Mi, 15:30 Uhr
07.01.2026
Rück- und Ausblick auf den Arbeitsmarkt
In die Glaskugel geblickt
Zu Beginn eines jeden Jahres blickt man auch bei der Agentur für Arbeit auf die vergangenen Monate zurück und wagt einen Ausblick auf die Zukunft. Die optimistische Vorraussage des letzten Jahres hat man nur knapp verfehlt, trotz großer Herausforderungen für Arbeitsmarkt und Industrie...
Bei der Agentur für Arbeit wurde heute wieder in die Glaskugel geblickt (Foto: Pietro Merola/pixabay.com)
Wie jedes Jahr im Januar blickte Karsten Froböse, der Leiter der Nordthüringer Agentur für Arbeit, auch Anfang 2025 in die metaphorische Glaskugel. Demographische Probleme und fehlender Rückenwind für die Konjunktur solllten bestimmend für das Jahr werden, am Ende würde man etwa bei über 13.200 Arbeitslosen liegen, wenn die Dinge schlecht liefen. Ginge das Jahr gut vorüber, so sollte man die Marke von 12.700 Arbeitslosen in Nordthüringen unterschreiten.
Soweit die Voraussage vor 12 Monaten, heute nun folgte die Bilanz und der Blick auf die Realität. Die gute Nachricht: die Zielvorgabe für den optimistischen Ausgang des Jahres hat man mit 12.739 Arbeitslosen zum Jahresende nur knapp verfehlt. Das ist ein ausgesprochen positives Ergebnis, es gibt Licht am Arbeitsmarkt, sagt Froböse heute. Alle vier Landkreise lagen im Dezember deutlich unter zehn Prozent Arbeitslosigkeit, trotz saisonaler Schwankungen sank die Quote in allen Regionen, am stärksten in Nordhausen mit einem Minus von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Besser als erwartet
Trotz der angespannten Lage am Arbeitsmarkt entwickelten sich die Arbeitslosenzahlen im letzten Jahr besser als erwartet. Über den Jahresverlauf waren durchschnittlich 12.539 Frauen und Männer arbeitslos, 200 Personen bzw. 1,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote für den Agenturbezirk betrug 6,8 Prozent, 2024 lag sie bei 6,9 Prozent.
Weniger Arbeitslose als vor einem Jahr, das ist in vielen Regionen Deutschlands aktuell leider nicht der Fall. Dieses Ergebnis ist vor allem auf die erfolgreiche Integrationsarbeit in den Jobcentern zurückzuführen. Dort ist es über das gesamte Jahr hinweg gelungen, die Arbeitslosigkeit zu senken, erläutert der Agenturleiter. Im Landkreis Nordhausen entwickelten sich die Arbeitslosenzahlen am günstigsten. Mit 3.403 arbeitslosen Frauen und Männern im Jahresdurchschnitt 2025 sank die Arbeitslosigkeit hier um 3,4 Prozent zum Vorjahr. Auch im Kyffhäuserkreis und im Eichsfeld waren 2025 im Durchschnitt weniger Personen arbeitslos als im Vorjahr. Im Unstrut-Hainich-Kreis hingegen stieg die Arbeitslosigkeit zum Vorjahr leicht an. 2025 waren hier 3.676 Arbeitslose gemeldet, 0,9 Prozent bzw. 34 Personen mehr als 2024. Während das Jobcenter Unstrut-Hainich-Kreis 2,3 Prozent weniger Arbeitslose betreute, stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Arbeitsagentur konjunkturbedingt um 7,4 Prozent.
Licht und Schatten am Arbeitsmarkt
Froböse räumt aber auch ein, dass man weiter vor großen Herausforderungen steht. Die Jugendarbeitslosigkeit im Dezember war höher als vor einem Jahr. Menschen ohne Berufsabschluss und Berufserfahrung verlieren in wirtschaftlich angespannten Zeiten eher ihren Job. Deshalb werden wir auch im neuen Jahr unsere Anstrengungen vor allem auf Bildung richten. Nordthüringens Arbeitsmarkt braucht bereits heute und künftig noch mehr gut ausgebildete Fachkräfte, betont der Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Thüringen Nord.
