Do, 10:26 Uhr
29.01.2009
90 Jahre Bildung für alle
Mehr als 6.000 Südharzer und Einwohner angrenzender Bundesländer besuchen jedes Jahr eine – oder mehrere – der rund 150 Veranstaltungen an der Kreisvolkshochschule Nordhausen. Dieses Jahr blickt die VHS auf ihre 90jährige Geschichte im Landkreis zurück. Der Rückblick in Ihrer nnz.
Im Frühjahr 1919 hat sich in Thüringen die Volkshochschulbewegung formiert und hat im Gründungsaufruf festgehalten: Die Erneuerung und Wiederaufrichtung unseres Volkes fordert neben seiner wirtschaftlichen Umformung den Ausbau seines geistigen Lebens und eine Teilnahme aller (…) einer neuen Gemeinschaft aller derer, die nicht nur an ihrer fachlichen Weiterbildung weiterarbeiten, sondern sich auch im späteren Leben trotz der Not des Tages Herz und Kopf offen halten wollen (…). Schon damals hatte sich die VHS auf die Fahnen geschrieben, politisch unabhängig zu sein, Frauen und Männer gleichberechtigt zu behandeln und die Freiheit der Lehre zu achten.
Nordhausen gehörte damals zu Preußen, schloss sich aber der Thüringer VHS-Bewegung ausgehend von den ersten Versammlungen in Jena, Weimar und Erfurt an. Im Sommer 1919 liefen bereits die Vorbereitungen. Nur wenige Monate später, im November wurde die Volkshochschule in Nordhausen als kommunale Einrichtung der Stadt eröffnet – mit einem hohen Anspruch an die Erwachsenenbildung: Sie soll eine Schule sein, (…die) die ganze Persönlichkeit in ihrem Denken, Fühlen und Wollen erfassen will (…). Ihre Hauptaufgabe ist also nicht, in gewöhnlichem Sinne aufzuklären und Kenntnisse zu vermitteln, sondern zu bilden, heißt es in der Präambel der Ortssatzung.
Das erste Programmheft im handlichen A5-Format hieß damals noch Arbeitsplan und war 20 Seiten dick. Von November 1919 bis Juni 1920 bot die Volkshochschule damals 76 Vortragsreihen und Arbeitsgemeinschaften an, geordnet in fünf Themenbereiche. Darunter gab es Themen, die auch in einem heutigen Programmheft nicht veraltet klängen: Buddhismus und Christentum oder Kaufmännisches Rechnen zum Beispiel. Die Halbjahreskarte kostete damals zehn Mark, eine Vortragsreihe zwanzig Pfennig – für damalige Verhältnisse ein recht stolzer Preis.
In den ersten Jahren ging es für die Volkshochschulen in Thüringen steil bergauf und die Statistker hielten damals im Vergleich zu anderen Regionen eine Traumbeteiligungsquote fest: Etwa fünf Prozent der Thüringer besuchten eine VHS. In Nordhausen als Industriestadt tat man sich schwerer als in anderen Städten. Die Arbeiter und Handwerker standen dem Konzept eher skeptisch gegenüber. Um diese Zielgruppe zu erreichen, bot die Nordhäuser VHS weniger schöngeistige Kurse an, sondern folgte eher dem nüchtern-pragmatischen Ansatz der Arbeiterbildungsvereine.
Mit der politischen Unabhängigkeit war es trotz Gegenwehr durch die Gleichschaltung des Bildungswesens im Dritten Reich vorbei. Im Zweiten Weltkrieg wurde 80 Prozent der Stadt Nordhausen zerstört. Dennoch: Die VHS trieb gerade in dieser schwierigen Ausgangslage die Erwachsenenbildung voran und schon zwei Jahre nach Kriegsende stiegen die Teilnehmerzahlen wieder merklich auf fast 500 an. Diese positive Entwicklung setzte sich auch in der DDR fort – wenn auch wieder nicht politisch unabhängig. Im Schuljahr 1977/78 lehrten an der Nordhäuser VHS rund 140 Dozenten für fast 3.700 Teilnehmer. Ein wesentlicher Schwerpunkt war bereits damals der zweite Bildungsweg. Viele VHS-Kunden wollten ihr Abitur oder die Abschlüsse der 10. bzw. 8. Klasse nachholen.
