So, 14:00 Uhr
18.01.2026
Heimatgeschichte
Ein Mann mit zwei Gesichtern
Er war ein General zum Anfassen – und zugleich einer der höchsten Verantwortlichen für das tödliche Grenzregime der DDR. Heimatforscher Tim Schäfer widmet sich der Biografie des Wernaers Klaus-Dieter Baumgarten...
Es gibt Biografien, die wie ein Brennglas wirken: Sie bündeln die Widersprüche eines ganzen Systems in einer einzigen Person. Klaus-Dieter Baumgarten, Chef, Generaloberst der DDR-Grenztruppen, stellvertretender Minister, ist eine solche Figur.
In Werna, seinem Heimatdorf bei Ellrich im damaligen DDR-Kreis Nordhausen im Bezirk Erfurt, erzählen manche bis heute von einem Mann, der Türen öffnete, half, organisierte – und seine Macht nutzte, um den Alltag ein wenig leichter zu machen. Ein General zum Anfassen, sagen einige, einer, der im grauen Provinzsozialismus der DDR-Dinge möglich machte, die sonst im sozialistischen Gang versickert wären.
Doch diese Dorflegende prallt hart auf eine andere Wirklichkeit. Klaus-Dieter Baumgarten stand an der Spitze eines Apparats, dessen Existenz auf der tödlichen Sicherung einer Grenze beruhte. 1996 verurteilte ihn ein deutsches Gericht wegen Totschlags, versuchten Totschlags und Beihilfe zu Tötungsdelikten an Flüchtlingen. Das DDR-Grenzgesetz rechtfertigte den Schusswaffeneinsatz nur als ultima ratio bei sich darstellenden oder unmittelbar bevorstehenden Verbrechen; ein illegaler Grenzübertritt – die Flucht – galt nach DDR-Strafrecht jedoch nicht als solches. Einen kodifizierten Schießbefehl gab es im Gesetz nicht, sehr wohl aber etliche politische Anweisungen.
Im Dorf sah man den General anders. Baumgarten hatte einen Dackel namensKasper, beliebt und jagdbegeistert – ein Hobby, das in der DDR-Führungsetage, von Willy Stoph bis zu Erich Honecker, gut anschloss. Er und seine Frau adoptierten einen Jungen, was sein Ansehen zusätzlich stärkte. Viele sprachen ihn einfach mit Klaus oder Du an. Unter seiner Ägide entstand ein Konsum, neue Wasserleitungen, eine ausgebaute Straße an der Sülze, sanitäre Verbesserungen. Die Menschen schätzten die Eheleute. Der frühe Tod seiner Frau traf ihn schwer.
Baumgartens brachten aus Berlin sogar Südfrüchte wie Pfirsiche mit und verteilte sie an Kinder. Bei Festen am Junkerholzteich war er präsent, schenkte großzügig aus und pflegte die Nähe zu den Dorfbewohnern. Gleichzeitig war er Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Grenztruppen der DDR – und damit mitverantwortlich für die Vergatterungsformel, mit der Posten und Postenführer vor dem Grenzdienst auf die Verhinderung von Grenzdurchbrüchen eingeschworen wurden.
In der Praxis standen Vergatterungsformeln ggf. im Widerspruch zu § 27 des Grenzgesetzes: nicht im Wortlaut, aber in der vermittelten Bedeutung und der tatsächlichen Erwartungshaltung. Genau das wurde später in den Mauerschützen-Prozessen zentral. Soldaten beriefen sich auf Befehle und Vergatterung – die Gerichte stellten fest, dass diese Befehle rechtswidrig waren, weil sie den Gesetzestext unterliefen.
Baumgarten war kein kleines Rädchen im DDR-Getriebe. Er begann als Zimmermann und machte eine steile Karriere in Polizei- und Sicherheitsorganen, inklusive mehrerer Studienaufenthalte in der Sowjetunion. Er verfügte über Verbindungen, Intellekt und das, was im System als verlässlich galt. Gleichzeitig war er eingebunden in eine sicherheitspolitische Architektur, die von Moskau vorgegeben wurde. Die DDR entschied nicht frei über ihr Grenzregime; sie exekutierte die Logik des KaltenKrieges und passte sie an.
Noch 1986 nannte Gorbatschow die Grenztruppen Helden. Ein Offizier wie Baumgarten konnte das System nicht abschaffen – aber er stabilisierte es, organisierte es, machte es wirksam. Wer den DDR-Grenzdienst der 1980-er Jahre erlebt hat, kann die fatale Diskrepanz zwischen Gesetz und Praxis kennen. Die Dienstvorschriften verlangten, einen Grenzdurchbruch unter allen Umständen zu verhindern. Der einzelne Soldat trug Verantwortung – und wusste zugleich, dass ein erfolgreicher Grenzdurchbruch ihm persönlich angelastet werden konnte. Zählt man nur die eindeutig belegten Fälle tödlichen Schusswaffengebrauchs, liegt die Zahl der Opfer bei mindestens 140 bis 150 Menschen. Weltweit sterben an Grenzen jedes Jahr Tausende.