Größtes Sorgenkind ist im Moment die Entwicklung der allgemeinen Beschäftigung, die seit Monaten rückläufig ist. Ende Juni 2025 waren 115.857 Personen sozialversicherungspflichtig in Nordthüringen beschäftigt – 2.195 weniger als noch ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Rückgang der Beschäftigung um 1,9 Prozent zum Vorjahreswert. Damit gehört der Agenturbezirk zu den zehn am stärksten betroffenen Bezirken bundesweit. Vor allem die Zeitarbeit und das Verarbeitende Gewerbe verloren in den vergangenen anderthalb Jahren Beschäftigte. Im Juni waren 2.040 Personen weniger in diesen Wirtschaftsbereichen tätig als im Juni 2024. Auch im Bereich Arbeitnehmerüberlassung ist der Rückgang deutlich und ein Marker für der wirtschaftlichen Lage. Die Entwicklung folgt einem Zusammenspiel von konjunktureller Schwäche, die nicht alleine die Region betrifft und der demographischen Entwicklung, deren Auswirkungen zunehmend deutlicher zu Tage treten. Über ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind älter als
55 Jahre. Sie treten zunehmend aus dem Erwerbsleben aus und hinterlassen Lücken in den Betrieben, die allein durch bereits beschäftigte Jüngere nicht zu füllen sind. Weniger als zehn
Prozent aller Beschäftigten sind jünger als 25 Jahre.
Transformation und Optimismus
Stark betroffen vom Beschäftigungsrückgang sind die Zulieferer der deutschen Autoindustrie entlang der A38, führte Marcel Kübler vom Nordthüringer Unternehmerverband aus. Der Stellenabbau sei hier kein reines Problem des Thüringer Nordens. Wir kennen das Fachkräfteproblem, wir sehen den Reformstau in Berlin und die Nachteile, die Deutschland im internationalen Wettbewerb immer noch hat. Wenn wir die Rahmenbedingungen verbessern können, etwa beim Industriestrom oder durch die Senkung der Lohnnebenkosten, dann werden wir auch wieder mehr Investitionen sehen, sagt Kübler.
Abseits der gebeutelten Zulieferer habe die Region im vergangenen Jahr auch wirtschaftliches Wachstum gesehen und verfüge Jenseits der Automobilbranche über gute, innovative und moderne Unternehmen, sowie das nötige Know-How um für Transformationsprozesse wie den Einzug von Automatisierung und KI gewappnet zu sein und profitieren zu können.
Und Platz für eine größere Neuansiedlung gebe es auch, das Industriegebiet Goldene Aue liegt Anfang 2026 aber so brach wie und je. Es gibt weiterhin Gespräche mit Interessenten, die auch Substanz haben. Der Nordthüringer Unternehmerverband hat sich besonders darum bemüht, diesen Prozess positiv zu begleiten und die Abstimmung mit der Politik vorangetrieben. Aber wir stehen auch in der Konkurrenz mit anderen Standorten und bei den Summen, um die es hier geht, werden keine schnellen Entscheidungen getroffen, so Kübler und gibt zu bedenken, das dass Areal pro forma erst seit acht Jahren in der Vermarktung ist. Wie schon in der Vergangenheit wird es auch heute nicht konkreter, die Glaskugel bleibt trüb, lässt für Optimisten aber auch Raum für sachten Hoffnungsschimmer.
Integrationsmaßnahmen zeigen Wirkung
So auch diese Gespräche im Sande verlaufen sollten, müsse auch über eine Änderung der Strategie nachgedacht werden, meint Marcel Kübler, ein Ansatz wäre die Aufteilung des Gebietes in kleinere Tranchen, um statt einem großen Investor vielleicht mehrere, kleinere Industriebetriebe zu locken.
Das Eine wie das Andere wäre vergebene Mühe ohne entsprechende Arbeitskräfte vor Ort und da liegt das zweite Dauerproblem der Region: der Fachkräftemangel, auf den ebenfalls die Demographie drückt. Das Beschäftigungspotential deutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt ab und wird auch in den kommenden Jahren weiter sinken. Daher sei die Beschäftigung von Ausländern wichtig, um den Arbeitskräftebedarf zu decken, erläutert Karsten Froböse und kann auch positive Entwicklungen vermelden: Ende Juni 2025 waren 9.587 Ausländer in Nordthüringen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 239 Personen bzw. 2,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil ausländischer Beschäftigter lag bei 8,3 Prozent an der Gesamtbeschäftigung.
