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Do, 17:00 Uhr
30.01.2025
Gretchenfrage Straßenbahn

Ein gordischer Verkehrsknoten?

In der Nordhäuser Stadtpolitik wird gerade laut über Sparmaßnahmen nachgedacht, auch der Nahverkehr mit Bus und Bahn liegt auf dem Tisch. Im Raum steht eine Übertragung der Aufgabe an den Landkreis, mit einem Federstrich wäre die aber nicht zu machen, wie aus einem Schreiben des Landratsamtes hervorgeht, welches der nnz vorliegt…

Gehen bei der Straßenbahn bald die Lichter aus? - in der Stadt denkt man über eine Rückübertragung an der Nahverkehrsaufgabe an den Kreis nach, doch das hätte vermutlich größere Konsequenzen (Foto: agl) Gehen bei der Straßenbahn bald die Lichter aus? - in der Stadt denkt man über eine Rückübertragung an der Nahverkehrsaufgabe an den Kreis nach, doch das hätte vermutlich größere Konsequenzen (Foto: agl)

Die Straßenbahn, sie liegt dem Nordhäuser traditionell am Herzen, „die Elektrische“ gehört seit über einhundert Jahren zum Stadtbild. In Thüringen ist man die einzige kreisangehörige Kommune, die eine Straßenbahn unterhält und die Organisation von Bus- und Bahnverkehr im Stadtgebiet selber auf die Beine stellt. Nach fast genau drei Jahrzehnten könnte damit Ende kommenden Jahres Schluss sein, zwischen Rathaus und Stadtrat sucht man nach Einsparpotentialen und denkt über eine Rückübertragung der Trägerschaft an den Kreis nach. Neu ist die Diskussion nicht, zuletzt wurde eine Rückübertragung 2021 im Stadtrat nach eingehender Diskussion abgelehnt. Steigende Kosten sorgen inzwischen aber für dunkle Wolken am Haushalts-Himmel und seit November vergangenen Jahres steht der Nordhäuser Sonderweg wieder auf der Agenda.

Anfang Dezember erging ein Schreiben des Oberbürgermeisters an die Fraktionsvorsitzenden der im Stadtrat vertretenen Parteien. Darin heißt es:

Ziel der Diskussion und Abstimmung im Stadtrat der Stadt Nordhausen ist daher die Entscheidung, entweder mit der Rückgabe an den gesetzlich bestimmten Aufgabenträger - den Landkreis - eine faire Verteilung der Kosten des ÖPNV im gesamten Landkreis zu erzielen - wie thüringenweit üblich oder weiterhin freiwillig den städtischen ÖPNV zu 100 % zu schultern, den ÖPNV im Landkreis zu mehr als 50% mitzufinanzieren und daraus folgend Pflichtaufgaben und freiwillige Aufgaben im städtischen Haushalt fortan hinten anzustellen.

Rund drei Millionen Euro kostet der Betrieb des Nahverkehrs die Stadt zuletzt jährlich, in diesem Jahr sollen die Kosten auf rund 4,5 Millionen Euro steigen, rechnet das Rathaus vor. Zudem decke man über die Kreisumlage zusätzlich rund 54 Prozent des ungedeckten Finanzbedarfs im weiteren Regionalverkehr, was weitere Kosten in Höhe von rund 2,4 Millionen Euro ausmache. Die anderen Kommunen des Kreises habe die Stadt Nordhausen so in den vergangenen Jahren deutlich entlastet, heißt es weiter. Eine solche Doppelfinanzierung gebe es im Rest des Freistaates nicht, die Refinanzierung habe man auf Landesebene bisher nicht im Blick

Zwei Vorschläge unterbreitet das Rathaus: die Rückgabe an den Landkreis oder aber eine Anrechnung der Leistung auf die Kreisumlage, ähnlich zur Regelung der Schulumlage. Die muss von der Stadt nicht entrichtet werden, weil man selber als Schulträger auftritt. Dafür müsste die Landesseite den betreffenden Gesetzestext ändern, die aktuelle Formulierung sei „generell abstrakt“. Mit Verweis auf einen Sonderweg den die Stadt Eisenach 2022 gefunden hat, führt das Rathaus weiter an, dass es sich hier nicht um eine „Lex Nordhausen“ handeln würde und bittet die Fraktionen darum, auf Landesebene für die Lösung zu werben.

Ein Gordischer Knoten?
Im Finanzausschuss war diese Woche von dem Ansatz nichts zu hören, im Fokus der Diskussion standen Verfahrensfragen und die Abwägung der Folgen einer möglichen Rückgabe an den Kreis. Dem zugrunde lag ein Antwortschreiben des Landratsamtes.

