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Mi, 07:55 Uhr
15.07.2009

Erste eigene Adresse

Auf runde 90 Jahre blickt die Kreisvolkshochschule Nordhausen, kurz VHS, in diesem Jahr zurück. Eine eigene Adresse hat sie noch nicht einmal halb so lange. Jessica Piper blickt für die Leser der nnz auf neun abwechslungsreiche Bildungs-Jahrzehnte zurück.

Mathilden-Mittelschule (Foto: VHS) Mathilden-Mittelschule (Foto: VHS)

„Das jetzige Gebäude in der Grimmelallee, in der die Volkshochschule seit 1990 sitzt, ist das erste eigene Haus“, sagt Klaus Großmann, der sich als Stadthistoriker und jahrelanger Dozent an der Volkshochschule auch mit deren Geschichte auseinander gesetzt hat. In ihren ersten 70 Jahren sprang die VHS von einem freien Raum zum nächsten. „Wenn zum Beispiel ein Schuldirektor einen Vortrag hielt, dann nutzte er dafür oft einen Raum in seiner Schule“, so Klaus Großmann. Über viele Jahrzehnte hinweg war die Entwicklung der VHS eng verknüpft mit den Schulen. Nicht nur deren Räume nutzte sie. Viele Donzenten der Volkshochschule waren Lehrer.

Vereinshaus (Foto: VHS) Vereinshaus (Foto: VHS) Die Wurzeln der VHS in Nordhausen reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als die Bildung bzw. Weiterbildung für Erwachsene aufkeimte. Damals entstanden die ersten Berufsschulen. Auch viele Vereine hatten das Ziel, Bildung zu vermitteln. Dazu gehörte ab 1855 der wissenschaftliche Verein, ab 1864 der Männerbildungsverein oder ab 1870 der Geschichts- und Altertumsverein. Parteien und andere Interessengemeinschaften förderten zudem die Sonntagsschulen. Besonders die unteren Schichten sollten von diesen Angeboten profitieren, ebenso wie von den ersten Volksschulen in Deutschland.

Die Vorbilder dafür kamen aus dem Ausland, zum einen aus Dänemark, wo der Volkserzieher Grundtvig Heimvolksschulen etablierte und zum anderen aus England, wo die so genannte Universitätsausdehnung wissenschaftliche Erkenntnisse breiten Schichten zugänglich machen wollte. „Vor 1918 wurden Volksschulen in Deutschland ohne jegliche staatliche Mitwirkung aus Initiativen gesellschaftlicher Gruppen oder einzelner Bürger gegründet“, sagt Klaus Großmann. In der Weimarer Republik verbesserten sich die Bedingungen für die Bildung und Weiterbildung breiter Volksschichten. „Im Artikel 148 der Reichsverfassung von 1919 wurde die Förderung des Bildungswesens, einschließlich der Volkshochschulen, erstmalig gesetzlich verankert“, erläutert Klaus Großmann.

Bereits Ende Februar 1919 wurde die Vereinigung Thüringer Volkshochschulen in einer Sitzung in Jena gegründet. Die Vereinigung veröffentlichte nur Tage später die erste Ausgabe ihrer Fachzeitschrift „Blätter der Volkshochschule Thüringen“ und rief dazu auf, Volkshochschulen zu gründen. Mit Erfolg: Ende 1919 gab es schon 72 Thüringer Volkshochschulen. Auch das preußische Nordhausen schloss sich der Thüringer Bewegung an. Im Sommer 1919 liefen bereits erste Vorbereitungen und im November wurde die Volkshochschule als Einrichtung der Stadt feierlich im Theater eröffnet.