Bis 2023 war die Zuwanderung Geflüchteter in den Agenturbezirk ausschlaggebend für steigende Arbeitslosenzahlen. Betroffen davon waren vor allem die Jobcenter. Den Höchststand erreichte die Ausländerarbeitslosigkeit im Jahr 2023 mit mehr als 2.700 Personen. In den vergangenen zwei Jahren konnte diese Zahl allerdings gesenkt werden: 2.411 Ausländer waren im Jahresdurchschnitt 2025 arbeitslos gemeldet, 10,3 Prozent weniger als 2024. Die Arbeitslosenquote betrug 21,4 Prozent. 2024 lag sie noch bei 26,9 Prozent. Dieser Effekt trat in allen vier Landkreisen des Agenturbezirks auf. Am stärksten war er 2025 in Nordhausen. Während hier die Arbeitslosenquote der Ausländer im Jahr 2024 bei 33,8 Prozent lag, konnte sie im Jahresdurchschnitt 2025 auf 25,3 Prozent gesenkt werden. Auch das ist noch eine sehr hohe Quote. Es bleibt deshalb weiterhin unsere Aufgabe, arbeitslose Migrantinnen und Migranten zu qualifizieren und zu vermitteln, erklärt Froböse. Aber die Entwicklung zeige auch, dass die Maßnahmen der letzten Jahre greifen würden. Wir neigen in Deutschland zu Sofortitis, wenn wir etwas neues versuchen, müssen Ergebnisse möglichst sofort sichtbar sein. Bei der Arbeitsmarktintegration zeigt sich, dass es Zeit gebraucht hat, aber die gewünschten Effekte nun auch eintreten.
Ausbildung sichert Arbeit
Jeder zehnte Arbeitslose war im vergangenen Jahr jünger als 25 Jahre. Insgesamt betreuten die Arbeitsagenturen und Jobcenter Nordthüringens 1.275 arbeitslose Jugendliche. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen betrug 7,4 Prozent.
Die höchste Jugendarbeitslosigkeit wies der Landkreis Nordhausen auf. Die Arbeitslosenquote der Jüngeren belief sich auf 9,7 Prozent und lag damit im Jahresdurchschnitt 0,1 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert. Im Jahresverlauf zeigten sich jedoch auch die Erfolge der Maßnahmen zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit. Seit September 2025 lag die Zahl arbeitsloser unter-25-Jähriger unter dem jeweiligen Vorjahreswert.
Im Eichsfeld, dem Kyffhäuserkreis und dem Unstrut-Hainich-Kreis konnte die durchschnittliche Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen zum Vorjahr gesenkt werden. Im Unstrut-Hainich-Kreis war die Differenz zum Jahresdurchschnittswert 2024 am größten. Dort betrug die Arbeitslosenquote der 15-25-Jährigen 8,5 Prozent. Im Vorjahr lag sie noch bei 9,4 Prozent.
75 Prozent (956) aller arbeitslosen Jugendlichen verfügten über keinen oder keinen anerkannten Berufsabschluss. Ohne Qualifikation steigt das Risiko arbeitslos zu werden maßgeblich: Die Arbeitslosenquote von Hilfskräften lag 2024 thüringenweit bei 18,9 Prozent. Damit war sie fünfmal so hoch wie die von Fachkräften. Deshalb haben Aus- und Weiterbildung auch 2026 besondere Bedeutung für die Fachkräftesicherung in der Region.
Tragendes Element bleibt die duale Berufsausbildung. Damit sichern Nordthüringens Betriebe ihre Personalbedarfe von morgen. Doch das eine ist es, Ausbildungsplätze anzubieten, das andere, sie zu besetzen. In Nordthüringen arbeiten Schule, Arbeitsagentur, und Kammervertreterinnen und -vertreter seit Jahren Hand in Hand, um den Übergang von Schule in den Beruf erfolgreich zu gestalten. Von besonderer Bedeutung ist die berufliche Orientierung junger Menschen. Je früher und besser sie die Betriebe der Region kennen, desto höher ist die Chance, dass sie eine Ausbildung vor Ort aufnehmen. Unter dieser Prämisse wurde der Tag in der Praxis (TiP) 2022 an drei Regelschulen pilotiert.
