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Fr, 07:36 Uhr
03.09.2010

Post von Luisa (32)

Luisa Schäfer, eine junge Frau aus Niedersachswerfen, schreibt in der nnz ein ungewöhnliches Tagebuch über ihre Erlebnisse am anderen Ende der Welt, in Argentinien. Heute berichtet Luisa, wie sich langsam aber sicher auf ihren Abschied am anderen Ende der Welt vorbereitet...

Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer) Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer)

Schon mehr als ein Jahr bin ich nun schon hier. Eine Zeit, in der ich so viel Neues kennen gelernt habe. So viel gesehen, gelernt und erfahren habe. Ich habe meine Entscheidung für diesen Freiwilligendienst nie bereut. Auch wenn es natürlich schwierige Phasen gab, Tage an denen man sich so weit entfernt von zu Hause ein bisschen einsam und allein vorkommt. Dinge, ungerecht, traurig oder brutal, die man sah, die nicht leicht zu verarbeiten, geschweige denn zu verstehen sind. Aber auch viel Freude und Glück. Erfahrungen. Um einiges von diesen Dingen wird es auch diesmal gehen. In meinem nun schon letzten größeren Bericht aus der Ferne.

Ich habe mir vorgenommen, in diesem Bericht versuchen zu beantworten, was für mich eigentlich Argentinien ausmacht. Und natürlich gerade die Menschen, die hier leben. Aber ich weiß jetzt schon, dass die kaum möglich sein wird. Denn schon allein, um das Klima dieses riesigen Landes treffend beschreiben zu können, bräuchte man einige Zeit. Die vielen unterschiedlichen Vegetationszonen, die vielfältige Tierwelt und die ausschweifenden Weiten- dass alles könnte einen eigentlich schon von einem ganzen Kontinent sprechen lassen. Auch die Bevölkerung ist nicht wirklich einheitlich zu betrachten. Es gibt eine riesige Kluft. Nicht nur, aber wohl am deutlichsten, zwischen arm und reich. Weiß und indigen. Stadt und Land.

Was sicher alle gemein haben ist die Liebe zum Vaterland, der Nationalstolz. Hier findet man auch außerhalb der WM- Zeiten alles behängt von Flaggen. Die kleinen Kinder werden schon darauf getrimmt, eher verhalten Kritik an Missständen zu üben. So haben sie auf die Frage, was denn schlecht am Vaterland sie zu antworten, dass nichts daran das Prädikat schlecht verdient hat. Dieser Patriotismus scheint schon ein bisschen übertrieben, aber er schafft eins, was sonst wenig hier schafft. Er eint. Er macht die zu einem Volk, die sonst eher nicht als homogene Gruppe erscheinen wollen.

Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer) Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer) Ein anderes verbindendes Element ist die Kirche. Der Katholizismus ist immer präsent. Andere Glaubensrichtungen haben, jedenfalls hier im Norden, immer etwas sehr stark Sektenmäßiges an sich und auch nur wenige Mitglieder. Doch das hier gelebte Kirchenleben unterscheidet sich schon stark von dem europäischen. Es vermischen sich die verschiedenen Elemente. Es gibt einen unglaublichen Marienkult. Jede kleine Gemeinde hat weiterhin eine Truhe mit ihrer Schutzheiligen, welche dann unter großem Getöse bei den verschiedensten kulturellen Veranstaltungen durch die Straßen getragen werden. Eine Rolle spielt aber auch, je nördlicher desto ausgeprägter, die indigenen Ursprünge.

So wird immer noch jährlich in vielen Haushalten hier in Jujuy die „Pachamama“, die Mutter Erde geehrt. Zu diesem Zweck werden kleine Geschenke, insbesondere Lebensmittel, Alkohol oder Zigaretten, im Boden vergraben. Man vermischt eben einfach alles ein bisschen. Womit die Kirchen hier auch noch zu kämpfen haben, sind wie auch bei uns, die schwinden Mitgliederzahlen. Auf dem Land ist der Einfluss zwar noch gewaltig und auch ihr Druck auf die Regierung, zum Beispiel im Fall von Abtreibungsverbot groß, dennoch sind auch hier die Kirchen zu den Messen eher wenig besucht. Eine Hochzeit in Weiß vor dem Traualtar und die Taufe von den Kindern sind zwar Dinge, an denen man nicht vorbei kommt, aber damit hört es dann bei vielen Argentiniern auch schon auf.

Durchhaltevermögen würde ich aber eh nicht so ganz als eine argentinische Eigenschaft bezeichnen. Arbeiten ist für sehr viele hier wirklich zum Geld verdienen und damit als notwendiges Übel angesehen. Man arbeitet eben um zu leben und nicht, wie man bei uns manchmal denken könnte, andersherum. Diese Einstellung ist natürlich nicht gerade wirtschaftsstärkend. So hängt man hier noch den alten Zeiten nach, in denen der argentinische Reichtum auch über den Kontinent hinaus berühmt und berüchtigt war. Heute sieht das schon ganz anders aus. Die Nachbarländer Brasilien und Chile haben die Argentinos in vielerlei Hinsicht abgehangen. Es geht alles sehr schleppend voran. Und das obwohl doch nun wirklich genug Potenzial vorhanden ist.

