Mo, 18:30 Uhr
13.04.2026
81. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora
Mit den Worten fing es an
Die Ehrenplätze für die Überlebenden des KZ Mittelbau-Dora blieben bei der heutigen Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung des Lagers beinahe leer. Mit dem Schwinden der letzten Zeitzeugen vergeht die Erinnerung an die Verbrechen der Vergangenheit nicht, sie wird wichtiger…
Jerry Wartski wird 1930 in Polen geboren, als die Nazis die Herrschaft übernehmen, landet er mit seiner Familie zunächst im Ghetto. In Auschwitz wird die Mutter ermordet, der Vater stirbt in der Boelke Kaserne in Nordhausen, der Junge überlebt und steht mit 14 Jahren alleine in der Welt. 81 Jahre später sitzt er fast alleine vor den Blumengestecken und weißen Rosen, mit denen an sein Schicksal und das von 60.000 anderen Häftlingen gedacht wird, die zwischen 1943 und 1945 durch die Hölle von Dora gehen mussten. Nur einer sitzt heute noch neben ihm, Andrej Moyseenko, Überlebender des KZ Buchenwald und Weimarer Ehrenbürger, der sich kurzfristig dazu entschieden hatte, auch dem Gedenken in Dora beizuwohnen. Wartski geht seinem 97. Lebensjahr entgegen, der Nordhäuser Ehrenbürger Albrecht Weinberg ist inzwischen 101 Jahr alt und musste aus gesundheitlichen Gründen vom neuerlichen Besuch absehen und es wird bald der Zeitpunkt kommen, an dem alle Stimmen, die noch direkt vom Schrecken berichten konnten, verstummt sind.
Die Zeitzeugen werden weniger, ihre Biographien und Geschichten werden aber weiterhin bewahrt und auch verbreitet. In diesem Jahr wird man sich dem Thema Widerstand widmen, erläuterte Gedenkstättenleiter Andreas Froese. Erzählt werden soll von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in Thüringen, die sich ihren Lebenswillen und ihre Menschlichkeit bewahrt und ihren Mut nie verloren haben und die trotz aller Gräuel und Grausamkeiten nach Wegen gesucht haben, dem NS Regime etwas entgegenzusetzen. Ab dem 8. Mai will man diese Erfahrungen und Taten als Hörgeschichten in Dora und Weimar der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Bewahren, verbreiten, erinnern - für die Gedenkstätten im Land gehören derlei Projekte zu den grundlegenden Aufgaben, für das Land und seine Menschen sollte diese Erinnerungskultur zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Viele der Kontakte, die man im Ausland pflegt, blickten inzwischen allerdings mit Sorge auf Deutschland und den Rechtsruck im Land, berichtet Froese. Die Gedenkkultur als Förderziel staatlichen Handelns werde in Frage gestellt und Programmen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, verlieren mit der Begründung mangelnder "Neutralität" ihre Förderung. Wertneutralität könne es hier aber gar nicht geben, mahnt der Gedenkstättenleiter. Die Erinnerungskultur sei kein Blick zurück in die abgeschlossene Vergangenheit, sekundiert Thüringens Innenminister Georg Maier, dem größten Zivilisationsbruch der Geschichte durch die industriell organisierte Ermordung von Millionen Menschen ein Nie Wieder entgegenzusetzen, sei historische Verantwortung und Gegenwartsaufgabe. Wer die Würde des Menschen achten wolle, müsse Konsequenzen aus der Geschichte, nicht Schlussstriche ziehen.
Am Anfang der Katastrophe standen systematische Entmenschlichung einerseits und Gleichgültigkeit andererseits und beides bedrohe auch heute wieder das demokratische Miteinander. Dem Erstarken nationalistischer und völkischer Strömungen müsse ein jeder in klarer Ablehnung entgegen treten und auch der Antisemitismus von linker Seite dürfe nicht gleichgültig hingenommen werden. Diejenigen, die für das Gedenken und die Demokratie einstehen, dürften sich nicht auseinander dividieren lassen, auch nicht von Gruppen, die die Erinnerung mehr als Projektionsfläche für Aufmerksamkeit denn für die Aufarbeitung nutzen wollten. Man müsse reden können, gemeinsam im guten Geist und auf Basis von Fakten und man müsse wachsam bleiben.
Noch deutlicher sagt es der, der heute für die musikalische Untermalung sorgte: Sebastian Krumbiegel - Sänger, Autor und seit Jahren bekennender Antifaschist. Demokratie und Antifaschismus, sagt Krumbiegel, im Sinne des Wortes also gegen den Faschismus sein, wurde ihm von Eltern und Großeltern in die Wiege gelegt. Die Zeichen des Wahnsinns, von dem seine Oma dem 15jährigen unter Tränen berichtete, könne man auch heute wieder sehen und der Korridor vom Konservativem hin zum Reaktionären werde häufig viel zu schmal, sagt Krumbiegel. Mit den Worten geht es los, erst in den Talkshows und mitunter auch schon in den Parlamenten, nicht nur in Deutschland und Europa, sagt der Sänger und bittet darum, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und die zu benennen, die die Demokratie mit Füßen treten wollen.
Der Raum der rekonstruierten Baracke, in die die Redner ihre Worte sprechen, ist gut gefüllt, wie jedes Jahr. Man hört die Leute französisch, englisch, russisch und deutsch reden und sieht das hier, an diesem Tag und diesem Ort, die Vergangenheit nicht allzu bald vergessen werden wird. Auch wenn die Sitze vor dem Mahnmal bald leer bleiben sollten.
