Keine Gemälde, keine Grafiken und auch keine Plastiken – nein, seit Samstag geht es im Nordhäuser Kunsthaus Meyenburg um etwas ganz anderes: nämlich um die Kunst des Scherenschnitts. Und zudem u.a. um eine Persönlichkeit, die weit über die Grenzen unseres Kreises und Thüringens hinaus bekannt sein dürfte. Bei der Vernissage war auch die nnz wieder mit dabei…
SCHNIPP SCHNAPP – Kunst aus Papier geschnitten betitelt sich die aktuelle Präsentation.Sie gewährt einen sowohl tiefen wie auch spannenden Einblick in die Entwicklung und Vielfältigkeit dieser Kunstform. Doch dass diese schon Jahrtausende existiert – wer wusste das schon? Doch Kunsthaus-Leiterin Susanne Hinsching nahm deshalb die Anwesenden mit auf eine Reise in die Geschichte dieser künstlerischen Ausdrucksform. Und dies sehr detailreich.
Im Kunsthaus Meyenburg ist seit Samstag die Kunst des Scherenschnitts in allen Facetten zu sehen (Foto: Hans-Georg Backhaus)
125 Papierschnitte zieren fortan für zehneinhalb Wochen die Wände der Jugendstilvilla. Die Werke umfassen in ihrer Entstehung eine Zeitspanne vom Biedermeier bis in unsere Tage. Doch von wem stammen sie? Kunsthaus-Leiterin Susanne Hinsching wusste in ihrer Laudatio auch darauf Antwort zu geben:
Hauptsächlicher Anlass für diese Präsentation waren zwei Künstlerinnen. die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag begehen: Erika Schirmer aus Nordhausen am 31. Juli und Luise Neupert aus Schmölln. Ihr 100. wäre am 14. September. Sie verstarb im Jahr 2009. Beide begeistern mittels filigraner Schneidetechniken u.a. mit Motiven aus der Welt der Märchen und Sagen. Aber auch Heiter-Frivoles findet in beider Kunst seinen Platz.
Vertreten sind darüber hinaus Heinz Ferbert, Philipp Valenta und der Franzose Henri Matisse, dessen flächig-farbige Arbeiten aus der Mappe Jazz dem Papierschnitt 1947 neue Dimensionen eröffneten, wie Hinsching hervorhob. Als ein besonderes Highlight zählen auch die zum Teil handkolorierten chinesischen Papierschnitte, bestehend aus dünnem Seidenpapier, und die in der kambodschanischen Tradition verwurzelten Lederschnitte.
Anzeige symplr (mr_1)
Was Erika Schirmer betrifft, so hat sie mit außerordentlich großem Engagement die Völkerverständigung und den Frieden in der Welt zu Leitmotiven ihres Handelns gemacht. Ob nun in ihrer Zeit als Kindergärtnerin, Sonderpädagogin, Literatin oder Scherenschnitt-Künstlerin. Unvergessen auch das aus ihrer Feder stammende Lied Kleine weiße Friedenstaube (1948/49), das zu den bekanntesten Kinderliedern in der DDR gehörte und erfreulicherweise auch heute noch deutschlandweit erklingt.
So verwundert es nicht, dass Erika Schirmer bereits mehrfach hohe Würdigungen erfuhr. Dazu gehören die Ernennung zur Ehrenbürgerin der Stadt Nordhausen (2013) und die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2016). Am 17. Juni schließlich ehrte der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) die hochbetagte Nordhäuser Künstlerin, die seit einigen Jahren in einem Seniorenheim in Ilfeld lebt, mit dem Thüringer Verdienstorden.
Folgerichtig bereichert auch das Kunsthaus die Liste der Ehrungen auf ganz eigene Weise. Denn Teile der neuen Ausstellung können als eine tiefe Verbeugung vor der Künstlerpersönlichkeit Erika Schirmer gewertet werden. Den Part der musikalischen Einstimmung auf die Sonderschau übernahm an diesem Nachmittag Matthias Weicker. Der Vollblutmusiker vom LOH-Orchester Sondershausen begeisterte abermals die Kunstfreunde eingangs mit seinem Cello und später am Flügel.
Die Ausstellung SCHNIPP SCHNAPP kann ab sofort bis zum 30. August 2026 im Nordhäuser Kunsthaus Meyenburg, A.-Puschkin-Straße 31, besucht werden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 6,50 €, ermäßigt: 4,50 €, Kinder / Jugendliche bis 18 Jahre freier Eintritt. Hans-Georg Backhaus