So, 18:51 Uhr
09.11.2025
Gedenken an die Pogromnacht
526 Nordhäuser Namen
Vor der Gedenktafel für die Nordhäuser Synagoge wurde heute der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Anders als sonst blieb man hier aber nicht stehen, sondern zog auch vor das Rathaus, um dem Schicksal der Nordhäuser Juden ein Zeichen zu setzen…
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennt es in Nordhausen, die Flammen fressen sich durch die Synagoge der jüdischen Gemeinde, angefacht durch die SA, die mit Benzin und Petroleum in den Tempel eingedrungen war. In der Stadt werden Gebetsräume und Geschäfte verwüstet, das willige Fußvolk des Nationalsozialismus dringt in die Wohnungen ihrer Nachbarn und Mitbürger ein und hinterlässt Schmerz, Scherben und Angst.
Über 80 Männer aus Nordhausen und Umgebung werden noch in der Nacht zusammengetrieben und tags darauf nach Buchenwald deportiert, aus ganz Mitteldeutschland pfercht man hier tausende Juden zusammen. Der Schrecken des Holocaust steht 1938 noch an seinem Anfang, Millionen Unschuldiger finden bis 1945 den Tod in Arbeitslagern und Gaskammern.
Die schiere Zahl der Gräueltaten ist für den menschlichen Verstand rational kaum zu fassen. Eine andere Zahl ist es: 526. Das ist die Zahl der Nordhäuser Jüdinnen und Juden, die während des Nationalsozialismus um ihr Leben gebracht wurden. Diejenigen, von denen man weiß, diejenigen, deren Namen Dr. Manfred Schröter in jahrelanger, akribischer Recherche noch zusammentragen konnte. Kein anderer hat sich um die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Mitbürger so verdient gemacht wie der ehemalige Oberbürgermeister. Einer seiner Wünsche ist heute posthum in Erfüllung gegangen: die Namen der Ermordeten sind in der Stadt sichtbar gemacht, nicht als vereinzelte Stolpersteine, sondern als eine große, unübersehbare Tafel.
Es war die Strategie der Nationalsozialisten, ihren Opfern die Menschlichkeit zu nehmen, in dem man ihnen ihren Namen wegnahm und sie zu Nummern machte., erläutert Holger Richter heute vor der noch verhüllten Gedenktafel am Nordhäuser Rathaus, die der Lions Club mit der Unterstützung zahlreicher Spender der Stadt übergeben konnte. Die Nummern und Zahlen, sollten das Individuum verschwinden lassen, erklärt Richter, die Tafel soll das Gegenteil bewirken und die Opfer aus der Unbestimmtheit der Zahlen zurück in das Gedächtnis holen.
Die Erinnerung an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben, was Nordhäuser anderen Nordhäusern angetan haben, sei gerade in diesen unseren Tagen dringend nötig, so der Tenor der Redebeiträge vor Synagoge und Rathaus. Antisemitismus, die Entmenschlichung von Minderheiten und religiösen Gruppen greifen abermals um sich und der Hass, der sich unter dem Hakenkreuz Bahn brach, wird wieder salonfähig, auch in Nordhausen.
v.l. Jan Tombiński, Bärbel Grönegres und Jens Böhnisch bei der an die Gedenkveranstaltung anschließenden Eröffnung der Doppelausstellung zum Siechenhof und dem jüdischen Alltagsleben in Nordhausen in der Stadtbibliothek (Foto: agl)
Im Publikum fanden sich heute auch diplomatische Gäste - der höchste Vertreter Polens hierzzulande, Jan Tombiński und die französische Honorarkonsulin Bärbel Grönegres - die auf Einladung von Polizeihauptkommissar Jens Bönisch gekommen waren. 1938 ist nicht so weit weg, wie man denken mag, mahnt die Diplomatin, man dürfe nicht die Augen vor dem verschließen, was um einen herum geschehe. Aus falsch erinnerter Geschichte entstehe auch falsche Politik, sagt ihr polnischer Kollege, die Schicksale der Opfer des Nationalsozialismus wie auch die der Täter seien ein Teil der gemeinsamen, europäischen Geschichte, die man nicht vergessen dürfe.
Dr. Manfred Schröter hat bis zuletzt zu genau diesen Fragen geforscht und dabei nicht allein die Namen zusammengetragen, sondern auch viele Lebensgeschichten in seinem Buch Das Schicksal der Nordhäuser Juden niedergeschrieben. Auf der Gedenktafel haben die Details keinen Platz gefunden, wohl aber im Netz - ein QR Code am Rande der Tafel führt zur Seite der Nordhäuser Lions und von hier zum digitalen Gedenkbuch mit 526 Einträgen.
