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Sa, 10:37 Uhr
27.11.2021
Suchtmediziner zur Cannabis-Legalisierung:

"Ein Nullsummenspiel?"

Welche Folgen hätte die Freigabe von Cannabis? "Für jedes gelöste Problem würde wahrscheinlich ein neues entstehen", meint Professor Dr. Reinhart Schüppel, der Chefarzt von Bayerns größter Suchtklinik...

Es ist eine Frage, die in Deutschland heftig diskutiert wird. In den aktuellen Koalitionsverhandlungen scheint es eine Antwort zu geben: Soll der Erwerb und Besitz bestimmter Mengen von Cannabis in Deutschland legalisiert werden? In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap sprachen sich zuletzt, die aktuellsten verfügbaren Daten stammen aus dem Jahr 2018, 46 Prozent für eine legale, regulierte Cannabis-Abgabe aus, 52 Prozent waren dagegen. Der Suchtmediziner Professor Dr. Reinhart Schüppel ist überzeugt: "Die Legalisierung von Cannabis wird kommen und zwar aufgrund von gesellschaftspolitischen Veränderungen." Er hält die Freigabe aber für ein "Nullsummenspiel". Für jedes gelöste Problem werde wahrscheinlich ein neues entstehen, vermutet er.

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Pro Jahr konsumieren sicher drei, wahrscheinlich eher fünf Millionen Menschen in Deutschland Cannabis und kommen dabei auf einen Verbrauch von etwa 250 Tonnen. "Der Cannabiskonsum hat längst breite Schichten der Bevölkerung erreicht", weiß der Chefarzt der Johannesbad Fachklinik in Furth im Wald, der größten stationären Einrichtung zur Behandlung von Suchterkrankungen in Bayern. "Keine Gesellschaft akzeptiert auf Dauer ein als illegal eingestuftes Verhalten von großen und wichtigen Gruppen", betont er. Wenn sich also der Konsum nicht reduzieren lasse, erfolge eine Anpassung in Richtung "legal" - also eher nach politischen als nach medizinischen Gesichtspunkten.

Cannabis macht doppelt so häufig abhängig wie Alkohol
Immer wieder, so Professor Schüppel, werde auf die relative Harmlosigkeit von Cannabis als "weicher" Droge verwiesen, im Vergleich zu "harten" Drogen wie Kokain oder Heroin. Auch im Vergleich zu gesellschaftlich breit akzeptierten Produkten wie Alkohol oder Tabak werde auf weniger schwere Folgeerkrankungen Bezug genommen. Professor Schüppel gibt aber zu bedenken: Unter Berücksichtigung aller möglichen Schäden für Nutzer und das Umfeld belegt Cannabis unter den suchterzeugenden Substanzen Platz 8 und macht doppelt so häufig abhängig wie Alkohol.

Keine Entlastung des Staats zu erwarten
Einen breiten Raum nimmt bei der Debatte um die Legalisierung die "Entkriminalisierung" ein. "Die Legalisierung von Cannabis wird dazu führen, dass Erwachsene ‚in Ruhe‘ ihrem Konsum nachgehen können, ohne deswegen juristische Konsequenzen fürchten zu müssen", so Professor Schüppel. Er rechnet dadurch bei Erwachsenen mit einer "mäßigen, aber sicher nicht dramatischen Steigerung der Fallzahlen und der Menge des Konsums".

Eine Entlastung des Staates erwartet der Suchtmediziner hingegen nicht: "Zwar wird die Polizei entsprechende Drogendelikte nicht mehr verfolgen müssen, aber anders als bei Tabak und Alkohol werden Behörden engmaschige Kontrollen bei den Produzenten durchführen müssen", sagt der Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Hinzu kommen nach seinen Worten Lizenzvergabe, Qualitätskontrollen, Vertrieb und Verkauf von Cannabis als Gebiete, die staatliche Regulierung und Kontrolle brauchen.

Auch der Schwarzmarkt bleibt
Erfahrungen aus anderen Ländern - Kanada, einige amerikanische Bundesstaaten oder Uruguay - hätten nach Worten Professor Schüppels auch gezeigt: "Der Schwarzmarkt verschwindet danach nicht einfach, dazu ist er zu lukrativ." Über den weiterbestehenden illegalen Markt würden dann beispielsweise Bevölkerungsgruppen wie Jugendliche versorgt, die zum legalen keinen Zugang haben. "Und vom Schwarzmarkt werden mit Sicherheit, Cannabis-Innovationen´ angeboten werden, die es im offiziellen deutschen Cannabis-Shop niemals zu kaufen gibt, etwa Cannabis mit sehr hohem Gehalt an Tetra-Hydro-Cannabinol (THC) oder die Kombination mit synthetischen Cannabinoiden", fürchtet der Suchtexperte.

