Mo, 17:30 Uhr
05.07.2010
Entkommen
Ein Gespräch mit Zeitzeugen aus den Jahren der Naziherrschaft ist für den Historiker wie für den Laien schon heute ein Glücksfall. Ein eben solches Gespräch fand heute Nachmittag in der Kreissparkasse Nordhausen statt und bildete den Höhepunkt der Wanderausstellung "Arisierung in Thüringen". Vor 70 Jahren gehörte die Familie Friedmann zu den letzten Juden, die dem Naziterror entkamen Heute gehören sie zu den letzten, die noch aus erster Hand davon berichten können...
Charles Friedmann ist heute 85 Jahre alt und die bewegende Geschichte die er zu erzählen hat, kann als exemplarisch gelten. Es ist die Geschichte der fortschreitenden, sich verschärfenden Diskriminierung und Ausgrenzung eines ganzen Bevölkerungsteils, von Flucht, von Vertreibung, vom Ende eines Lebens und dem Anfang eines anderen.
Eigentlich begann das 20. Jahrhundert gut für die Friedmanns. Die ursprünglich aus Südthüringen stammende Familie hatte sich 1892 in Jena niedergelassen und ein Fleischereifachbetrieb eröffnet. Die Geschäfte liefen gut und man konnte sich sogar eine Filiale in Naumburg leisten. Man war Jemand, gehörte zur Gesellschaft und zeigte soziales Engagement, arbeitete in der eigenen Gemeinde, zog sogar für Kaiser und Vaterland in den Krieg.
Erst mit dem Ende des 1. Weltkrieges, an dem Charles Friedmanns Vater als Offizier teilgenommen hatte, begann sich das Glück der Familie Friedmann im einzelnen und der deutschen Juden im allgemeinen zu wenden. Der Antisemitismus, der in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung schon seit dem vorangegangenen Jahrhundert latent vorhanden war, schlug sich mit der Niederlage endgültig Bahn und wurde letztlich einer der Hauptgründe für die erfolgreiche Machtergreifung Hitlers 1933.
Was nun folgen sollte war die systematische Demontage der Familie und ihrer Lebensgrundlage. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wird das Leben für die Juden in Deutschland zunehmend schwieriger. Erst dürfen Karl-Heinz, wie Charles Friedmann vor 70 Jahren noch gerufen wurde und sein Bruder die Schule nicht mehr besuchen. Das Geschäft des Vaters soll in arische Hände gegeben werden, ein letzter Versuch den Familienbetrieb über einen Pachtvertrag mit einem "Arier" doch noch zu retten schlägt fehl, da dieser von den Nationalsozialisten als politisch fragwürdig eingestuft wird. Über ihr Geld können die Friedmanns bald auch nicht mehr frei verfügen, sondern müssen es in die Obhut ihrer Hausbank in Jena übergeben, die das Kapital nach gutdünken einsetzen kann.
Die Familie wird in ihrem Alltag immer weiter eingeschränkt. Alte Freunde distanzieren sich von den Juden und der kleine Charles versteht nicht, warum er nicht mit den anderen Jungen in der Hitlerjugend marschieren darf. Wie brutal und perfide die Nationalsozialisten die "Arisierung" Deutschlands vorantreiben zeigt sich schließlich am 9. November 1938. In der Pogromnacht werden die Eltern festgenommen. Charles Vater sowie sein Großvater werden deportiert und finden sich im KZ-Buchenwald wieder.
Während die Mutter recht schnell zu ihren Kindern zurückkehren kann, lässt die Rückkehr der Männer sechs Wochen auf sich warten. Die Inhaftierung nutzen die Nazis als Druckmittel: erst mit dem Unterzeichnen des endgültigen Kaufvertrages für sein Geschäft kommen die Männer frei. Der Großvater verstirbt 1940 an den Folgen der Misshandlungen während der Gefangenschaft. Mit den Novemberpogromen endete das Leben meiner Familie in Deutschland sagt Charles Friedmann.
Den berüchtigten Judenstern müssen die Friedmanns indes nicht mehr tragen. Im Sommer 1941 können sie Deutschland endlich verlassen. Nach einer langen Odyssee über Frankreich und Spanien und einer weiteren kurzen, eher vorsorglichen Inhaftierung des Vates durch die Briten, erreichen sie New York mit gerade mal 40 Reichsmark in der Tasche. 10 Mark für jedes Familienmitglied war ihnen zugesprochen worden.
Der Rest der Familie - Tante, Onkel und Großmutter, blieben zurück und fielen wahrscheinlich dem Holocaust zum Opfer. Zumindest für die Großmutter ist das schriftlich belegt, sie verstarb im KZ-Theresienstadt.
