Sa, 14:32 Uhr
14.02.2026
Heimatgeschichte
Nordhausen hatte den Korn, Bleicherode das Leinen
Bei der Recherche zum Schicksal des Bleicheröder Ehrenbürgers Samuel Rothenberg stieß Dr. Dirk Schmidt eher durch Zufall auf ein interessantes Schriftstück, das einen Einblick in die Handwerksgeschichte und die Bedeutung des "Bleicheröder Leinen" gibt...
Auf der Suche nach Informationen über den heute unbekannten Ehrenbürger von Bleicherode Samuel Rothenberg (1844-1935) las Dirk Schmidt auch einen in einer Vitrine der jüdischen Dokumentation in der Kanzlei seit langer Zeit unbeachtet liegenden Text (100 Seiten) von Dr. Hans Frühberg, Bleicherode.
Dabei handelt es sich wohl um den Schlussentwurf für seine Dissertation Die Textilindustrie des Kreises Grafschaft Hohenstein(1924 Universität Gießen). Der Verfasser war der Sohn des Privatbankiers Selmar Frühberg, der 1904 die imposante Villa in der Obergebraer Straße 15 erbaute. Hans, der im 1. Weltkrieg 1914-18 Frontsoldat und dekorierter Offizier war, führte die Firma fort. Trotz tragischer Verfolgung durch die Nazis überlebte er den Krieg und Auschwitz, seine Frau verhungerte in Bergen-Belsen. Dr. Frühberg wohnte dann in Hannover.
Wie der Text seines Dissertationsentwurfs in die Kanzleivitrine kam und weshalb ihn niemand las, ist unerklärlich. Das Original, ebenfalls in Maschinenschrift, befindet sich in der Gießener Unibibliothek. Der Förderverein erhält ein Digitalisat.
Doch zum Thema: Die Arbeit von Frühberg ist- soweit bekannt- die erste Darstellung der Geschichte dieses für die Entwicklung Bleicherodes und seiner Umgebung wichtigen Wirtschaftszweiges, dessen nachvollziehbare Entwicklung bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht. Es geht in der Arbeit nicht um volkswirtschaftliche Theorie, sondern um einen wirtschafthistorischen Bericht über das "Heimweben" für den Eigen-, späterauch den Fremdbedarf gegen Entgelt bis zur mechanischen Weberei vom 15. Jh. bis 1914.
Am Anfang stand in fast jedem Haus der Stadt und der Dorfgemeinden ein Handwebstuhl. In Bleicherode gab es im Lauf der Zeit auch Verleger, die über den Eigenbedarf hinausgehende Erzeugnisse abnahmen und damit handelten. Auch entstanden kleine Webereibetriebe mit Lohnhandwebern und Handwebstühlen für die verschiedenen Webprodukte. So haben im Kreisbereich mehrere tausend Handwebstühle in den Privathäusern und in einigen mittelständischen kleinen Webereien gestanden.
Bleicherode war mit den Ortschaften seiner Umgebung Schwerpunkt dieses Bereichs der Kreiswirtschaft.
Die Erfindung des mechanischen Webstuhls in der zweiten Hälfte des 20. Jh. brachte das langsam voranschreitende Ende des Handwebens. In Bleicherode waren es insbesondere zugewanderte jüdische Unternehmer, die Betriebe mit mechanischen Webstühlen gründeten und aufbauten: Rothenberg, Schlesinger, Helft, Michaelis.
Zunehmend konnten die mit Handwebstühlen arbeitenden Konkurrenzbetriebe nicht mithalten. Hinzu kam die Entwicklung des Kalibergbaus um 1900. Er bot vor allem jüngeren Kräften akzeptable Arbeitsplätze und höhere Löhne. Der letzte professionelle Hausweber gab 1913 auf. Diese tiefgreifende Veränderung betraf die Herstellungstechnik, nicht die Weberei grundsätzlich. Die Produktion der Textilien nahm sogar zu, wurde günstiger und vielfältiger.
Die Zahl der Beschäftigten in der Textilindustrie stieg.Zu Beginn des 20.Jh. gab es in Bleicherode mit 2824 Einwohnern 1145 Beschäftigte in der Textilindustrie. In der Stadt und ihrer Umgebung war bis 1914 die Zahl der in der Textilindustrie Tätigen auf 1145 gestiegen.
Frühberg ergänzt die Schilderung der allgemeinen Entwicklung mit den Themen Technische Hilfsmittel, Wirtschaftliche Bedeutung für den Kreis, Soziale Lage der Textilarbeiter. Das erleichtert eine umfassende Beurteilung der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Weberei als wichtiger Teil der Wirtschaft im Kreis. Nordhausen hatte den Nordhäuser Korn, Bleicherode das Bleicheröder Leinen.
