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Mi, 06:34 Uhr
16.11.2011

nnz-Forum: Pinguine-lebendiger Brennstoff

Die nnz hatte gestern über die Beschlagnahme eines Arzneimittels zur Gewichtsreduktion durch den deutschen Zoll berichtet. Dazu Anmerkungen von Bodo Schwarzberg...


Amerikanischer Frauenschuh (Foto: B. Schwarzberg) Amerikanischer Frauenschuh (Foto: B. Schwarzberg)
So unscheinbar sieht der erst 2001 entdeckte amerikanische Frauenschuh Phragmipedium kovachii ohne Blüte aus. Seine Blüte jedoch war eine Sensation: Sie misst bis zu 22 cm und ist leuchtend violett. Heute ist die Art legal bei vielen Züchtern für 30 Euro zu haben. Vor wenigen Jahren noch wurde sie illegal für tausende Dollar pro Pflanze gehandelt.

Ich finde es sehr schön, dass sich die nnz diesem Thema widmet. Ich hatte schon neulich vor, einen Beitrag zum Thema globaler Artenschutz zu schreiben und kann das nun als Ergänzung zu dem obigen gut nachholen.
Der Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten oder Teilen von ihnen ist ein Milliardengeschäft. Trotz strenger internationaler Abkommen wie das in dem gestrigen Beitrag genannte CITES ist er, ebenso wie der internationale Drogenhandel, weiterhin florierend.

Immer wieder werden Touristen mit lebenden Reptilien in der Handtasche oder auch Insekten und Produkten aus Körperteilen gewilderter Tiere, auch an deutschen Flughäfen gestellt. Mit gravierenden Folgen. Zahlreiche Tierarten starben in der Vergangenheit durch Wilderei aus: Erinnert sei an das zebraähnliche südafrikanische Quagga, aus dessen Haut Getreidesäcke hergestellt wurden. Das Jahr 1900 erlebte die Art nicht mehr.

Oder an die Stellersche Sehkuh, von der das letzte Exemplar bereits 1768 auf der Behring-Insel von Pelztierjägern erschlagen wurde und an den flugunfähigen, zutraulichen Dodo, der auf Mauritius lebte und eine leichte Beute für Seefahrer als lebender Proviant, und für die eingeschleppten Ratten auf der Insel war.

Wenig bekannt ist auch, dass der vor 100 Jahren noch profitable Walfang verschiedenen antarktischen Pinguinarten das Überleben schwer machte. Für die Walfänger, die oft monatelang auf Südgeorgien und anderswo kampierten, waren Pinguine ein willkommener Brennstoff, so makaber, wie das auch klingen mag. Denn Holz oder Kohle gab es auf diesen unwirtlichen Inseln nicht. Da die Schiffe vor Ort lebendiges und kostenloses Heizmittel vorfanden, konnte der Handel mit Walfleisch noch profitabler gestaltet werden, als er es ohnehin schon war. Dies gibt es heute glücklicherweise in dem Ausmaß nicht mehr. Notgedrungen wohl: Denn fast alle Großwale sind stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Dafür hat die Jagd der im Nordpolarmeer heimischen Sattelrobbe nach wie vor Konjunktur. Denn noch immer gibt es Menschen, die sich in Pelzmänteln aus Robbenfell tatsächlich wohlfühlen. Alljährlich protestieren Tierschützer weltweit gegen das Abschlachten der Tiere.

Erst vor kurzem wurde es traurige Gewissheit, dass zwei weitere Großsäugerarten den menschlichen Einbildungen einer Heilwirkung zum Opfer gefallen sind: Von der vietnamesischen Population des Java-Nashorns wurde das letzte Tier illegal geschossen, so dass es heute nur noch eine winzige Population von 50 Tieren gibt, im Ujung Kulon-Nationalpark an der Westspitze Javas. Im Cat Tien-Nationalpark im Süden Vietnams, ist sie nach dem Verlust des letzten Tieres nun nicht mehr vorhanden.

Das Java-Nashorn galt längere Zeit als das legendäre „Einhorn“, weil es die einzige Nashornart mit nur einem Horn ist. Einst hatte die Art ein riesiges Verbreitungsgebiet: Von Bangladesch, über Indien bis nach Malaysia und Süd-Vietnam. Auf mehr als 99 % seines ursprünglichen Areals wurde es für sein eines Horn ausgerottet, nun auch in dem Land Ho Chi Minhs.

