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Do, 12:50 Uhr
14.05.2009

Florian und die Revolution

Florian (Name von der Red. geändert) hat seiner Oma einen Brief geschrieben. „Aber nur einen kurzen“, sagt der Junge und zieht das kleine Papier aus seinem Heft. Der Stolz steht ihm im Gesicht. „Ich bin in der ersten Klasse. Aber nur noch ein halbes Jahr, dann komme ich in die zweite.“ Das stimmt. Nach den Sommerferien hat Florian Klassenstufe Zwei erreicht. Er bleibt aber in seiner Stammgruppe...

Gemeinsam lernen (Foto: pln) Gemeinsam lernen (Foto: pln)
In der Heringer Grundschule ist die Eingangsphase schon neu gestaltet

Florian besucht die Grundschule Niedersachswerfen, die Anfang des Schuljahres ihre Schuleingangsphase umgestaltet hat. Das Ziel: Der Einstieg in die Schulzeit soll kindgerechter werden. Dazu gehört, dass Erst- und Zweitklässler zwei Drittel der Unterrichtszeit gemeinsam in einer Stammgruppe lernen. „Wir haben seit Jahren an der Öffnung des Unterrichts gearbeitet. Die Altersmischung war der letzte Schritt. In den Stammgruppen haben wir Lernpatenschaften gegründet. Ein oder zwei Zweitklässler kümmern sich um einen Erstklässler“, sagt Karin Sommer, Leiterin der Grundschule Niedersachswerfen.

„Die neue Schuleingangsphase bedeutet tatsächlich eine starke Öffnung des Unterrichts, die einer neuen didaktischen Vorgehensweise bedarf.“ Dem kann ihre Kollegin Danielle Blanke, Leiterin der Grundschule Heringen, beipflichten. Auch sie hat mit dem Lehrer- und Hortkollegium die Schuleingangsphase umgestaltet. „Das Gesicht des Unterrichts hat sich deutlich verändert. In der Stammgruppe gibt es keinen Frontalunterricht. Jeder Schüler kann in seinem Tempo, auf seinem Niveau arbeiten. Durch die Jahrgangsmischung kommen die Erstklässler viel schneller in der Schule an. Die Kinder lernen voneinander und nicht nur vom Lehrer“, sagt Danielle Blanke.

„Wenn ein Schüler einem anderen etwas richtig erklären kann, hat er es auch selbst verstanden. Dazu muss er den Lerninhalt ja noch einmal durchdenken. Bemerkt er beim Erklären, was er es noch nicht richtig verstanden hat, kann er für sich selbst noch einmal Unterstützung anfordern.“

In der Stammgruppe arbeiten die Schüler nach Wochenplänen. Die Aufgaben vom Wochenanfang müssen sie bis zum Wochenende erledigen. Jeder Schüler sucht selbst aus, mit welchem Thema er beginnt und lernt, sich seine Zeit selbst einzuteilen. „Es gibt differenzierte Lernangebote. Noch wichtiger sind offene Aufgaben“, erläutert Schulleiterin Karin Sommer. So eine offene Aufgabe lautet in Mathe beispielsweise: Bilde eine Aufgabe mit dem Ergebnis 4. Richtig ist 10 - 6 genauso wie 1000 - 996.

„Jedes Kind hangelt sich an seinen Höchstgrenzen, an seinem Wissensstand entlang“, sagt Karin Sommer. Die Schüler kommen gut mit dieser freien Lernweise zurecht, wie Lehrerin Pia Pfitzmann aus Heringen erzählt: „Mittwoch früh hat es noch nicht geklingelt, da sitzen sie schon an ihrem Wochenplan.“

Den Frontalunterricht haben die beiden Grundschulen nicht abgeschafft. „Den nutzen wir, um neuen Stoff einzuführen und Leistungskontrollen zu schreiben. Einen Teil des Deutsch-, Mathe-, Heimat- und Sachkundeunterrichts hat die Stammgruppe gesplittet in ihren jeweiligen Jahrgangsstufen“, erklärt Pia Pfitzmann. Dort lernen sie in kleinen Gruppen. Denn eine Stammgruppe besteht aus 22, 23 Schüler. Im Jahrgangsunterricht sitzt entsprechend etwa nur die Hälfte. Nicht nur dies bietet gerade schwächeren Schülern die Chance, dem Stoff besser zu folgen.