Diese Familiengeschichte, sie ist nicht einzigartig, nicht tragischer als hunderte andere Schicksale. Sie ist lediglich außerordentlich gut dokumentiert. Es ist diese Tatsache und die Verkettung einiger glücklicher Umstände, die es der Jenaer Studentin Christine Schoenmakers ermöglichten, die Geschichte der Friedmanns zu erzählen. Auf der Suche nach einem Thema für ihre Magisterarbeit stieß sie im Archiv der Stadt Jena auf die Lebensgeschichte der Familie.
Durch die freundliche Vermittlung des Oberbürgermeisters von Jena, einem Freund Charles und Lilly Friedmanns, konnte sie den Kontakt zu den Zeitzeugen herstellen. Ihre Magisterarbeit wurde schließlich zu dem Buch "I believe we were the last Jews to escape" ("Ich glaube wir waren die letzten Juden die entkamen") und Teil der Wanderausstellung "Arisierung in Thüringen".
Mit der Familie im Schlepptau hat der 85-jährige Charles den weiten Weg von New York zurück nach Thüringen aber nicht nur gemacht, weil die Verbrechen und die Opfer der Nazi-Ära nicht vergessen werden dürfen. Er sieht sich selbst als Amerikaner jüdischen Glaubens mit deutschen Wurzeln und eben jene Wurzeln sollten auch seine Kinder und Enkelkinder kennen lernen. Denn die Geschichte der Friedmanns endet natürlich nicht mit der Ankunft in Amerika, ganz im Gegenteil.
In der abschließenden Fragerunde beantworteten Lilly und Charles Friedmann wie sie das geteilte, und das wiedervereinigte Deutschland während ihrer Besuche erlebt haben, warum sie nie dauerhaft zurückkehren wollten, wie es ihren Familien nach der Flucht erging, wie sie zueinander fanden und warum sie stolz sind auf ihre Familie und ihre Kinder.
Die Lebensgeschichte dieser Jenaer Familie ist lediglich eine Episode. Aber sie veranschaulicht das kollektive Schicksal der deutschen Juden und ihre Lebenswirklichkeit in 12 Jahren Naziherrschaft. Sie konnte die Geschichte, wenn vielleicht nicht unbedingt begreifbar, dann doch fassbar machen. Das Zeitzeugengespräch bildete dementsprechend auch den Höhepunkt der Ausstellung, die noch bis zum 29. Juli in der Kreissparkasse zu sehen sein wird.
Angelo Glashagel
Autor: aglCharles Friedmann ist heute 85 Jahre alt und die bewegende Geschichte die er zu erzählen hat, kann als exemplarisch gelten. Es ist die Geschichte der fortschreitenden, sich verschärfenden Diskriminierung und Ausgrenzung eines ganzen Bevölkerungsteils, von Flucht, von Vertreibung, vom Ende eines Lebens und dem Anfang eines anderen.
Eigentlich begann das 20. Jahrhundert gut für die Friedmanns. Die ursprünglich aus Südthüringen stammende Familie hatte sich 1892 in Jena niedergelassen und ein Fleischereifachbetrieb eröffnet. Die Geschäfte liefen gut und man konnte sich sogar eine Filiale in Naumburg leisten. Man war Jemand, gehörte zur Gesellschaft und zeigte soziales Engagement, arbeitete in der eigenen Gemeinde, zog sogar für Kaiser und Vaterland in den Krieg.
Erst mit dem Ende des 1. Weltkrieges, an dem Charles Friedmanns Vater als Offizier teilgenommen hatte, begann sich das Glück der Familie Friedmann im einzelnen und der deutschen Juden im allgemeinen zu wenden. Der Antisemitismus, der in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung schon seit dem vorangegangenen Jahrhundert latent vorhanden war, schlug sich mit der Niederlage endgültig Bahn und wurde letztlich einer der Hauptgründe für die erfolgreiche Machtergreifung Hitlers 1933.
Was nun folgen sollte war die systematische Demontage der Familie und ihrer Lebensgrundlage. Mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wird das Leben für die Juden in Deutschland zunehmend schwieriger. Erst dürfen Karl-Heinz, wie Charles Friedmann vor 70 Jahren noch gerufen wurde und sein Bruder die Schule nicht mehr besuchen. Das Geschäft des Vaters soll in arische Hände gegeben werden, ein letzter Versuch den Familienbetrieb über einen Pachtvertrag mit einem "Arier" doch noch zu retten schlägt fehl, da dieser von den Nationalsozialisten als politisch fragwürdig eingestuft wird. Über ihr Geld können die Friedmanns bald auch nicht mehr frei verfügen, sondern müssen es in die Obhut ihrer Hausbank in Jena übergeben, die das Kapital nach gutdünken einsetzen kann.
