Fr, 17:21 Uhr
18.03.2011
Im Jahr des Hasen
Sie leben in Nordhausen, wurden aber nicht hier geboren. Sie kommen aus allen Ecken der Welt und prägen unsere Gesellschaft so wie diese sie prägt. Aber wer sind diese Menschen mit Migrationshintergrund? Welche Kulturen, welche Individuen verbirgt der sperrige Begriff? Eine Antwort versuchte gestern das Schrankenlos Heimattheater zu geben.
Etwas mehr als 2000 Menschen mit Migrationshintergrund leben in und um Nordhausen. Sie kommen als Flüchtlinge und Asylsuchende aus dem Iran, Irak, Afghanistan, dem Balkan oder auch als Studenten aus China, Indonesien und zahlreichen weiteren Ländern rund um den Globus. Wir können ihnen tagtäglich auf der Straße begegnen und doch werden wohl die wenigsten wissen, um was für Menschen es sich handelt, wie das Leben in ihrer Heimat aussieht und wie sie Deutschland und Nordhausen erleben.
Den Kontakt und die Berührungspunkte, die dass Dunkel unserer Unwissenheit um die Menschen und ihre Kultur ein wenig erhellen könnten, bestehen kaum oder werden nur selten wahrgenommen. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen hat der Schrankenlos e.V. in Zusammenarbeit mit dem Theater Nordhausen und dem Studienkolleg der Fachhochschule Nordhausen die Projektreihe Heimattheater ins Leben gerufen.
Unser Ziel ist es, die verschiedenen Gruppen von Migranten und Migrantinnen, die es nach Nordhausen verschlagen hat, vorzustellen und über das Theater einen Einblick in ihre Kultur, Tradition und die Lebenswirklichkeit ihrer Heimat zu gewähren. So Anja Eisner vom Theater Nordhausen. Neben den Theaterstücken, die von Mitarbeitern des Bühnenhauses vorgetragen werden, gibt es kleine lukullische Gaumenfreuden aus den jeweiligen Ländern. Im Anschluss an Kultur und Küche haben die Gäste die Möglichkeit im Gespräch die Menschen kennen zu lernen, um die es sich eigentlich dreht.
Li Sisi und Lina Yin gestalteten die Lesung mit (Foto: Angelo Glashagel)
Gestern waren es drei junge Chinesen, die zusammen mit Anja Eisner und Ronald Winter die Lesung gestalteten. Sie bereiten sich derzeit am Studienkolleg der Fachhochschule auf das Hochschulstudium in Deutschland vor und übernahmen die Teile des Stückes, die in ihrer Muttersprache vorgetragen wurden.
Das Stück Lebensansichten zweier Hunde des chinesischen Regisseurs und Dramaturgen Meng Jinghui dreht sich um die Erfahrungen der Brüder Wang Cai und Lai Fu, die ihr Glück in der großen Stadt suchen. Wie sie machen sich jährlich rund 250 Millionen Chinesen aus den ländlichen Regionen des Riesenreiches auf den Weg in die Industriellen Zentren der boomenden Wirtschaftsmacht. Wang Cai und Lai Fu verschlägt es nach Peking und was sie erleben kommt der Realität zumindest nahe.
Sie finden Arbeit und verlieren sie, erleben Armut und Hunger, geraten an zwielichtige Gestalten, kosten einen Teil des sich sammelnden Reichtums nur um kurz darauf im Gefängnis zu landen, erfahren Gewalt und Zwang, versuchen der Stadt zu entkommen und können ihr doch nicht entfliehen, sie werden Hilfspolizisten und versuchen sich als Superstar-Aspiranten und stehen letztlich doch wieder vor dem Ruin und dem zerbrochenen Traum vom Wohlstand in der großen Stadt.