Karsten Froböse (links) und Marcel Kübler halten hier zwar keine Glaskugel aber trotzdem einen Blick in die Zukunft (der Berufsorientierung): die Nordthüringer Initiative "Tag in der Praxis" wurde 2025 mit dem Deutschen Fachkräftepreis ausgezeichnet (Foto: agl)
Binnen vier Jahren wuchs die Nordthüringer Initiative auf inzwischen 28 teilnehmende Regelschulen und mehr als 1.200 Praktikumsbetriebe. Inzwischen haben sich die Vorteile der kontinuierlichen Berufsorientierung herumgesprochen: Mit TiP gewinnt die gesamte Region. Schülerinnen und Schüler können sich besser für ihren Beruf entscheiden, Betriebe haben die Chance, junge Menschen frühzeitig an sich zu binden und mit ihnen ihre Ausbildungsplätze zu besetzen und langfristig profitiert Nordthüringens Wirtschaft von ausgebildeten Fachkräften., freut sich Froböse und kann auf die Entwicklung der Ausbildungsverträge verweisen, die im vergangenen Jahr in Nordthüringen deutlich über dem Durchschnitt lag. In Nordthüringen haben letztes Jahr 1.314 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung neu begonnen. Das sind 3,5 Prozent mehr Ausbildungsverträge als 2024 – und das in einer Zeit, in der wir starken Beschäftigungsrückgang haben, stellt Karsten Froböse deutlich hervor. Bundesweit ging die Zahl der neu abgeschlossenen betrieblichen Ausbildungsverträge um 2,6 Prozent zurück.
Der Blick in die Glaskugel
Soweit die Rückschau, was aber sagt der traditionelle Blick in die Glaskugel für das neue Jahr voraus? Bestimmend für die kommenden Monate werde die allgemeine, konjunkturelle Entwicklung sowie Demographie und Migration sein, prophezeit Froböse, aber auch die Reform des Bürgergeldes und das Thema Automatisierung und KI werden eine große Rolle spielen. Sinkt die Arbeitslosigkeit in Nordthüringen unter die Marke von 12.300 Personen, dann wird es ein gutes Jahr gewesen sein, springt man hingegen auf über 12.700 Arbeitslose, dann lief es schlecht für Nordthüringen. Ob das Orakel recht behält und wohin das Pendel schwingt, das erfahren wir dann in einem Jahr.
Angelo Glashagel
Die ausführliche Statistik für die Entwicklung im Dezember findet sich hier .
Autor: red
Bei der Agentur für Arbeit wurde heute wieder in die Glaskugel geblickt (Foto: Pietro Merola/pixabay.com)
Wie jedes Jahr im Januar blickte Karsten Froböse, der Leiter der Nordthüringer Agentur für Arbeit, auch Anfang 2025 in die metaphorische Glaskugel. Demographische Probleme und fehlender Rückenwind für die Konjunktur solllten bestimmend für das Jahr werden, am Ende würde man etwa bei über 13.200 Arbeitslosen liegen, wenn die Dinge schlecht liefen. Ginge das Jahr gut vorüber, so sollte man die Marke von 12.700 Arbeitslosen in Nordthüringen unterschreiten.
Soweit die Voraussage vor 12 Monaten, heute nun folgte die Bilanz und der Blick auf die Realität. Die gute Nachricht: die Zielvorgabe für den optimistischen Ausgang des Jahres hat man mit 12.739 Arbeitslosen zum Jahresende nur knapp verfehlt. Das ist ein ausgesprochen positives Ergebnis, es gibt Licht am Arbeitsmarkt, sagt Froböse heute. Alle vier Landkreise lagen im Dezember deutlich unter zehn Prozent Arbeitslosigkeit, trotz saisonaler Schwankungen sank die Quote in allen Regionen, am stärksten in Nordhausen mit einem Minus von 4,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Besser als erwartet
Trotz der angespannten Lage am Arbeitsmarkt entwickelten sich die Arbeitslosenzahlen im letzten Jahr besser als erwartet. Über den Jahresverlauf waren durchschnittlich 12.539 Frauen und Männer arbeitslos, 200 Personen bzw. 1,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote für den Agenturbezirk betrug 6,8 Prozent, 2024 lag sie bei 6,9 Prozent.
