Mo, 12:16 Uhr
27.09.2010
nnz-doku: In Einigkeit und Recht und Freiheit
Mit Claus Adam haben sich die Sollstedter gestern einen Nachfolger von Jürgen Hohberg gewählt. Der Bürgermeister in Ruhe ist indes noch einmal verabschiedet worden. Wo, das hat die nnz erfahren...
Von links: Bürgermeister Harald Schmelzeisen, Sigrid Hohberg, Jürgen Hohberg und der Vorsitzende der Gemeindevertretung Heidenrod, Roger Weber
Auch in der Partnergemeinde Heidenrod hat man Jürgen Hohberg für seine Arbeit in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten gedankt. Vor dem dortigen Gemeinderat gab es Dank und Anerkennung. Im Gegenzug hielt der Sollstedter Ex-Bürgermeister eine Rede, die nnz dokumentiert...
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch in Namen meiner Frau bedanke ich mich für diese Einladung zur heutigen Gemeinderat-Sitzung in Heidenrod/Springen. Danken möchte ich allen die mir heute die Ehre mit Ihrer Anwesenheit erweisen. Ich möchte meine letzte Rede vor dem Gemeinderat von Heidenrod und vor Ihnen, liebe Anwesende, dazu nutzen, Ihnen aus sehr persönlicher Sicht meine heutigen Empfindungen, 20 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit, in kurzmöglichster Form zu vermitteln.
Gerade jetzt war und ist es mir persönlich wichtig zu errinnern und Ihnen auch quasi für alle Deutschen im Westen unseres Vaterlandes auf meine sicher unorthodoxe Art Danke zu sagen! Nichts was mit der deutschen Einheit verbunden war ist für mich selbstverständlich gewesen! Als 1980 in Polen die Gewerkschaft Solidarnost unter Führung von Lech Walesa freie Gewerkschaften, freie Wahlen und Demokratie forderte, war es auch für unsere Bergleute ein unüberhörbares Signal.
Ich habe damals gegenüber Staats- und Parteifunktionären offen und laut auch für uns diese Reformen gefordert. Später las ich in meiner Stasiakte, dass SED und FDGB- Funktionäre mich als Verbrecher wie Walesa titulierten. Bis zum Bezirksstaatsanwalt gingen diese Einschätzungen. Gott sei dank haben wir ein nur im engsten Freundeskreis geplantes Vorhaben, nämlich die Besetzung bzw. Schließung der Grube nach einer Sonntagsnachtschicht, aus Angst um unsere Familien verworfen.
Im Jahre 1988 durfte ich zum 80. Geburtstag meiner Großmutter erstmals in den Westen reisen. --- Vermerk in meiner Stasiakte dazu: H. darf reisen. Er wird wohl dort bleiben. --- Natürlich bin ich in meine Heimat zurückgekehrt. Allerdings mit vielen Erfahrungen, Eindrücken und Informationen über den Alltag in einer Arbeiterfamilie und der Organisation in einer 3.000 Einwohner Gemeinde mit stillgelegtem Bergwerk aber sehr vielen ehrenamtlich geführten Vereinen. --- Ja, ja, meine Neugierde --- eben Neues zu erfahren und meine Neigung zum Geistigen Diebstahl, war und ist gut ausgeprägt.
Dieses Wissen/Know how über/vom Westen war mir 1990 bei meinem Amtsantritt mehr als nützlich. Im Sommer 1989 wurden auch unsere Kalikumpel mutiger mit den Äußerungen ihrer Unzufriedenheit über die Zustände in der DDR. Besonders als wir beängstigend feststellten wie viele, besonders junge Menschen, unsere Heimat in Richtung Westen verlassen wollten und auch weggingen.
Wir (von allen 24 Brigaden des Kaliwerkes autorisiert) schrieben an den damaligen FDGB Vorsitzenden mit ähnlichen Forderungen nach Freien Gewerkschaften wie unsere polnischen Kollegen 1980. --- Gelandet ist dieser Brief ebenfalls bei der Stasi. Aber im Kaliwerk gab es ab November 1989 also noch in d.DDR die 1. freigewählte Arbeitnehmervertretung!! Betriebsratsvors.: J. Hohberg!
