Mo, 09:12 Uhr
13.09.2004
Nach fast 60 Jahren ausgegraben
Nordhausen (nnz). Der Zweite Weltkrieg hat Nordhausen verändert. Vieles wurde zerstört, Menschen verloren nicht nur ihr Zuhause, sondern auch Angehörige. Da freut es den 83 jährigen Werner Schachtebeck besonders, daß er die Mauern seines Geburtshauses nach fast 60 Jahren wiederfand.
Nach fast 60 Jahren ausgegraben (Foto: nnz)
Eigentlich suchten die fünf Männer unter der fachlichen Leitung von Denkmalpfleger Hans-Jürgen Grönke nach einer Fränkischen Siedlung, die um 800 am Fuß des Frauenberges gestanden haben soll. Die legten sie nicht frei, aber sie fanden Reste der Häuser der früheren Klostergasse und Martinsstraße, die bis zum Ende des zweiten Weltkrieges hier standen.
1921 wurde Werner Schachtebeck hier in der Nähe des ehemaligen Frauenklosters geboren. Noch bis 1945 lebten hier ehemalige kirchliche Mitarbeiterinnen. Jeder Junge habe damals seine eigene Klosterfrau gehabt, für die er einkaufte und kleine Dienste verrichtete, berichtet der 83 jährige. Früher war der Bereich zwischen Frauenberg und Mühlgraben voller Leben. Es gab eine Mühle und natürlich einen Kautabakhersteller. Gut habe das gerochen, wenn einmal in der Woche die Würze nach Geheimrezept angesetzt wurde.
Dann kam die Zerstörung durch die Luftangriffe am 3. und 4. April 1945. Der Petersberg mit der inzwischen wieder freigelegten Hüterstraße und die Häuser am Frauenberg wurden auch von Brandbomben nicht verschont. Nach einem ersten Anschlag war Werner Schachtebecks Mutter verschüttet. Dann fiel eine weitere Bombe, eine Brandbombe, aber sie ermöglichte der Frau die Flucht aus dem Kellerfenster. Voller Angst rannte sie die brennende Martinstreppe nach oben. Von alldem bekam der in Kriegsgefangenschaft befindliche Sohn nichts mit. Heute ist er glücklich die Kellerlucke wiederzufinden, durch die seine Mutter entkam.
Die Fortschritte der Ausgrabungen an der Martinstreppe hat der alte Nordhäuser von Anfang an mit großem Interesse verfolgt. Als ehemaliger Kartograph beschäftigt er sich sehr gern mit Heimatgeschichte und besitzt eine Sammlung mit Zeitungsartikeln und Bildern von Nordhausen.
Einen Monat Zeit seine Geburtstätte ausgiebig zu untersuchen bleiben ihm noch. Danach ist wahrscheinlich Schluß mit der Ausgrabung, die vor allem als Demonstrationsobjekt für die Landesgartenschau gedacht war. Leider sei sehr wenig dafür geworben worden, meint Werner Kaiser, der über eine Arbeitsmaßnahme dort gräbt. Ein Schild am Nordbrand-Eingang der LGS mit dem Hinweis auf die Arbeiten hätte doch schon gereicht.
Gefunden haben die fünf Männer bisher nichts von großem materiellen Wert, berichtet Kaisers Kollege Frank Hoffmann. Münzen und Keramik aus dem 14 Jahrhundert, Hausrat aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sogar ein gut erhaltenes Fieberthermometer ist darunter, aber durch die Hitze der Brandbomben hat es seine Funktion verloren.
Unter den im Krieg zerstörten Häusern, die etwa 1860/70 gebaut wurden, befanden sich noch um einiges ältere Gewölbe. Es wird vermutet, daß sie zu dem um 1200 gegründeten Kloster gehören und vielleicht als Keller genutzt wurden. Die Mauer des Südportals steht ja noch für alle sichtbar neben der Ausgrabungsstätte. Lange wird sie der Witterung nicht mehr trotzen, meint Werner Kaiser. Er würde diesen Zeugen der Geschichte gern für interessierte Bürger erhalten und die Mauerkrone versiegeln, befürchtet aber, daß dies wieder am Geld scheitern könnte.
Es wäre hier noch eine Menge zu entdecken. Vieles liegt unter dem aus den alten Gewölben herausgeholten und abgelagerten Schutt. Vier Häuser standen bis 1945 an der Ecke nahe der Treppe und sind jetzt im Grundriß zu sehen. Alte Fotos belegen weitere Häuser. Noch besteht sogar die Hoffnung, daß sich doch Teile einer fränkischen Siedlung finden. Es sei naheliegend, daß schon um 800 Menschen an dieser Stelle siedelten, meinen die Ausgräber.
Egal ob die Siedlung nun hier war oder nicht, solch ein freigelegtes Stück Geschichte sollte für alle Bürger zu besichtigen sein. Lange können die Zeitzeugen wie Werner Schachtebeck nicht mehr von den Schrecken des Krieges berichten, dann müssen Orte wie die Hüterstraße oder eben diese Grabung die Aufgabe übernehmen, die jungen Menschen zu informieren und zu erinnern.
Es ist selbstverständlich, daß aus Kostengründen nicht immer jemand da sein und das Objekt erklären kann. Dafür reicht auch eine Schautafel aus. Schlimm für die Geschichtsforschung wäre es aber, wenn die Gewölbe nach der Landesgartenschau sich selbst überlassen, schlimmstenfalls sogar zugeschüttet werden würden.
