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So, 10:00 Uhr
04.04.2021
Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr zum Ostersonntag

„Ein Osterjubel, in dem Angst noch dauert, eine Osterfreude, wo Trauer noch weint“

"Üblicherweise beginnen wir unsere Gottesdienste mit dem Eröffnungslied während des Einzugs des Zelebranten und der Ministration. An Ostern wird gerne und kräftig ein schönes Osterlied gesungen. In unserem heutigen Osterhochamt haben wir aus der Not der Infektionsschutzmaßnahmen eine Tugend gemacht:

Wir haben den für die lateinische Liturgie heute vorgesehenen gregorianischen Gesang gehört. Spätestens um 600 habe alle lateinischen Liturgien eine solchen Eröffnungsgesang, der Introitus heißt. Zwei Drittel der Texte sind dem Psalter entnommen, auch der heutige: „Ressurexi et adhuc tecum sum.“ Das heißt auf Deutsch: „Ich bin erstanden und bin immer bei dir.“ Dieser Vers hebt ins Wort, was eigentlich für uns Menschen nicht fassbar ist: Die Begegnung des Auferstandenen mit dem himmlischen Vater. In seinem Erdenleben ist Jesus immer in lebendigem Kontakt mit seinem Vater im Himmel geblieben, nach seiner Kreuzigung und Auferstehung kehrt er mit verklärtem Leib ins göttliche Leben zurück. Dies zu besingen, bringt die Möglichkeit der Kunst an ihre Grenzen, nicht aber diesen Introitus.

Die Liturgie greift zurück auf den Psalm 139, in dem die Geborgenheit des Beters bei Gott besungen wird. Der Beter vergewissert sich, dass er nie aus dieser Geborgenheit herausfällt, auch wenn das eigentlich unbegreiflich ist: „Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen? Wenn ich hinaufstiege zum Himmel - dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt - siehe, da bist du. Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen. Würde ich sagen: Finsternis soll mich verschlingen und das Licht um mich soll Nacht sein! Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“ (Psalm 139,5-12) Auch in der Finsternis ist Gott präsent. Ich denke beim Beten dieses Psalms, an die Menschen, die ich kannte und die sich selbst das Leben genommen haben. Die Liturgie des Ostersonntags denkt an Jesus Christus, der nach seiner Kreuzigung im Reich des Todes war. Die Erfahrung des Karfreitags und des Karsamstags nimmt Jesus mit zum himmlischen Vater. Im weiteren Verlauf des Psalms findet sich der Vers, mit dem der Introitus beginnt, allerdings nimmt die Liturgie an der lateinischen Bibelübersetzung eine kleine Änderung vor: Im Psalm heißt es „Exsurrexi et adhuc tecum sum.“ auf Deutsch „Ich erwache und bin immer bei dir.“ Im Introitusvers heißt es „Resurrexi et adhuc tecum sum.“ auf Deutsch „Ich bin erstanden und bin immer bei dir.“ Und dann fügen sich wunderbar die beiden Verse ein, die ich bereits zitiert habe: „Posuisti super me manum tuam.“ auf Deutsch „Du hast deine Hand auf mich gelegt.“ Und „Mirabilis facta est scientia tua.“ auf Deutsch „Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen.“ Der Text fühlt sich ein in das staunende Erwachen Jesu Christi in der Osternacht. Er entkommt den Fesseln des Todes in die Arme des himmlischen Vaters. Das unerträgliche Leid des Karfreitags, die Ängste der Unterwelt zittern noch im Herrn als er spürbar umfangen wird von der Liebe des Vaters und sieht, dass ihn diese Liebe nie verlassen hat.

All dies wird von der Melodie des Introitus wunderbar in Musik gefasst. Der Ostersonntag beginnt nicht mit Jubel und Triumph, mit Pauken und Trompeten wie später bei der Sequenz vor dem Evangelium „Victimae paschali laudes“. Der Ostersonntag beginnt verhalten, zögernd, staunend. Wie heißt es im heutigen Evangelium? „Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab.“ (Joh 20,1) Das ist die Stimmung des gregorianischen Chorals des Introitus. Es war noch finster. Es war noch Todesangst und Trauer, es war noch der Eindruck der Gottverlassenheit. Aber für Jesus Christus verdrängt die Ostersonne die Finsternis des Todes und für Maria Magdalena mischen sich die Tränen der Trauer mit Tränen der Freude. In diese Situation fühlen sich Text und Melodie des Introitus hinein und helfen uns heute, in einer weltweiten Pandemie Ostern zu feiern. In diesem Jahr wird es uns nicht gelingen, mit dem Osterjubel alles Leid zuzudecken und wegzusingen. Es ist ein Osterjubel, in dem Angst noch dauert, eine Osterfreude, wo Trauer noch weint. Und doch ist es ein Ostern, das uns zaghaft staunend in die Auferstehungserfahrung Jesu Christi hineinführt, in die Erfahrung, dass es doch keine Gottverlassenheit gibt, sondern die Erfahrung: „Ich bin erstanden und bin immer bei dir. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen.“ Papst Benedikt XVI. hat in seiner Osterpredigt im Jahr 2008 gesagt: „Treten wir so in das Innerste des Ostergeheimnisses ein. Das erstaunliche Ereignis der Auferstehung Jesu ist im Wesentlichen ein Ereignis der Liebe: Liebe des Vaters, der den Sohn zum Heil der Welt hingibt; Liebe des Sohnes, der sich dem Willen des Vaters für uns alle überlässt; Liebe des Geistes, der Jesus in seinem verklärten Leib von den Toten erweckt. Und weiter: Liebe des Vaters, der den Sohn wieder umarmt, indem er ihn in seine Herrlichkeit hüllt; Liebe des Sohnes, der in der Kraft des Geistes mit unserer verklärten Menschengestalt zum Vater zurückkehrt. Vom heutigen Festtag, der uns die unbedingte und einzigartige Erfahrung der Auferstehung Jesu neu erleben lässt, ergeht also an uns ein Aufruf, dass wir uns zu der Liebe bekehren; eine Einladung, den Hass und den Egoismus von uns zu weisen und gelehrig der Spur des Lammes, das zu unserem Heil geopfert wurde, zu folgen.“
Bischof Ulrich Neymeyr
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