Als im September/Oktober 1989 der Unmut über die Situation in der DDR immer lauter wurde, schlossen sich aktive Bergleute und Mitglieder der kirchlichen Friedens- und Umweltgruppe in Sollstedt zur Bürgerinitiative Sollstedt (BIS) unter dem Dach der Kirche zusammen. Die Friedensgebete in den Kirchen von Sollstedt und Nordhausen, aber besonders die wöchentlichen großen Demos auf dem August-Bebel-Platz in Nordhausen wurden mit und für viele Sollstedter ein Sprachrohr unserer Forderungen nach Veränderungen!! --- Sicher nicht nur für mich der vorläufige Höhepunkt in Sollstedt war die 1. Öffentliche freie Bürgerversammlung am 17.11.1989 in der damals vollbesetzten Sollstedter Festhalle.
Als es dann bekannt wurde: Es gibt am 22. März 1990 die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR und am 06.05.1990 die ersten freien Kommunalwahlen entschieden wir uns als politische Vereinigung BIS in der Kommunalpolitik unserer Heimatgemeinde mitzutun. Nur wenigen war es damals klar, dass selbst ein reformierter Sozialismus in der DDR wohl eine Utopie war und m.Erachtens auch bleibt. – Die deutsche Einheit kam!! Ohne einen einzigen Schuss ..Ja-- gegen unsere Kerzen blieben die Kalaschnikows stumm!! Auch heute noch sage ich: Es war für uns alle ein Geschenk der Geschichte. Aber wie es bei vielen unerwarteten Geschenken so ist, sie können vorher nicht ausprobiert werden. Aber wir waren wieder ein Deutschland in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Das wünschen sich sicher z. B. die Koreaner ebenfalls mit einer so friedlichen Revolution.
Persönlich danke ich unseren Freunden in den alten Bundesländern, die bei diesem schwierigen Einigungsprozess aktiv mitgetan und geholfen haben. Mit den auf mich, durch die Stasi, angesezten neun IM habe ich direkt und persönlich reinen Tisch gemacht, ohne sie öffentlich zu benennen. Das war mir ein inneres Bedürfnis!! Darüber bin ich noch heute froh! Jeder Bürger in Ost und West unseres Vaterlandes kann noch heute sehr froh sein, wenn er von den schmutzigen Erpressermethoden der Stasi verschont geblieben war.
Ab dem 06.06.1990 bis zum 30.06.2010 war ich in einer hochmotivierten Verwaltungsmannschaft mit qualifizierter Arbeit bemüht, um in unseren Heimatorten die Vorzüge der Einheit wirksam werden zu lassen und unangenehme Begleiterscheinungen zu minimieren. In der errungenen und nun zu praktizierenden Demokratie - auch das wurde uns bald sehr deutlich - ist es selbst für dringendst notwendige, besonders aber die unpopulären, Entscheidungen schwierig notwendige Mehrheiten zu finden.
Besonderen Dank sage ich hier den Gemeindevertretern aus Heidenrod, der Gemeindeverwaltung Heidenrod und Hünstetten. Stellvertretend lassen Sie mich hier d.Bgm a.D. Hellmut Schumann und Friedrich Flach sowie Ihren Bürgermeister Harald Schmelzeisen danken. Aber ein großes Dankeschön auch die Verwaltungs-Angestellten Richard Vietze undTanja Kaiser sei mir gestattet!
Bei unseren Besuchen in Heidenrod sind wir immer als gern gesehene Gäste aufgenommen und aufmerksam betreut worden! Danke vielmals! Eine Frau aus unserer damaligen Bürgerbewegung hat auch meine innersten Gefühle der Wendezeit in wunderbare Verse gebracht, die ich ihnen zum Abschluss meiner Rede gern nochmal vortragen möchte … Eine hohe Zeit!!! …
… Hochzeit …---!!!!
