Mo, 08:07 Uhr
06.09.2004
Mit Abstand betrachtet
Mit Abstand betrachtet (Foto: nnz)
Nordhausen (nnz). Abschied genommen vom Nordhäuser Publikum haben Marion Probst als Hexe und Peter Schwarz als Roland im Juni 2004. Aber ein Auftritt steht beiden mit der Rolandgruppe noch bevor. Mit Marion Probst und Peter Schwarz sprach nnz-Mitarbeiter Rainer Hellberg.nnz: Peter, nach 25 Jahren Rolandgruppe habt ihr euch für immer verabschiedet. Aber es steht noch ein Auftritt an. Was genau wird das sein?
Peter Schwarz: Zunächst muss man sagen, dass die eigentliche Verabschiedung anlässlich des Rolandfestes 2004 auf dem Rathausplatz gewesen ist. Allerdings werden wir in der alten Zusammensetzung in der Rolandgruppe noch mal auftreten. Das wird zum Abschluss der Landesgartenschau sein. Und ich hoffe, dass die Beendigung der Landesgartenschau nicht wieder zum Fiasko wird wie die Eröffnung, als wir vor leeren Rängen sprechen mussten, als man schlichtweg vorher vergessen hatte, uns anzukündigen und demzufolge alle Gäste schon in die einzelnen Gruppen aufgeteilt waren und die Blütenpracht auf der Landesgartenschau besichtigten.
nnz: Marion, ein viertel Jahrhundert hat die Rolandgruppe in der gleichen Besetzung Nordhausen bei kulturellen Anlässen vertreten. Könnt ihr euch noch erinnern, wo ihr überall mitgewirkt habt?
Marion Probst: Es hat viele Anlässe gegeben, die wir miterleben und mitgestalten durften. Das war einmal die 1075 Jahrfeier, dann 1990 das erste Nordhäuser Treffen nach der Wende in Bad Sachsa, wo wir mit den alten Nordhäusern, die sich dort über Jahre hinweg getroffen haben, zusammengekommen sind. Das hat sehr viel Tränen gegeben, damals nach der Wende, und ich fand es wunderschön das wir auch von diesen Leuten sofort akzeptiert worden sind.
Des Weiteren waren wir ab 1991 regelmäßig in Bochum zum größten Stadtfest der Region, zwar nur immer als inoffizielle Vertreter der Stadt, wurden aber stets vom Oberbürgermeister als Sendboten der Stadt Nordhausen herzlich begrüßt. Wir wurden von einen in Gellenhausen bei Frankfurt wohnenden Nordhäuser eingeladen. Auch dort sind wir mit offenen Armen empfangen worden und begrüßte uns als Botschafter unserer Stadt. Wir hatten in Gellenhausen mehrere Auftritte und haben Nordhausen würdig präsentiert.
Wir waren auch beim Altstadtfest und zur Eröffnung des Neuen Traktes des Krankenhauses, waren in Erfurt beim Pressefest und zum Thüringentag. Das Großveranstaltungen gewesen, bei denen wir dafür gesorgt haben, dass die Stadt Nordhausen neben dem Doppelkorn und den damaligen Spitzenprodukten wie Tabakwaren und Maschinenbau bei vielen Menschen außerhalb der Region bekannt geworden ist.
nnz: Peter, ihr genießt große Popularität und steht im Blickfeld der Nordhäuser Öffentlichkeit. Wie geht ihr damit um?
Peter Schwarz: Diese Popularität hat sich im Laufe der Jahre herausgestellt. Die Rolandgruppe war eigentlich schon von Beginn an populär, aber am Gesamtimage haben wir in den letzten 15 bis 20 Jahren intensiv gearbeitet. Es macht einfach Spaß, wenn man sieht, dass die eigene Arbeit auf fruchtbaren Boden fällt und dass die Nordhäuser und ihre Gäste das annehmen. Wir sind aber immer wieder auf dem Teppich geblieben. Wir haben diese Rollen gern verkörpert. Man sprach und spricht uns auf der Straße an, diese Popularität tut natürlich auch gut.
nnz: Peter, wie hat es bei euch beiden eigentlich angefangen, damals vor 25 Jahren?
Peter Schwarz: Angefangen hat es damit, dass die Familie Nikolai im Jahre 1978 das letzte Mal Hexe und Roland gespielt haben, dass man 1979 plötzlich im Zugzwang war und einen neuen Roland sowie eine neue Hexe brauchte. Als ich den Anruf aus dem Rathaus erhielt und man mir offerierte, dass ich den Roland verkörpern sollte, war ich eigentlich sehr skeptisch. Aber da ich schon mal Kabarett gespielt hatte, habe ich zugesagt. Als ich dann erstmals 1979 auf dem Gehegeplatz vor ca.10.000 Menschen stand, bekam ich doch butterweiche Knie. Eine Hexe ließ sich so schnell nicht finden. Da musste zu einer Lösung gefunden werden, indem sich Ursula Liebram in die Rolle der Hexe schlüpfte.