Weniger Arbeitslose als vor einem Jahr, das ist in vielen Regionen Deutschlands aktuell leider nicht der Fall. Dieses Ergebnis ist vor allem auf die erfolgreiche Integrationsarbeit in den Jobcentern zurückzuführen. Dort ist es über das gesamte Jahr hinweg gelungen, die Arbeitslosigkeit zu senken, erläutert der Agenturleiter. Im Landkreis Nordhausen entwickelten sich die Arbeitslosenzahlen am günstigsten. Mit 3.403 arbeitslosen Frauen und Männern im Jahresdurchschnitt 2025 sank die Arbeitslosigkeit hier um 3,4 Prozent zum Vorjahr. Auch im Kyffhäuserkreis und im Eichsfeld waren 2025 im Durchschnitt weniger Personen arbeitslos als im Vorjahr. Im Unstrut-Hainich-Kreis hingegen stieg die Arbeitslosigkeit zum Vorjahr leicht an. 2025 waren hier 3.676 Arbeitslose gemeldet, 0,9 Prozent bzw. 34 Personen mehr als 2024. Während das Jobcenter Unstrut-Hainich-Kreis 2,3 Prozent weniger Arbeitslose betreute, stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Arbeitsagentur konjunkturbedingt um 7,4 Prozent.
Licht und Schatten am Arbeitsmarkt
Froböse räumt aber auch ein, dass man weiter vor großen Herausforderungen steht. Die Jugendarbeitslosigkeit im Dezember war höher als vor einem Jahr. Menschen ohne Berufsabschluss und Berufserfahrung verlieren in wirtschaftlich angespannten Zeiten eher ihren Job. Deshalb werden wir auch im neuen Jahr unsere Anstrengungen vor allem auf Bildung richten. Nordthüringens Arbeitsmarkt braucht bereits heute und künftig noch mehr gut ausgebildete Fachkräfte, betont der Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Thüringen Nord.
Größtes Sorgenkind ist im Moment die Entwicklung der allgemeinen Beschäftigung, die seit Monaten rückläufig ist. Ende Juni 2025 waren 115.857 Personen sozialversicherungspflichtig in Nordthüringen beschäftigt – 2.195 weniger als noch ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Rückgang der Beschäftigung um 1,9 Prozent zum Vorjahreswert. Damit gehört der Agenturbezirk zu den zehn am stärksten betroffenen Bezirken bundesweit. Vor allem die Zeitarbeit und das Verarbeitende Gewerbe verloren in den vergangenen anderthalb Jahren Beschäftigte. Im Juni waren 2.040 Personen weniger in diesen Wirtschaftsbereichen tätig als im Juni 2024. Auch im Bereich Arbeitnehmerüberlassung ist der Rückgang deutlich und ein Marker für der wirtschaftlichen Lage. Die Entwicklung folgt einem Zusammenspiel von konjunktureller Schwäche, die nicht alleine die Region betrifft und der demographischen Entwicklung, deren Auswirkungen zunehmend deutlicher zu Tage treten. Über ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind älter als
55 Jahre. Sie treten zunehmend aus dem Erwerbsleben aus und hinterlassen Lücken in den Betrieben, die allein durch bereits beschäftigte Jüngere nicht zu füllen sind. Weniger als zehn
Prozent aller Beschäftigten sind jünger als 25 Jahre.
Transformation und Optimismus
Stark betroffen vom Beschäftigungsrückgang sind die Zulieferer der deutschen Autoindustrie entlang der A38, führte Marcel Kübler vom Nordthüringer Unternehmerverband aus. Der Stellenabbau sei hier kein reines Problem des Thüringer Nordens. Wir kennen das Fachkräfteproblem, wir sehen den Reformstau in Berlin und die Nachteile, die Deutschland im internationalen Wettbewerb immer noch hat. Wenn wir die Rahmenbedingungen verbessern können, etwa beim Industriestrom oder durch die Senkung der Lohnnebenkosten, dann werden wir auch wieder mehr Investitionen sehen, sagt Kübler.
Abseits der gebeutelten Zulieferer habe die Region im vergangenen Jahr auch wirtschaftliches Wachstum gesehen und verfüge Jenseits der Automobilbranche über gute, innovative und moderne Unternehmen, sowie das nötige Know-How um für Transformationsprozesse wie den Einzug von Automatisierung und KI gewappnet zu sein und profitieren zu können.
