der das Feuerwehrwesen Wernrode unterstützt, diese alte Tradition bereits zum 30 Mal weiter.

Bälleschlagen (Foto: Archiv Rasemann) Bälleschlagen (Foto: Archiv Rasemann)

Am Karfreitag treffen sich am Ortsausgang von Hainrode und in Wernrode am Dorfgemeinschaftshaus (siehe Foto), die Männer und Burschen getrennt zum Kugelschlagen. Alle Teilnehmer werden vom Männerschulzen begrüßt, zur Vorsicht beim Schlagen der Kugel gemahnt und an die Einhaltung der Regeln erinnert. Aus der Menge werden nun zwei ältere, erfahrene Männer bestimmt, die als Parteiführer fungieren und ihre Mannschaften durch abwechselndes Wählen bestimmen. Die Mannschaften beginnen nach der Einteilung in „Rechte“ und „Linke“ oder „Rote“ und „Blaue“ und nach der Auslosung, welche Mannschaft den ersten Schlag hat, mit dem Spiel.

Bälleschlagen (Foto: Archiv Rasemann) Bälleschlagen (Foto: Archiv Rasemann)

Die Spielgeräte jeder Mannschaft sind eine Holzkugel von der Größe eines Kinderballes, ein Pfahl von der Länge und Stärke eines Gehstockes und ein Schlägel (Holzhammer). Der Standstock (Pfahl) wird nun vom ersten Schläger der ersten Partei in die Erde gesteckt, die Kugel darauf gelegt und mit der kurzen Schmalseite des Schlägels weit nach vorn geschlagen.(siehe Foto) Alsdann tritt der erste Schläger der zweiten Partei an, befestigt seinen Standstock genau an der gleichen Stelle und verfährt wie sein Vorgänger.

Dort, wo die Kugel niederfällt und zur Ruhe kommt, wird der Standstock erneut eingesteckt und der nächste Teilnehmer ist an der Reihe. So geht es weiter, bis jeder Teilnehmer seinen Schlag getan hat. Mit dem letzten Schlag ist ein Spiel oder „Leich“ zu Ende. Das Ergebnis wird vom Kassierer aufgeschrieben. Es gewinnt die Mannschaft, die am weitesten vorangekommen ist. Der Verlierer bekommt einen „Schmitz“(Minuspunkt) aufgeschrieben. Dann beginnt ein neues Spiel an der gleichen Stelle, an der das erste Spiel zu Ende ging.

Die Spielstrecke geht über 3 bis 4 km. Nach Spielschluss stellen sich die Teilnehmer in einem großen Kreis auf, in dem der Kassierer das Ergebnis verkündet. Es gewinnt die Mannschaft mit den wenigsten Minuspunkten. Der Sieg wird später in der Gastwirtschaft gemeinsam begossen oder der Gastwirt findet sich am Zielpunkt des Kugelschlagens mit einem Fass Bier, Spirituosen und belegten Brötchen ein. Im Laufe des Umtrunkes werden kleine Ansprachen gehalten, Witze und Lieder dargeboten. Ein in jedem Jahr gesungenes und besonders im 19. Jahrhundert beliebtes Studentenlied ist „O, alte Burschenherrlichkeit“ von Eugen Höfling.

„Das Stockreiten“

In Wernrode und Hainrode findet auch das „Stockreiten“ oder „Knäppelreiten“ statt. Zu diesem Anlass werden alle Jungverheirateten bzw. zugezogenen Männer des Dorfes in die Männerwelt der Dorfgemeinschaft aufgenommen. Dies geschieht folgendermaßen: Dem Betreffenden wird zur Freude der Anwesenden ein Stock, möglichst ein Buchenknäppel (Buchenknüppel) durch die Beine geschoben und einige Männer heben ihn auf die Schultern. Nun wird kräftig gewippt. Von diesem doch recht unbequemen Sitzplatz kann sich der Betroffene durch einen Geldbetrag loskaufen. Dieses Geld wird gemeinsam vertrunken und der Mann ist in die Dorfgemeinschaft aufgenommen.