Das Beispiel der Niederlande habe darüber hinaus gezeigt: Cannabis ist zwar nicht die befürchtete Einstiegsdroge in harte Substanzen. Aber das Beliefern der Coffeeshops mit Rohware beflügelte den Handel beispielsweise mit Kokain enorm - mit einer massiven Zunahme bislang unbekannter Bandenkriminalität als Folge.

Diskussion über Konsum im Straßenverkehr
Professor Schüppel vermisst in der aktuellen Diskussion um die Legalisierung vor allem eines: "Cannabis ist eine auf Gehirnfunktionen wirkende Substanz." Der künftig womöglich legale Umgang damit ändere nichts an der Pharmakologie dieses komplexen Substanzgemisches. "Das ist bei der Teilnahme am Straßenverkehr genauso zu beachten, wie bei der Bedienung von Maschinen oder bei Verantwortung für andere Menschen", betont der Mediziner. Die Gesellschaft müsse dann auch eine Debatte darüber führen, was - ähnlich zum "Promillewert" beim Alkohol - die angemessene Grenze beim Cannabiskonsum sein sollte. Aktuell liegt diese bei einem Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum und eine Anhebung wurde bereits gefordert.

Legalisierung: "Fatale Botschaft" für Jugendliche
Sorgen bereiten dem Suchtmediziner besonders die Jugendlichen: "Jede Form der Legalisierung von Cannabis zielt auf Erwachsene ab. Die Hauptgruppe der Konsumenten sind aber die 12- bis 17-Jährigen", weiß er. In diesem Alter kommen nach seinen Worten die Entwicklung von Psychosen oder Verzögerungen in der Gehirnentwicklung am häufigsten vor.

Schon die Einführung von Cannabis als Medikament im Jahr 2017 habe bei der Pflanze zu einem deutlichen Imagewandel geführt. "Wenn sie nun auch noch legal ist, dann muss sie ja offensichtlich harmlos sein, so die wohl zu Recht anzunehmende Denkweise in dieser Altersgruppe", meint Professor Schüppel. Das hielte er für eine fatale Botschaft. "Ob, wie von manchen Experten vorgeschlagen, eine Anhebung des Mindestalters für legalen Erwerb und Besitz von Volljährigkeit auf 21 Jahre dieses Problem lösen würde, bleibt fraglich", so der Experte. Denn es werde immer einen älteren Bruder oder eine Bekannte mit Mindestalter geben, der oder die dann "etwas besorgen" könne.

Begleitforschung ist der richtige Weg
"Die Legalisierung von Cannabis kommt ziemlich sicher", so die knappe Einschätzung des Suchtexperten. Es wird darauf ankommen, nicht nur die juristischen und organisatorischen Fragen zu klären, sondern eine umfassende und für alle Fragen offene Begleitforschung zu etablieren: "Nur dann wissen wir, welche Probleme tatsächlich gelöst wurden und welche hinzugekommen sein mögen."
Autor: red