Auch für die Zeit nach dem 1. Weltkrieg gibt es eine Geschichtsdarstellung. Die 1955 erschienene Geschichte der Bleicheröder Textilindustrie wurde von H.J. Diedrich unter intensiver Mitwirkung von zwei Schüler-Arbeitsgemeinschaften geschrieben (Bleicheröder Heimatbote, Heft 1/1955, S.5-34).
Da die Arbeit sehr intensiv auf die Zeit nach 1918 eingeht, stellt sie eine wertvolle Ergänzung der Frühbergschen Dissertation dar. Sie könnte ergänzt werden. Zu wünschen wäre auch eine objektive Darstellung der Webereigeschichte des Kreises ab 1955 bis zu ihrem Ende nach der Wende 1989/90. Dafür gibt es genügend Material und auch noch lebende Zeitgenossen. Eine lohnende heimatgeschichtliche Aufgabe.
Die Arbeiten von Frühberg und Diedrich lassen deutlich die überragende und Jahrhunderte alte Bedeutung der Webereiwirtschaftfür den Kreis Grafschaft Hohenstein/Nordhausen erkennen. Tausende Handwebstühle in den Privathäusern, später tausende Arbeitsplätze in den großen und mittleren Betrieben mit mechanischen Webstühlen prägten die Kreiswirtschaft, die Arbeitswelt, die Sozialstruktur und das gesellschaftliche undpolitische Leben. Die daraus in mehren Jahrhunderten entstandenen Sitten und Gebräuche dauern zumindest in der Erinnerung fort. So war es sinnvoll, dass der Förderverein Alte Kanzlei nach der Einweihung von Hauptgebäude (2007) und Scheune (2011) eine Sammlung historischer Handwebgeräte aufbaute und sie als Ausstellung mit praktischen Arbeitsmöglichkeiten an den Stühlen der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Hobbyweberinnen machten davon über Jahre regelmäßig Gebrauch. Das sollte auch in Zukunft wieder so sein. Die Sammlung ist die einzige Gelegenheit im Kreis, den heutigen Bürgern, deren Textilien billig in Indien oder Pakistan gewebt werden, zu zeigen, dass diese Produktion über Jahrhunderte hinweg unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt bestimmte. Dies sollte in unserer Erinnerung nicht vergessen werden. Zur Tradition der Stadt und der Landgemeinde Bleicherode gehört nicht nur der Schacht, sondern ebenso die Weberei.
Dirk Schmidt
Autor: redAuf der Suche nach Informationen über den heute unbekannten Ehrenbürger von Bleicherode Samuel Rothenberg (1844-1935) las Dirk Schmidt auch einen in einer Vitrine der jüdischen Dokumentation in der Kanzlei seit langer Zeit unbeachtet liegenden Text (100 Seiten) von Dr. Hans Frühberg, Bleicherode.
Dabei handelt es sich wohl um den Schlussentwurf für seine Dissertation Die Textilindustrie des Kreises Grafschaft Hohenstein(1924 Universität Gießen). Der Verfasser war der Sohn des Privatbankiers Selmar Frühberg, der 1904 die imposante Villa in der Obergebraer Straße 15 erbaute. Hans, der im 1. Weltkrieg 1914-18 Frontsoldat und dekorierter Offizier war, führte die Firma fort. Trotz tragischer Verfolgung durch die Nazis überlebte er den Krieg und Auschwitz, seine Frau verhungerte in Bergen-Belsen. Dr. Frühberg wohnte dann in Hannover.
Wie der Text seines Dissertationsentwurfs in die Kanzleivitrine kam und weshalb ihn niemand las, ist unerklärlich. Das Original, ebenfalls in Maschinenschrift, befindet sich in der Gießener Unibibliothek. Der Förderverein erhält ein Digitalisat.
Doch zum Thema: Die Arbeit von Frühberg ist- soweit bekannt- die erste Darstellung der Geschichte dieses für die Entwicklung Bleicherodes und seiner Umgebung wichtigen Wirtschaftszweiges, dessen nachvollziehbare Entwicklung bis in das 15. Jahrhundert zurückreicht. Es geht in der Arbeit nicht um volkswirtschaftliche Theorie, sondern um einen wirtschafthistorischen Bericht über das "Heimweben" für den Eigen-, späterauch den Fremdbedarf gegen Entgelt bis zur mechanischen Weberei vom 15. Jh. bis 1914.
