Di, 07:11 Uhr
28.04.2009
Diener zweier Staaten
Er sitzt in seinem Büro, hinter seinem Schreibtisch, die Arme liegen verschränkt auf seinem Bauch, vermutlich die Beine lang ausgestreckt. Klaus Hummitzsch kann die letzten Tage in diesem Büro der Gemeindeverwaltung Werther jetzt schon an zwei Händen abzählen. Dann ist unweigerlich Schluss. Schluss mit der hauptamtlichen Arbeit in der kommunalen Politik. Schluss als Chef.
HUmmitzsch im Kreistag (Foto: nnz)
37 Jahre diente er dem Staat. Genau genommen – zwei Staaten. Den einen gibt es nicht mehr, der andere wollte ihn anfangs nicht. Und: Klaus Hummitzsch diente auch einer Partei. Einer Partei, die einst immer Recht und selbst Unrecht zu verantworten hatte. Und doch ist er dieser Partei, ihren Nachfolgern treu geblieben.
1940 wurde Klaus Hummitzsch geboren, in Sömmerda ist er aufgewachsen, der Vater fiel im Krieg. Nach der 8. Klasse absolvierte er eine Lehre als Werkzeugmacher, diente freiwillig in der NVA, wurde als Stabsgefreiter entlassen, heiratete 1961, war seit 1962 Lehrer in Sömmerda, zwei Kinder wurde geboren.
Zehn Jahre später der Job im Rat des Kreises. Plötzlich war Klaus Hummitzsch Kader, wie es damals hieß. Die Leiter nach oben hatte mehrere Stufen, eine davon war der Stellvertreter des Ratsvorsitzenden des Kreises. Dann sollte er Chef werden, er lehnte ab. Das nahm die SED in Erfurt noch hin, ein zweites Angebot sollte er besser nicht ausschlagen. Machte er auch nicht – er wurde Vorsitzender des Rates des Kreises Nordhausen. Man schreibt das Jahr 1982.
Dieses Nordhausen mochte er nicht, in Sömmerda blieben Freunde, Bekannte zurück. Die Tochter zog nicht mit, der Junge, er wohnt heute in Werther, maulte rum. Ab jetzt war er Chef. Eines Kreises, konnte Anweisungen erteilen, musste sich um die Versorgung oder die Lösung des Wohnungsproblems kümmern, um Ersatzteile in den Kfz-Werkstätten, musste materielle Folgen von Grenzdurchbrüchen beseitigen lassen. Klaus Hummitzsch regierte nicht wirklich, diesen Part übernehmen andere. Klaus Hummitzsch verwaltete. Es ist das, was er vielleicht am besten kann. Früher war es vermutlich die Unterrichtung von Kindern in Mathematik und Polytechnik – das, was er studiert hatte.
Diener zweier Staaten (Foto: Stadtarchiv)
Also verwaltete Klaus Hummitzsch einen sozialistischen Grenzkreis – bis 1990. Es kam die radikalste Veränderung in seinem Leben. Oben zu stehen, das war ab dem Herbst 1989 etwas völlig anderes. Oben – das war der Wagen auf dem August-Bebel-Platz. Woche für Woche stand er dort oben und wollte Antwort geben. Einer Menge, die anfangs politische Ambitionen hatte und Veränderungen wollte. Dieses Woche-für-Woche-da-oben-stehen – warum? Ich wurde eingeladen, sagt er heute. Dieses Woche-für-Woche-da-oben-stehen war für viele unverständlich, es war auch ein Teil dessen, was man unter Respekt versteht.
Die Menschen – für viele war er der Inbegriff des Bösen – nötigten diesem Hummitzsch, da oben auf dem Wagen, ihren Respekt ab. Ich selbst kam 1992 nach Nordhausen. Wen ich auch nach Hummitzsch befragte, niemand berichtete Schlechtes. Da gab es in den Erzählungen die Parteibonzen, die Stasi und: es gab Klaus Hummitzsch. Es war der, der die Geschäfte im Landratsamt ordnungsgemäß dann im Mai 1990 an Joachim Claus, er wurde entlassen. Die Fäden, die er immer in den Händen hielt, die nahm er mit. Was folgte waren Pro Innovatio und die Spesa.