Kommentare
N. Baxter
27.11.2021, 12.14 Uhr
Solidarität
ich hoffe die Abhängigen zahlen dann Behandlungen und ggf. eingetretenen Schaden auch selbst.
Paulinchen
27.11.2021, 12.55 Uhr
Am Ende...
... macht wie immer, die Dosis das Gift. Man wird schon lange vorher geplant haben, womit man am Ende das meiste Geld verdienen kann. Denn auch bei den angeblichen minimalen Dosen, gibt garantiert "Experten", die das angeblich saubere Cannabis mit fragwürdigen Substanzen strecken und die Kunden ins Verderben ziehen. Es fängt klein und harmlos an und hört beim totalen Zusammenbruch oder mit der Kriminalität zur Beschaffung auf.
Wenn das ein Ziel der Ampel ist, frage ich mich, was verzehren die eigentlich selbst im stillen Kaemmerchen?
Rob2000
27.11.2021, 15.39 Uhr
Und für
sämtliche Folgeschäden (verursachte Unfälle etc ) ...bezahlt die Allgemeinheit! Aha da wird sich dann nicht aufgeteilt.
Daumen hoch es werden knackige 4 Jahre für uns werden!
jayjay
27.11.2021, 20.01 Uhr
Cannabis
In Nordhausen und auch sonst überall fahren genug bekiffte Autofahrer durch die Gegend. Was soll es denn nach der Freigabe werden? Muß man dann als cleaner Autofahrer um sein Leben bangen? Ich vermute mal , dass die Politiker, die zustimmen werden, das Zeugs selber brauchen.
thueri
27.11.2021, 21.20 Uhr
Gedanken an eine grüne Zukunft...
Toll, daß die Grünlinge nun endlich das Leckerli freigeben können, das ihnen schon in Schulen und Universitäten dringend das beschränkte Bewußtsein erweitern mußte. Ich stelle mir die Tage vor, welche dem Stichtag folgen könnten: Alle rennen in die Apotheken, um auch einmal von dem sagenumwobenen Stoff probieren zu können. Erst einmal wird geknastert, was das Zeug hält, bis zum Abwinken. Am Tag danach wird schnell noch eine Tüte angezündet, weil es am Abend so schön war, zu träumen. Doch die Zeit drängt, man muß zur Arbeit. Also schnell ins Auto und los gehts... Bis zur nächsten Kreuzung, oder der übernächsten. Von allen Seiten, auch ihnen entgegen, kommen genauso Restbekiffte, denen es ebenso ergangen ist. Jeder für sich ist der Größte, ihm (oder ihr) kann keiner etwas anhaben, sie halten sich für unbesiegbar und göttergleich. Wenn es dann doch auf der Kreuzung gekracht hat, fahren sie eben auf dem Gehsteig weiter. Was kümmern sie die mickrigen Fußgänger. Lustig, wie sie zur Seite springen und sich überschlagen, juchuu. Alles ist ja noch neu und selbst die Polizei hat weder Richtlinien noch Handlungsvollmachten für diese ungewohnte Situation, da die Politiker wieder einmal unendlich viel Zeit zum Re(a)gieren brauchen, gleich so, als ob sie selbst schon immer unter verschiedenen Dröhnungen stehen würden.
Paul
27.11.2021, 21.40 Uhr
Cannabis kann
für medizienische Zwecke legalisiert werden. Für den allgemeinen Konsum, das ist zu Überlegen. Generell wäre es sicher besser die Drogenszene in Deutschland vielleicht mal so wie in den Niederlanden zu gestalten. Auf jeden Fall würde dem Verbrechertum um die Drogen herum entgegen gewirkt. Und die Beschaffungskriminalität wäre sicher kaum noch gegeben. Und wenn Drogen legal wären, verlieren sie auch den "Reiz" des Verbotenen.
Und die ganzen Drogenbanden ect. hätten dann auch Probleme, denn das große Geldmachen wäre passee !
Und das Fahren unter Drogen, würde dadurch auch nicht mehr, Alkohol ist schon immer beim Fahren ein Tabu gewesen, zumindest in der DDR und heute auch noch in manchen Staaten. außer Deutschland will ja nicht die 0 Promille durchsetzten. es wird immer welche geben die mit Alk o. Drogen fahren. Oder es werden richtig drastische Strafen durchgesetzt.
Lehrer Schnauz
27.11.2021, 23.10 Uhr
für medizinische Zwecke...
....gibt es das Zeug schon eine ganze weile auf Rezept in der Apotheke...

Sinn der Legalisierung ist die Entkriminalisierung. Ich find die Kifferei auch nicht toll, denke aber, dass es weit schlimmere Kriminelle gibt und unsere Polizei und Gerichte mit denen mehr als genug zu tun haben und einfach die Zeit besser verwenden könnten als sich um einen kleinen Kiffer mit ein paar Gramm Gras zu kümmern....
R. Reichhardt
27.11.2021, 23.27 Uhr
Mehr Alkohol für alle!
Ich höre immer den Vergleich zwischen "Cannabis" und "legalen Drogen" und auch da höre ich immer den Vergleich mit Alkohol. Wieso Alkohol? Wenn ich mich recht entsinne, wird Cannabis im Regelfall geraucht. Warum vergleichen wir es nicht ausdrücklich mit Zigaretten, E-Zigaretten oder unserem guten orientalischen Freund, der Wasserpfeife? Was ist da jetzt genau der Unterschied bez. der Legalität? Der Name? Die Pflanze? Muss man ernsthaft auch noch Produkte und Zutaten diskriminieren? So ziemlich alles davon ist schlecht für die Lunge und wer es nimmt, erwartet sich eine beruhigende Wirkung, die jeweils um ein bis zwei Faktoren voneinander abweicht. Was für ein Schaden an der Gesellschaft entsteht da, wenn es in dieser Produktpalette nun eine Droge mehr gibt?

