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26.01.2011

Steaks statt Kunst

Vor 95 Jahren zog die Künstlerin Maria Schmidt-Franken nach Nordhausen - ihre großen Landschaftsgemälde, ein Vermächtnis an die Bürger, wurden aus dem Ratskeller entfernt. Dazu Anmerkungen von nnz-Autorin Heidelore Kneffel...

Gemälde im Nordhäuser Ratskeller (Foto: privat) Gemälde im Nordhäuser Ratskeller (Foto: privat)

Mitten im ersten Weltkrieg, genau am 27. Januar 1916, siedelte sich in der Kleinstadt Nordhausen, so einprägsam zwischen Harz und Kyffhäuser gelegen, die 1888 in Nürnberg geborene Künstlerin Maria Schmidt-Franken an. Als Heranwachsende hatte sie in München gelebt. Angeregt von einer Reise ins Riesengebirge, begann sie ihre Ausbildung als Landschafterin bei unterschiedlichen Künstlern. Studienaufenthalte führten sie durch die Bergwelt Oberbayerns, aber auch in das Dachauer- und Tölzer Moor. Ihre Begabung wurde bald anerkannt und sie wurde Mitglied in Künstlerverbänden, was auch für den Verkauf ihrer Arbeiten förderlich war.

1911 reiste sie nach Italien, seit der Zeit des Klassizismus und der Romantik fast ein Muss in der Vita eines Künstlers. Heimgekehrt, wählte sie als Kontrastprogramm einen längeren Aufenthalt in Mecklenburg. Ihre Eltern siedelten nach Weimar über, aber der hoffnungsvollen Grafikerin und Malerin behagte das Landschaftliche dort nicht so – sie zog es nach Nordhausen, dessen Lage ihr zusagte.

Es war klar, nur mit Ausstellungen ihrer Werke konnte sie Kunden anziehen, zumal Nordhausen nicht im Ruf einer Kunststadt stand. Für die Stadt sprach, dass es hier seit 1852 einen rührigen Kunstverein gab, der bei seinen Ausstellungen moderner Kunst mit dem Kunstverein in Weimar eng verbunden war

Am 9. 11. 1917 zeigt die Künstlerin in der „Nordhäuser Allgemeinen Zeitung“ unter der Überschrift „Ausstellung eigener Werke“ an: „Hierdurch beehre ich mich, alle Kunstfreunde von Nordhausen und Umgebung zum Besuche der in meinen Räumen Thüringerstraße 34 in der Zeit vom Sonntag, den 11. 11, bis einschließlich Sonntag, den 25. 11, stattfindenden diesjährigen Gesamtausstellung meiner neueren Werke einzuladen. Als Tageszeit der Besichtigung sind Stunden von 10 bis 1 und 2 bis 4 vorgesehen. Persönliche Einladungen ergehen nicht. Nordhausen, im November 1917: M. Schmidt-Franken, Kunstmalerin. Mitglied Münchener und Weimarer Künstlerverbände.“

Am 22. 11. wird die Ausstellung in der Presse ausführlich besprochen. Der Rezensent weist eingangs darauf hin, dass in diesen Kriegszeiten eine große Sehnsucht nach Schönheit und Ordnung herrsche, und dass es in Nordhausen dank des Theaterbaues an der Promenade und des Wirkens der Künstlerin Schmidt-Franken etwas gäbe, das ein weihevolles Ausruhen gestatte.

Das Atelier ist ausgestattet mit Palmen, alten Krügen, Stickereien und natürlich reichem Bilderschmuck. Hatte die Künstlerin im Jahr ihres Einzuges in Nordhausen noch überwiegend Kohlezeichnungen, farbige Pastelle, Aquarelle, Radierungen und Steinzeichnungen vorgeführt, so kommen dieses Mal Ölbilder in größerer Zahl hinzu.

S-F, wie sie sich auch abkürzt, fuhr von Nordhausen in die Lüneburger Heide, nach Hamburg, an die Nordsee. Solche Motive entdeckt der Besucher nun im Atelier. Von Anfang an komponiert Schmidt-Franken ihre Landschaftsgemälde mit einem tiefgezogene Horizont, der viel Platz für einen großen Himmel lässt, auf dem die Wolken variationsreich zu den Menschen sprechen.

Der Atelierbesucher schwärmt vor allem von einer „Großen Winterlandschaft“. „Der wundervoll gemalte Schnee mit seinem Riedgras und auftauendem Eis beeindrucken tief. Wolkenbildung, Sonne und Licht fesseln ...“ Der Kunstfreund wünscht, dass den Künstlern im Krieg nicht der Lebensnerv abgeschnitten werde. Nach dem Krieg soll aller Schatten, jeder düstere Winkel der Vergangenheit angehören Die Kunstschaffenden mögen einen „würdigen Platz am Licht, in der Sonne zu freiem Schaffen erhalten“.

Nun hätte ich zum Schluss meiner Würdigung der Kunstmalerin angefügt, dass man in Nordhausen, wo sie am 27. März 1967 starb, seit der soliden Rekonstruktion des Ratskellers durch das Landratsamt 1993 drei ihrer großen Landschaftsgemälde besichtigen kann: Ein Blick über die Wälder des Hochharzes hin zum Brocken, ein Blick über die Wälder des Südharzes auf die Ruine Hohnstein, ein Blick über die Goldene Aue zum Kyffhäuser – alles Würdigungen des Landschaftlichen, das man von Nordhausen gut erreicht.

Nordhausen hat durch die Stadtbrände und vor allem den zweiten Weltkrieg zahlreiche Kunstwerke auch im öffentlichen Raum, z. B. im Alten Rathaus und in der Blasiikirche, verloren. Deshalb wurde bei der Rekonstruktion des Ratskeller nicht daran gespart, auch die künstlerische Ausstattung gekonnt ausführen zu lasen. In Leipzig zieht der gleichfalls mit Kunst ausgestattete Auerbachs Keller die Gäste an – Traditionspflege! In Nordhausen ist das mit dem Ratskeller nach anfänglich sehr gutem Besuch nicht geglückt. Die Stadt hatte immer zu tun, die Räume zu vermieten.

Flusslandschaft mit Weide (Foto: privat) Flusslandschaft mit Weide (Foto: privat) Dann sollte es ein Steakhaus werden. Und jetzt fängt eine absurde Geschichte an. Das Konzept dieser Gaststättenart machte es dringend erforderlich, die Ölgemälde aus den Bogennischen zu entfernen. Verträgt der Verzehr von Steaks keine Anblicke von schöner Landschaft? Die in der Stadtverwaltung für die Vermietung zuständige Stelle befragte die Denkmalpflegerin Nordhausens, so wurde mir mündlich versichert, die der Abnahme zustimmte. Die Kunstwerke, die für den Ratskeller im Neuen Rathaus 1938 eigens geschaffen wurden, erlebten also nur eine kurze Auferstehung. Ohne Not wurden sie in Friedenszeiten entfernt, „sichergestellt“, wie man mir sagte. Vor wem?

Das Menschengeschlecht definiert sich seit Anbeginn durch seine Kunstwerke: Höhlenmalerei, Skulpturen, Architektur, Malerei usw.! Was wären wir, wenn sie nicht wären! An das Ende setze ich eine Radierung von Maria Schmidt-Franken, deren Platte sich mit anderen in ihrem Häuschen Sachsenhof 7 auf dem Boden fand. Am Haus weist eine geschnitzte Tafel auf die Künstlerin hin – Privatinitiative brachte sie dort an.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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