Klaus Hummitzsch beschreibt es als Zufall, dass er von der bevorstehenden Bürgermeisterwahl der in Gründung befindlichen Einheitsgemeinde Werther erfuhr. Ich glaube das nicht, für mich ist Klaus Hummitzsch kein Mensch, der Zufällen vertraut. Es folgten Wahlkampf und Stichwahl und Klaus Hummitzsch wurde hauptamtlicher Bürgermeister. Und war wieder Chef, wieder Verwalter. 12 Jahre lang.
Und wie war es mit der Genugtuung, in diesem anderen Deutschland von Hunderten Menschen gewählt zu werden? Ich war froh über die Wahl!. Die wahre Genugtuung folgte im Jahr 2004, Klaus Hummitzsch wurde zum ehrenamtlichen Beigeordneten des Landkreises Nordhausen gewählt. Er nahm ab sofort an den Dienstberatungen des Landrates teil. Er kehrte quasi dort zurück, wo er einst gefeuert wurde.
Ich habe in den zurückliegenden Jahren viele Gespräche mit diesem Mann geführt. Sie waren wohltuend, weil er geradlinig ist, weil er dieser Partei nicht den Rücken kehrte und damit nicht auf der bevorteilten Seite des politischen Agierens zu finden war. Weil er den Beschimpfungen im Kreistag trotzte und ruhige Antworten gab, deren Sinn einige der Schreihälse oftmals nicht verstanden. Und weil er, einst im Wahlkampf des Jahres 1994, ausrief, dass, wenn einer sagt, er, Klaus Hummitzsch, habe jemandem nachweislich geschadet, dann werde es seine Kandidatur zum Oberbürgermeister von Nordhausen zurückziehen. Er musste sie nicht zurückziehen. Niemand ließ etwas verlauten.
Morgen, in der Hoffnung in Werther, werden auch Menschen diesem Klaus Hummitzsch die Hand schütteln, die nicht unbedingt zu den glühenden Verfechtern der kommunistischen Ideale gehören. Menschen aus den neuen wie aus den alten Bundesländern. Sie werden nach Werther fahren, um mit ihrer Anwesenheit Dank, Anerkennung, Respekt oder Freundschaft auszudrücken.
Ab dem 7. Mai wird Klaus Hummitzsch loslassen müssen. Und wenn es gesetzlich möglich gewesen wäre, dann hätte er vielleicht noch einmal kandidiert. Das Loslassen in der Politik ist nicht einfach. Was bleibt – das sind der Kreistag, die Firma seines Sohnes und es sind die vielen Fäden, die er auch nach dem 7. Mai noch in seinen Händen halten wird.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz
HUmmitzsch im Kreistag (Foto: nnz)
37 Jahre diente er dem Staat. Genau genommen – zwei Staaten. Den einen gibt es nicht mehr, der andere wollte ihn anfangs nicht. Und: Klaus Hummitzsch diente auch einer Partei. Einer Partei, die einst immer Recht und selbst Unrecht zu verantworten hatte. Und doch ist er dieser Partei, ihren Nachfolgern treu geblieben. 1940 wurde Klaus Hummitzsch geboren, in Sömmerda ist er aufgewachsen, der Vater fiel im Krieg. Nach der 8. Klasse absolvierte er eine Lehre als Werkzeugmacher, diente freiwillig in der NVA, wurde als Stabsgefreiter entlassen, heiratete 1961, war seit 1962 Lehrer in Sömmerda, zwei Kinder wurde geboren.
Zehn Jahre später der Job im Rat des Kreises. Plötzlich war Klaus Hummitzsch Kader, wie es damals hieß. Die Leiter nach oben hatte mehrere Stufen, eine davon war der Stellvertreter des Ratsvorsitzenden des Kreises. Dann sollte er Chef werden, er lehnte ab. Das nahm die SED in Erfurt noch hin, ein zweites Angebot sollte er besser nicht ausschlagen. Machte er auch nicht – er wurde Vorsitzender des Rates des Kreises Nordhausen. Man schreibt das Jahr 1982.
Dieses Nordhausen mochte er nicht, in Sömmerda blieben Freunde, Bekannte zurück. Die Tochter zog nicht mit, der Junge, er wohnt heute in Werther, maulte rum. Ab jetzt war er Chef. Eines Kreises, konnte Anweisungen erteilen, musste sich um die Versorgung oder die Lösung des Wohnungsproblems kümmern, um Ersatzteile in den Kfz-Werkstätten, musste materielle Folgen von Grenzdurchbrüchen beseitigen lassen. Klaus Hummitzsch regierte nicht wirklich, diesen Part übernehmen andere. Klaus Hummitzsch verwaltete. Es ist das, was er vielleicht am besten kann. Früher war es vermutlich die Unterrichtung von Kindern in Mathematik und Polytechnik – das, was er studiert hatte.