Ich suchte Buddha im Westen,
doch Buddha sprach -
Scheiße ich hab keinen Schimmer
Die Brüder schwanken zwischen dem Festhalten an den alten Idealen der kommunistischen Volksrepublik und dem annehmen der Einstellungen, die dass neue Streben nach Wohlstand und Konsum mit sich bringen. Lebensansichten zweier Hunde spiegelt in Episodenhaften Szenen die Zwiespältigen Entwicklungen im modernen China wieder und legt den Finger in zahlreiche Wunden, die sich im Reich der Mitte im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs aufgetan haben. Wer aber ein von Trauer, Leid und Mühsal geprägtes Stück erwartete, wurde eines besseren belehrt. Das Schicksal des leicht einfältigen Wang Cai und seines großen Bruders Lai Fu besticht, neben der Melancholie und dem realitätsnahen Blick auf die chinesische Gesellschaft, vor allem auch durch viel Witz und Ironie.
Anja Eisner und Roland Winter übernahmen die Rollen von Lai Fu und Wang Cai (Foto: Angelo Glashagel)
Die Dialoge werden immer wieder durch Lieder (die Palette reicht vom traditionellen Kinderlied bis hin zu chinesischen Popsongs aktuelleren Datums) und durch Interaktion der Protagonisten mit dem Publikum unterbrochen. Eindeutig Brechtscher Einfluss mag der geneigte Theaterfreund denken, aber falsch: Das was wir als Brechtsches Theater bezeichnen kommt ursprünglich aus Asien, nur weiß das hierzulande kaum jemand. Das ist chinesische Theatertradition so Anja Eisner.
Nun lässt sich anhand des sozialkritischen Grundtenors des Stückes vermuten, dass Lebensansichten zweier Hunde im totalitär regierten China wohl nie aufgeführt werden wird und der Dramaturg Meng Jinghui wohl ein chinesischer Intellektueller im Exil sein muss. Dass China eine repressive und totalitäre Politik gegenüber seiner Bevölkerung verfolgt steht außer Frage. Dass aber das Bild, welches häufig von diesem System gezeichnet wird und welches sich in unserer kollektiven Vorstellung verankert hat, nicht zwangsläufig in allen Facetten mit der Realität übereinstimmt, ist auch ein Verdienst des gestrigen Abends: Lebensansichten zweier Hunde wurde 2007 in Peking uraufgeführt und Meng Jinghui ist nicht nur einer der bedeutendsten Theaterregisseure des modernen China, er erfreut sich auch großer Beliebtheit.
Traditionelle Teigtaschen mit Schweinefleisch als kulturelle Leckerbissen (Foto: Angelo Glashagel)
Nach dem kleinen Gaumenschmaus konnte die anschließende Gesprächsrunde diese Erkenntnis unterstreichen. Die drei angehenden Studenten berichteten von ihrem Leben in China, ihren Familien und ihrem Bildungsweg. Es war sehr bewegend wie ungezwungen und mit wie viel Menschlichkeit wir ins Gespräch kamen so Peter Kube, Mitorganisator des Schrankenlos Heimattheater. Im Grunde ähnelt die Lebenssituation in China in etwa der, die wir noch aus der DDR kennen. Es ist nicht alles schrecklich, grau und grausam. Wer sich mit dem System arrangieren kann, der kann auch ein Leben in der damit erreichbaren Zufriedenheit führen. Man konnte im Gespräch den Eindruck gewinnen das gerade die Eltern durch eben dieses möglichst Konfliktfreie Arrangement mit den bestehenden Verhältnissen versuchen, ihren Kindern eine Zukunft mit mehr Freiheiten zu ermöglichen.
Zum Beispiel die Freiheit ins Ausland zu reisen und dort studieren zu können. Das Studienkolleg der Fachhochschule Nordhausen ist, neben dem Theater und dem Schrankenlos e.V., an der Organisation des Heimattheaters beteiligt und versucht so die Ausländischen Studenten mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu bringen. Ohne das Engagement und die gute Zusammenarbeit mit dem Studienkolleg wäre das Heimattheater in dieser Form kaum zu realisieren betonte Peter Kube.
Am 4. Mai wird es die nächste Vorstellung in den Räumen des Weltladens geben. Thema wird dann Indonesien sein. Obwohl dieses Land eine gänzlich andere Theatertradition als Europa hat, ist man dennoch zuversichtlich, dass sich ein passendes Stück, Wahl-Nordhäuser mit Indonesischem Hintergrund und natürlich auch ein zahlreiches Publikum, finden wird, das sich für die Lebensrealität und den kulturellen Hintergrund seiner Mitbürger interessiert.