Zum Tag des Denkmals kamen einige Bürger vorbei, um sich von kompetenten Mitarbeitern in die Vergangenheit führen zu lassen. Wer sich für Archäologie und Heimatgeschichte interessiert, außerdem natürlich auch alle Heimatkunde- und Geschichtslehrer, sollten die Ausgrabung an der Martinstreppe nutzen, solange es noch geht. Vielleicht bleibt dann auch für Werner Schachtebeck noch mehr Zeit, sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Autor: wf
Nach fast 60 Jahren ausgegraben (Foto: nnz)
Eigentlich suchten die fünf Männer unter der fachlichen Leitung von Denkmalpfleger Hans-Jürgen Grönke nach einer Fränkischen Siedlung, die um 800 am Fuß des Frauenberges gestanden haben soll. Die legten sie nicht frei, aber sie fanden Reste der Häuser der früheren Klostergasse und Martinsstraße, die bis zum Ende des zweiten Weltkrieges hier standen.
1921 wurde Werner Schachtebeck hier in der Nähe des ehemaligen Frauenklosters geboren. Noch bis 1945 lebten hier ehemalige kirchliche Mitarbeiterinnen. Jeder Junge habe damals seine eigene Klosterfrau gehabt, für die er einkaufte und kleine Dienste verrichtete, berichtet der 83 jährige. Früher war der Bereich zwischen Frauenberg und Mühlgraben voller Leben. Es gab eine Mühle und natürlich einen Kautabakhersteller. Gut habe das gerochen, wenn einmal in der Woche die Würze nach Geheimrezept angesetzt wurde.
Dann kam die Zerstörung durch die Luftangriffe am 3. und 4. April 1945. Der Petersberg mit der inzwischen wieder freigelegten Hüterstraße und die Häuser am Frauenberg wurden auch von Brandbomben nicht verschont. Nach einem ersten Anschlag war Werner Schachtebecks Mutter verschüttet. Dann fiel eine weitere Bombe, eine Brandbombe, aber sie ermöglichte der Frau die Flucht aus dem Kellerfenster. Voller Angst rannte sie die brennende Martinstreppe nach oben. Von alldem bekam der in Kriegsgefangenschaft befindliche Sohn nichts mit. Heute ist er glücklich die Kellerlucke wiederzufinden, durch die seine Mutter entkam.
Die Fortschritte der Ausgrabungen an der Martinstreppe hat der alte Nordhäuser von Anfang an mit großem Interesse verfolgt. Als ehemaliger Kartograph beschäftigt er sich sehr gern mit Heimatgeschichte und besitzt eine Sammlung mit Zeitungsartikeln und Bildern von Nordhausen.
Einen Monat Zeit seine Geburtstätte ausgiebig zu untersuchen bleiben ihm noch. Danach ist wahrscheinlich Schluß mit der Ausgrabung, die vor allem als Demonstrationsobjekt für die Landesgartenschau gedacht war. Leider sei sehr wenig dafür geworben worden, meint Werner Kaiser, der über eine Arbeitsmaßnahme dort gräbt. Ein Schild am Nordbrand-Eingang der LGS mit dem Hinweis auf die Arbeiten hätte doch schon gereicht.
Gefunden haben die fünf Männer bisher nichts von großem materiellen Wert, berichtet Kaisers Kollege Frank Hoffmann. Münzen und Keramik aus dem 14 Jahrhundert, Hausrat aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sogar ein gut erhaltenes Fieberthermometer ist darunter, aber durch die Hitze der Brandbomben hat es seine Funktion verloren.
Unter den im Krieg zerstörten Häusern, die etwa 1860/70 gebaut wurden, befanden sich noch um einiges ältere Gewölbe. Es wird vermutet, daß sie zu dem um 1200 gegründeten Kloster gehören und vielleicht als Keller genutzt wurden. Die Mauer des Südportals steht ja noch für alle sichtbar neben der Ausgrabungsstätte. Lange wird sie der Witterung nicht mehr trotzen, meint Werner Kaiser. Er würde diesen Zeugen der Geschichte gern für interessierte Bürger erhalten und die Mauerkrone versiegeln, befürchtet aber, daß dies wieder am Geld scheitern könnte.
Es wäre hier noch eine Menge zu entdecken. Vieles liegt unter dem aus den alten Gewölben herausgeholten und abgelagerten Schutt. Vier Häuser standen bis 1945 an der Ecke nahe der Treppe und sind jetzt im Grundriß zu sehen. Alte Fotos belegen weitere Häuser. Noch besteht sogar die Hoffnung, daß sich doch Teile einer fränkischen Siedlung finden. Es sei naheliegend, daß schon um 800 Menschen an dieser Stelle siedelten, meinen die Ausgräber.
Egal ob die Siedlung nun hier war oder nicht, solch ein freigelegtes Stück Geschichte sollte für alle Bürger zu besichtigen sein. Lange können die Zeitzeugen wie Werner Schachtebeck nicht mehr von den Schrecken des Krieges berichten, dann müssen Orte wie die Hüterstraße oder eben diese Grabung die Aufgabe übernehmen, die jungen Menschen zu informieren und zu erinnern.
Es ist selbstverständlich, daß aus Kostengründen nicht immer jemand da sein und das Objekt erklären kann. Dafür reicht auch eine Schautafel aus. Schlimm für die Geschichtsforschung wäre es aber, wenn die Gewölbe nach der Landesgartenschau sich selbst überlassen, schlimmstenfalls sogar zugeschüttet werden würden.
Zum Tag des Denkmals kamen einige Bürger vorbei, um sich von kompetenten Mitarbeitern in die Vergangenheit führen zu lassen. Wer sich für Archäologie und Heimatgeschichte interessiert, außerdem natürlich auch alle Heimatkunde- und Geschichtslehrer, sollten die Ausgrabung an der Martinstreppe nutzen, solange es noch geht. Vielleicht bleibt dann auch für Werner Schachtebeck noch mehr Zeit, sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.



