Mo, 08:22 Uhr
16.08.2004
nnz-Betrachtung: Unendliche Geschichte
Nordhausen (nnz). Kennen Sie die unendliche Geschichte im Landkreis Nordhausen? Nein? Noch nicht? Doch, es gibt sie und sie begann im Jahr 1998, irgendwo in der Goldenen Aue.
Einige Dörfer in der Goldenen Aue wollten ihre Flächen für ein Industriegebiet hergeben. Nur Acker, das würde nicht mehr lohnen, es gebe zu viele Flächen in der Aue. Vor allem aber, es gebe genügend für eine gesunde und effektive Landwirtschaft. Dann begannen die Planungen, irgendwann in den Jahren 1997/98. Und die Aue-Dörfer mussten sich eingestehen, dass all das eine Nummer zu groß für Sie ist. Die Stadt Nordhausen wurde ins Boot geholt, der Planungsverband für das Industriegebiet in der Goldenen Aue geboren. Denn plötzlich merkten auch die letzten Kommunalpolitiker, dass es im Norden des Freistaates nur hier – in der Goldenen Aue – eine ebene Fläche von 100 Hektar geben könne.
Das sahen vor allem die Macher der Landesentwicklungsgesellschaft in Erfurt. Wir schreiben immer noch das Ende des vorigen Jahrhunderts. Vielleicht wurde schon geplant, vielleicht dachte der Verband, man könne das alles – zwar nach dem Baugesetzbuch – ziemlich geräuschlos über die Bühne bringen. Doch die Planer rechneten nicht mit einigen zänkischen Aue-Bewohnern, die sich vor allem am Rande von Urbach niedergelassen hatten. Sie hatten viel Geld in ihr eigenes Heim investiert. Statt von der Hollywood-Schaukel aus vielleicht in Richtung Westen freie Sicht zu haben, schwante ihnen nun die Aussicht einer Industrieanlage mit hohen Schornsteinen und stinkenden Abgasen. Vor allem: Der Wert der gerade geschaffenen eigenen vier Wände schien in Gefahr zu sein. Das darf nicht sein, dachte man in Urbach, und es wurde gegrübelt.
Das Ergebnis war eine Bürgerinitiative. Die Macher aus Urbach machten mobil, der Planungsverband war – ob der ersten Veröffentlichungen in der nnz und anderen Medien – völlig aus dem Häuschen, das nun in der Stadtverwaltung Nordhausen etabliert war. Es war im Jahr 2000, da versicherten Wirtschaftsförderin Dr. Sabine Riebel in der nnz, dass alles nach Recht und Ordnung ablaufen würde, spätestens Mitte 2001 sei die Planung erledigt, dann könne auf den Investor gewartet werden.
Optimismus war angesagt, im Verband, in der Stadt und vielleicht auch im Landratsamt. Doch da war das Industriegebiet eigentlich überhaupt kein Thema, es gab kaum Statements. In Anlehnung der Bürgergespräche in Nordhausen, es sollte eine Aufklärungsberatung des Verbandes im EC-BIC geben. Ein Leser der nnz, es war Volker Theuerkauf aus Steigerthal, besuchte die Info-Schau. Er war bis zu diesem Tag ein Verfechter des Industriegebietes, er war Unternehmer. Doch dann kam alles anders. Die Bürgerinitiative hatte sich schlau gemacht, vorbereitet auf das Aufklärungs-Event, hatte sich belesen, vor allem im Baurecht. Nach dieser Veranstaltung war Volker Theuerkauf zum Befürworter der BI geworden. Seine Enttäuschung vom Planungsverband war riesengroß.
Wohl gemerkt, wir schreiben in unserer Betrachtung immer noch das Jahr 2000. Seit dem sind fast vier Jahre vergangen. Es wurde geplant, die Planungen wurden verworfen, wurden ergänzt, wurden korrigiert, nach dem die LEG eklatante Fehler entdeckt hatte. Und immer wieder mussten sich die Planer gegen Widerstände erwehren. Offiziell hieß der Gegner Bürgerinitiative. Doch inoffiziell waren es die Fehler der Planer und ihrer Helfer. Da räumte Nordhausens Bau- und Wirtschaftsdezernent Dietrich Beyse (CDU) noch am Freitag ein, dass die Fehler hinsichtlich der Veröffentlichung nur Kleinigkeiten seien. Tatsächlich waren sie so schwerwiegend, dass selbst der Verband auf der Kippe zu stehen schien. Nun beschäftigen sich Juristen und Verwalter in Weimar und in Erfurt mit der verfahrenen Planungskiste.
