Ein bedeutender Synagogenbau, entworfen vom renommiertesten jüdischen Architekten seiner Zeit und doch in der Pogromnacht 1938 zerstört. In der Alten Kanzlei Bleicherode beleuchtete Professor Grunewald aus Hilden kürzlich vor rund hundert Besuchern die bewegte Geschichte der Synagoge in der Obergebraer Straße...
Eckhard Grunewald hielt in der Alten Kanzlei einen Vortrag über die zerstörte Bleicheröder Synagoge. (Foto: Christoph Maletz)Die in der Nacht zum 10. November 1938 von den Nazis in Brand gesetzte und zerstörte Synagoge in der Obergebraer Straße von Bleicherode war kein unbedeutender Tempelbau. Der damals bekannteste jüdische Synagogenarchitekt Deutschlands, Oppler in Hannover, entwarf sie in Anlehnung an berühmte romanische Sakralbauten unseres Landes, z.B. den Dom zu Worms. Die Vernichtung auch dieses Gotteshauses war eine nationale Kulturschande. Nur ein würdiger Gedenkstein erinnert noch an die Synagoge, deren teilweise erhaltener Standort künftig neu gestaltet werden soll.
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Ein interessanter Vortrag des in Bleicherode geborenen Professors Dr. Eckhard Grunewald, Hilden, in der Alten Kanzlei Bleicherode, ließ die Entstehung und die Baugeschichte der Synagoge deutlich werden. Der mit mächtigem Dachstuhlgebälk versehene Heuboden der Scheune der Alten Kanzlei erwies sich den ca. hundert Besuchern als bestens passender Veranstaltungsraum für ein Thema, das weit in die Vergangenheit zurückreicht: Um 1700 wurde im Obergeschoss der Kanzlei der erste Betraum der jüdischen Gemeinde eingerichtet, der bis zur Einweihung der großen Synagoge 1882 genutzt wurde. Sie wurde zu einem Schwerpunkt des Stadtbildes, zum zentralen und allgemein geachteten religiösen Leben der großen und häufig wohlhabenden jüdischen Gemeinde, die ihren Tempel mit starker Opferbereitschaft finanzierte. Die Veranstaltung war gut besucht, die Alte Kanzlei dicht besetzt. (Foto: Christoph Maletz)
Prof. Grunewald beließ es nicht beim Synagogenbau, er ging auch auf den verhängnisvollen Antisemitismus ein und erwähnte die Zeit der Aufklärung vor 1800 mit Lessing und dem Diplomaten sowie hohen Verwaltungsbeamten Christian Wilhelm v. Dohm, dessen epochales Buch über die Emanzipation der Juden 1781 erschien und europaweit verbreitet wurde. v. Dohm starb 1820 in Pustleben als Gutsbesitzer. Und in Bleicherode überließ Gräfin v. Hagen 1791 als Eigentümerin der Kanzlei den Betraum der jüdischen Gemeinde in einem überlieferten und mit beeindruckender humanistischer Gesinnung formulierten Vertrag zur immerwährenden Nutzung (vgl. Dokumentation in Kanzlei).
Prof. Grunewald stellte auch sehr kritisch den 1878 entstandenen Antisemitismusstreit zwischen den Historikern Treitschke und Nobelpreisträger Mommsen (1879–81) dar, der sehr stark die folgenden antijüdischen Entwicklungen geprägt hat. Es führt von da bis zur Vernichtung der Bleicheröder Synagoge eine direkte nationalistische Linie.
Der Vortrag von Prof. Grunewald war beeindruckend und enthielt wertvolle Informationen über unsere architektonische und politische Geschichte. Die Veranstaltung zeigte, dass die Alte Kanzlei, ihre Nebengebäude und künftig das Areal des Kanzleikarrees hervorragende Stätten für kulturelle Aktivitäten vielfältiger Art sowie für gesellige Begegnungen sind. Das Karree ist eben das Herz der Bleicheröder Oberstadt. Christoph Maletz