Angelo Glashagel
Autor: redJerry Wartski wird 1930 in Polen geboren, als die Nazis die Herrschaft übernehmen, landet er mit seiner Familie zunächst im Ghetto. In Auschwitz wird die Mutter ermordet, der Vater stirbt in der Boelke Kaserne in Nordhausen, der Junge überlebt und steht mit 14 Jahren alleine in der Welt. 81 Jahre später sitzt er fast alleine vor den Blumengestecken und weißen Rosen, mit denen an sein Schicksal und das von 60.000 anderen Häftlingen gedacht wird, die zwischen 1943 und 1945 durch die Hölle von Dora gehen mussten. Nur einer sitzt heute noch neben ihm, Andrej Moyseenko, Überlebender des KZ Buchenwald und Weimarer Ehrenbürger, der sich kurzfristig dazu entschieden hatte, auch dem Gedenken in Dora beizuwohnen. Wartski geht seinem 97. Lebensjahr entgegen, der Nordhäuser Ehrenbürger Albrecht Weinberg ist inzwischen 101 Jahr alt und musste aus gesundheitlichen Gründen vom neuerlichen Besuch absehen und es wird bald der Zeitpunkt kommen, an dem alle Stimmen, die noch direkt vom Schrecken berichten konnten, verstummt sind.
Die Zeitzeugen werden weniger, ihre Biographien und Geschichten werden aber weiterhin bewahrt und auch verbreitet. In diesem Jahr wird man sich dem Thema Widerstand widmen, erläuterte Gedenkstättenleiter Andreas Froese. Erzählt werden soll von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in Thüringen, die sich ihren Lebenswillen und ihre Menschlichkeit bewahrt und ihren Mut nie verloren haben und die trotz aller Gräuel und Grausamkeiten nach Wegen gesucht haben, dem NS Regime etwas entgegenzusetzen. Ab dem 8. Mai will man diese Erfahrungen und Taten als Hörgeschichten in Dora und Weimar der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Bewahren, verbreiten, erinnern - für die Gedenkstätten im Land gehören derlei Projekte zu den grundlegenden Aufgaben, für das Land und seine Menschen sollte diese Erinnerungskultur zur Selbstverständlichkeit geworden sein. Viele der Kontakte, die man im Ausland pflegt, blickten inzwischen allerdings mit Sorge auf Deutschland und den Rechtsruck im Land, berichtet Froese. Die Gedenkkultur als Förderziel staatlichen Handelns werde in Frage gestellt und Programmen, die sich gegen Rechtsextremismus wenden, verlieren mit der Begründung mangelnder "Neutralität" ihre Förderung. Wertneutralität könne es hier aber gar nicht geben, mahnt der Gedenkstättenleiter. Die Erinnerungskultur sei kein Blick zurück in die abgeschlossene Vergangenheit, sekundiert Thüringens Innenminister Georg Maier, dem größten Zivilisationsbruch der Geschichte durch die industriell organisierte Ermordung von Millionen Menschen ein Nie Wieder entgegenzusetzen, sei historische Verantwortung und Gegenwartsaufgabe. Wer die Würde des Menschen achten wolle, müsse Konsequenzen aus der Geschichte, nicht Schlussstriche ziehen.
Am Anfang der Katastrophe standen systematische Entmenschlichung einerseits und Gleichgültigkeit andererseits und beides bedrohe auch heute wieder das demokratische Miteinander. Dem Erstarken nationalistischer und völkischer Strömungen müsse ein jeder in klarer Ablehnung entgegen treten und auch der Antisemitismus von linker Seite dürfe nicht gleichgültig hingenommen werden. Diejenigen, die für das Gedenken und die Demokratie einstehen, dürften sich nicht auseinander dividieren lassen, auch nicht von Gruppen, die die Erinnerung mehr als Projektionsfläche für Aufmerksamkeit denn für die Aufarbeitung nutzen wollten. Man müsse reden können, gemeinsam im guten Geist und auf Basis von Fakten und man müsse wachsam bleiben.
Noch deutlicher sagt es der, der heute für die musikalische Untermalung sorgte: Sebastian Krumbiegel - Sänger, Autor und seit Jahren bekennender Antifaschist. Demokratie und Antifaschismus, sagt Krumbiegel, im Sinne des Wortes also gegen den Faschismus sein, wurde ihm von Eltern und Großeltern in die Wiege gelegt. Die Zeichen des Wahnsinns, von dem seine Oma dem 15jährigen unter Tränen berichtete, könne man auch heute wieder sehen und der Korridor vom Konservativem hin zum Reaktionären werde häufig viel zu schmal, sagt Krumbiegel. Mit den Worten geht es los, erst in den Talkshows und mitunter auch schon in den Parlamenten, nicht nur in Deutschland und Europa, sagt der Sänger und bittet darum, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und die zu benennen, die die Demokratie mit Füßen treten wollen.
Der Raum der rekonstruierten Baracke, in die die Redner ihre Worte sprechen, ist gut gefüllt, wie jedes Jahr. Man hört die Leute französisch, englisch, russisch und deutsch reden und sieht das hier, an diesem Tag und diesem Ort, die Vergangenheit nicht allzu bald vergessen werden wird. Auch wenn die Sitze vor dem Mahnmal bald leer bleiben sollten.
Angelo Glashagel



























