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Fr, 06:29 Uhr
14.09.2012

Vernichtet durch Gipsabbau (3)

Heute setzt nnz-Autor Bodo Schwarzberg die Serie fort, in der er an Pflanzen erinnert, die durch den Gipsabbau im Landkreis Nordhausen stark in ihrer Existenz bedroht sind oder bereits gänzlich ausgerottet wurden...

Zwerg-Steppenkresse (Hornungia petraea)

Zwerg-Steppenkresse (Foto: B. Schwarzberg) Zwerg-Steppenkresse (Foto: B. Schwarzberg)

Wer im Gebiet des Gipskarstes über „Frühblüher“ spricht, der müsste die Zwerg-Steppenkresse als eine der ersten Arten nennen. Denn bereits in einem milden März kann sie ihre Blüten öffnen, sofern die Sonne ihre stets südexponierten, in Trockenrasen gelegenen, sehr lückigen Standorte schon ausgiebig bescheint.

Und bereits Mitte April, wenn Busch-Windröschen., Bärlauch und Hohler Lerchensporn das farbenfrohe Erscheinungsbild mancher Wälder bzw. trockenen Wiesen erst zu bestimmen beginnen, ist sie schon wieder am verblühen.

Ein Grau-Braun, also die Farbe der letztjährigen, nun trockenen und erfrorenen Gräser ist zu dieser Zeit auf den wenigen Gipskuppen im Gebiet des Naturparks noch die beherrschende Farbe. Neues Grün beginnt sich so früh im Jahr erst ganz zaghaft zu entwickeln. Kaum jemand vermutet inmitten dieser „Ödnis“ eine bereits blühende botanische Kostbarkeit.

Dass dieser seltene Vertreter der Familie der Kreuzblütengewächse den wenigsten Menschen als „Frühblüher“ bekannt ist, mag zudem an seiner Unscheinbarkeit liegen: Meist ist bei zwei bis fünf Zentimetern Sprosslänge Schluss. Besonders kräftige Exemplare können aber, zumindest theoretisch, eine Größe von bis zu 15 cm erreichen. Ich selbst jedoch habe noch nie derartig kräftige Pflanzen gesehen. Ihre Blätter bilden eine dem Boden fast anliegende Rosette und stehen vereinzelt auch am Blüten tragenden Stängel, jeweils mit einem Seitenzweig in ihrer Achsel.

Man könnte übrigens meinen, die Zwerg-Steppenkresse könne es überhaupt nicht erwarten, ihren Entwicklungszyklus zu vollenden. Denn die eben beschriebenen Rosettenblätter erscheinen im Gebiet bereits im Januar zwischen dem struppig-trockenen Gras des gerade verflossenen Jahres. Eines der untenstehenden Fotos dokumentiert dies vom 16. Januar 2011! Die Zwerg-Steppenkresse nutzt den nach der Schneeschmelze noch feuchten Boden für ihre Entwicklung. Später verfärben sich ihre Blätter dunkelrotbraun, was wohl als Schutz gegen die immer stärkere Sonneneinstrahlung zu werten ist.

Die Art gilt als einjährig, das heißt, sie vollzieht ihre gesamte Entwicklung, von der Samenkeimung bis zur Blüte bzw. Fruchtbildung und zum Absterben in einem einzigen Jahr. Rund 10 Monate eines jeden Jahres begegnet sie uns nur in Form ihrer winzigen, gelblichen Samen, die natürlich an ihren Standorten praktisch unsichtbar sind.

Wie bereits erwähnt, besiedeln die Pflanzen mit Felsfluren und Trockenrasen besonders extreme Standorte. Sie gilt als Trockenheits- und Kalkzeiger und ist auf sehr nährstoffarme Böden, offene Böden beschränkt.

