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Fr, 11:45 Uhr
06.03.2009

Holzleitern sind passé

Seit 35 Jahren arbeitet Viola Herzog im Archiv des Landkreises Nordhausen. Die Frau kennt sich nicht nur in Akten, Ordnern und anderen Dokumenten aus, sie kann auch viele Geschichten erzählen. Für die nnz hörte Jessica Piper zu...

Herzog (Foto: nnz) Herzog (Foto: nnz)

Daran kann sich Viola Herzog heute noch erinnern: „Wir hatten so lange Holzleitern, die etwas wacklig waren. Mein Lehrmeister war sehr groß und er hat die hohen Holzregale immer bis ganz oben ins letzte Fach vollgepackt. Wenn ich da etwas holen wollte, musste ich bis ganz oben auf die Leiter und mich dann noch strecken. Wenn ich da manchmal sehr dicke Bücher geholt habe, gab es nur eine Entscheidung: ich oder das Buch“, diese Szenen sieht Viola Herzog heute noch vor ihrem inneren Auge.

Seit 35 Jahren arbeitet sie im Kreisarchiv des Landratsamtes, erst als Lehrling mit anschließendem Fernstudium und nun schon viele Jahre als Leiterin. In der Zeit der Holzleitern war das Kreisarchiv noch im heutigen Foyer des historischen Landratsamtes, der Eingang lag damals noch auf der anderen Gebäudeseite zur Grimmelallee hin. Jetzt arbeiteten Viola Herzog und ihre Mitarbeiterin Simone Lemberg drei Häuser weiter in der Grimmelallee 20. Holzleitern brauchen sie hier längst nicht mehr. Die Akten und Bücher stapeln sich in beweglichen Regalen, die sich mit einer Art Lenkrad hin und her rollen lassen. „Wir haben im Kreisarchiv circa 1.400 laufende Meter Akten“, so die erfahrene Archivarin.

Wichtig ist das Archiv nicht nur für die Verwaltung im Landratsamt und die Mehrzahl der Kommunen im Landkreis, die hier ihre Unterlagen für die vorgeschriebenen Fristen aufheben. „Unser Besucherraum ist zu den Öffnungszeiten am Montag, Dienstag und Donnerstag meistens voll“, sagt Viola Herzog. „Manchmal ist er sogar überfüllt und wir müssen ausweichen, damit alle Benutzer Platz haben“ ergänzt ihre Kollegin Simone Lemberg. „Sonst wäre es ja auch schade, wenn wir die ganzen Bücher, Zeitungen und Unterlagen hier aufheben und keiner interessiert sich dafür“, meint Viola Herzog.

Herzog  (Foto: Piper) Herzog (Foto: Piper)

Und es kommen nicht nur Hobbyhistoriker. Das Kreisarchiv bewahrt beispielsweise die Facharbeiterzeugnisse von 1957 bis 1990 auf, die Viele als Nachweis für ihren Rentenanspruch schon jahrelang gesucht haben. Oder Vereine, die zum Beispiel ihr 100jähriges Bestehen feiern wollen, kommen auf der Suche nach einem Nachweis für das Gründungsdatum ins Archiv. „Und dann ist es schon manchmal etwas peinlich, wenn man ihnen sagen muss, dass sie eigentlich schon vor fünf Jahren hätten feiern können“, sagt Viola Herzog. Auf ihrem Schreibtisch liegen schon in einem Pappkarton fünf fast 120 Jahre alte Druckplatten.

„Die möchte sich jemand ausleihen, der eine alte Druckmaschine hat. Das sind Postkartenmotive. Eines ist die Burg Hohnstein, so wie sie sich die Burg damals vorgestellt haben. Die ist ja schon im 17. Jahrhundert abgebrannt und es gibt keine Zeichnung, wie sie tatsächlich ausgesehen hat, nur Grundrisse. Alle Bilder von der Burg Hohnstein, die veröffentlicht wurden, sind Spekulationen.“

Etliche Besucher interessieren sich auch für die Zeitungen im Archiv. „Die sind sehr begehrt. Wir haben hier eine riesige Sammlung von kreislichen Zeitungen, beginnend im Jahr 1803 bis heute. Leider fehlen uns einige Jahrgänge, was den Kriegsjahren zu schulden ist. Ich finde es sehr schön, wie man hier an den gebundenen Jahrgängen erkennt, wie die Zeitungen immer größer geworden und auch häufiger erschienen sind. Irgendwann passten nicht mehr alle Zeitungen aus einem Jahr in eine gebundene Ausgabe“, sagt Viola Herzog mit einem Blick auf das Regal mit den Zeitungsjahrbüchern, die von Jahrgang zu Jahrgang dicker und größer werden. „Jetzt, 20 Jahre nach der Wende, beginnen verstärkt die Forschungen zur DDR-Zeit. Studenten kommen her, um etwas zu bestimmten Aspekten wie der Bildungspolitik herauszufinden.“

Im Kreisarchiv können Interessierte nicht nur in alten DDR-Jahrbüchern, sondern auch in den Unterlagen vom Rat des Kreises von 1952 bis 1990 recherchieren – wobei es häufig schwierig werden kann, die Buchstaben zu entziffern. „Die Qualität des Papiers aus DDR-Zeiten ist nicht so gut. Der Säuregehalt ist zu hoch. Die Schrift ist schon teilweise verschwommen“, erklärt Viola Herzog. „Die ganz alten Unterlagen sind nicht das Problem, die sind nicht so empfindlich.“ Trotzdem braucht die Kreisarchivarin natürlich ein Thermometer und das kleine runde Hygrometer an der Wand. Denn sie muss genau darauf achten, dass es in den Räumen nicht wärmer oder kälter als 16 bis 18 Grad wird und die Luftfeuchtigkeit stimmt.

Beim richtigen Raumklima überdauern Dokumente Jahrhunderte. Die älteste Urkunde im Kreisarchiv stammt von 1683. „Die alten Urkunden sind immer sehr schön geschrieben, da ist es nicht sehr schwierig sie zu lesen. Aber man muss erst einmal verstehen, um was es inhaltlich geht“, meint Viola Herzog, da die damalige Wortwahl und Ausdrucksweise sich sehr von der heutigen unterscheidet.

Die schönste Urkunde im Bestand, wie Viola Herzog findet, ist von 1717 und darin geht es um den Ort Neustadt, der zwar kein Stadtrecht, aber Stadtprivilegien hatte, wie die Rolandfigur noch heute zeigt. Dies war sehr wichtig, berechtigte es doch unter anderem zum Bier brauen.
Jessica Piper
Autor: nnz

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Kommentare
Reiseonkel
06.03.2009, 18:27 Uhr
Sehr interessant!
aber hätte man nicht gleich die Öffnungszeiten exakt nennen können und darauf hinweisen, wo das Archiv des Kreises NDH sein zu Hause hat.
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