Angelo Glashagel
Autor: aglEtwas mehr als 2000 Menschen mit Migrationshintergrund leben in und um Nordhausen. Sie kommen als Flüchtlinge und Asylsuchende aus dem Iran, Irak, Afghanistan, dem Balkan oder auch als Studenten aus China, Indonesien und zahlreichen weiteren Ländern rund um den Globus. Wir können ihnen tagtäglich auf der Straße begegnen und doch werden wohl die wenigsten wissen, um was für Menschen es sich handelt, wie das Leben in ihrer Heimat aussieht und wie sie Deutschland und Nordhausen erleben.
Den Kontakt und die Berührungspunkte, die dass Dunkel unserer Unwissenheit um die Menschen und ihre Kultur ein wenig erhellen könnten, bestehen kaum oder werden nur selten wahrgenommen. Um hier ein wenig Abhilfe zu schaffen hat der Schrankenlos e.V. in Zusammenarbeit mit dem Theater Nordhausen und dem Studienkolleg der Fachhochschule Nordhausen die Projektreihe Heimattheater ins Leben gerufen.
Unser Ziel ist es, die verschiedenen Gruppen von Migranten und Migrantinnen, die es nach Nordhausen verschlagen hat, vorzustellen und über das Theater einen Einblick in ihre Kultur, Tradition und die Lebenswirklichkeit ihrer Heimat zu gewähren. So Anja Eisner vom Theater Nordhausen. Neben den Theaterstücken, die von Mitarbeitern des Bühnenhauses vorgetragen werden, gibt es kleine lukullische Gaumenfreuden aus den jeweiligen Ländern. Im Anschluss an Kultur und Küche haben die Gäste die Möglichkeit im Gespräch die Menschen kennen zu lernen, um die es sich eigentlich dreht.
Li Sisi und Lina Yin gestalteten die Lesung mit (Foto: Angelo Glashagel)
Gestern waren es drei junge Chinesen, die zusammen mit Anja Eisner und Ronald Winter die Lesung gestalteten. Sie bereiten sich derzeit am Studienkolleg der Fachhochschule auf das Hochschulstudium in Deutschland vor und übernahmen die Teile des Stückes, die in ihrer Muttersprache vorgetragen wurden.Das Stück Lebensansichten zweier Hunde des chinesischen Regisseurs und Dramaturgen Meng Jinghui dreht sich um die Erfahrungen der Brüder Wang Cai und Lai Fu, die ihr Glück in der großen Stadt suchen. Wie sie machen sich jährlich rund 250 Millionen Chinesen aus den ländlichen Regionen des Riesenreiches auf den Weg in die Industriellen Zentren der boomenden Wirtschaftsmacht. Wang Cai und Lai Fu verschlägt es nach Peking und was sie erleben kommt der Realität zumindest nahe.
Sie finden Arbeit und verlieren sie, erleben Armut und Hunger, geraten an zwielichtige Gestalten, kosten einen Teil des sich sammelnden Reichtums nur um kurz darauf im Gefängnis zu landen, erfahren Gewalt und Zwang, versuchen der Stadt zu entkommen und können ihr doch nicht entfliehen, sie werden Hilfspolizisten und versuchen sich als Superstar-Aspiranten und stehen letztlich doch wieder vor dem Ruin und dem zerbrochenen Traum vom Wohlstand in der großen Stadt.
Ich suchte Buddha im Westen,
doch Buddha sprach -
Scheiße ich hab keinen Schimmer
Die Brüder schwanken zwischen dem Festhalten an den alten Idealen der kommunistischen Volksrepublik und dem annehmen der Einstellungen, die dass neue Streben nach Wohlstand und Konsum mit sich bringen. Lebensansichten zweier Hunde spiegelt in Episodenhaften Szenen die Zwiespältigen Entwicklungen im modernen China wieder und legt den Finger in zahlreiche Wunden, die sich im Reich der Mitte im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs aufgetan haben. Wer aber ein von Trauer, Leid und Mühsal geprägtes Stück erwartete, wurde eines besseren belehrt. Das Schicksal des leicht einfältigen Wang Cai und seines großen Bruders Lai Fu besticht, neben der Melancholie und dem realitätsnahen Blick auf die chinesische Gesellschaft, vor allem auch durch viel Witz und Ironie.