Wenn Schüler eine Partneraufgabe lösen, gewinnen Lehrer Freiräume, individuell auf Schüler mit Nachholbedarf einzugehen. „Wir können im offenen Unterricht dem jeweiligen Entwicklungsstand besser gerecht werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es bei den Erstklässlern Entwicklungsunterschiede bis zu vier Jahren gibt“, sagt Danielle Blanke. Auch ihre Kollegin aus Niedersachswerfen unterstreicht den integrativen Charakter: Klassen-, Förder-, Beratungslehrer und Horterzieher arbeiten zusammen. „Es gibt einen gemeinsamen Unterricht mit Kindern mit erhöhtem Förderbedarf. Dabei unterstützen uns auch Lehrer vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst“, so Karin Sommer. Schüler können in der Stammgruppe auch drei statt zwei Jahre bleiben oder umgekehrt auf ein Jahr verkürzen.

Den Anfang mit einer neuen Schuleingangsphase hat im Landkreis die Petermann-Grundschule in Bleicherode gemacht. Bereits ab 1999 hat sie mit 14 anderen Thüringer Grundschulen am Modellversuch „Veränderte Schuleingangsphase“ des Landeskultusministeriums teilgenommen, wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt von der Bremer Universität. „Der Wochenplan, das Lernen an Stationen und in Projekten kurbeln das selbstständige Arbeiten der Schüler an. Nicht nur das kommt ihnen in den weiterführenden Schulen zugute“, weiß Beratungslehrerin Gabriele Wille. „Wir wollen gar nicht mehr anders arbeiten“, stimmt ihr Viola Klausner zu, die die Bleicheröder Grundschule leitet.

Auch nach zehn Jahren läuft die Schuleingangsphase als freiwilliges Modell. Inzwischen heißt das Projekt „Begleitete Schuleingangsphase Thüringen entwickeln“, kurz „BeSTe“, an dem derzeit 76 der 470 Grundschulen in Thüringen teilnehmen. Das Land unterstützt BeSTe-Schulen personell, indem es ein höheres Stundenkontingent finanziert.

Denn solch eine kleine Revolution im pädagogischen Konzept ist eine Herausforderung – nicht nur, weil die Schulen das Vertrauen skeptischer Eltern gewinnen wollen. „Der Arbeitsaufwand ist immens hoch. Ohne engagierte Lehrer und Erzieher kann ich so ein Projekt nicht erfolgreich umsetzen“, ist sich Danielle Blanke sicher.

„Aber lohnenswert ist es allemal!“ Wann eine solche erfolgreiche Umsetzung für ganz Thüringen folgt, ist noch unklar, wie Gregor Hermann, ein Sprecher des Kulturministeriums, bestätigt: „Es gibt keine Frist und keinen Termin, wann die Schuleingangsphase flächendeckend eingeführt werden soll. Darüber wird voraussichtlich 2010 entschieden.“
Autor: nnz

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Kommentare
bibi119
18.05.2009, 10:15 Uhr
Ob das wirklich alle so sehen?
Als betroffenes Elternteil möchte ich kurz zu diesem Artikel Stellung nehmen. Für mein Kind stellt diese Schuleingangsphase in Klasse 2 eine riesen Herausforderung dar. Ich weiß nicht, ob Kinder in diesem Alter schon soviel Verantwortungsbewusstsein haben, sich wie im Artikel angegeben zwei Drittel der Stunden allein bzw. in Partnerarbeit zu beschäftigen. Ich denke manche ja, andere nein. Und das ist genau dass, wonach bei diesem Projekt nicht gefragt wird.
Die andere Seite ist die Personalsituation in der Schule. Schön und toll, wenn alle Lehrer/innen da sind, blöd wirds erst, wenn auch die Kursstunden zu Stillbeschäftigungsstunden werden, weil ein Kollege krank ist oder so. Dann kommt die Situation, dass derm Stoff nicht geschafft wird. Aber naja- nächste Klasse, neues Glück. Je mehr Kinder "verweilen", umso besser!? Fragen Sie mal die Eltern zu dem Thema, da sind schon einigen mehr graue Haare gewachsen, als man sich denkt.
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