Fr, 17:03 Uhr
23.07.2010
nnz-Forum: mehr als Entsetzen
Auf die Reaktion von Tobias Titulaer (siehe nnz von heute) auf die entdeckten Gruften gibt es eine weitere Reaktion im Forum der nnz.
Sehr geehrter Herr Titulaer,
ich danke Ihnen (und natürlich der das Thema aufwerfenden nnz) für Ihren Beitrag. Jeder weiß, dass Sie aufgrund Ihres Berufes und Ihrer Erfahrung frei jeglichen Verdachtes sind, reißerisch sich mit der Frage der Haltung zum Tod in unserer Kultur auseinander zu setzen. Ich glaube aber, dass es jetzt eines Zeichens des Handlungswillens angesichts der Situation am Altentor bedarf. Einmal davon abgesehen, dass der Investor die denkbar schlechteste Imagewerbung bekommen hat und an einer Änderung der Lage interessiert sein müsste, ist definitiv unsere Stadtverwaltung zum Handeln aufgerufen.
Vielleicht sind Sie, Herr Titulaer, genau der richtige Mann, an den sich die beteiligten Investoren und die Stadtverwaltung sofort wenden sollten, um gemeinsam an einem Tisch und unter Beteiligung und Information der Öffentlichkeit nach einer Lösung in Würde für alle zu suchen.
Das Problem ist in Nordhausen nicht neu und in einer tausendjährigen Stadt auch unvermeidlich. Wir leben buchstäblich auf den Knochen unserer Vorfahren. Auch im Stadtzentrum. Wie wir mit diesem körperlichen aber auch geistigen und kulturellen Erbe in unserer Stadt umgehen, ist Teil der eigenen Zukunftsfähigkeit. Verdrängen, unter dem Teppich kehren, oder, wie im vorliegenden Fall, das Einbetonieren führt zur Krankheit der Lebenden. Die Psychopathologie weiß das seit Jahrzehnten. Es geht also nicht einfach um die Beseitigung der Überreste vergangener Generationen und Zeiten; es geht um uns und unser gesundes Leben.
Man kann das natürlich so regeln, wie bei der Landesgartenschau 2004. Ich hatte damals zum Umgang mit menschlichen Überresten des Friedhofs und der Bombenopfer auf dem Landesgartenbaugelände am Petersberg hier in dieser Zeitung geschrieben. (nnz-Forum: Und weg damit (2), 10.Juli 2003, 16:41 Uhr). Nachzulesen im nnz-Archiv. Da gibt es auch Fotos von Schädelteilen, die im Pumpenschacht für die lustigen Wasserspiele auf dem Petersberg einbetoniert wurden.
Zu einer vernünftigen Diskussion mit der damals für die Landesgartenschau zuständigen Frau Klaan ist es nicht gekommen. Wenigstens hatte Herr Grönke vom Stadtarchiv dafür gesorgt, dass die von Stadtführern und Studenten aufgelesenen herumliegenden Knochen noch würdig beigesetzt wurden. Ansonsten war man über unsere Aktivitäten und Veröffentlichungen in der Stadtverwaltung alles andere als erfreut. Man wollte vor dem schönen Gepränge der Landesgartenschau diese scheinbar so missliche und störende Seite so schnell wie möglich vergessen.
Um hier nicht einseitig die Stadtverwaltung zu kritisieren, verweise ich auf das St. Jakobs-Pflegeheim der Diakonie an der Ecke der Neustadtstraße zur Rautenstraße. Es steht teilweise auf dem alten Kirchhof von St. Jacobi, die 1945 zerstört wurde. Im Rahmen der Bauarbeiten hatte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie umfangreiche Grabungen mit z.T. sehr interessanten Ergebnissen auf dem Kirchhof durchgeführt. Es gab sogar öffentliche Führungen durch Dr. Walter. Die Knochen blieben weitgehend in ihren Gräbern, was ich persönlich als richtig empfinde. Aber dann war auch Schluss mit der Vergangenheitsbewältigung. Der Turmstumpf der Kirche wurde zwar sehr gut in das Bauensemble einbezogen, von Vergänglichkeit und Tod ist auf dem Gelände nichts mehr öffentlich zu bemerken.
Das spielt sich ehr hinter den verschlossenen Türen der Zimmer des Pflegeheims ab, das heute auf den Gräbern steht. Das dürfte noch makaberer sein, als der Einkaufsmarkt auf dem Friedhof. Ich hatte auch hierzu damals an die Zuständigen, den Superintendenten Curt Stauss und Thomas Pape von der Diakonie, die Frage gestellt, wie sich dem Thema mit menschlicher und christlicher Würde praktisch zuzuwenden sei. Keine Reaktion.