Am Anfang stand in fast jedem Haus der Stadt und der Dorfgemeinden ein Handwebstuhl. In Bleicherode gab es im Lauf der Zeit auch Verleger, die über den Eigenbedarf hinausgehende Erzeugnisse abnahmen und damit handelten. Auch entstanden kleine Webereibetriebe mit Lohnhandwebern und Handwebstühlen für die verschiedenen Webprodukte. So haben im Kreisbereich mehrere tausend Handwebstühle in den Privathäusern und in einigen mittelständischen kleinen Webereien gestanden.
Bleicherode war mit den Ortschaften seiner Umgebung Schwerpunkt dieses Bereichs der Kreiswirtschaft.
Die Erfindung des mechanischen Webstuhls in der zweiten Hälfte des 20. Jh. brachte das langsam voranschreitende Ende des Handwebens. In Bleicherode waren es insbesondere zugewanderte jüdische Unternehmer, die Betriebe mit mechanischen Webstühlen gründeten und aufbauten: Rothenberg, Schlesinger, Helft, Michaelis.
Zunehmend konnten die mit Handwebstühlen arbeitenden Konkurrenzbetriebe nicht mithalten. Hinzu kam die Entwicklung des Kalibergbaus um 1900. Er bot vor allem jüngeren Kräften akzeptable Arbeitsplätze und höhere Löhne. Der letzte professionelle Hausweber gab 1913 auf. Diese tiefgreifende Veränderung betraf die Herstellungstechnik, nicht die Weberei grundsätzlich. Die Produktion der Textilien nahm sogar zu, wurde günstiger und vielfältiger.
Die Zahl der Beschäftigten in der Textilindustrie stieg.Zu Beginn des 20.Jh. gab es in Bleicherode mit 2824 Einwohnern 1145 Beschäftigte in der Textilindustrie. In der Stadt und ihrer Umgebung war bis 1914 die Zahl der in der Textilindustrie Tätigen auf 1145 gestiegen.
Frühberg ergänzt die Schilderung der allgemeinen Entwicklung mit den Themen Technische Hilfsmittel, Wirtschaftliche Bedeutung für den Kreis, Soziale Lage der Textilarbeiter. Das erleichtert eine umfassende Beurteilung der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Weberei als wichtiger Teil der Wirtschaft im Kreis. Nordhausen hatte den Nordhäuser Korn, Bleicherode das Bleicheröder Leinen.
Auch für die Zeit nach dem 1. Weltkrieg gibt es eine Geschichtsdarstellung. Die 1955 erschienene Geschichte der Bleicheröder Textilindustrie wurde von H.J. Diedrich unter intensiver Mitwirkung von zwei Schüler-Arbeitsgemeinschaften geschrieben (Bleicheröder Heimatbote, Heft 1/1955, S.5-34).
Da die Arbeit sehr intensiv auf die Zeit nach 1918 eingeht, stellt sie eine wertvolle Ergänzung der Frühbergschen Dissertation dar. Sie könnte ergänzt werden. Zu wünschen wäre auch eine objektive Darstellung der Webereigeschichte des Kreises ab 1955 bis zu ihrem Ende nach der Wende 1989/90. Dafür gibt es genügend Material und auch noch lebende Zeitgenossen. Eine lohnende heimatgeschichtliche Aufgabe.
Die Arbeiten von Frühberg und Diedrich lassen deutlich die überragende und Jahrhunderte alte Bedeutung der Webereiwirtschaftfür den Kreis Grafschaft Hohenstein/Nordhausen erkennen. Tausende Handwebstühle in den Privathäusern, später tausende Arbeitsplätze in den großen und mittleren Betrieben mit mechanischen Webstühlen prägten die Kreiswirtschaft, die Arbeitswelt, die Sozialstruktur und das gesellschaftliche undpolitische Leben. Die daraus in mehren Jahrhunderten entstandenen Sitten und Gebräuche dauern zumindest in der Erinnerung fort. So war es sinnvoll, dass der Förderverein Alte Kanzlei nach der Einweihung von Hauptgebäude (2007) und Scheune (2011) eine Sammlung historischer Handwebgeräte aufbaute und sie als Ausstellung mit praktischen Arbeitsmöglichkeiten an den Stühlen der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Hobbyweberinnen machten davon über Jahre regelmäßig Gebrauch. Das sollte auch in Zukunft wieder so sein. Die Sammlung ist die einzige Gelegenheit im Kreis, den heutigen Bürgern, deren Textilien billig in Indien oder Pakistan gewebt werden, zu zeigen, dass diese Produktion über Jahrhunderte hinweg unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt bestimmte. Dies sollte in unserer Erinnerung nicht vergessen werden. Zur Tradition der Stadt und der Landgemeinde Bleicherode gehört nicht nur der Schacht, sondern ebenso die Weberei.
Dirk Schmidt