Ihren hohen Anspruch an die Erwachsenenbildung hielt die VHS in ihrer Ortssatzung fest: „Sie soll dem Volke dienen, der gesamten Bevölkerung unserer Stadt, nicht einzelnen Ständen und Berufen. … Sie soll keiner Partei, keiner Religion oder Konfession Gefolgschaft leisten … Sie soll eine Hochschule sein, eine Stätte der Wissenschaft und der Schulung des Geistes … Sie will seelische und geistige Kräfte wecken und entwickeln und an ihrem Teile mitwirken an der Gestaltung der Zukunft unseres Volkes von innen heraus.“ Das erste Programmheft erschien unter dem Titel „Arbeitsplan“ und bot auf 20 Seiten 76 Vortragsreihen und Arbeitsgemeinschaften an. Die Halbjahreskarte kostete zehn Mark, eine Vortragsreihe zwanzig Pfennige. Ein eigenes Schulgebäude gab es wie schon erwähnt nicht. Der Magistrat stellte unter anderem Räume in der Knaben-Mittelschule, der Königin-Luise-Schule oder dem Vereinshaus zur Verfügung.

In den ersten Jahren ging es für die Thüringer Volkshochschulen bergauf. Im Vergleich zu anderen Städten, wo zum Teil bis zu drei Viertel der Handwerkerschaft an Kursen teilnahm, tat man sich in Nordhausen als Industriestadt schwerer. Hier standen die Arbeiter und Handwerker dem Konzept eher skeptisch gegenüber. Um diese Zielgruppe zu erreichen, folgte die VHS eher dem nüchtern-pragmatischen Ansatz der Arbeiterbildungsvereine. Bis 1927 hatte die Nordhäuser Volkshochschule in 15 Semestern rund 620 Vortragsreihen angeboten. 100 Dozenten, wie erwähnt häufig Lehrer, hatten daran mitgewirkt.

1930 war es mit der politischen Unabhängigkeit vorbei, denn die Nationalsozialisten gewannen die Landtagswahlen in Thüringen. Der Zweite Weltkrieg folgte, bei dem 80 Prozent der Stadt zerstört wurden. Trotzdem bot die VHS ab Dezember 1945 ein neues Kursprogramm an und widmete sich auch der „Umschulung von Kriegsversehrten“, so Klaus Großmann. „Der Aufbau der zerstörten Heimat, der Industrie und damit verbunden der Qualifizierung brachte der Volkshochschule in der 50er bis 70er Jahren wieder einen festen Platz im Leben der Nordhäuser ein. In der DDR war sie eine staatliche Bildungseinrichtung für die Qualifizierung der Werktätigen und wurde zu einem festen Bestandteil des Bildungssystems.“

Wie auch heute noch konnten die Nordhäuser ihren Schulabschluss an der VHS erwerben, was ein zentraler Schwerpunkt des Angebots war. Damals wirkte die VHS außerdem anders als heute maßgeblich an der beruflichen Ausbildung und der Meisterausbildung mit. Nach wie vor fehlte jedoch ein eigenes Schulgebäude und so unterrichteten die VHS-Dozenten unter anderem in den heutigen Gymnasien Humboldt und Herder, wo die Kreisvolkshochschule auch jetzt noch regelmäßig zu Gast ist.

Die nächste große Wende, auch in der Geschichte der VHS, kam vor nunmehr 20 Jahren. Ein Umbruch, nicht nur im Veranstaltungsprogramm, wo beispielsweise Englisch und Französisch Polnisch und Ungarisch ablösten. Seit 1991 ist der Landkreis für die Volkshochschule verantwortlich. Trotz dieser wechselvollen Geschichte, ist die VHS ihrem Motto treu geblieben, meint Klaus Großmann. „Die Nordhäuser Volkshochschule ist das geblieben, was sie ursprünglich sein wollte: eine Schule für das Volk.“ Das wissen jährlich mehr als 6.000 Südharzer und Einwohner angrenzender Bundesländer zu schätzen, die eine oder mehrere der rund 150 Veranstaltungen der Kreisvolkshochschule besuchen.
Jessica Piper
Autor: nnz

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