Wir haben alle Defizite im Umgang mit unserer Geschichte, der großen wie auch der persönlichen. Und am größten ist der Mangel, wenn es um das existentielle Verdängungsthema des modernen Menschen, den Tod und die eigene Endlichkeit geht. Vielleicht sollte der Beitrag der nnz zum Anlass für alle genommen werden, mit der Heilung zu beginnen.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Autor: nnzSehr geehrter Herr Titulaer,
ich danke Ihnen (und natürlich der das Thema aufwerfenden nnz) für Ihren Beitrag. Jeder weiß, dass Sie aufgrund Ihres Berufes und Ihrer Erfahrung frei jeglichen Verdachtes sind, reißerisch sich mit der Frage der Haltung zum Tod in unserer Kultur auseinander zu setzen. Ich glaube aber, dass es jetzt eines Zeichens des Handlungswillens angesichts der Situation am Altentor bedarf. Einmal davon abgesehen, dass der Investor die denkbar schlechteste Imagewerbung bekommen hat und an einer Änderung der Lage interessiert sein müsste, ist definitiv unsere Stadtverwaltung zum Handeln aufgerufen.
Vielleicht sind Sie, Herr Titulaer, genau der richtige Mann, an den sich die beteiligten Investoren und die Stadtverwaltung sofort wenden sollten, um gemeinsam an einem Tisch und unter Beteiligung und Information der Öffentlichkeit nach einer Lösung in Würde für alle zu suchen.
Das Problem ist in Nordhausen nicht neu und in einer tausendjährigen Stadt auch unvermeidlich. Wir leben buchstäblich auf den Knochen unserer Vorfahren. Auch im Stadtzentrum. Wie wir mit diesem körperlichen aber auch geistigen und kulturellen Erbe in unserer Stadt umgehen, ist Teil der eigenen Zukunftsfähigkeit. Verdrängen, unter dem Teppich kehren, oder, wie im vorliegenden Fall, das Einbetonieren führt zur Krankheit der Lebenden. Die Psychopathologie weiß das seit Jahrzehnten. Es geht also nicht einfach um die Beseitigung der Überreste vergangener Generationen und Zeiten; es geht um uns und unser gesundes Leben.
Man kann das natürlich so regeln, wie bei der Landesgartenschau 2004. Ich hatte damals zum Umgang mit menschlichen Überresten des Friedhofs und der Bombenopfer auf dem Landesgartenbaugelände am Petersberg hier in dieser Zeitung geschrieben. (nnz-Forum: Und weg damit (2), 10.Juli 2003, 16:41 Uhr). Nachzulesen im nnz-Archiv. Da gibt es auch Fotos von Schädelteilen, die im Pumpenschacht für die lustigen Wasserspiele auf dem Petersberg einbetoniert wurden.
Zu einer vernünftigen Diskussion mit der damals für die Landesgartenschau zuständigen Frau Klaan ist es nicht gekommen. Wenigstens hatte Herr Grönke vom Stadtarchiv dafür gesorgt, dass die von Stadtführern und Studenten aufgelesenen herumliegenden Knochen noch würdig beigesetzt wurden. Ansonsten war man über unsere Aktivitäten und Veröffentlichungen in der Stadtverwaltung alles andere als erfreut. Man wollte vor dem schönen Gepränge der Landesgartenschau diese scheinbar so missliche und störende Seite so schnell wie möglich vergessen.
Um hier nicht einseitig die Stadtverwaltung zu kritisieren, verweise ich auf das St. Jakobs-Pflegeheim der Diakonie an der Ecke der Neustadtstraße zur Rautenstraße. Es steht teilweise auf dem alten Kirchhof von St. Jacobi, die 1945 zerstört wurde. Im Rahmen der Bauarbeiten hatte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie umfangreiche Grabungen mit z.T. sehr interessanten Ergebnissen auf dem Kirchhof durchgeführt. Es gab sogar öffentliche Führungen durch Dr. Walter. Die Knochen blieben weitgehend in ihren Gräbern, was ich persönlich als richtig empfinde. Aber dann war auch Schluss mit der Vergangenheitsbewältigung. Der Turmstumpf der Kirche wurde zwar sehr gut in das Bauensemble einbezogen, von Vergänglichkeit und Tod ist auf dem Gelände nichts mehr öffentlich zu bemerken.
Das spielt sich ehr hinter den verschlossenen Türen der Zimmer des Pflegeheims ab, das heute auf den Gräbern steht. Das dürfte noch makaberer sein, als der Einkaufsmarkt auf dem Friedhof. Ich hatte auch hierzu damals an die Zuständigen, den Superintendenten Curt Stauss und Thomas Pape von der Diakonie, die Frage gestellt, wie sich dem Thema mit menschlicher und christlicher Würde praktisch zuzuwenden sei. Keine Reaktion.
Wir haben alle Defizite im Umgang mit unserer Geschichte, der großen wie auch der persönlichen. Und am größten ist der Mangel, wenn es um das existentielle Verdängungsthema des modernen Menschen, den Tod und die eigene Endlichkeit geht. Vielleicht sollte der Beitrag der nnz zum Anlass für alle genommen werden, mit der Heilung zu beginnen.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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