Die letzte große Veränderung erlebte auch die Volkshochschule mit der Wende vor nunmehr zwanzig Jahren, einem weiteren Jubiläum in diesem Jahr. Ein Umbruch, nicht nur im Veranstaltungsprogramm, wo beispielsweise Polnisch und Ungarisch von Englisch und Französisch abgelöst wurden. 1990 bekam die VHS eine neue Adresse: die Grimmelallee 60, in der sie noch heute sitzt. Wenig später gründeten sich die Außenstellen, erst in Bleicherode, dann in Ellrich und Heringen. Seit 1991 ist der Landkreis für die Volkshochschule verantwortlich.
In den Blick sind in den vergangenen Jahren besonders auch die ältere und die jüngere Zielgruppe gerückt: Seit 1999 gibt es die Seniorenakademie, in der die ältere Generation beispielsweise im Internet surft. 2003 hat sich die Junge VHS gegründet, in der speziell zugeschnitttene Angebote wie ganz aktuell im neuen Programm Salsa-Tanzen oder 20 Jahre Mauerfall auch den Nachwuchs der Kundschaft sichern sollen. Daneben gibt es die klassischen Bereiche Politik-Gesellschaft-Umwelt, Kultur-Gestalten, Gesundheit, Schulabschlüsse, Arbeit-Beruf-EDV und schließlich den traditionell stärksten Bereich Sprachen.
Einen neuen Kundenkreis eröffnet nun die gesetzliche Bildungsprämie für Beschäftigte, die die Bundesregierung Ende 2008 eingeführt hat, um das große Ziel lebenslanges Lernen weiterzuverfolgen und eine Weiterbildungsquote von 50 Prozent zu erreichen. Die Gutscheine dieser Prämie können auch in Volkhochschulen eingelöst werden, einem der wichtigsten Anbieter in der Erwachsenenbildung in Deutschland.
Autor: nnzIm Frühjahr 1919 hat sich in Thüringen die Volkshochschulbewegung formiert und hat im Gründungsaufruf festgehalten: Die Erneuerung und Wiederaufrichtung unseres Volkes fordert neben seiner wirtschaftlichen Umformung den Ausbau seines geistigen Lebens und eine Teilnahme aller (…) einer neuen Gemeinschaft aller derer, die nicht nur an ihrer fachlichen Weiterbildung weiterarbeiten, sondern sich auch im späteren Leben trotz der Not des Tages Herz und Kopf offen halten wollen (…). Schon damals hatte sich die VHS auf die Fahnen geschrieben, politisch unabhängig zu sein, Frauen und Männer gleichberechtigt zu behandeln und die Freiheit der Lehre zu achten.
Nordhausen gehörte damals zu Preußen, schloss sich aber der Thüringer VHS-Bewegung ausgehend von den ersten Versammlungen in Jena, Weimar und Erfurt an. Im Sommer 1919 liefen bereits die Vorbereitungen. Nur wenige Monate später, im November wurde die Volkshochschule in Nordhausen als kommunale Einrichtung der Stadt eröffnet – mit einem hohen Anspruch an die Erwachsenenbildung: Sie soll eine Schule sein, (…die) die ganze Persönlichkeit in ihrem Denken, Fühlen und Wollen erfassen will (…). Ihre Hauptaufgabe ist also nicht, in gewöhnlichem Sinne aufzuklären und Kenntnisse zu vermitteln, sondern zu bilden, heißt es in der Präambel der Ortssatzung.