Der deutsche Name Zwerg-„Steppen“kresse ist etwas irreführend. Denn eigentlich ist sie kein Bewohner der typischen eurasiatischen Steppen mit kontinentalem, trockenen und im Winter sehr kaltem Klima. Vielmehr liegt ihr Arealzentrum im westlichen und zentralen Mittelmeergebiet. Interessanterweise verfügt die nur in Europa heimische Art in Südskandinavien über ein weiteres Teilareal. Ihre wenigen Vorkommen in Deutschland gelten daher als Vorposten und sind, gerade als „Trittsteine“ zwischen den beiden Hauptverbreitungsgebieten pflanzengeografisch bedeutsam.

In Deutschland wurde sie in nur sechs Bundesländern nachgewiesen und gilt in fünf als stark gefährdet bzw. als vom Aussterben bedroht, deutschlandweit und in Thüringen als stark gefährdet.

In Thüringen beschränken sich ihre Vorkommen auf den Kyffhäuser und den Südharzer Zechsteinrand. Im Gebiet des Kyffhäuserkreises verfügt die Zwerg-Steppenkresse laut der Flora des Kyffhäusergebirges und der näheren Umgegend“ von BARTHEL & PUSCH (1999) noch über zerstreute Standorte und damit über die wohl höchste Standortkonzentration ganz Ostdeutschlands. Im Landkreis Nordhausen außerhalb des Kyffhäusergebietes wurde sie einst an mehreren Stellen gefunden, so, laut Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Thüringens von KORSCH, H., WESTHUS, W. und ZÜNDORF, H.-J. von 2002, im Großraum Rüdigsdorf und am heute durch den Steinbruch Hohe Schleife weitgehend zerstörten Hagenberg bei Woffleben. Von dessen Kamm erwähnte die Art 1954 noch der Botaniker Otto SCHWARZ und zwar in dem Buch mit dem klangvollen Titel „Thüringen –Kreuzweg der Blumen“.

Dort fiel die Art, ebenso wie viele andere im Kohnsteingebiet, dem Steinbruchbetrieb zum Opfer.

Heute siedelt sie im Landkreis außerhalb des Kyffhäusergebietes noch an einer, vielleicht auch an zwei Stellen im Naturschutzgebiet Alter Stolberg sowie auf einer kleinen Fläche im Raum Ellrich-Gudersleben.

Bedroht sind ihre Bestände jedoch nicht nur vom potentiell weiter voranschreitenden Gipsabbau: Als winzige, sehr konkurrenzschwache Art kann sie sehr leicht von konkurrenzstärkeren Arten „überwuchert“ und damit verdrängt werden. Eine besondere Gefahr ergibt sich n diesem Zusammenhang aus dem zunehmenden Stickstoffeintrag in unsere Landschaft, aus dem Ackerbau ebenso, wie aus dem Autoverkehr - im Schnitt 30 kg Stickstoff pro Jahr und Hektar. Durch die Immissionen werden konkurrenzstarke Arten gefördert, sofern dies nicht durch entsprechende Pflegemaßnahmen wie Mahd und Schafweide verhindert wird.

Der Landschaftspflegeverband und der Autor dieses Beitrages haben ein Projekt geplant, das dies für einen Standort umsetzen soll.

JANDT, U. bemerkt 1997 in ihrer Arbeit „Konstanz und Wandel der Flora am Südharzrand und am Kyffhäuser“ ( Artenschutzreport 7: 52-55), dass in Thüringen und Niedersachsen Nutzungswandel und Gipsabbau als Ursachen für den Artenrückganz zusammenkommen. „Der Gipsabbau wirkt sich aber sehr viel verheerender auf die Flora aus“, schreibt sie. An der Zwerg-Steppenkresse lassen sich beide Rückgangsursachen erklären.

Zwerg-Steppenkresse (Foto: B. Schwarzberg)
Zwerg-Steppenkresse (Foto: B. Schwarzberg)
Fläche mit den meisten Exemplaren (Foto: B. Schwarzberg)
Die Bilder zeigen einen typischen Standort, Rosettenblätter im Januar, die blühende Art im März und den Steinbruch Hohe Schleife, dem ein Standort zum Opfer fiel. Die Serie „Vernichtet durch Gipsabbau“ wird fortgesetzt.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

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