Anja Eisner und Roland Winter übernahmen die Rollen von Lai Fu und Wang Cai (Foto: Angelo Glashagel)
Die Dialoge werden immer wieder durch Lieder (die Palette reicht vom traditionellen Kinderlied bis hin zu chinesischen Popsongs aktuelleren Datums) und durch Interaktion der Protagonisten mit dem Publikum unterbrochen. Eindeutig Brechtscher Einfluss mag der geneigte Theaterfreund denken, aber falsch: Das was wir als Brechtsches Theater bezeichnen kommt ursprünglich aus Asien, nur weiß das hierzulande kaum jemand. Das ist chinesische Theatertradition so Anja Eisner.
Nun lässt sich anhand des sozialkritischen Grundtenors des Stückes vermuten, dass Lebensansichten zweier Hunde im totalitär regierten China wohl nie aufgeführt werden wird und der Dramaturg Meng Jinghui wohl ein chinesischer Intellektueller im Exil sein muss. Dass China eine repressive und totalitäre Politik gegenüber seiner Bevölkerung verfolgt steht außer Frage. Dass aber das Bild, welches häufig von diesem System gezeichnet wird und welches sich in unserer kollektiven Vorstellung verankert hat, nicht zwangsläufig in allen Facetten mit der Realität übereinstimmt, ist auch ein Verdienst des gestrigen Abends: Lebensansichten zweier Hunde wurde 2007 in Peking uraufgeführt und Meng Jinghui ist nicht nur einer der bedeutendsten Theaterregisseure des modernen China, er erfreut sich auch großer Beliebtheit.
Traditionelle Teigtaschen mit Schweinefleisch als kulturelle Leckerbissen (Foto: Angelo Glashagel)
Nach dem kleinen Gaumenschmaus konnte die anschließende Gesprächsrunde diese Erkenntnis unterstreichen. Die drei angehenden Studenten berichteten von ihrem Leben in China, ihren Familien und ihrem Bildungsweg. Es war sehr bewegend wie ungezwungen und mit wie viel Menschlichkeit wir ins Gespräch kamen so Peter Kube, Mitorganisator des Schrankenlos Heimattheater. Im Grunde ähnelt die Lebenssituation in China in etwa der, die wir noch aus der DDR kennen. Es ist nicht alles schrecklich, grau und grausam. Wer sich mit dem System arrangieren kann, der kann auch ein Leben in der damit erreichbaren Zufriedenheit führen. Man konnte im Gespräch den Eindruck gewinnen das gerade die Eltern durch eben dieses möglichst Konfliktfreie Arrangement mit den bestehenden Verhältnissen versuchen, ihren Kindern eine Zukunft mit mehr Freiheiten zu ermöglichen. Zum Beispiel die Freiheit ins Ausland zu reisen und dort studieren zu können. Das Studienkolleg der Fachhochschule Nordhausen ist, neben dem Theater und dem Schrankenlos e.V., an der Organisation des Heimattheaters beteiligt und versucht so die Ausländischen Studenten mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu bringen. Ohne das Engagement und die gute Zusammenarbeit mit dem Studienkolleg wäre das Heimattheater in dieser Form kaum zu realisieren betonte Peter Kube.
Am 4. Mai wird es die nächste Vorstellung in den Räumen des Weltladens geben. Thema wird dann Indonesien sein. Obwohl dieses Land eine gänzlich andere Theatertradition als Europa hat, ist man dennoch zuversichtlich, dass sich ein passendes Stück, Wahl-Nordhäuser mit Indonesischem Hintergrund und natürlich auch ein zahlreiches Publikum, finden wird, das sich für die Lebensrealität und den kulturellen Hintergrund seiner Mitbürger interessiert.
Angelo Glashagel