Im Schreiben der Kreisverwaltung, welches der nnz vorliegt, weist man zunächst auf die gesetzlich bestimmten Pflichten hin, und schreibt: Unsere Aufgabe besteht allein darin die einzelnen Gemeinden bzw. Siedlungen miteinander zu verbinden. […] Zusätzlich dazu ist der Landkreis Nordhausen als Schulträger […] für die Beförderung der Schüler auf seinem Gebiet zuständig.

Mit Blick auf die bisherige Aufgabenerfüllung danke man für die von der Stadt getätigten Ausführungen, für den Kreis als Aufgabenträger seien diese jedoch nicht relevant. Für die Aufgabenerfüllung spiele es keine Rolle, wie Ober- und Grundzentren ihre Prioritäten im ÖPNV setzen. Es „besteht für den Landkreis Nordhausen keine Verpflichtung eigene Straßenbahn- und Stadtbusverkehre zur Erschließung von innerörtlichen Relationen zu unterhalten“. Grob übersetzt: es wäre nicht Aufgabe des Kreises, bei einer Rücknahme der Verantwortung dafür zu sorgen, dass in Nordhausen Straßenbahn und Bus weiter wie bisher rollen. Maßgebend sei die Gleichbehandlung der Gemeinden - entweder müsste das Fahrtenangebot im Kreis ausgebaut oder das in der Stadt reduziert werden.

Das wäre aber nur die Spitze des Eisberges. Durch drei Jahrzehnte geteilte Aufgabenträgerschaft sind Kreis und Stadt in Verkehrsfragen eng miteinander verbunden. Entscheidet der Stadtrat, die Trägerschaft abzugeben, stehe auch die Sinn und Notwendigkeit der gemeinsamen Verkehrsbetriebe Nordhausen (VBN) und der „Holding für Versorgung und Verkehr“ (HVV) zur Debatte. Das Landratsamt führt aus:

Wir möchten an dieser Stelle daran erinnern, dass bei der VBN keine Verwaltungsmitarbeiter beschäftigt werden, sondern diese Dienstleistungen durch die HVV erbracht werden. Die Kosten dafür belaufen sich allein im Wirtschaftsjahr 2025 auf einen Betrag in Höhe von 799.076. € und sichern damit auch die Struktur und Aufgabenerfüllung der städtischen Holding ab.

Für 2025 rechne die HVV mit Umsatzerlösen in Höhe von rund 2,48 Millionen Euro durch die kommunalen Dienstleistungen, was etwas über 50 Prozent des Gesamtumsatzes ausmache. Ein Großteil dieser Erlöse werde über die Sparten des Kreises erwirtschaftet, der Gewinn werde unabhängig davon zu gleichen Teilen an Stadt und Kreis verteilt. Innerhalb der HVV wirkt man im Querverbund und finanziert durch die Gewinne in Bereichen wie der Energieversorgung durch die EVN auch Nordhäuser Insitutionen wie das Badehaus und eben die Straßenbahn mit.

An dem Modell würde man im Landratsamt gerne festhalten, die gewachsene Struktur habe sich bewährt. Eine Aufkündigung des bisherigen Konsens oder eine Verlagerung der Kosten für den Straßenbahnbetrieb in die Kreisumlage betrachte man aktuell „nicht als zielführend“.

Sollte die Rücküberführung dennoch gewünscht sein, so ergäben sich eine Reihe von Fragen speziell zur Zukunft von VBN und HVV, wichtige Informationen zur Bewertung etwaiger Auswirkungen fehlten noch. Der Kreis bittet in dem Schreiben um die Beantwortung von sechs Fragen zu Fördermitteln, Kredit- und Rückzahlungsverpflichtungen, Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit der Unternehmen, dem Anlagevermögen der Stadtsparten, zur Infrastruktur wie Gleisen, Oberleitungen und Straßenbahndepot sowie der „Linie 10“, die man in Kooperation mit der Harzer Schmalspurbahn betreibt.

"Aus unserer Sicht ist nicht einmal klar, ob die Stadt mit diesem Schritt tatsächlich Geld sparen würde. Wir haben in meiner Zeit im Rathaus das auch einmal durchgerechnet und kamen zu dem Schluss, dass man am Ende eher drauf zahlen würde", sagt Landrat Matthias Jendricke der nnz. Werde die Aufgabe an den Kreis übertragen, müsste die Gemeinde für Teile des innerstädtischen Verkehrs trotzdem aufkommen, der Betrieb der Linie A oder auch die Straßenbahn wären Leistungen, welche die Stadt beim alleinigen Aufgabenträger bestellen und auch bezahlen müsste. Über den Querverbund, die Holding und die Kooperation mit der HSB habe die Stadt finanzielle Rückflüsse, die in den bisherigen Überlegungen nicht ausreichende Beachtung finden würden, so Jendricke weiter.

