Fr, 11:56 Uhr
06.03.2020
Buchrezension zum Jubiläum Sarah Kirschs
"Freie Verse" zum 85. Geburtstag
Zum 85. Geburtstag der Dichterin Sarah Kirsch am 16.4.2020 erschien am 2. März eine Jubiläumsausgabe im Manesse Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Es ist ein bibliophiler Band im leuchtend rotem Einband, auf gutem Papier auf der Stempel Garamond gesetzt, mit einem weißen und einem roten Leseband versehen, so, wie es Sarah Kirsch liebte.
99 Gedichte sind zu lesen, wobei 19 bis vor kurzem noch auf dem Dachboden des Wohnhauses in Tielenhemme aufbewahrt waren, die aus der der DDR-Zeit stammen, wie es der Herausgeber Moritz Kirsch, der Sohn der Dichterin, im Nachwort kund tut. Ihm und dem Verlag war es ein Anliegen zu zeigen, wie sich in den Gedichten Sarah Kirschs Politisches und Privates mischt. Dafür werden auch 80 Beispiele aus den veröffentlichten Lyrikbänden herangezogen.
Im Klappentext liest man: "Die poetische Beschwörung der Büchner-Preisträgerin gilt in 'Freie Verse' nicht nur der Natur, sondern auch der menschlichen Umwelt, dem gesellschaftlichen System, das uns prägt und – ob wir es wollen oder nicht – bis in den hintersten Weltwinkel verfolgt." Im Ankündigungstext des Verlages wird darauf verwiesen, dass Sarah Kirsch "eine ganz eigene Form- und Bildsprache in der Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart, mit dem jeweiligen System und den Herrschenden" anwandte.
Aus aktuellem Anlass möchte ich das an zwei Beispielen aus dem "Freie Verse"-Band aufzeigen. Am 29. Januar 2020 ist in Freiburg im Breisgau der Dichter, Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel gestorben, Jahrgang 1935 wie die Kirsch, einige Jahre ein Partner für sie. In dem Gedicht "Datum" ist aufgeschrieben, wann sich die beiden kennenlernten. "Der kam am 28. Februar, stellte / Sich mir vors Fenster in einem Bärenfell sagte / O wie mir schwindelt..." Sarah und Moritz Kirsch lebten damals im 17. Stock auf der Fischerinsel in Ostberlin, Christoph Meckel wohnte im Westteil der Stadt. Die Geliebte sagt zu ihm im Gedicht dann auch: "Herzschöner wollen wir Julia und Romeo sein? / Der Umstand / Ist günstig, wir wohnen / Wohl in der gleichen Stadt, aber die Staaten / Unsere eingetragenen Staaten gebärden sich, meiner / Hält mich und hält mich er hängt so an mir..." So klingt es bei Sarah Kirsch, wenn sie beim Dichten politisch wird.
Über ihren Geliebten schreibt die Kirsch in einem Brief an Christa Wolf: "Er wäre eine Maßarbeit für mich, aber hier könnte er niemals leben." Meckel erzählt Sarah Kirsch von Südfrankreich, wohin er sich gern zurückzieht. Sie ist verzaubert und möchte mit ihm in den Süden - aber es handelt sich um das Jahr 1974, sie ist DDR-Bürgerin, die ins westliche Ausland nicht reisen darf. Aber, sie schafft es doch, sich mit Meckel gemeinsam vom 3.9. bis zum 20.9.1974 im Süden Frankreichs aufzuhalten, Verse geben Kunde davon. Man sandte sie, wie sie uns in Limlingerode erzählte, zum Pressefest der L'Humanité, der Zeitung der Kommunistischen Partei Frankreichs. Aus dieser erfuhr sie dann auch, wie das Fest verlaufen war.
1976 wurden diese "Datum"-Verse im Lyrikband "Rückenwind" im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar mit Grafiken von Willy Wolf erst veröffentlicht, in dem die Motive Liebe, Trennung und Einsamkeit vorherrschen, denn in ihm spiegeln sich vor allem ihre Erfahrungen aus der Beziehung zu Christoph Meckel.
Bei Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, kamen diese Gedichte 1977 heraus. Mehr über diese nicht immer harmonisch verlaufende Beziehung erfährt man aus dem Prosabändchen "Tartarenhochzeit", 2003 in der Deutschen Verlags-Anstalt München erschienen, in dem Meckel unter dem Pseudonym Ypsilon auftritt. Daraus las die Kirsch im März des Erscheinungsjahres, als sie in Limlingerode war, und sagte darüber, es handele sich um einen "historischen Roman" aus DDR-Zeiten. Über das Zusammenkommen der beiden Liebenden in der getrennten Stadt heißt es da: "Jede Nacht mußte er für zwei Stunden zurück über die Grenze. Oh unser großartiger west-östlicher Diwan hier in den Wolken." Moritz Kirsch wählte für den Band der Jubiläumsausgabe auch das eindringliche Gedicht "Die Ebene" aus, dem Sarah Kirsch den Hölderlin-Vers "Meine geliebten / Tale lächeln mich an." voran gesetzt hat. Diesen Dichter, vor 250 Jahren geboren, verehrte sie. Im Gedicht beschreibt sie "Die großen Bilder" der Landschaft, die "alltäglich" auf die Menschen wirken. Aber, diese ist mehr und mehr bedroht. Sie entlässt die Leser mit folgenden vier Zeilen: "Wie gelassen wäre der Abschied / Könnten wir in leichter Gewißheit / Daß diese Erde lange noch / Dauert gerne doch gehn."
