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Mi, 18:41 Uhr
18.08.2004

Tollympische Spiele

Athen/Nordhausen (nnz). Wer patriotischer Anhänger des deutschen Leistungssports ist, der spielt in diesen Tagen mit dem Gedanken, seine Haushaltskasse zu entlasten, indem er die GEZ-Zahlungen einstellt und seinen Fernseher bei ebay meistbietend verhökert.


Was dem deutschen Sportfreund von der Elite teutonischer Sportsmänner und –frauen bei den aktuellen olympischen Spielen geboten wird, ist so grausam, dass eine weitere Steigerung ins Elend nicht mehr möglich scheint.

Aber halt – da sind ja noch die begnadeten Kommentatoren des germanischen Rundfunks. Scheinbar ahnungslos und offensichtlich dilletantisch auf ihre Aufgabe vorbereitet, wundern sie unter der brütenden Athener Sonne herum und wissen nicht, ob sie die eigenen Sportler beschimpfen sollen oder doch lieber die überraschend starke Konkurrenz aus dem Ausland. Dabei hätte es ausgereicht, die Wettkampfergebnisse der fremden Athleten im Vorfeld zu studieren, um festzustellen, dass beispielsweise unsere Schwimmer hinterher schwimmen werden.

Was ist denn schon passiert?

Der deutsche Schwimmverband muss feststellen, dass die Schwimmwettbewerbe im Freien stattfinden, die deutschen Schwimmer zeigen sich verblüfft darüber, früh aufstehen und schon vormittags zu Vorläufen ins Wasser zu müssen. Das Wasser ist furchtbar nass und ein Großteil des Teams fühlt sich auch nicht so toll in Form. Franziska van Almsick bleibt 2 Sekunden über ihrer Bestzeit – na und? Der Bundestrainer verweist auf weitere Chancen, die genutzt werden können. In späteren Läufen.

Da stellt sich mir die Frage: Wie haben die sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet? Haben sie Ouzo-Trinken geübt, oder den Suflaki-Spieß zu garnieren?

In „seligen“ DDR-Zeiten, die ich mir wirklich nicht zurückwünsche, gab es für nichts eine Ausrede, weil alle Eventualitäten trainiert wurden. Und weil die Trainingspläne so abgestimmt waren, dass die Topathleten bei Topereignissen topfit waren. Und gewannen!

Wie lange wollen uns die Medien noch weis machen, dass Jan Ullrich ein Siegertyp ist? Der freut sich doch inzwischen, wenn er mitfahren darf. In Texas sitzt Lance Armstrong vor seinem TV-Gerät und lacht sich schlapp über die selbsternannten Favoriten, die tapfer in die Pedale treten, griechischen Staub schlucken und irgendwann auch im Ziel ankommen. Und wenn der Lance fertig ist mit Lachen, dann setzt er sich auf sein Rad und trainiert. Das macht er nämlich jeden Tag.

Wie sehr Erfolge mit fähigen Trainern und überlegten Trainingsplänen verbunden sind, lässt sich nicht nur an ostdeutschen Beispielen festmachen. Der Tauber-Bischofsheimer Fechttrainer Emil Beck war unter seinen Schützlingen bestimmt nicht so beliebt wie Verona Feldbusch im Big-Brother-Container, aber seine Fechterinnen bestimmten über Jahre die Weltspitze.

Es geht im deutschen Leistungssport auch nicht um Ost oder West - weil hüben wie drüben die Olympiastützpunkte fehlen - sondern viel mehr darum, was es diesem Staat noch wert ist, bei olympischen Spielen zu glänzen. Und wie stolz und motiviert die deutschen SportlerInnen sind, die Landesfarben zu tragen.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht mehr gefragt. Dann sage doch bitte irgendjemand den Reportern solcher Großereignisse bescheid. Die denken immer noch, sie müssen uns Siege versprechen, um ihre Einschaltquote zu sichern.
Olaf Schulze
Autor: osch

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