Diener zweier Staaten (Foto: Stadtarchiv)
Also verwaltete Klaus Hummitzsch einen sozialistischen Grenzkreis – bis 1990. Es kam die radikalste Veränderung in seinem Leben. Oben zu stehen, das war ab dem Herbst 1989 etwas völlig anderes. Oben – das war der Wagen auf dem August-Bebel-Platz. Woche für Woche stand er dort oben und wollte Antwort geben. Einer Menge, die anfangs politische Ambitionen hatte und Veränderungen wollte. Dieses Woche-für-Woche-da-oben-stehen – warum? Ich wurde eingeladen, sagt er heute. Dieses Woche-für-Woche-da-oben-stehen war für viele unverständlich, es war auch ein Teil dessen, was man unter Respekt versteht.Die Menschen – für viele war er der Inbegriff des Bösen – nötigten diesem Hummitzsch, da oben auf dem Wagen, ihren Respekt ab. Ich selbst kam 1992 nach Nordhausen. Wen ich auch nach Hummitzsch befragte, niemand berichtete Schlechtes. Da gab es in den Erzählungen die Parteibonzen, die Stasi und: es gab Klaus Hummitzsch. Es war der, der die Geschäfte im Landratsamt ordnungsgemäß dann im Mai 1990 an Joachim Claus, er wurde entlassen. Die Fäden, die er immer in den Händen hielt, die nahm er mit. Was folgte waren Pro Innovatio und die Spesa.
Klaus Hummitzsch beschreibt es als Zufall, dass er von der bevorstehenden Bürgermeisterwahl der in Gründung befindlichen Einheitsgemeinde Werther erfuhr. Ich glaube das nicht, für mich ist Klaus Hummitzsch kein Mensch, der Zufällen vertraut. Es folgten Wahlkampf und Stichwahl und Klaus Hummitzsch wurde hauptamtlicher Bürgermeister. Und war wieder Chef, wieder Verwalter. 12 Jahre lang.
Und wie war es mit der Genugtuung, in diesem anderen Deutschland von Hunderten Menschen gewählt zu werden? Ich war froh über die Wahl!. Die wahre Genugtuung folgte im Jahr 2004, Klaus Hummitzsch wurde zum ehrenamtlichen Beigeordneten des Landkreises Nordhausen gewählt. Er nahm ab sofort an den Dienstberatungen des Landrates teil. Er kehrte quasi dort zurück, wo er einst gefeuert wurde.
Ich habe in den zurückliegenden Jahren viele Gespräche mit diesem Mann geführt. Sie waren wohltuend, weil er geradlinig ist, weil er dieser Partei nicht den Rücken kehrte und damit nicht auf der bevorteilten Seite des politischen Agierens zu finden war. Weil er den Beschimpfungen im Kreistag trotzte und ruhige Antworten gab, deren Sinn einige der Schreihälse oftmals nicht verstanden. Und weil er, einst im Wahlkampf des Jahres 1994, ausrief, dass, wenn einer sagt, er, Klaus Hummitzsch, habe jemandem nachweislich geschadet, dann werde es seine Kandidatur zum Oberbürgermeister von Nordhausen zurückziehen. Er musste sie nicht zurückziehen. Niemand ließ etwas verlauten.
Morgen, in der Hoffnung in Werther, werden auch Menschen diesem Klaus Hummitzsch die Hand schütteln, die nicht unbedingt zu den glühenden Verfechtern der kommunistischen Ideale gehören. Menschen aus den neuen wie aus den alten Bundesländern. Sie werden nach Werther fahren, um mit ihrer Anwesenheit Dank, Anerkennung, Respekt oder Freundschaft auszudrücken.
Ab dem 7. Mai wird Klaus Hummitzsch loslassen müssen. Und wenn es gesetzlich möglich gewesen wäre, dann hätte er vielleicht noch einmal kandidiert. Das Loslassen in der Politik ist nicht einfach. Was bleibt – das sind der Kreistag, die Firma seines Sohnes und es sind die vielen Fäden, die er auch nach dem 7. Mai noch in seinen Händen halten wird.
Peter-Stefan Greiner