Offiziell soll es jedoch auf einem guten Weg sein, das Industriegebiet. Man hört diese Sätze immer wieder von den kommunalen und Landespolitikern. Seit Monaten. In Kreistagsprotokollen kann man sich schlau machen, was den Menschen als Dienstleistung in Sachen Arbeitsplatzbeschaffung versprochen wurde und vor allem wann. Nur Insider wissen, wie es um die Planungen bestellt ist. Das alles nutzt aber den Menschen, die auf Arbeit warten und hoffen, sehr wenig. Und selten platzte einem der Eingeweihten der Kragen. Ende April war es der Kragen von Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) In der Bleicheröder Deusa sagte Reinholz wörtlich: ...Ich hoffe persönlich ganz stark darauf, dass sich die Gemeinden um Nordhausen herum, was das Gewerbegebiet Goldene Aue betrifft, endlich dazu entscheiden und endlich dazu finden, die entsprechenden Beschlüsse, die entsprechenden Satzungsbeschlüsse in ihrem Planungszweckverband zu treffen und sich zu einigen, denn – ich muss es so deutlich sagen...lange kann ich mir das Theater nicht mehr ansehen; wenn wir nicht zu dem Industriegebiet Goldene Aue kommen, dann gebe ich die Investitionen und Ansiedlungen nach Ringleben, mir bleibt dann gar nichts anderes übrig, als auf den Kyffhäuserkreis auszuweichen. Das Gebiet bei Ringleben ist nun auch so ideal, aber die Häme im Kyffhäuserkreis ist unüberhörbar.
Es ist die Häme über eine (fast) unendliche Geschichte, die ihren Ausgang im vergangenen Jahrtausend nahm. Wie soll man eigentlich noch den Menschen erklären, dass man für 100 Hektar ebene Fläche nun schon sechs Jahre lang plant. Wenn das alles in den kommenden Wochen nicht klappt, dann werden vermutlich nur noch die Türen klappen, die hinter den Planern zugeschlagen werden. Und die Macher der Bürgerinitiative können sich dann auch im kommenden Sommer wieder in der Hollywoodschaukel räkeln und über die Felder der Goldenen Aue in Richtung Nordhausen schauen. Vermutlich mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Dann ist wenigstens dieser Plan aufgegangen.
Peter-Stefan Greiner b>
Autor: nnzEinige Dörfer in der Goldenen Aue wollten ihre Flächen für ein Industriegebiet hergeben. Nur Acker, das würde nicht mehr lohnen, es gebe zu viele Flächen in der Aue. Vor allem aber, es gebe genügend für eine gesunde und effektive Landwirtschaft. Dann begannen die Planungen, irgendwann in den Jahren 1997/98. Und die Aue-Dörfer mussten sich eingestehen, dass all das eine Nummer zu groß für Sie ist. Die Stadt Nordhausen wurde ins Boot geholt, der Planungsverband für das Industriegebiet in der Goldenen Aue geboren. Denn plötzlich merkten auch die letzten Kommunalpolitiker, dass es im Norden des Freistaates nur hier – in der Goldenen Aue – eine ebene Fläche von 100 Hektar geben könne.
Das sahen vor allem die Macher der Landesentwicklungsgesellschaft in Erfurt. Wir schreiben immer noch das Ende des vorigen Jahrhunderts. Vielleicht wurde schon geplant, vielleicht dachte der Verband, man könne das alles – zwar nach dem Baugesetzbuch – ziemlich geräuschlos über die Bühne bringen. Doch die Planer rechneten nicht mit einigen zänkischen Aue-Bewohnern, die sich vor allem am Rande von Urbach niedergelassen hatten. Sie hatten viel Geld in ihr eigenes Heim investiert. Statt von der Hollywood-Schaukel aus vielleicht in Richtung Westen freie Sicht zu haben, schwante ihnen nun die Aussicht einer Industrieanlage mit hohen Schornsteinen und stinkenden Abgasen. Vor allem: Der Wert der gerade geschaffenen eigenen vier Wände schien in Gefahr zu sein. Das darf nicht sein, dachte man in Urbach, und es wurde gegrübelt.