Angelo Glashagel
Autor: redIn der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennt es in Nordhausen, die Flammen fressen sich durch die Synagoge der jüdischen Gemeinde, angefacht durch die SA, die mit Benzin und Petroleum in den Tempel eingedrungen war. In der Stadt werden Gebetsräume und Geschäfte verwüstet, das willige Fußvolk des Nationalsozialismus dringt in die Wohnungen ihrer Nachbarn und Mitbürger ein und hinterlässt Schmerz, Scherben und Angst.
Über 80 Männer aus Nordhausen und Umgebung werden noch in der Nacht zusammengetrieben und tags darauf nach Buchenwald deportiert, aus ganz Mitteldeutschland pfercht man hier tausende Juden zusammen. Der Schrecken des Holocaust steht 1938 noch an seinem Anfang, Millionen Unschuldiger finden bis 1945 den Tod in Arbeitslagern und Gaskammern.
Die schiere Zahl der Gräueltaten ist für den menschlichen Verstand rational kaum zu fassen. Eine andere Zahl ist es: 526. Das ist die Zahl der Nordhäuser Jüdinnen und Juden, die während des Nationalsozialismus um ihr Leben gebracht wurden. Diejenigen, von denen man weiß, diejenigen, deren Namen Dr. Manfred Schröter in jahrelanger, akribischer Recherche noch zusammentragen konnte. Kein anderer hat sich um die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Mitbürger so verdient gemacht wie der ehemalige Oberbürgermeister. Einer seiner Wünsche ist heute posthum in Erfüllung gegangen: die Namen der Ermordeten sind in der Stadt sichtbar gemacht, nicht als vereinzelte Stolpersteine, sondern als eine große, unübersehbare Tafel.
Es war die Strategie der Nationalsozialisten, ihren Opfern die Menschlichkeit zu nehmen, in dem man ihnen ihren Namen wegnahm und sie zu Nummern machte., erläutert Holger Richter heute vor der noch verhüllten Gedenktafel am Nordhäuser Rathaus, die der Lions Club mit der Unterstützung zahlreicher Spender der Stadt übergeben konnte. Die Nummern und Zahlen, sollten das Individuum verschwinden lassen, erklärt Richter, die Tafel soll das Gegenteil bewirken und die Opfer aus der Unbestimmtheit der Zahlen zurück in das Gedächtnis holen.
Die Erinnerung an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben, was Nordhäuser anderen Nordhäusern angetan haben, sei gerade in diesen unseren Tagen dringend nötig, so der Tenor der Redebeiträge vor Synagoge und Rathaus. Antisemitismus, die Entmenschlichung von Minderheiten und religiösen Gruppen greifen abermals um sich und der Hass, der sich unter dem Hakenkreuz Bahn brach, wird wieder salonfähig, auch in Nordhausen.
v.l. Jan Tombiński, Bärbel Grönegres und Jens Böhnisch bei der an die Gedenkveranstaltung anschließenden Eröffnung der Doppelausstellung zum Siechenhof und dem jüdischen Alltagsleben in Nordhausen in der Stadtbibliothek (Foto: agl)
Im Publikum fanden sich heute auch diplomatische Gäste - der höchste Vertreter Polens hierzzulande, Jan Tombiński und die französische Honorarkonsulin Bärbel Grönegres - die auf Einladung von Polizeihauptkommissar Jens Bönisch gekommen waren. 1938 ist nicht so weit weg, wie man denken mag, mahnt die Diplomatin, man dürfe nicht die Augen vor dem verschließen, was um einen herum geschehe. Aus falsch erinnerter Geschichte entstehe auch falsche Politik, sagt ihr polnischer Kollege, die Schicksale der Opfer des Nationalsozialismus wie auch die der Täter seien ein Teil der gemeinsamen, europäischen Geschichte, die man nicht vergessen dürfe.
Dr. Manfred Schröter hat bis zuletzt zu genau diesen Fragen geforscht und dabei nicht allein die Namen zusammengetragen, sondern auch viele Lebensgeschichten in seinem Buch Das Schicksal der Nordhäuser Juden niedergeschrieben. Auf der Gedenktafel haben die Details keinen Platz gefunden, wohl aber im Netz - ein QR Code am Rande der Tafel führt zur Seite der Nordhäuser Lions und von hier zum digitalen Gedenkbuch mit 526 Einträgen.
Angelo Glashagel



