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Sa, 09:44 Uhr
09.11.2024
Ehrenamtler retten Art in der Rüdigsdorfer Schweiz

Entgegen dem Trend

„In Schluchten des Windehäuser Holzes, in Gypslöchern mit eingeschwemmter Humuserde, sehr selten“, schrieben Adolf Vocke und Carl Angelrodt 1885 über die Einfache Wiesenraute (Thalictrum simplex) im Gebiet um Nordhausen in ihrer "Flora von Nordhausen und der weiteren Umgegend"...

Viele seltene und bedrohte Arten sind unscheinbar, weswegen ihr Verlust kaum jemandem auffällt. Der rispige Blütenstand der Einfachen bzw. Mittleren Wiesenraute ist mit ihren langen Staubfäden bei genauem Hinsehen jedoch ästhetisch sehr ansprechend.  (Foto: Bodo Schwarzberg) Viele seltene und bedrohte Arten sind unscheinbar, weswegen ihr Verlust kaum jemandem auffällt. Der rispige Blütenstand der Einfachen bzw. Mittleren Wiesenraute ist mit ihren langen Staubfäden bei genauem Hinsehen jedoch ästhetisch sehr ansprechend. (Foto: Bodo Schwarzberg)


Im von Vocke und Angelrodt vor 140 Jahren als Fundgebiet benannten Windehäuser Holz bei Steigerthal kommt sie, mit Schwerpunkten auf zwei einmal jährlich gemähten Flächen, bis heute vor.

Ausgerechnet im Naturschutz- und Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet Rüdigsdorfer Schweiz hingegen wäre die Art nach 1989 beinahe ausgestorben. Ehrenamtlich tätige Nordhäuser Artenschützer halfen dies zu verhindern.

In der Rüdigsdorfer Schweiz war die Einfache Wiesenraute erst 1954 vom international renomierten Nordhäuser Botaniker Dr. h.c. Kurt Wein entdeckt worden. Und auch ich selbst sah die unscheinbare, aber bei genauem Hinsehen ästhetisch anmutende Art Anfang der 90er Jahre noch zu hunderten, ja eventuell zu mehr als 1.000 Exemplaren bei Krimderode in einem Halbtrockenrasen und in dessen Säumen.

Danach aber nahm die Individuenzahl von Jahr zu Jahr rapide ab. Und kaum 40 Jahre nach ihrer Entdeckung wäre Thalictrum simplex beinahe schon wieder verschwunden gewesen.

Als Ursache kann die zunehmende, und den Anforderungen aus Naturschutzgebietsverordnung und der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie entgegenstehende Gehölzentwicklung in Verbindung mit Rinderweide vermutet werden. Denn außerhalb des so bewirtschafteten Bereiches und an von Rindern schwer erreichbaren Stellen, blieben nach 1989 noch wenige Pflanzen erhalten.

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Wir aktive Artenschützer widmeten uns diesem Restbestand außerhalb der rinderbeweideten Fläche ab 2014 im Zuge eines NALAP-Vertrages mit dem Land Thüringen. Jährlich wurde von Nordhäuser Enthusiasten einmal, meist im Spätsommer oder Herbst, mittels Freischneider gemäht, nachdem die Anzahl der Exemplare zuvor erfasst worden war.
Die nach der Wende eingetretenen Verluste von hunderten Pflanzen konnten auch wir dadurch bisher nicht ausgleichen. Jedoch gelang es, den weiteren Rückgang der auch deutschlandweit als „sehr selten“ und „stark gefährdet“ eingestuften Sippe zu stoppen und nun offenbar auf niedrigem Niveau umzukehren: Denn nachdem wir nach 2014 in der Rüdigsdorfer Schweiz pro Jahr im Schnitt stabil meist etwas mehr als 100 Exemplare zählten, setzte ab etwa 2020 eine deutliche Zunahme ein. Im Herbst 2024 erfassten wir wieder ca. 350 Pflanzen bzw. Sprosse, fast ausschließlich auf von Hand gemähter Fläche und auf einem engen Raum von ca. 50 Quadratmetern.

Eine Besonderheit der von uns betreuten Pflanzen ist ihre Zugehörigkeit zu einer besonders seltenen Unterart der Einfachen Wiesenraute, deren kleines europäisches Verbreitungsgebiet sich auf Deutschland, Österreich, Frankreich, die Schweiz und Nord-Italien beschränkt. Diese Unterart wurde als Thalictrum simplex ssp. tenuifolium bezeichnet, zu deutsch „Mittlere Wiesenraute“.

Das kleine weltweite Verbreitungsgebiet und ihre große Seltenheit in Deutschland in Verbindung mit einem mäßigen Rückgang (sie kommt innerhalb Deutschlands sehr selten nur in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg vor) begründet die große Bedeutung erhaltender Maßnahmen am von uns betreuten Vorkommen im Naturschutzgebiet Rüdigsdorfer Schweiz.

Die Mittlere Wiesenraute gilt als ausdauernde Rhizompflanze. Sie hat stark geteilte bis gefiederte Blätter und einen großen, wenig verzweigten Blütenstand mit zahlreichen, meist gelblichen Blüten, die durch ihre langen Staubfäden auffallen.

Dass es uns ehrenamtlich tätigen Artenschützern auch hier gelang, den Bestand der sehr seltenen und stark gefährdeten Sippe zu erhalten und zu fördern, dafür gebührt allen Aktiven, die sich seit Jahren kontinuierlich an den notwendigen Erhaltungsmaßnahmen beteiligen, großer Dank.

Von besonderer Bedeutung hierfür ist auch die frühere Entscheidung der Unteren Naturschutzbehörde, den Bereich mit dem Reliktvorkommen der Mittleren Wiesenraute ausgekoppelt zu belassen, so dass diese Fläche ausschießlich einmal jährlich von uns ehrenamtlichen Artenschützern gemäht und nicht mit Rindern beweidet wird.

Mittelfristig sollte im Zuge einer mehr regional vernetzten, und insgesamt weniger auf Massenproduktion und an Konzernpolitik ausgerichteten Landwirtschaft großflächig zu Bewirtschaftungsarten zurückgekehrt werden, die genau durch diese Ausrichtung auch der heimischen Biodiversität zugute kommt. - Zumal unsere eigene Ernährungssicherheit von der Erhaltung möglichst vieler Arten unmittelbar abhängt.

Von den Flächen, auf denen wir ehrenamtlich aktive Artenschützer seltene Pflanzen- und damit auch Tierarten erhalten, könnte dann eine Wiederbesiedlung der bis dahin nachteilig bewirtschafteten Flächen ausgehen.

In diesem Zusammenhang muss kritisiert werden, dass dem tatsächlichen oder drohenden Verlust von Populationen seltener und bedrohter Arten in Thüringen politisch und behördlich nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Durch den Artenschutzzielen nicht entsprechende Bewirtschaftungsentscheidungen oder aber durch Nutzungsaufgabe haben wir bereits zahlreiche Vorkommen bedrohter Arten verloren und es werden noch weitere hinzukommen, obwohl von politischer Seite immer beteuert und in verschiedenen Beschlüssen festgelegt wurde, das Artensterben stoppen zu wollen. Auch die Grünen haben hier weitestgehend versagt. Dabei ist Artenschutz auch Heimatschutz.

Wir brauchen auch auf diesem Gebiet dringend Veränderungen.
Bodo Schwarzberg
Autor: red

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