Und Platz für eine größere Neuansiedlung gebe es auch, das Industriegebiet Goldene Aue liegt Anfang 2026 aber so brach wie und je. Es gibt weiterhin Gespräche mit Interessenten, die auch Substanz haben. Der Nordthüringer Unternehmerverband hat sich besonders darum bemüht, diesen Prozess positiv zu begleiten und die Abstimmung mit der Politik vorangetrieben. Aber wir stehen auch in der Konkurrenz mit anderen Standorten und bei den Summen, um die es hier geht, werden keine schnellen Entscheidungen getroffen, so Kübler und gibt zu bedenken, das dass Areal pro forma erst seit acht Jahren in der Vermarktung ist. Wie schon in der Vergangenheit wird es auch heute nicht konkreter, die Glaskugel bleibt trüb, lässt für Optimisten aber auch Raum für sachten Hoffnungsschimmer.
Integrationsmaßnahmen zeigen Wirkung
So auch diese Gespräche im Sande verlaufen sollten, müsse auch über eine Änderung der Strategie nachgedacht werden, meint Marcel Kübler, ein Ansatz wäre die Aufteilung des Gebietes in kleinere Tranchen, um statt einem großen Investor vielleicht mehrere, kleinere Industriebetriebe zu locken.
Das Eine wie das Andere wäre vergebene Mühe ohne entsprechende Arbeitskräfte vor Ort und da liegt das zweite Dauerproblem der Region: der Fachkräftemangel, auf den ebenfalls die Demographie drückt. Das Beschäftigungspotential deutscher Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt ab und wird auch in den kommenden Jahren weiter sinken. Daher sei die Beschäftigung von Ausländern wichtig, um den Arbeitskräftebedarf zu decken, erläutert Karsten Froböse und kann auch positive Entwicklungen vermelden: Ende Juni 2025 waren 9.587 Ausländer in Nordthüringen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 239 Personen bzw. 2,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil ausländischer Beschäftigter lag bei 8,3 Prozent an der Gesamtbeschäftigung.
Bis 2023 war die Zuwanderung Geflüchteter in den Agenturbezirk ausschlaggebend für steigende Arbeitslosenzahlen. Betroffen davon waren vor allem die Jobcenter. Den Höchststand erreichte die Ausländerarbeitslosigkeit im Jahr 2023 mit mehr als 2.700 Personen. In den vergangenen zwei Jahren konnte diese Zahl allerdings gesenkt werden: 2.411 Ausländer waren im Jahresdurchschnitt 2025 arbeitslos gemeldet, 10,3 Prozent weniger als 2024. Die Arbeitslosenquote betrug 21,4 Prozent. 2024 lag sie noch bei 26,9 Prozent. Dieser Effekt trat in allen vier Landkreisen des Agenturbezirks auf. Am stärksten war er 2025 in Nordhausen. Während hier die Arbeitslosenquote der Ausländer im Jahr 2024 bei 33,8 Prozent lag, konnte sie im Jahresdurchschnitt 2025 auf 25,3 Prozent gesenkt werden. Auch das ist noch eine sehr hohe Quote. Es bleibt deshalb weiterhin unsere Aufgabe, arbeitslose Migrantinnen und Migranten zu qualifizieren und zu vermitteln, erklärt Froböse. Aber die Entwicklung zeige auch, dass die Maßnahmen der letzten Jahre greifen würden. Wir neigen in Deutschland zu Sofortitis, wenn wir etwas neues versuchen, müssen Ergebnisse möglichst sofort sichtbar sein. Bei der Arbeitsmarktintegration zeigt sich, dass es Zeit gebraucht hat, aber die gewünschten Effekte nun auch eintreten.
Ausbildung sichert Arbeit
Jeder zehnte Arbeitslose war im vergangenen Jahr jünger als 25 Jahre. Insgesamt betreuten die Arbeitsagenturen und Jobcenter Nordthüringens 1.275 arbeitslose Jugendliche. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen betrug 7,4 Prozent.
Die höchste Jugendarbeitslosigkeit wies der Landkreis Nordhausen auf. Die Arbeitslosenquote der Jüngeren belief sich auf 9,7 Prozent und lag damit im Jahresdurchschnitt 0,1 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert. Im Jahresverlauf zeigten sich jedoch auch die Erfolge der Maßnahmen zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit. Seit September 2025 lag die Zahl arbeitsloser unter-25-Jähriger unter dem jeweiligen Vorjahreswert.