Das erste Programmheft im handlichen A5-Format hieß damals noch Arbeitsplan und war 20 Seiten dick. Von November 1919 bis Juni 1920 bot die Volkshochschule damals 76 Vortragsreihen und Arbeitsgemeinschaften an, geordnet in fünf Themenbereiche. Darunter gab es Themen, die auch in einem heutigen Programmheft nicht veraltet klängen: Buddhismus und Christentum oder Kaufmännisches Rechnen zum Beispiel. Die Halbjahreskarte kostete damals zehn Mark, eine Vortragsreihe zwanzig Pfennig – für damalige Verhältnisse ein recht stolzer Preis.
In den ersten Jahren ging es für die Volkshochschulen in Thüringen steil bergauf und die Statistker hielten damals im Vergleich zu anderen Regionen eine Traumbeteiligungsquote fest: Etwa fünf Prozent der Thüringer besuchten eine VHS. In Nordhausen als Industriestadt tat man sich schwerer als in anderen Städten. Die Arbeiter und Handwerker standen dem Konzept eher skeptisch gegenüber. Um diese Zielgruppe zu erreichen, bot die Nordhäuser VHS weniger schöngeistige Kurse an, sondern folgte eher dem nüchtern-pragmatischen Ansatz der Arbeiterbildungsvereine.
Mit der politischen Unabhängigkeit war es trotz Gegenwehr durch die Gleichschaltung des Bildungswesens im Dritten Reich vorbei. Im Zweiten Weltkrieg wurde 80 Prozent der Stadt Nordhausen zerstört. Dennoch: Die VHS trieb gerade in dieser schwierigen Ausgangslage die Erwachsenenbildung voran und schon zwei Jahre nach Kriegsende stiegen die Teilnehmerzahlen wieder merklich auf fast 500 an. Diese positive Entwicklung setzte sich auch in der DDR fort – wenn auch wieder nicht politisch unabhängig. Im Schuljahr 1977/78 lehrten an der Nordhäuser VHS rund 140 Dozenten für fast 3.700 Teilnehmer. Ein wesentlicher Schwerpunkt war bereits damals der zweite Bildungsweg. Viele VHS-Kunden wollten ihr Abitur oder die Abschlüsse der 10. bzw. 8. Klasse nachholen.
Die letzte große Veränderung erlebte auch die Volkshochschule mit der Wende vor nunmehr zwanzig Jahren, einem weiteren Jubiläum in diesem Jahr. Ein Umbruch, nicht nur im Veranstaltungsprogramm, wo beispielsweise Polnisch und Ungarisch von Englisch und Französisch abgelöst wurden. 1990 bekam die VHS eine neue Adresse: die Grimmelallee 60, in der sie noch heute sitzt. Wenig später gründeten sich die Außenstellen, erst in Bleicherode, dann in Ellrich und Heringen. Seit 1991 ist der Landkreis für die Volkshochschule verantwortlich.
In den Blick sind in den vergangenen Jahren besonders auch die ältere und die jüngere Zielgruppe gerückt: Seit 1999 gibt es die Seniorenakademie, in der die ältere Generation beispielsweise im Internet surft. 2003 hat sich die Junge VHS gegründet, in der speziell zugeschnitttene Angebote wie ganz aktuell im neuen Programm Salsa-Tanzen oder 20 Jahre Mauerfall auch den Nachwuchs der Kundschaft sichern sollen. Daneben gibt es die klassischen Bereiche Politik-Gesellschaft-Umwelt, Kultur-Gestalten, Gesundheit, Schulabschlüsse, Arbeit-Beruf-EDV und schließlich den traditionell stärksten Bereich Sprachen.
Einen neuen Kundenkreis eröffnet nun die gesetzliche Bildungsprämie für Beschäftigte, die die Bundesregierung Ende 2008 eingeführt hat, um das große Ziel lebenslanges Lernen weiterzuverfolgen und eine Weiterbildungsquote von 50 Prozent zu erreichen. Die Gutscheine dieser Prämie können auch in Volkhochschulen eingelöst werden, einem der wichtigsten Anbieter in der Erwachsenenbildung in Deutschland.

