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Do, 14:21 Uhr
28.04.2011

nnz-Forum: Atomausstieg - weltweit

Da Herr Seiferts zulässiger Wunsch in seinem Artikel "Der Energiewende Nachdruck verleihen“ nur mit Klarnamen zu kommentieren, dem Sinn von Kommentaren eines nnz-Lesers zuwider läuft, möchte der sich im Forum dazu äußern.


Dieser 26. April wurde durch Fukushima mehr als nur zu einem Tag der Erinnerung. Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass wir den Bogen eindeutig überspannt haben und es überlebenswichtig ist, umzukehren. Was die meisten nicht wissen, ist, dass Tschernobyl nicht nur der Supergau war, der Zehntausende Menschen das Leben gekostet hat und, wie als Randnotiz, der noch heute dazu führt, dass viele in Südthüringen von unseren Jägern geschossene Wildschweine wegen der Strahlenbelastung des Fleisches entsorgt werden müssen.

Die Havarie in der Ukraine hätte zudem um ein Haar uns allen in Europa den Garaus bereitet. Erst 20 Jahre später rückten Gorbatschow und andere damals in der Sowjetunion Verantwortliche mit der Wahrheit heraus. Die Explosion im Reaktor konterminierte den halben Kontinent. Das war aber nur die eine Seite. Zugleich bestand die reale Gefahr, dass durch das in Folge der massiven Kernschmelze unter den Block gesickerte radioaktive Magma es zu einer weiteren, erheblich verheerenderen Explosion mit der Kraft Dutzender Hiroshima-Bomben hätte kommen können. Minsk wäre ausgelöscht worden, die Hälfte Westeuropas für immer unbewohnbar.

Das wurde verhindert durch die militärisch straffe Organisation eines zentralistischen Obrigkeitsstaates, der die wehrpflichtigen „Liquidatoren“ wissentlich in den Tod schickte. Wobei vielen von denen selber klar war, dass sie todgeweiht waren, es aber trotzdem taten. Sie isolierten die Kernschmelze mit einfachen Techniken und lächerlichen Schutzmaßnahmen. Es war dieselbe aufopfernde Haltung von Menschen, die der UdSSR den Sieg im 2. Weltkrieg brachte.

Barbarisch, roh und menschlich, heroisch zugleich. Ein deutscher Experte sagte dazu, hätte es eine vergleichbare Reaktorkatastrophe in Westdeutschland oder einem anderen Land der freien Welt gegeben, wir wären hoffnungslos verloren gewesen. Die Sowjetunion schlug mit einer Armee von einer halben Million Liquidatoren in Tschernobyl ihre letzte historische Schlacht.

Die Aktion kostete nach damaligem Wert rund 13 Milliarden US-Dollar. Das überforderte zusammen mit den Folgen des Wettrüstens im Ergebnis des NATO-Doppelbeschlusses von 1979 und dem von den USA als strategische Waffe benutzten Verfall der Öl- und Gaspreise (So etwas hat es tatsächlich mal gegeben!) völlig die vorhandenen ökonomischen Ressourcen der UdSSR.

Gorbatschow ging verspätet und notgedrungen in die mediale Offensive und leitete die Politik von Glasnost und Perestroika ein, die das realsozialistische Experiment endgültig untergruben. Tschernobyl war der Auftakt für das Befreiungsjahr 1989. Zu einem katastrophal hohen Preis. Aber danach hat die Geschichte bis dahin nicht gefragt.

Wir sind heute in der Situation, wo wir nach dem Preis unserer Zukunft fragen müssen. Auch jeder einzelne von uns. Es ist gut, dass Herr Seifert dies hier in der Zeitung aufwirft. Klar gesagt, nichts kann ein völlig unkalkulierbares "Restrisiko" rechtfertigen, dass einzig eine statistische Größe ist. Wenn es, wie jetzt erneut, praktisch eintritt, ist es kein "Rest" mehr, sondern schlicht selbstmörderische Realität. Soll keiner kommen mit dem Argument der besseren Technik heute oder des menschlichen Versagens 1986. Die Japaner und wir alle haben, wie es scheint, bisher schlicht Glück gehabt. Und selbst das wissen wir noch nicht einmal, da die japanische Regierung und Tepko in der Vermittlung der Wahrheit weit hinter die Glasnost Gorbatschows von 1986 zurückgefallen sind. Trotz Demokratie.