Im Eichsfeld, dem Kyffhäuserkreis und dem Unstrut-Hainich-Kreis konnte die durchschnittliche Arbeitslosigkeit der unter 25-Jährigen zum Vorjahr gesenkt werden. Im Unstrut-Hainich-Kreis war die Differenz zum Jahresdurchschnittswert 2024 am größten. Dort betrug die Arbeitslosenquote der 15-25-Jährigen 8,5 Prozent. Im Vorjahr lag sie noch bei 9,4 Prozent.
75 Prozent (956) aller arbeitslosen Jugendlichen verfügten über keinen oder keinen anerkannten Berufsabschluss. Ohne Qualifikation steigt das Risiko arbeitslos zu werden maßgeblich: Die Arbeitslosenquote von Hilfskräften lag 2024 thüringenweit bei 18,9 Prozent. Damit war sie fünfmal so hoch wie die von Fachkräften. Deshalb haben Aus- und Weiterbildung auch 2026 besondere Bedeutung für die Fachkräftesicherung in der Region.
Tragendes Element bleibt die duale Berufsausbildung. Damit sichern Nordthüringens Betriebe ihre Personalbedarfe von morgen. Doch das eine ist es, Ausbildungsplätze anzubieten, das andere, sie zu besetzen. In Nordthüringen arbeiten Schule, Arbeitsagentur, und Kammervertreterinnen und -vertreter seit Jahren Hand in Hand, um den Übergang von Schule in den Beruf erfolgreich zu gestalten. Von besonderer Bedeutung ist die berufliche Orientierung junger Menschen. Je früher und besser sie die Betriebe der Region kennen, desto höher ist die Chance, dass sie eine Ausbildung vor Ort aufnehmen. Unter dieser Prämisse wurde der Tag in der Praxis (TiP) 2022 an drei Regelschulen pilotiert.
Karsten Froböse (links) und Marcel Kübler halten hier zwar keine Glaskugel aber trotzdem einen Blick in die Zukunft (der Berufsorientierung): die Nordthüringer Initiative "Tag in der Praxis" wurde 2025 mit dem Deutschen Fachkräftepreis ausgezeichnet (Foto: agl)
Binnen vier Jahren wuchs die Nordthüringer Initiative auf inzwischen 28 teilnehmende Regelschulen und mehr als 1.200 Praktikumsbetriebe. Inzwischen haben sich die Vorteile der kontinuierlichen Berufsorientierung herumgesprochen: Mit TiP gewinnt die gesamte Region. Schülerinnen und Schüler können sich besser für ihren Beruf entscheiden, Betriebe haben die Chance, junge Menschen frühzeitig an sich zu binden und mit ihnen ihre Ausbildungsplätze zu besetzen und langfristig profitiert Nordthüringens Wirtschaft von ausgebildeten Fachkräften., freut sich Froböse und kann auf die Entwicklung der Ausbildungsverträge verweisen, die im vergangenen Jahr in Nordthüringen deutlich über dem Durchschnitt lag. In Nordthüringen haben letztes Jahr 1.314 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung neu begonnen. Das sind 3,5 Prozent mehr Ausbildungsverträge als 2024 – und das in einer Zeit, in der wir starken Beschäftigungsrückgang haben, stellt Karsten Froböse deutlich hervor. Bundesweit ging die Zahl der neu abgeschlossenen betrieblichen Ausbildungsverträge um 2,6 Prozent zurück.
Der Blick in die Glaskugel
Soweit die Rückschau, was aber sagt der traditionelle Blick in die Glaskugel für das neue Jahr voraus? Bestimmend für die kommenden Monate werde die allgemeine, konjunkturelle Entwicklung sowie Demographie und Migration sein, prophezeit Froböse, aber auch die Reform des Bürgergeldes und das Thema Automatisierung und KI werden eine große Rolle spielen. Sinkt die Arbeitslosigkeit in Nordthüringen unter die Marke von 12.300 Personen, dann wird es ein gutes Jahr gewesen sein, springt man hingegen auf über 12.700 Arbeitslose, dann lief es schlecht für Nordthüringen. Ob das Orakel recht behält und wohin das Pendel schwingt, das erfahren wir dann in einem Jahr.
Angelo Glashagel
Die ausführliche Statistik für die Entwicklung im Dezember findet sich hier .


