Di, 18:30 Uhr
19.10.2010
"Wir werden Teil der Geschichte"
Die Kirchturmkugel der Sundhäuser St. Laurentius Kirche gleicht einer Zeitkapsel. Jedes mal wenn die Kugel für Instandsetzungsarbeiten vom Turm entfernt wurde, konservierte die Gemeinde ein Stück Zeitgeschichte. Heute fügten die Sundhäuser den historischen Momentaufnahmen ein weiteres Stück hinzu...
Kirchenkugel samt Wetterfahne der St. Laurentius Gemeinde Sundhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Den ältesten Beitrag stellt eine Tageszeitung aus dem Jahr 1880 dar. Die Ausgabe "Nordhäuser Kuriers" war damals in der Kirchturmkugel verstaut worden, nachdem man sie zwecks Reparaturen vom Dach entfernt hatte. Ein gewisser Leutnant von Bila hatte die Kugel als Zielscheibe auserkoren, und getroffen.
1935 musste die Kugel abermals von ihrem angestammten Platz weichen, da eine Wetterfahne hinzugefügt wurde. Diesmal legten die Gemeindemitglieder eine Ausgabe der "Mitteldeutschen Nationalzeitung" in die Kugel. Zuletzt hatte man versucht die Schriftstücke in alten Milchflaschen, wie sie in der DDR üblich waren, zu konservieren. Das war 1970 und man fügte die Tagesausgabe der Zeitung "Das Volk" zur Sammlung hinzu.
28 Jahre später war es ein schwerer Sturm, der eine erneute Restaurierung von Wetterfahne und Kugel nötig machte. Wie man feststellen musste, hatte sich die Lagerung in Milchflaschen nicht bewährt. Eine der drei Flaschen war komplett zerstört, ihr Inhalt zu Staub zerfallen. Auch die beiden Zeitdokumente älteren Datums waren in miserablen Zustand, und befinden sich nun im Archiv der Gemeinde. So konnten heute lediglich Fotokopien der Originale in der Kugel versiegelt werden. Aber auch dieser Umstand wird zukünftigen Generationen ein Detail unseres Alltags und der Lebensrealität im Jahr 2010 vor Augen führen.
Eigentlich hätte die Kugel samt Wetterfahne heute auch, nach nunmehr zwei Jahren, wieder an ihrem angestammten Platz gesetzt werden sollen. Die herbstlichen Windböen verhinderten aber das Vorhaben. Der Kranführer hatte Bedenken geäußert, dass der Kran ob des starken Windes während der arbeiten den Kirchturm schwer beschädigen könnte. Auch wenn man nun in Sundhausen erst einmal auf besseres Wetter wird warten müssen, ließ man es sich nicht nehmen, den eigenen Beitrag in einer neuen Zeitkapsel heute schon einmal sicher zu verschließen.
1880, 1935, 1970 und zuletzt 2010, oder anders, Kaiserreich, NS-Regime, DDR-Diktatur und Demokratie: die verschiedenen Momentaufnahmen der Geschichte können einem Eindrucksvoll vor Augen führen, wie sehr sich die Welt in knapp 130 Jahren wandeln kann. Das gilt nicht nur für uns, sondern gerade auch für kommende Generationen, die vielleicht einmal die versiegelte Zeitkapsel aufbrechen werden. Wie auch schon alle vorangegangenen Gemeinden, fügten die Sundhäuser eine Ausgabe der aktuellen Tageszeitung, in diesem Fall der Thüringer Allgemeinen, zur Sammlung hinzu. Wird die Kapsel das nächste Mal geöffnet, wird man außerdem eine Fotomontage des aktuellen Gemeindelebens, einige Euromünzen, eine Urkunde sowie einen kurzen Bericht des Gemeindekirchenrates finden.
Gerade dieser Bericht dürfte für den zukünftigen Leser von besonderem Interesse sein, führt er doch Eindrucksvoll vor Augen mit welchen Problemen die Gemeinde in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Die Gemeindegeschichte der letzten 30 Jahre ist zum einem von der Vernachlässigung des Gotteshauses zu DDR-Zeiten geprägt und zum anderen von akutem Geldmangel und dem damit verbundenen zunehmenden Verfall der Kirche in der jüngeren Vergangenheit. Hinzu kommen Schicksalsschläge. Hatte man doch einmal etwas Geld ansparen können, förderte die Bausubstanz neue und dringendere Probleme zutage. Das inzwischen unbesetzte Pfarrhaus konnte mit Mühe und Not verkauft werden, Gemeinderäume gibt es seitdem nicht mehr.
Ein neuer Flachbau, in dem man auch wieder zuverlässig funktionierende Elektrik und sanitäre Anlagen hätte, konnte noch nicht realisiert werden. Die Restauration der alten Orgel würde weiteres Geld verschlingen, aber es fehlt ja sowieso ein Organist. Derzeit tut ein elektrisches Pendant notdürftig seinen Dienst. Auch die Veränderungen im Dorf selbst und die aktuellen Sorgen der Sundhäuser rund um die mögliche Errichtung eines großen Autohofes direkt vor den Toren ihres Dorfes, finden in dem Bericht Erwähnung.
Durch Heizpilz, Bratwürstchen und Glühwein gewärmt wohnten einige Sundhäuser dem, man darf es ruhig so nennen, historischem Moment bei. "Wir werden nun Teil der Geschichte" sagte Pfarrer Eckhard Wolff, bevor er und der Kunstschmied Lutz-Martin Figulla, der Wetterfahne und Kugel restauriert hatte, gemeinsam die neue Zeitkapsel schlossen. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat man gelernt. Die neue Zeitkapsel ist aus Kupfer, und wurde von Martin Figulla vor versammelter Gemeinde verschweißt, um die Momentaufnahme aus dem Oktober 2010, aber auch die Hinterlassenschaften der früheren Zeiten, vor Wasser zu schützen, und so für die Nachwelt zu konservieren.