Gestalten wir gemeinsam unser geeintes Vaterland in Recht und Freiheit, wie es im Lied der Deutschen so treffend zum Ausdruck kommt! Ich danke ihnen mit herzlichem Glück auf,
Ihr Bürgermeister im Ruhestand, Jürgen Hohberg
Autor: nnzVon links: Bürgermeister Harald Schmelzeisen, Sigrid Hohberg, Jürgen Hohberg und der Vorsitzende der Gemeindevertretung Heidenrod, Roger Weber
Auch in der Partnergemeinde Heidenrod hat man Jürgen Hohberg für seine Arbeit in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten gedankt. Vor dem dortigen Gemeinderat gab es Dank und Anerkennung. Im Gegenzug hielt der Sollstedter Ex-Bürgermeister eine Rede, die nnz dokumentiert...
Sehr geehrte Damen und Herren,
auch in Namen meiner Frau bedanke ich mich für diese Einladung zur heutigen Gemeinderat-Sitzung in Heidenrod/Springen. Danken möchte ich allen die mir heute die Ehre mit Ihrer Anwesenheit erweisen. Ich möchte meine letzte Rede vor dem Gemeinderat von Heidenrod und vor Ihnen, liebe Anwesende, dazu nutzen, Ihnen aus sehr persönlicher Sicht meine heutigen Empfindungen, 20 Jahre nach der Herstellung der deutschen Einheit, in kurzmöglichster Form zu vermitteln.
Gerade jetzt war und ist es mir persönlich wichtig zu errinnern und Ihnen auch quasi für alle Deutschen im Westen unseres Vaterlandes auf meine sicher unorthodoxe Art Danke zu sagen! Nichts was mit der deutschen Einheit verbunden war ist für mich selbstverständlich gewesen! Als 1980 in Polen die Gewerkschaft Solidarnost unter Führung von Lech Walesa freie Gewerkschaften, freie Wahlen und Demokratie forderte, war es auch für unsere Bergleute ein unüberhörbares Signal.
Ich habe damals gegenüber Staats- und Parteifunktionären offen und laut auch für uns diese Reformen gefordert. Später las ich in meiner Stasiakte, dass SED und FDGB- Funktionäre mich als Verbrecher wie Walesa titulierten. Bis zum Bezirksstaatsanwalt gingen diese Einschätzungen. Gott sei dank haben wir ein nur im engsten Freundeskreis geplantes Vorhaben, nämlich die Besetzung bzw. Schließung der Grube nach einer Sonntagsnachtschicht, aus Angst um unsere Familien verworfen.
Im Jahre 1988 durfte ich zum 80. Geburtstag meiner Großmutter erstmals in den Westen reisen. --- Vermerk in meiner Stasiakte dazu: H. darf reisen. Er wird wohl dort bleiben. --- Natürlich bin ich in meine Heimat zurückgekehrt. Allerdings mit vielen Erfahrungen, Eindrücken und Informationen über den Alltag in einer Arbeiterfamilie und der Organisation in einer 3.000 Einwohner Gemeinde mit stillgelegtem Bergwerk aber sehr vielen ehrenamtlich geführten Vereinen. --- Ja, ja, meine Neugierde --- eben Neues zu erfahren und meine Neigung zum Geistigen Diebstahl, war und ist gut ausgeprägt.
Dieses Wissen/Know how über/vom Westen war mir 1990 bei meinem Amtsantritt mehr als nützlich. Im Sommer 1989 wurden auch unsere Kalikumpel mutiger mit den Äußerungen ihrer Unzufriedenheit über die Zustände in der DDR. Besonders als wir beängstigend feststellten wie viele, besonders junge Menschen, unsere Heimat in Richtung Westen verlassen wollten und auch weggingen.
Wir (von allen 24 Brigaden des Kaliwerkes autorisiert) schrieben an den damaligen FDGB Vorsitzenden mit ähnlichen Forderungen nach Freien Gewerkschaften wie unsere polnischen Kollegen 1980. --- Gelandet ist dieser Brief ebenfalls bei der Stasi. Aber im Kaliwerk gab es ab November 1989 also noch in d.DDR die 1. freigewählte Arbeitnehmervertretung!! Betriebsratsvors.: J. Hohberg!