Die Familie wird in ihrem Alltag immer weiter eingeschränkt. Alte Freunde distanzieren sich von den Juden und der kleine Charles versteht nicht, warum er nicht mit den anderen Jungen in der Hitlerjugend marschieren darf. Wie brutal und perfide die Nationalsozialisten die "Arisierung" Deutschlands vorantreiben zeigt sich schließlich am 9. November 1938. In der Pogromnacht werden die Eltern festgenommen. Charles Vater sowie sein Großvater werden deportiert und finden sich im KZ-Buchenwald wieder.
Während die Mutter recht schnell zu ihren Kindern zurückkehren kann, lässt die Rückkehr der Männer sechs Wochen auf sich warten. Die Inhaftierung nutzen die Nazis als Druckmittel: erst mit dem Unterzeichnen des endgültigen Kaufvertrages für sein Geschäft kommen die Männer frei. Der Großvater verstirbt 1940 an den Folgen der Misshandlungen während der Gefangenschaft. Mit den Novemberpogromen endete das Leben meiner Familie in Deutschland sagt Charles Friedmann.
Den berüchtigten Judenstern müssen die Friedmanns indes nicht mehr tragen. Im Sommer 1941 können sie Deutschland endlich verlassen. Nach einer langen Odyssee über Frankreich und Spanien und einer weiteren kurzen, eher vorsorglichen Inhaftierung des Vates durch die Briten, erreichen sie New York mit gerade mal 40 Reichsmark in der Tasche. 10 Mark für jedes Familienmitglied war ihnen zugesprochen worden.
Der Rest der Familie - Tante, Onkel und Großmutter, blieben zurück und fielen wahrscheinlich dem Holocaust zum Opfer. Zumindest für die Großmutter ist das schriftlich belegt, sie verstarb im KZ-Theresienstadt.
Diese Familiengeschichte, sie ist nicht einzigartig, nicht tragischer als hunderte andere Schicksale. Sie ist lediglich außerordentlich gut dokumentiert. Es ist diese Tatsache und die Verkettung einiger glücklicher Umstände, die es der Jenaer Studentin Christine Schoenmakers ermöglichten, die Geschichte der Friedmanns zu erzählen. Auf der Suche nach einem Thema für ihre Magisterarbeit stieß sie im Archiv der Stadt Jena auf die Lebensgeschichte der Familie.
Durch die freundliche Vermittlung des Oberbürgermeisters von Jena, einem Freund Charles und Lilly Friedmanns, konnte sie den Kontakt zu den Zeitzeugen herstellen. Ihre Magisterarbeit wurde schließlich zu dem Buch "I believe we were the last Jews to escape" ("Ich glaube wir waren die letzten Juden die entkamen") und Teil der Wanderausstellung "Arisierung in Thüringen".
Mit der Familie im Schlepptau hat der 85-jährige Charles den weiten Weg von New York zurück nach Thüringen aber nicht nur gemacht, weil die Verbrechen und die Opfer der Nazi-Ära nicht vergessen werden dürfen. Er sieht sich selbst als Amerikaner jüdischen Glaubens mit deutschen Wurzeln und eben jene Wurzeln sollten auch seine Kinder und Enkelkinder kennen lernen. Denn die Geschichte der Friedmanns endet natürlich nicht mit der Ankunft in Amerika, ganz im Gegenteil.
In der abschließenden Fragerunde beantworteten Lilly und Charles Friedmann wie sie das geteilte, und das wiedervereinigte Deutschland während ihrer Besuche erlebt haben, warum sie nie dauerhaft zurückkehren wollten, wie es ihren Familien nach der Flucht erging, wie sie zueinander fanden und warum sie stolz sind auf ihre Familie und ihre Kinder.
Die Lebensgeschichte dieser Jenaer Familie ist lediglich eine Episode. Aber sie veranschaulicht das kollektive Schicksal der deutschen Juden und ihre Lebenswirklichkeit in 12 Jahren Naziherrschaft. Sie konnte die Geschichte, wenn vielleicht nicht unbedingt begreifbar, dann doch fassbar machen. Das Zeitzeugengespräch bildete dementsprechend auch den Höhepunkt der Ausstellung, die noch bis zum 29. Juli in der Kreissparkasse zu sehen sein wird.
Angelo Glashagel