Überhaupt lobe ich mir doch den guten alten Alkohol. Alkohol ist das viel maßvollere Gift und deswegen zu Recht legal. Und für Alkohol gibt es auch keinen Schwarzmarkt, oh nein. Denn jeder darf zuhause selbst in seiner Badewanne aus Wermut Schapps brennen. Das ist alles legal. Und wenn man sich mal unser gutes deutsches Bier ansieht, das ABInBev und Heinecken ausschließlich nach dem Reinheitsgebot brauen, dann kann man sich auch sicher sein, dass da nichts gepanscht ist. Das Bierrezept ist seit Jahrhunderten unverändert: Wasser, grüner Hopfenschleim oder Pellets, Plastik für die Haltbarkeit und ein bisschen Gerste.
Schließlich muss man noch sagen, dass Alkoholkonsumenten in der Gesellschaft auch kaum auffallen, außer vielleicht dieser eine betrunkene ICE-Fahrer, über den in dieser Zeitung sechs Artikel weiter oben berichtet wurde. Aber das hat ja niemand kommentiert, war also nicht so wichtig.

Für meinen nächsten Text hätte ich übrigens gern das, was thueri beim Verfassen seines Kommentars geraucht hat.
Kobold2
28.11.2021, 08.24 Uhr
Wenn man
sowas aus der "dunklen Ecke der Illegalität" holt, wird es durchschaubar und einige unschöne Nebenerscheinungen (Schwarzmarkt, Kriminalität, usw.) werden eingedämmt. In den Niederlanden hat man mit dem Weg sicher keine Verschlechterung erreicht. Es liegt an der Eigenverantwortung, wie man mit dem Zeug umgeht, so wie bei Alkohol, Spielautomaten PC- Games, Tabletten usw. Bei den häufigen Meldungen über besoffene Autofahrer und Unfälle, schreit ja auch keiner das man das Zeug verbiete sollte.
Der ICE Fahrgast war nur deshalb uninteressant, weil die Herkunft offensichtlich nicht der üblichen, gern genommenen Ziegruppe entsprach. Denn da hätte schon ein fehlender Fahrschein für reichleich Kommentare ausgereicht....
Richard Z.& Paul
28.11.2021, 10.18 Uhr
Planspiele der zukünftigen "Regierungs-Eliten"
Bisher haben sich die meisten Menschen besoffen, um die Politik besser ertragen zu können.
Demnächst aber werden auch noch viele Bekiffte herumlaufen, welche die "guten Taten" unserer Politiker nicht mehr durchschauen können bzw. es ihnen einfach am A....vorbei geht.
Das scheint der Plan zu sein!
Schönen 1.Advent.
Mueller13
28.11.2021, 11.32 Uhr
Na dann ist ja nicht so schlimm...
Zitat Oberlehrer: "Sinn der Legalisierung ist die Entkriminalisierung. Ich find die Kifferei auch nicht toll, denke aber, dass es weit schlimmere Kriminelle gibt und unsere Polizei und Gerichte mit denen mehr als genug zu tun haben"

-> Merkwürdige Begründung. Dann stellen wir doch Ladendiebstahl auch straffrei. Immerhin ist das nicht so schlimm wie Raub. Auch Vergewaltigung ist nicht so schlimm, immerhin ist es ja kein Mord...
Die Überlastung von Polizei und Gerichten sollte nie als Begründung dienen, Straftaten nicht mehr zu verfolgen.
Lehrer Schnauz
28.11.2021, 12.25 Uhr
Blöder Vergleich...
Ach Müller13, der Unterschied zu Ihrem Beispiel ist, dass es bei Cannabis-Konsum nicht um ein Eigentumsdelikt oder ein Kapitalverbrechen geht. Der Konsument schadet nicht anderen, sondern ausschließlich sich selbst durch den Konsum.

Beim Thema Impfung sind Sie ja auch für Selbstbestimmung....warum nicht bei den Kiffern?

Bevor hier jemand auf mögliche Verkehrsunfälle durch cannabiskonsum kommt. Es geht hier nur um den Konsum. Wenn sich der Kiffer am Wochenende mit seinem Tütchen auf dem Sofa Hirn Zellen tötet macht er sich heute strafbar.

Natürlich muss man eine Grenze ziehen... Diese wird verschoben. Aber Tatsache ist doch: egal ob verboten oder nicht, es gibt immer Menschen, die es tun - sonst hätten wir auch keine heroin-toten.
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