Die endlosen Weiten Argentiniens sorgten nämlich schon jeher dafür, dass die Landwirtschaft blühe konnte. Der Viehwirtschaft und der damit verbundene Fleischexport machte das Land berühmt. Eng mit diesem Wirtschaftszweig verbunden ist, nicht weniger bekannt, der Gauchomythos. Die Cowboys der Pampa. Die Herren der unendlichen Weiten. Und doch eigentlich nur Viehtreiber.

Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer) Abschied nehmen (Foto: L. Schäfer)

Noch heute werden ihre Traditionen gelebt. Gerade in den ländlichen Regionen widmet man sich ihnen hingebungsvoll. Dort gibt es folklorische Tanzabende, Rodeoreiten, Stierkämpfe… Die Gemeinde ist aktiv, man putzt sich dafür in der typischen Tracht heraus. Man ist stolz auf sich. Und das kann man auch sein. Denn es ist eine harte Arbeit, früher wie heute. Die Massen von Tieren müssen verpflegt, getrieben und zusammengehalten werden. Heute sind es oft wenigstens die eigenen, früher kümmerten sich die Männer meist um fremden Besitz. Die eigentlichen Besitzer krümmten für ihren Reichtum meist keinen Finger. Obwohl, vielleicht hat sich da doch noch gar nicht immer so viel verändert…

Bei all diesen Zusammenkünften gibt es natürlich neben all der Musik, den Wettkämpfen und den Tänzen ausreichend Essen. Es werden die typischen traditionellen Speisen auf getafelt:
  • Empandas: Leckere gefüllte Teigtaschen. In allen möglichen Variationen erhältlich, aber traditionell meist mit Fleisch, Hühnchen oder Käse.
  • Tamales: Maisbällchen gefüllt mit Fleisch
  • Humitas: In Blättern eingewickelter Maisbrei mit Käse oder zuckrigem
  • Bestandteilen.
  • Kuh- und Lamafleisch in allen möglichen Variationen
Zu Trinken gibt es neben gutem Bier und Wein aus den eigenen Provinzen natürlich auch immer Mate. Dies ist eine Art Kräutertee, jedoch unglaublich stark und bitter. Die richtige Zubereitung gleicht mehr einer ganzen Zeremonie. Missen möchte ihn aber nahezu kein Argentinier. Zu späterer Stunde gibt es dann zudem noch Fernet. Ein, für meinen Geschmack noch viel bittereren Schnaps, der selbst in einer gering dosierten Colamischung wenig schmackhaft ist. Daher bin ich lieber auf den ebenso typischen, aber viel leckeren Weincolamix umgestiegen.

Nach all den kulinarischen Genüssen muss man dann natürlich fleißig tanzen, um die Kalorien wieder annähernd herunterzubekommen. Wenn das dann aber immer noch nicht reichen sollte, dann geht es ab ins Fitnessstudio. Die findet man in den Städten überall. Kleinere Differenzen zu Deutschland gibt es da aber schon. So locker das
lateinamerikanische Gemüt auch ist, in den Sportstätten ist Schluss damit. Exzessiv wird an der Figur gearbeitet und werden die Muskeln geformt. In den Aerobic- Kursen in wirklich unglaublicher Geschwindigkeit. Keine Spur von der sonst so üblichen Gemächlichkeit!

Das Thema Aussehen ist hier sowieso meist aber auch ein ziemlich ernstes Thema. So steht hier bald wieder das Studentenfest an. Schon jetzt arbeiten die Schüler eifrig an ihren Schulkarossen. Auf diesen werden dann die jeweiligen Schulköniginnen herumkutschiert. Doch bis es so weit ist, müssen diese erst mal gefunden werden. Bei den Wahlen wird mit harten Bandagen gekämpft. Schließlich hängt von einem Sieg auch ziemlich viel ab. Die Siegerin darf nicht nur nett in die Fernsehkameras lächeln. Von nun werden die Jungs Schlange stehen. Die Schönheitskönigin zu „daten“ ist nämlich ziemlich angesagt. Charakter oder Intelligenz spielen bei dieser sehr kostenspieligen Veranstaltung eher eine geringe Rolle. Aber man kann ja nicht alles haben. Und es ist auch nicht immer alles nötig.

Aber in diesem Alter sollte meiner Meinung nach vielleicht erst mal auf etwas andere Werte geachtet werden. Den jungen Mädchen ein anderes Ideal aufgezeigt werden. Als Alternative zu dem Bild was in den Medien zu sehen ist. Dieses besteht zum Großteil nämlich aus ziemlich viel nackter Haut und albernen Gekicher. Der Albtraum von Alice Schwarzer. Obwohl da die deutschen Medien in einigen Dingen sicher auch mithalten können.

Ich bin, nicht nur bei diesem Thema, gespannt, wie es sein wird, es wieder von der anderen Seite der Erde betrachten zu können. Auf diese Erfahrung werde ich wohl auch gar nicht mehr allzu lang warten müssen. Denn so langsam wird es ernst mit dem Verabschieden. Unsere Nachfolger sind schon seit fast zwei Wochen hier. Haben schon die Freunde und Kinder kennen gelernt von denen wir uns bald wieder verabschieden müssen. Aber so soll es ja auch sein. So hoffe ich, dass ich dann am 13. September schweren Herzens in den Flieger steige und am 14. mit einem glücklichen Lachen wieder aussteigen und in einen neuen Lebensabschnitt eilen kann.
Auf ein baldiges Wiedersehen in Deutschland, Luisa
Autor: nnz

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