Autor: agl
Kirchenkugel samt Wetterfahne der St. Laurentius Gemeinde Sundhausen (Foto: Angelo Glashagel)
Den ältesten Beitrag stellt eine Tageszeitung aus dem Jahr 1880 dar. Die Ausgabe "Nordhäuser Kuriers" war damals in der Kirchturmkugel verstaut worden, nachdem man sie zwecks Reparaturen vom Dach entfernt hatte. Ein gewisser Leutnant von Bila hatte die Kugel als Zielscheibe auserkoren, und getroffen.1935 musste die Kugel abermals von ihrem angestammten Platz weichen, da eine Wetterfahne hinzugefügt wurde. Diesmal legten die Gemeindemitglieder eine Ausgabe der "Mitteldeutschen Nationalzeitung" in die Kugel. Zuletzt hatte man versucht die Schriftstücke in alten Milchflaschen, wie sie in der DDR üblich waren, zu konservieren. Das war 1970 und man fügte die Tagesausgabe der Zeitung "Das Volk" zur Sammlung hinzu.
28 Jahre später war es ein schwerer Sturm, der eine erneute Restaurierung von Wetterfahne und Kugel nötig machte. Wie man feststellen musste, hatte sich die Lagerung in Milchflaschen nicht bewährt. Eine der drei Flaschen war komplett zerstört, ihr Inhalt zu Staub zerfallen. Auch die beiden Zeitdokumente älteren Datums waren in miserablen Zustand, und befinden sich nun im Archiv der Gemeinde. So konnten heute lediglich Fotokopien der Originale in der Kugel versiegelt werden. Aber auch dieser Umstand wird zukünftigen Generationen ein Detail unseres Alltags und der Lebensrealität im Jahr 2010 vor Augen führen.
Eigentlich hätte die Kugel samt Wetterfahne heute auch, nach nunmehr zwei Jahren, wieder an ihrem angestammten Platz gesetzt werden sollen. Die herbstlichen Windböen verhinderten aber das Vorhaben. Der Kranführer hatte Bedenken geäußert, dass der Kran ob des starken Windes während der arbeiten den Kirchturm schwer beschädigen könnte. Auch wenn man nun in Sundhausen erst einmal auf besseres Wetter wird warten müssen, ließ man es sich nicht nehmen, den eigenen Beitrag in einer neuen Zeitkapsel heute schon einmal sicher zu verschließen.
1880, 1935, 1970 und zuletzt 2010, oder anders, Kaiserreich, NS-Regime, DDR-Diktatur und Demokratie: die verschiedenen Momentaufnahmen der Geschichte können einem Eindrucksvoll vor Augen führen, wie sehr sich die Welt in knapp 130 Jahren wandeln kann. Das gilt nicht nur für uns, sondern gerade auch für kommende Generationen, die vielleicht einmal die versiegelte Zeitkapsel aufbrechen werden. Wie auch schon alle vorangegangenen Gemeinden, fügten die Sundhäuser eine Ausgabe der aktuellen Tageszeitung, in diesem Fall der Thüringer Allgemeinen, zur Sammlung hinzu. Wird die Kapsel das nächste Mal geöffnet, wird man außerdem eine Fotomontage des aktuellen Gemeindelebens, einige Euromünzen, eine Urkunde sowie einen kurzen Bericht des Gemeindekirchenrates finden.
Gerade dieser Bericht dürfte für den zukünftigen Leser von besonderem Interesse sein, führt er doch Eindrucksvoll vor Augen mit welchen Problemen die Gemeinde in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Die Gemeindegeschichte der letzten 30 Jahre ist zum einem von der Vernachlässigung des Gotteshauses zu DDR-Zeiten geprägt und zum anderen von akutem Geldmangel und dem damit verbundenen zunehmenden Verfall der Kirche in der jüngeren Vergangenheit. Hinzu kommen Schicksalsschläge. Hatte man doch einmal etwas Geld ansparen können, förderte die Bausubstanz neue und dringendere Probleme zutage. Das inzwischen unbesetzte Pfarrhaus konnte mit Mühe und Not verkauft werden, Gemeinderäume gibt es seitdem nicht mehr.
Ein neuer Flachbau, in dem man auch wieder zuverlässig funktionierende Elektrik und sanitäre Anlagen hätte, konnte noch nicht realisiert werden. Die Restauration der alten Orgel würde weiteres Geld verschlingen, aber es fehlt ja sowieso ein Organist. Derzeit tut ein elektrisches Pendant notdürftig seinen Dienst. Auch die Veränderungen im Dorf selbst und die aktuellen Sorgen der Sundhäuser rund um die mögliche Errichtung eines großen Autohofes direkt vor den Toren ihres Dorfes, finden in dem Bericht Erwähnung.
Durch Heizpilz, Bratwürstchen und Glühwein gewärmt wohnten einige Sundhäuser dem, man darf es ruhig so nennen, historischem Moment bei. "Wir werden nun Teil der Geschichte" sagte Pfarrer Eckhard Wolff, bevor er und der Kunstschmied Lutz-Martin Figulla, der Wetterfahne und Kugel restauriert hatte, gemeinsam die neue Zeitkapsel schlossen. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat man gelernt. Die neue Zeitkapsel ist aus Kupfer, und wurde von Martin Figulla vor versammelter Gemeinde verschweißt, um die Momentaufnahme aus dem Oktober 2010, aber auch die Hinterlassenschaften der früheren Zeiten, vor Wasser zu schützen, und so für die Nachwelt zu konservieren.