Gänzlich abgeneigt wäre man im Landratsamt aber wohl nicht, liegt etwa die Straßenbahn wieder im Aufgabenbereich des Kreises, könnten auch die Pläne zur "Linie 20" vorgeholt werden, die von Seiten der Stadt bisher immer abgelehnt worden waren. "Die Idee zum Lückenschluss über die Parkallee auf die Gleise der HSB ist immer noch gut, gerade für den Schülertransport aus dem nördlichen Landkreis. Wenn die Rückübertragung vom Stadtrat gewünscht wird, dann stehen wir aber erst einmal vor einer ganzen Reihe an komplexen Verwerfungen, die wenig Zeit für Neuinvestitionen lassen würden. Ich halte das für ein Spiel mit dem Feuer. Das Konstrukt wie wir es jetzt haben ist rechtmäßig und kein falscher Zustand."

Die Komplexität der Sache hat man diese Woche auch im Finanzausschuss gesehen, das Für und Wider sollten beide Verwaltungen unter Einbeziehungen politischer Vertreter aus Stadtrat und Kreistag im Detail klären, ehe eine Entscheidung gefällt werden kann, so der Wunsch der Damen und Herren Stadträte.

Das Schreiben der Stadtverwaltung findet der interessierte Leser hier , die Antwort aus dem Landratsamt kann man sich hier zu Gemüte führen.
Angelo Glashagel
Autor: red

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Kommentare
Kitty Kat
30.01.2025, 19:06 Uhr
Eine Straßenbahn
in einer Stadt dieser Größe in mageren Zeiten...finde den Fehler. Luxus kostet eben, man kann es sich leisten oder eben nicht.
KeinKreisverkehr
31.01.2025, 08:43 Uhr
Straßenbahn und ÖPNV sind kein Luxus.
Es ist eine notwendig kein in der Gipfel der Gleichberechtigung und sollte um jeden Preis erhalten und attraktiver gemacht werden.

Mit dem Fokus auf den motorisierten Individualverkehr schließt man pauschal einen großen Teil der Bevölkerung aus. Nämlich alle die keinen Führerschein haben, oder zu jung sind, oder zu alt sind um sich mit gutem Gewissen ans Steuer zu setzen. Oder aufgrund von Einschränkungen keinen Führerschein erwerben dürfen.

Im Vergleich würde ich gerne mal wissen wie viel der motorisierte Individualverkehr mit all seinen Folgen die Stadt kostet und ob man da nicht etwas einsparen kann.

Die Stadt muss attraktiver werden für Bus und Straßenbahn. Aber das kommt gezwungener Maßen damit einher, dass Autofahrern weniger Priorität genießen.

Aber nach Jahren der Übervorteilung fühlt sich Gleichberechtigung and wie Vernachlässigung.
Herr Schröder
31.01.2025, 09:14 Uhr
Das Land ist hier gefragt
Bisher haben die jeweiligen Landesregierungen versäumt kreisangehörige Städte wie Nordhausen finanziell so auszustatten, dass diese ihren Nahverkehr selbst gestalten können und zwar inkl. Straßenbahn. Interessant wäre hier auch, wie das beispielsweise in Halberstadt oder Gotha gehandhabt wird.
Also sind hier die Nordhäuser Landtagsabgeordneten gefragt. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit zu zeigen, dass man für Nordhausen kämpft anstatt sich im Postengeschacher zu verlieren.
Gelingt das nicht bleibt der Stadt keine andere Wahl als den ÖPNV an den Landkreis abzugeben. Der Landkreis steht hier in der Pflicht während es für die Stadt eine freiwillige Leistung ist. Das wird dann für den Rest des Kreises über die Kreisumlage richtig teuer. Die jetzt schon steigende Umlage wird dann vielerorts kaum noch zu stemmen sein und die finanzielle Überlebensfähigkeit des ohnehin viel zu kleinen Kreises Nordhausen steht einmal mehr in Frage. Viele Gemeinden haben heute schon Schwierigkeiten einen ausgeglichenen Haushalt aufzustellen.
franz1985
31.01.2025, 09:54 Uhr
Landkreis
Vielleicht sollte der Landreis den Busverkehr übernehmen und die Stadtverwaltung die Straßenbahn behalten.
Ich finde dieses wäre eine Zwischenlösung und die Stadt kann Ihre tolle traditionelle Straßenbahn behalten.
Marino50
31.01.2025, 10:49 Uhr
Verkehrsknoten
Ich liebe die Tram hier in Nordhausen. Sie ist mein Beförderungsmittel und das sehr vieler alter Menschen und Schüler. Nicht auszudenken, wenn es sie nicht mehr geben würde.
Ich stelle mir vor, dass auf den Gleisen Draisinen eingesetzt werden und vielleicht über Land in die Dörfer Rikschas fahren. Das wäre doch umweltfreundlich und verbraucht keinen Strom.
Ich hoffe, dass eine Einigung herbeigeführt werden kann, auch im Sinne vieler Anwohner und Besucher von Nordhausen.
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