Mag man unserer Kanzlerin Wahltaktiererei vorwerfen. Aber das, was jetzt regierungsseitig angeschoben wurde, ist richtig. Und besser ein Anfang als keiner. Aber der Ausstieg aus dem Atomzeitalter bedarf mehr. Da sind nicht nur die Interessen der großen Energieunternehmen. Ich sag’s mal brutal. Die Anti-AKW Bewegung wird wie die etablierte Politik auch mit denen ins Bett steigen müssen, damit sich etwas ändert. Ohne sie oder in Totalopposition zu ihnen geht es nämlich nicht. Kommunale Energieversorgung, flexibel und kleinstrukturiert, das wäre ein weiterer Part. Aber wie soll das bitteschön bei dem derzeitigen Zustand unseres kommunalen Finanzsystems funktionieren?

Mut ist gefragt und eine Eigenschaft, die uns Deutschen ehr abgeht. Die Bereitschaft, Niederlagen einzustecken und wieder aufzustehen, Irrwege zu gehen und trotzdem daran nicht zu zerbrechen. Hier können wir viel von den Menschen in den ärmeren Ländern und von den Amerikanern lernen. Und auch wenn’s keiner hören will, von jedem von uns bedeutet das ebenfalls, dass wir zukünftig nicht nur mehr Geld für unsere Energieversorgung, sondern auch für gesunde Lebensmittel, sauberes Wasser, Gesundheitsvorsorgung etc werden aufwenden müssen. Umkehr in der Energiepolitik geht nicht ohne Umkehr in unserer Lebensweise.

Europa wäre ein weiteres Thema. Sicherlich kann es einen Ausstieg Deutschlands geben, auch wenn sich in der Bretagne oder Frankreichs Osten die AKW nur so aneinander reihen und Weißrusslands Diktator den Litauern ein solches Ding direkt an die Grenze setzt. Auf Dauer funktioniert das natürlich nicht. Atomausstieg gibt es nur weltweit. Gerade deshalb ist das deutsche Signal des Ausstiegs so wichtig. Schlussendlich sei nicht zu vergessen, dass ein Verzicht auf Atomenergie in einer mit Nuklearwaffen gespickten Welt ohne konsequente Abrüstung nur ein makaberer Witz sein kann.

Fragen über Fragen. Aber sie sind lösbar. Ich gehöre zu den Leuten meiner Generation, die sich nach dem NATO-Doppelbeschluss ernsthaft die Frage stellten, ob es verantwortbar sein kann, in diese Welt Kinder zu setzen. Nun, Gott sei Dank, haben die meisten von uns heute mittlerweile erwachsene Kinder. Die Welt ist zu schön, um sie einfach abzuschreiben und Kinder sind dafür der beste Garant. Läuterungsbereiten Pessimisten unter den Lesern empfehle ich in diesem Zusammenhang die Bücher des amerikanischen Anthropologen Jared Diamond.

Von meiner eigenen Partei erwarte ich ein klares Votum zum Atomausstieg. Liberale Überzeugungen sind dem Leben und Wert eines jeden einzelnen Menschen verpflichtet. Atomwirtschaft in der Hand von Energiemonopolisten ist mit diesen liberalen Werten auf längere Sicht nicht vereinbar. Und sie stellt eine gewaltige Ressourcenverschwendung dar. Die Wirtschaft, vor allem die innovativen klein- und mittelständischen Unternehmen, ist bei der Energiewende durch die Rahmenbedingungen des Staates zu fordern und zu fördern. Das ist eine gewaltige Chance für die deutsche Industrie und deren Zukunftsfähigkeit.
Klaus-Uwe Koch, ein Liberaler aus Nordhausen
Autor: nnz

Anmerkung der Redaktion:
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