Heidelore Kneffel
Autor: red99 Gedichte sind zu lesen, wobei 19 bis vor kurzem noch auf dem Dachboden des Wohnhauses in Tielenhemme aufbewahrt waren, die aus der der DDR-Zeit stammen, wie es der Herausgeber Moritz Kirsch, der Sohn der Dichterin, im Nachwort kund tut. Ihm und dem Verlag war es ein Anliegen zu zeigen, wie sich in den Gedichten Sarah Kirschs Politisches und Privates mischt. Dafür werden auch 80 Beispiele aus den veröffentlichten Lyrikbänden herangezogen.
Im Klappentext liest man: "Die poetische Beschwörung der Büchner-Preisträgerin gilt in 'Freie Verse' nicht nur der Natur, sondern auch der menschlichen Umwelt, dem gesellschaftlichen System, das uns prägt und – ob wir es wollen oder nicht – bis in den hintersten Weltwinkel verfolgt." Im Ankündigungstext des Verlages wird darauf verwiesen, dass Sarah Kirsch "eine ganz eigene Form- und Bildsprache in der Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart, mit dem jeweiligen System und den Herrschenden" anwandte.
Aus aktuellem Anlass möchte ich das an zwei Beispielen aus dem "Freie Verse"-Band aufzeigen. Am 29. Januar 2020 ist in Freiburg im Breisgau der Dichter, Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel gestorben, Jahrgang 1935 wie die Kirsch, einige Jahre ein Partner für sie. In dem Gedicht "Datum" ist aufgeschrieben, wann sich die beiden kennenlernten. "Der kam am 28. Februar, stellte / Sich mir vors Fenster in einem Bärenfell sagte / O wie mir schwindelt..." Sarah und Moritz Kirsch lebten damals im 17. Stock auf der Fischerinsel in Ostberlin, Christoph Meckel wohnte im Westteil der Stadt. Die Geliebte sagt zu ihm im Gedicht dann auch: "Herzschöner wollen wir Julia und Romeo sein? / Der Umstand / Ist günstig, wir wohnen / Wohl in der gleichen Stadt, aber die Staaten / Unsere eingetragenen Staaten gebärden sich, meiner / Hält mich und hält mich er hängt so an mir..." So klingt es bei Sarah Kirsch, wenn sie beim Dichten politisch wird.
Über ihren Geliebten schreibt die Kirsch in einem Brief an Christa Wolf: "Er wäre eine Maßarbeit für mich, aber hier könnte er niemals leben." Meckel erzählt Sarah Kirsch von Südfrankreich, wohin er sich gern zurückzieht. Sie ist verzaubert und möchte mit ihm in den Süden - aber es handelt sich um das Jahr 1974, sie ist DDR-Bürgerin, die ins westliche Ausland nicht reisen darf. Aber, sie schafft es doch, sich mit Meckel gemeinsam vom 3.9. bis zum 20.9.1974 im Süden Frankreichs aufzuhalten, Verse geben Kunde davon. Man sandte sie, wie sie uns in Limlingerode erzählte, zum Pressefest der L'Humanité, der Zeitung der Kommunistischen Partei Frankreichs. Aus dieser erfuhr sie dann auch, wie das Fest verlaufen war.
1976 wurden diese "Datum"-Verse im Lyrikband "Rückenwind" im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar mit Grafiken von Willy Wolf erst veröffentlicht, in dem die Motive Liebe, Trennung und Einsamkeit vorherrschen, denn in ihm spiegeln sich vor allem ihre Erfahrungen aus der Beziehung zu Christoph Meckel.
Bei Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München, kamen diese Gedichte 1977 heraus. Mehr über diese nicht immer harmonisch verlaufende Beziehung erfährt man aus dem Prosabändchen "Tartarenhochzeit", 2003 in der Deutschen Verlags-Anstalt München erschienen, in dem Meckel unter dem Pseudonym Ypsilon auftritt. Daraus las die Kirsch im März des Erscheinungsjahres, als sie in Limlingerode war, und sagte darüber, es handele sich um einen "historischen Roman" aus DDR-Zeiten. Über das Zusammenkommen der beiden Liebenden in der getrennten Stadt heißt es da: "Jede Nacht mußte er für zwei Stunden zurück über die Grenze. Oh unser großartiger west-östlicher Diwan hier in den Wolken." Moritz Kirsch wählte für den Band der Jubiläumsausgabe auch das eindringliche Gedicht "Die Ebene" aus, dem Sarah Kirsch den Hölderlin-Vers "Meine geliebten / Tale lächeln mich an." voran gesetzt hat. Diesen Dichter, vor 250 Jahren geboren, verehrte sie. Im Gedicht beschreibt sie "Die großen Bilder" der Landschaft, die "alltäglich" auf die Menschen wirken. Aber, diese ist mehr und mehr bedroht. Sie entlässt die Leser mit folgenden vier Zeilen: "Wie gelassen wäre der Abschied / Könnten wir in leichter Gewißheit / Daß diese Erde lange noch / Dauert gerne doch gehn."
Heidelore Kneffel