Die Toten der Grenzen verlangen Verantwortung – eine Verantwortung, die nicht im Getriebe des Ungefähren verschwinden sollte.
Tim Schäfer
Autor: redEs gibt Biografien, die wie ein Brennglas wirken: Sie bündeln die Widersprüche eines ganzen Systems in einer einzigen Person. Klaus-Dieter Baumgarten, Chef, Generaloberst der DDR-Grenztruppen, stellvertretender Minister, ist eine solche Figur.
In Werna, seinem Heimatdorf bei Ellrich im damaligen DDR-Kreis Nordhausen im Bezirk Erfurt, erzählen manche bis heute von einem Mann, der Türen öffnete, half, organisierte – und seine Macht nutzte, um den Alltag ein wenig leichter zu machen. Ein General zum Anfassen, sagen einige, einer, der im grauen Provinzsozialismus der DDR-Dinge möglich machte, die sonst im sozialistischen Gang versickert wären.
Doch diese Dorflegende prallt hart auf eine andere Wirklichkeit. Klaus-Dieter Baumgarten stand an der Spitze eines Apparats, dessen Existenz auf der tödlichen Sicherung einer Grenze beruhte. 1996 verurteilte ihn ein deutsches Gericht wegen Totschlags, versuchten Totschlags und Beihilfe zu Tötungsdelikten an Flüchtlingen. Das DDR-Grenzgesetz rechtfertigte den Schusswaffeneinsatz nur als ultima ratio bei sich darstellenden oder unmittelbar bevorstehenden Verbrechen; ein illegaler Grenzübertritt – die Flucht – galt nach DDR-Strafrecht jedoch nicht als solches. Einen kodifizierten Schießbefehl gab es im Gesetz nicht, sehr wohl aber etliche politische Anweisungen.
Im Dorf sah man den General anders. Baumgarten hatte einen Dackel namensKasper, beliebt und jagdbegeistert – ein Hobby, das in der DDR-Führungsetage, von Willy Stoph bis zu Erich Honecker, gut anschloss. Er und seine Frau adoptierten einen Jungen, was sein Ansehen zusätzlich stärkte. Viele sprachen ihn einfach mit Klaus oder Du an. Unter seiner Ägide entstand ein Konsum, neue Wasserleitungen, eine ausgebaute Straße an der Sülze, sanitäre Verbesserungen. Die Menschen schätzten die Eheleute. Der frühe Tod seiner Frau traf ihn schwer.
Baumgartens brachten aus Berlin sogar Südfrüchte wie Pfirsiche mit und verteilte sie an Kinder. Bei Festen am Junkerholzteich war er präsent, schenkte großzügig aus und pflegte die Nähe zu den Dorfbewohnern. Gleichzeitig war er Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Grenztruppen der DDR – und damit mitverantwortlich für die Vergatterungsformel, mit der Posten und Postenführer vor dem Grenzdienst auf die Verhinderung von Grenzdurchbrüchen eingeschworen wurden.
In der Praxis standen Vergatterungsformeln ggf. im Widerspruch zu § 27 des Grenzgesetzes: nicht im Wortlaut, aber in der vermittelten Bedeutung und der tatsächlichen Erwartungshaltung. Genau das wurde später in den Mauerschützen-Prozessen zentral. Soldaten beriefen sich auf Befehle und Vergatterung – die Gerichte stellten fest, dass diese Befehle rechtswidrig waren, weil sie den Gesetzestext unterliefen.
Baumgarten war kein kleines Rädchen im DDR-Getriebe. Er begann als Zimmermann und machte eine steile Karriere in Polizei- und Sicherheitsorganen, inklusive mehrerer Studienaufenthalte in der Sowjetunion. Er verfügte über Verbindungen, Intellekt und das, was im System als verlässlich galt. Gleichzeitig war er eingebunden in eine sicherheitspolitische Architektur, die von Moskau vorgegeben wurde. Die DDR entschied nicht frei über ihr Grenzregime; sie exekutierte die Logik des KaltenKrieges und passte sie an.
Noch 1986 nannte Gorbatschow die Grenztruppen Helden. Ein Offizier wie Baumgarten konnte das System nicht abschaffen – aber er stabilisierte es, organisierte es, machte es wirksam. Wer den DDR-Grenzdienst der 1980-er Jahre erlebt hat, kann die fatale Diskrepanz zwischen Gesetz und Praxis kennen. Die Dienstvorschriften verlangten, einen Grenzdurchbruch unter allen Umständen zu verhindern. Der einzelne Soldat trug Verantwortung – und wusste zugleich, dass ein erfolgreicher Grenzdurchbruch ihm persönlich angelastet werden konnte. Zählt man nur die eindeutig belegten Fälle tödlichen Schusswaffengebrauchs, liegt die Zahl der Opfer bei mindestens 140 bis 150 Menschen. Weltweit sterben an Grenzen jedes Jahr Tausende.
Die Toten der Grenzen verlangen Verantwortung – eine Verantwortung, die nicht im Getriebe des Ungefähren verschwinden sollte.
Tim Schäfer