Aber leider sprach sie kein Wort Nordhäuser Platt. So kam die Idee von Wolfgang Rödiger, dem damaligen Chefmaskenbildner vom Theater: wir stellen Frau Liebram als Importhexe den Nordhäusern vor. Obwohl sich Frau Liebram sehr, sehr große Mühe gegeben hat, wollten die Nordhäuser die Importhexe nicht annehmen. Sie wollten einfach ihre alte Hexe wieder haben. Und daraus resultierte dann, dass Frau Nikolai ihre Tochter Marion solange bekniete, bis sie zusagte. So sie ist als sehr junges Mädchen damals in die Rolandgruppe gekommen und war für das Rolandfest 1980 einsatzbereit.
nnz: Peter, welche Ereignisse haben bei euch besonders nachhaltige Erinnerungen hinterlassen?
Peter Schwarz: Ein unvergessliches Ereignis war das erstes Kind der Brockenhexe, welches gerade kurz vorm Rolandfest geboren wurde. Es hat ständig die Rolandgruppe begleitet und wurde zwischen den Auftritten von Marion gestillt. Das war also schon eine tolle Sache, die ihre Mutti in Superform half. Die Oma schob unterdessen den Kinderwagen von Auftritt zu Auftritt.
Das nachhaltigste Ereignis allerdings war, als der alte Roland seinen angestammten Platz am Rathaus verließ und das Duplikat auf den Sockel gestellt wurde. Ich sollte da noch einige Worte reden vor den Tausenden Nordhäusern. Da habe ich genauso geheult wie viele andere auch und brachte kaum einen richtigen Satz hervor. Wenn ich an diese Situation denke, läuft es mir heute noch eiskalt den Rücken runter.
nnz: Marion, gab es Pleiten, Pech und Pannen?
Marion Probst: Pleiten an sich sind so erwähnenswert nicht, weil bei allen Künstler irgendwann mal etwas schief geht. Aber großes Pech hatte ich, als ich vom Pferd auf den kleinen Zeh getreten wurde und den ganzen Tag mit diesen Fuß herum gelaufen bin. Erst am Abend habe ich dann gemerkt, dass der ganze Schuh voll Blut war. Der kleine Zeh war zweimal gebrochen.
Pech hatten wir im Juni 1980 als wir im Gehege auftreten sollten, aber der verheerende Sturm das Gehege verwüstete, dass es keine Möglichkeit gab, dort unseren Auftritt durchzuführen. Die Verantwortlichen waren der Ansicht, dass die Aufräumarbeiten erst einmal wichtiger waren als das Rolandsfest. Das war damals eine richtig Entscheidung, auch wenn wir und viele Nordhäuser erst einmal schwer enttäuscht waren..
nnz: Peter, gibt es Momente, wo ihr euren Abschied bereut?
Peter Schwarz: Ich will mal sagen jein. Auf der einen Seite tut es sehr weh, adieu zu sagen, auf der anderen Seite muss man an die Gesundheit denken. Es ist immer noch ein Wechselbad der Gefühle, würde ich sagen.
nnz: Marion, was würdet ihr den beiden neuen, Roland und Hexe, mit auf den Weg geben?
Marion Probst: Roland und Hexe sollten immer davon ausgehen, dass es sich hier um eine Gruppe handelt, die gelöst voneinander nicht arbeiten kann. Man sollte immer darauf achten, dass man nie versucht, sich in den Vordergrund zu stellen. Beide sollte immer daran denken, dass das Gelingen der Gruppe stets von allen abhängt. Praktisch einer für alle – alle für einen.
nnz: Peter, habt ihr schon darüber nachgedacht, eure Erinnerungen und Erlebnisse zu Papier zu bringen?
Peter Schwarz: Im Moment denken wir noch nicht daran, wir müssen alles erst einmal alles verdauen und verkraften. Wenn wir uns entschließen, alles aufzuschreiben, können wir auf umfangreiches Material zurückgreifen, dass wir gesammelt und archiviert haben.
nnz: Marion, was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen?
Marion Probst: Für die Zukunft haben wir uns auf jeden Fall vorgenommen weiterhin Mitglieder der Rolandgruppe zu bleiben, allerdings in der zweiten Reihe. Wir wollen uns mehr auf die organisatorische Strecke begeben, also weiterhin alles das was mit der Gruppe zusammenhängt koordinieren. Wir möchten aber auch den Neuen entsprechende Hinweise geben, wie sie ihre Rollen am günstigsten gestalten können, also Hilfestellung für die Hexe und für den Roland, einfach zum Wohle für unser schönen Nordhausen. Allen nochmals ein herzliches Dankeschön.