Als im September/Oktober 1989 der Unmut über die Situation in der DDR immer lauter wurde, schlossen sich aktive Bergleute und Mitglieder der kirchlichen Friedens- und Umweltgruppe in Sollstedt zur Bürgerinitiative Sollstedt (BIS) unter dem Dach der Kirche zusammen. Die Friedensgebete in den Kirchen von Sollstedt und Nordhausen, aber besonders die wöchentlichen großen Demos auf dem August-Bebel-Platz in Nordhausen wurden mit und für viele Sollstedter ein Sprachrohr unserer Forderungen nach Veränderungen!! --- Sicher nicht nur für mich der vorläufige Höhepunkt in Sollstedt war die 1. Öffentliche freie Bürgerversammlung am 17.11.1989 in der damals vollbesetzten Sollstedter Festhalle.
Als es dann bekannt wurde: Es gibt am 22. März 1990 die ersten freien Wahlen zur Volkskammer der DDR und am 06.05.1990 die ersten freien Kommunalwahlen entschieden wir uns als politische Vereinigung BIS in der Kommunalpolitik unserer Heimatgemeinde mitzutun. Nur wenigen war es damals klar, dass selbst ein reformierter Sozialismus in der DDR wohl eine Utopie war und m.Erachtens auch bleibt. – Die deutsche Einheit kam!! Ohne einen einzigen Schuss ..Ja-- gegen unsere Kerzen blieben die Kalaschnikows stumm!! Auch heute noch sage ich: Es war für uns alle ein Geschenk der Geschichte. Aber wie es bei vielen unerwarteten Geschenken so ist, sie können vorher nicht ausprobiert werden. Aber wir waren wieder ein Deutschland in seiner ganzen Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Das wünschen sich sicher z. B. die Koreaner ebenfalls mit einer so friedlichen Revolution.
Persönlich danke ich unseren Freunden in den alten Bundesländern, die bei diesem schwierigen Einigungsprozess aktiv mitgetan und geholfen haben. Mit den auf mich, durch die Stasi, angesezten neun IM habe ich direkt und persönlich reinen Tisch gemacht, ohne sie öffentlich zu benennen. Das war mir ein inneres Bedürfnis!! Darüber bin ich noch heute froh! Jeder Bürger in Ost und West unseres Vaterlandes kann noch heute sehr froh sein, wenn er von den schmutzigen Erpressermethoden der Stasi verschont geblieben war.
Ab dem 06.06.1990 bis zum 30.06.2010 war ich in einer hochmotivierten Verwaltungsmannschaft mit qualifizierter Arbeit bemüht, um in unseren Heimatorten die Vorzüge der Einheit wirksam werden zu lassen und unangenehme Begleiterscheinungen zu minimieren. In der errungenen und nun zu praktizierenden Demokratie - auch das wurde uns bald sehr deutlich - ist es selbst für dringendst notwendige, besonders aber die unpopulären, Entscheidungen schwierig notwendige Mehrheiten zu finden.
Besonderen Dank sage ich hier den Gemeindevertretern aus Heidenrod, der Gemeindeverwaltung Heidenrod und Hünstetten. Stellvertretend lassen Sie mich hier d.Bgm a.D. Hellmut Schumann und Friedrich Flach sowie Ihren Bürgermeister Harald Schmelzeisen danken. Aber ein großes Dankeschön auch die Verwaltungs-Angestellten Richard Vietze undTanja Kaiser sei mir gestattet!
Bei unseren Besuchen in Heidenrod sind wir immer als gern gesehene Gäste aufgenommen und aufmerksam betreut worden! Danke vielmals! Eine Frau aus unserer damaligen Bürgerbewegung hat auch meine innersten Gefühle der Wendezeit in wunderbare Verse gebracht, die ich ihnen zum Abschluss meiner Rede gern nochmal vortragen möchte … Eine hohe Zeit!!! …
… Hochzeit …---!!!!
Gestalten wir gemeinsam unser geeintes Vaterland in Recht und Freiheit, wie es im Lied der Deutschen so treffend zum Ausdruck kommt! Ich danke ihnen mit herzlichem Glück auf,
Ihr Bürgermeister im Ruhestand, Jürgen Hohberg


