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Mi, 09:26 Uhr
04.03.2009

Praxisluft vom ersten Semester an

Seit vielen Jahren wird im Nordhäuser Landratsamt ausgebildet. Neben den „normalen“ Azubis gibt es aber auch solche, die „nebenbei“ noch studieren. Jessica Piper stellt eine Studentin für die Leser der nnz vor...

Carola Kunde (Foto: Piper) Carola Kunde (Foto: Piper)

In vielen Fällen ist sie nicht viel älter als diejenigen, um die sie sich kümmert. So sei es auch meist leichter, einen Draht zu ihnen zu finden, meint Carola Kunde. Und ein vertrauensvolles Verhältnis ist in ihrem Beruf sehr wichtig. Die 21-Jährige studiert Soziale Arbeit auf Bachelor an der Berufsakademie, kurz BA, in Gera. Den praktischen Teil ihrer Ausbildung durchläuft sie im Sozialen Dienst im Landratsamt Nordhausen. Im Gegensatz zu Studierenden an Fachhochschulen und Universitäten hat Carola Kunde nicht mit der Theorie an der Hochschule begonnen, sondern in der Praxis. „Gleich am Anfang meiner Ausbildung war ich hier im Landratsamt – für einen Monat, um zu sehen, wie das hier läuft“, erinnert sich die junge Frau aus Bösenrode in der Nähe von Berga.

„Ich wollte schon in der Schule dual studieren, weil ich mir davon eine bessere Berufsperspektive versprochen habe. Von der FH und Uni kommen so viele Sozialpädagogen, da ist es schwierig hervorzustechen. Mit meiner Ausbildung habe ich ja schon mal einen Fuß in der Tür“, begründet Carola Kunde ihre Entscheidung für die Berufsakademie und damit gegen eine rein wissenschaftliche Ausbildung an einer anderen Hochschule.

Ihr Ausbildungsort wechselt etwa vierteljährlich zwischen der BA in Gera und dem Sozialen Dienst in Nordhausen. „Wir sehen gleich, wie es in der Praxis läuft und brauchen davor keine Theoriemodelle, die doch meistens sehr abstrakt sind. Wir hören nicht nur an der BA, welche Paragrafen es gibt, sondern sehen gleich, wie diese tatsächlich in der Praxis umgesetzt werden.

So lässt es sich auch leichter lernen“, nennt Carola Kunde die Vorteile ihrer dualen Ausbildung. „Ein großer Teil meines Studiums besteht aus Praxistransfer, das heißt wir sitzen zusammen und berichten uns gegenseitig über unsere Erfahrungen. Meine Studierendenkollegen arbeiten zum Beispiel in Heimen für Kinder oder auch für Senioren, bei Sozialämtern von Städten oder in Sozialstationen. Durch den Erfahrungsaustausch bekomme ich einen Einblick in ganz unterschiedliche Bereiche.“ Die Praxisorientierung zeigt sich auch bei den Lehrenden.

„Meine Dozenten kommen fast alle aus der Praxis. Unser Studienrichtungsleiter hat beispielsweise jahrelang in der Drogenberatung gearbeitet. Oder die Leiterin der Rehabilitation hat früher das Jugendamt in Rudolstadt geleitet. Dadurch ist es auch authentisch, was die Dozenten uns erzählen“, meint Carola Kunde.

Der frühe Kontakt zum Alltag eines Sozialarbeiters bedeutet bei all den Vorteilen aber auch eine große Herausforderung. Schließlich wird der Soziale Dienst vorrangig bei schwierigen Situationen in Familien aktiv. Die Sozialarbeiterinnen unterstützen und begleiten Familien, deren Kinder und Jugendliche und bieten erzieherische Hilfen an. „Am Anfang was es schon oft hart, das zu sehen“, gibt Carola Kunde zu. Doch sie wird mit ihren Erfahrungen nicht allein gelassen. Neben der Reflexion an der Berufakademie spricht sie auch hier in Nordhausen viel mit ihren Kolleginnen darüber. „Anfangs bin ich immer mit den Sozialarbeiterinnen mitgegangen. Inzwischen führe ich in einigen Fällen selbst Gespräche, aber immer unter Anleitung“, sagt die 21-Jährige. Dabei hilft ihr die Theorieausbildung in Gera. „Dort lernen wir Modelle und Methoden kennen, sprechen beispielsweise über Konfliktlösung oder Gesprächsführung. Gerade Gesprächsführung stellt man sich am Anfang so einfach vor. Aber es ist gar nicht so leicht, wenn man mit jemanden sprechen möchte, der das nicht will. Da hilft dieses Hintergrundwissen.“

Insgesamt ist Carola Kunde also überzeugt von ihrem Ausbildungsweg. Aber sieht sie auch Nachteile gegenüber Universitäten und Fachhochschulen? „Ja, wir haben keine Semesterferien“, schmunzelt die 21-Jährige. „Das Arbeitspensum ist schon relativ hoch, aber es ist machbar.“ Trotz der langen Praxisphasen bleibt die Studiendauer kurz. Obwohl Carola Kunde erst im dritten Semester ist, hat sie bereits die Hälfte ihres Studiums geschafft und braucht damit nicht länger als andere Auszubildende für ihren akademischen Abschluss Bachelor of Arts.

Will sie ihre wissenschaftliche Qualifikation vertiefen, ist auch das mit einem BA-Abschluss kein Problem. „Ich kann an einer Uni meinen Master machen, wenn ich vorher ein paar Aufbaukurse belegt habe“, sagt sie. „Aber das würde ich sowieso nicht gleich nach dem Bachelor machen. Für mich ergibt ein Master nur Sinn, wenn ich vorher noch mehr Praxiserfahrung gesammelt habe.“

Das Modell der Berufsakademien hat sich heute in Thüringen etabliert. Vor über zehn Jahren hat die Landesregierung die Berufsakademien im Freistaat gegründet. Erfolgreich: Die Studierendenzahlen steigen stetig und nach eigenen Aussagen haben über 80 Prozent der BA-Studierenden sofort nach ihrem Abschluss einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Vor rund 30 Jahren hat Baden-Württemberg dieses Modell der dualen Hochschulausbildung angestoßen. Inzwischen gibt es bundesweit dreißig Berufsakademien. BA-Studierende haben einen Ausbildungsvertrag mit dem Partnerunternehmen in Wirtschaft, Verwaltung oder bei einem freien Träger, so dass sie ein regelmäßiges Einkommen haben. Die Praxispartner wählen die Studienbewerber aus und am Ende schreiben die Studierenden auch dort ihre Abschlussarbeit. Die Abschlüsse der Berufsakademie sind denen von Universitäten und Fachhochschulen gleichgestellt.

Die Vorteile einer praktischen Ausbildung kombiniert mit einer anspruchsvollen Hochschulausbildung will auch das Nordhäuser Landratsamt weiter nutzen. Um die eigene Nachwuchsarbeit im Fachbereich Jugend und Soziales zu stärken, sucht die Verwaltung derzeit drei Abiturienten, die wie Carola Kunde ihre praktische Ausbildung im Landratsamt mit einem Bachelorstudium an der Berufsakademie in Gera koppeln.
Jessica Piper
Autor: nnz

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