Im tropischen Afrika musste jüngst das Westliche Spitzmaul-Nashorn von der IUCN als ausgerottet erklärt werden, nachdem bereits seit Jahren keine Tiere mehr gesehen wurden. Diese Unterart des in Afrika weit verbreiteten Spitzmaul-Nashorns lebte ausschließlich in Kamerun. Auch ihr wurde das angeblich die Potenz steigernde oder sonst heilkräftige Horn zum Verhängnis. Damit gibt es weltweit keine wildlebenden Exemplare mehr. Glücklicherweise ist diese Sippe, ganz im Gegensatz zum Java-Nashorn, in Zoos präsent.

Dass in der jüngsten IUCN-Red-List 300 Arten mehr in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“ eingestuft werden mussten, als noch 2010, hat sicher vielfältige Ursachen, die aber so gut wie immer den Menschen mit seiner Lebens- und Wirtschaftsweise und damit bei einigen Arten auch den Handel mit Tier- und Pflanzenarten zur Ursache haben.

Ein exemplarisches, ja spektakuläres Beispiel der letzten Jahre aus der Pflanzenwelt ist jenes der Entdeckung und Vermarktung der Orchideenart Phragmipedium kovachii in Peru: In den englischsprachigen wikipedia wird ihr Erstfund im Jahre 2001 als der wichtigste Neufund einer tropischen Orchideenart der vergangenen 100 Jahre bezeichnet.

Kaum war sie entdeckt, traten auch schon kriminelle Strukturen auf den Plan. Denn ein Exemplar einer neu entdeckten und dazu noch so attraktiven amerikanischen Frauenschuhart (ihre leuchtend violetten Blüten können mehr als handtellergroß werden) wie von Phragmipedium kovachii brachte damals viele tausend Dollar.

Im Jahre 2002 brachte der US-Botaniker Michael Kovach zumindest ein Exemplar illegal von Peru in die USA und veröffentlichte die Erstbeschreibung der Art. Damit waren der Plünderung der wenigen Naturstandorte Tür und Tor geöffnet. Peru konnte zwar in den USA ein Ermittlungsverfahren wegen der illegalen Ausfuhr entsprechend dem CITES-Abkommen erreichen, aber da war die Sensation längst schon im hintersten Winkel des Planeten angekommen. Kovach wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und sein Arbeitgeber, Marie Selby Botanical Gardens in Sarasota /Florida, verlor seine CITES-Lizenz, die ihn dem Handel mit bedrohten Arten ermöglichte. Die Stadt Sarasota wurde übrigens auch durch den 11. September 2001 berühmt, weil der damalige US-Präsident Busch dort von den Anschlägen auf das World Trade Center erfuhr.

„Das Internet ist voll von Geschichten über illegales Sammeln von Phragmipedium kovachii am Naturstandort, über Bestechungen, Betrügereien, Verfolgungen, Gerichtsprozesse, Anzeigen, Verleumdungen, falsche Freundschaften und richtige Feindschaften“, schreibt Werner Blahsl im Orchideenkurier 3/07 (Österreich). So ging es u.a. um den Ruhm, als Erstbeschreiber in die Botanikgeschichte einzugehen. Kovach erhielt trotz seiner kriminellen Machenschaften den Zuschlag für die Bezeichnung der Art, weil er halt tatsächlich der erste war.

2002, als die Plünderung und illegale Ausfuhr der Art immer schlimmere Ausmaße annahm, zog Peru die Notbremse und tat das einzig Richtige: Einem peruanischen Orchideenzüchter gestattete die Regierung offiziell, fünf Exemplare mit dem Ziel auszugraben, diese zur Nachzucht tausender Jungpflanzen für den dürstenden Weltmarkt zu nutzen. 2005 erreichten erstmals künstlich nachgezogene Pflanzen Europa.

Die Plünderung der letzten wildwachsenden Exemplare wurde unattraktiv. Heute wird sie bei vielen Züchtern ganz legal nachgezogen. Der Preis ist auf ca. 30 Euro gefallen, die Haltung dieser Naturart jedoch sollte Experten vorbehalten bleiben. Mit den für zentralbeheizte Wohnzimmer hochgezüchteten Baumarktorchideen hat dieser amerikanische Frauenschuh absolut nichts gemein.

Sollte man also auch die letzten 50 Java-Nashörner zur Gewinnung von Horn als angebliche Wunderwaffe gegen Malaria züchten und so vor der Ausrottung bewahren?
Immerhin gibt es eine kleine positive Entwicklung: 2010 sind laut wikipedia zwei junge Java-Nashörner im Ujing Kulon-Nationalpark auf Java gesichtet worden.
Bodo Schwarzberg, Nordhausen
Autor: nnz

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