Osterfeuern, Knospentreiben und Osterwasser

Viele alte Osterbräuche haben sich in unseren Hainleitegemeinden bis auf den heutigen Tag erhalten, wobei festgestellt werden muss, dass das Wissen über den ursprünglichen Sinn vieler Handlungen in Vergessenheit geraten ist. Ostern war das Fest, mit dem der Frühling begrüßt wurde. Der Winter war vorbei, und langsam erwachte die Natur zu neuem Leben.

Osterfeuer (Foto: Archiv Rasemann) Osterfeuer (Foto: Archiv Rasemann)

Die Kirchenchronik von Hainrode berichtet von den Osterbräuchen folgendes: In früheren Zeiten wurde kurz vor Ostern die Jugend lebendig. Mit einem Handwagen fuhren sie durch das Dorf und riefen „Eine Welen, eine Welen, eine Osterwelen!“ Dazu wurden Lieder gesungen. Die Bewohner wurden auf diese Weise ihren Obstbaumschnitt los. Später wurde diese Sitte aber eingestellt. Die meisten Dorfbewohner brachten dann das Holz selbst auf den Osterfeuerplatz.

Das Feuer wurde am Abend des ersten Ostertages angezündet. Es wird allgemein angenommen, dass zu Ehren der heidnischen Göttin Ostera, der Göttin des Wachstums und der Fruchtbarkeit, das Osterfest entstanden ist, bzw. seinen Namen erhalten hat. Natürlich gehörte es auch dazu beim Schein des Feuers bunte Ostereier zu essen oder auch auszutauschen, wobei die roten Eier als die wertvolleren galten. Rot war die Farbe des Blutes und damit des Lebens.


Auch heute noch wird mit Unterstützung des Fördervereins des Feuerwehrwesens Wernrode die Tradition des Osterfeuers aufrechterhalten. (siehe Foto) und in Kleinfurra von den Kirmesburschen sowie auch in Rüxleben von Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Mit der entsprechenden Technik (Traktor mit Anhänger oder LKW) werden von ihnen Baumschnitte zusammengefahren und vor dem Abbrennen in der Osternacht aufgeschichtet.

Die Eheleute, welche im vergangenen Jahr geheiratet hatten, wurden zu Palmarum oder am 3. Ostertag „in die Knospen getrieben“, das heißt, sie mussten etwas zum Besten geben. Mitunter war es ein Tuch, gewöhnlich aber Bier oder Branntwein, was in der Schenke vertrunken wurde.

Am stillen Freitag (Karfreitag) suchten die Knaben die alten Reisigbesen zusammen. Diese spielten dann bei den Osterfeuern eine Hauptrolle. Waren die Feuerhaufen fast abgebrannt, so wurden die Besen noch schnell daran entzündet und radförmig um den Kopf geschwungen oder auch ab und zu in die Höhe geworfen, bis beim heimwärtswandern das Dorf erreicht war. Es war ein einprägsamer, fulminanter Anblick, die im Gänsemarsch bergab eilenden Knaben mit den Feuerbränden in der Dunkelheit zu betrachten, und dazu erblickte man ringsum von den Bergen, Hügeln und Hängen der Hainleite- und Wippertaldörfer die lodernden Osterfeuer.

In Kleinfurra übte man früher die Sitte, das sogenannte Osterwasser in der Osternacht oder am Ostersonntag in aller Frühe vor dem Sonnenaufgang aus einer Quelle, den Goldbörnchen, vor dem Sargberg (einen markanten Berg der Hainleite) zu schöpfen. Die jungen Mädchen erhofften sich von diesem als Lebenselexier bezeichneten Wasser Schutz vor Krankheiten sowie Schönheit und ferner Glück in der Liebe. Allerdings durfte während des Wasserholens kein Wort gesprochen werden, sonst gingen die heimlichen Wünsche nicht in Erfüllung. Das war jedoch gar nicht so einfach, da die jungen Burschen, die den Mädchen auflauerten, alles versuchten, das Schweigen des weiblichen Geschlechts zu brechen.
Horst Rasemann
Autor: red

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