Das Ergebnis war eine Bürgerinitiative. Die Macher aus Urbach machten mobil, der Planungsverband war – ob der ersten Veröffentlichungen in der nnz und anderen Medien – völlig aus dem Häuschen, das nun in der Stadtverwaltung Nordhausen etabliert war. Es war im Jahr 2000, da versicherten Wirtschaftsförderin Dr. Sabine Riebel in der nnz, dass alles nach Recht und Ordnung ablaufen würde, spätestens Mitte 2001 sei die Planung erledigt, dann könne auf den Investor gewartet werden.
Optimismus war angesagt, im Verband, in der Stadt und vielleicht auch im Landratsamt. Doch da war das Industriegebiet eigentlich überhaupt kein Thema, es gab kaum Statements. In Anlehnung der Bürgergespräche in Nordhausen, es sollte eine Aufklärungsberatung des Verbandes im EC-BIC geben. Ein Leser der nnz, es war Volker Theuerkauf aus Steigerthal, besuchte die Info-Schau. Er war bis zu diesem Tag ein Verfechter des Industriegebietes, er war Unternehmer. Doch dann kam alles anders. Die Bürgerinitiative hatte sich schlau gemacht, vorbereitet auf das Aufklärungs-Event, hatte sich belesen, vor allem im Baurecht. Nach dieser Veranstaltung war Volker Theuerkauf zum Befürworter der BI geworden. Seine Enttäuschung vom Planungsverband war riesengroß.
Wohl gemerkt, wir schreiben in unserer Betrachtung immer noch das Jahr 2000. Seit dem sind fast vier Jahre vergangen. Es wurde geplant, die Planungen wurden verworfen, wurden ergänzt, wurden korrigiert, nach dem die LEG eklatante Fehler entdeckt hatte. Und immer wieder mussten sich die Planer gegen Widerstände erwehren. Offiziell hieß der Gegner Bürgerinitiative. Doch inoffiziell waren es die Fehler der Planer und ihrer Helfer. Da räumte Nordhausens Bau- und Wirtschaftsdezernent Dietrich Beyse (CDU) noch am Freitag ein, dass die Fehler hinsichtlich der Veröffentlichung nur Kleinigkeiten seien. Tatsächlich waren sie so schwerwiegend, dass selbst der Verband auf der Kippe zu stehen schien. Nun beschäftigen sich Juristen und Verwalter in Weimar und in Erfurt mit der verfahrenen Planungskiste.
Offiziell soll es jedoch auf einem guten Weg sein, das Industriegebiet. Man hört diese Sätze immer wieder von den kommunalen und Landespolitikern. Seit Monaten. In Kreistagsprotokollen kann man sich schlau machen, was den Menschen als Dienstleistung in Sachen Arbeitsplatzbeschaffung versprochen wurde und vor allem wann. Nur Insider wissen, wie es um die Planungen bestellt ist. Das alles nutzt aber den Menschen, die auf Arbeit warten und hoffen, sehr wenig. Und selten platzte einem der Eingeweihten der Kragen. Ende April war es der Kragen von Wirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) In der Bleicheröder Deusa sagte Reinholz wörtlich: ...Ich hoffe persönlich ganz stark darauf, dass sich die Gemeinden um Nordhausen herum, was das Gewerbegebiet Goldene Aue betrifft, endlich dazu entscheiden und endlich dazu finden, die entsprechenden Beschlüsse, die entsprechenden Satzungsbeschlüsse in ihrem Planungszweckverband zu treffen und sich zu einigen, denn – ich muss es so deutlich sagen...lange kann ich mir das Theater nicht mehr ansehen; wenn wir nicht zu dem Industriegebiet Goldene Aue kommen, dann gebe ich die Investitionen und Ansiedlungen nach Ringleben, mir bleibt dann gar nichts anderes übrig, als auf den Kyffhäuserkreis auszuweichen. Das Gebiet bei Ringleben ist nun auch so ideal, aber die Häme im Kyffhäuserkreis ist unüberhörbar.
Es ist die Häme über eine (fast) unendliche Geschichte, die ihren Ausgang im vergangenen Jahrtausend nahm. Wie soll man eigentlich noch den Menschen erklären, dass man für 100 Hektar ebene Fläche nun schon sechs Jahre lang plant. Wenn das alles in den kommenden Wochen nicht klappt, dann werden vermutlich nur noch die Türen klappen, die hinter den Planern zugeschlagen werden. Und die Macher der Bürgerinitiative können sich dann auch im kommenden Sommer wieder in der Hollywoodschaukel räkeln und über die Felder der Goldenen Aue in Richtung Nordhausen schauen. Vermutlich mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Dann ist wenigstens dieser Plan aufgegangen.
Peter-Stefan Greiner b>


