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So, 16:06 Uhr
22.05.2011

„Täve“ – und das verschlossene Tor

Kennen Sie die "Hall of Fame"? Dort sind die besten deutschen Sportler verewigt. Einem Sportidol wird jedoch die Aufnahme verwehrt. Dazu die Betrachtung von Hans-Ullrich Klemm...


Wer kennt ihn eigentlich nicht, den sportlichen Tausendsassa, der in den 50 bis70-iger Jahren dafür sorgte, dass in der früheren DDR besonders in den Maitagen Hunderttausende an die Radio- und später Fernsehgeräte gelockt und diese durch die errungenen sportlichen Erfolge meistens glücklich gemacht wurden.

Wenn eine Person 25 Jahre nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn mehr als die Hälfte der Stimmen für die Auswahl zur bekanntesten und beliebtesten Sportlerpersönlichkeit der letzten 40 Jahre im östlichen Teil unseres heutigen Landes erhält, muss eine ganz besondere und vor allem im Gedächtnis bleibende Leistungspalette unserer Bevölkerung angeboten haben.

Warum der noch heute überall besonders bei den etwas reiferen Leuten begehrte Gustav-Adolf Schur so beliebt ist, sind seine immer freundliche Art, Ausstrahlung und Geradlinigkeit, von der er auch nach der Wende nicht abwich. Er selbst stellt bei seinen vielen, fast erdrückenden, Einladungen zu den verschiedensten Foren und Lesungen seine eigenen vergangenen großen nationalen und internationalen Erfolge nie in den Vordergrund.

Als vor zwei Wochen Bundespräsident Wulff viele schon bestehende und gerade neu eingetragene (21) Mitglieder von Persönlichkeiten rund um den Sport in der Bundesrepublik aus Geschichte und Gegenwart in die „Hall of Fame“ (Ruhmeshalle des Sportes) nach Berlin in das bekannte Hotel „Adlon“ einlud, um einen Großteil seiner Gäste die „Goldene Sportpyramide“ zu überreichen, war „Täve“ nicht dabei. Er wurde bereits ein paar Tage zuvor schriftlich von der Deutschen Olympischen Gesellschaft informiert, dass er nicht zu den Auserlesenen zählte.

Dafür erhielt er postwendend eine Einladung in seine Landeshauptstadt Magdeburg, um sich in das „Goldene Buch“ einzutragen. Eine Platte mit seinem Namen ist in einer bekannten Straße der Stadt bereits auf dem Boden installiert worden. Wie man ihn in seiner lockeren Art kennt, wollte er es eigentlich gar nicht und bat die Stadtverwaltung auch im Winter dafür zu sorgen, damit niemand darauf ausrutscht….

Nur einen Tag später folgte er der nächsten Einladung in das beschauliche Thüringer Örtchen Herges-Hallenberg, an der sich der Autor dieser Zeilen von seinem tollen Fitnesszustand live überzeugen konnte. Weil das Radsportidol wegen der erhaltenen Ausladung nun überall angesprochen wird, stellte er klar: „Die Mitglieder der Jury sind größtenteils Politiker, Sponsoren oder Industrielle aus den westlichen Bundesländern. Entweder sie begleiteten meine Erfolge der Vergangenheit nur am Rande oder bewerteten meine späteren Aktivitäten als gewählter Abgeordneter in der Volkskammer und Bundestag etwas falsch. Mir ging es u.a. besonders darum, dass die Sportanlagen in der Breite als Ausbildungsgrundlage unserer nachrückenden Jugend nicht verfallen. Natürlich war ich im ersten Moment traurig, nicht zu den besonderen Persönlichkeiten der Sportgeschichte zu gehören, die nach dem Leitgedanken zu Diskussionen anregen sollen. Für mich als Zeitzeuge wirkte die Absage nach der Zusammenführung beider Deutscher Staaten zuerst eher wie eine Teilung!

Die „Hall of Fame“ ist übrigens keine Halle, die irgendwo steht, sondern die Ausgewählten werden von einem bekannten Künstler porträtiert und in Wanderausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert. Doch jetzt erlebe ich ohne mein Zutun förmlich einen zweiten Frühling. Mein Briefkasten ist plötzlich wieder überfüllt, wo ich auftauche (und erkannt werde), gibt es ein Schulterklopfen, wie damals, als ich nur Zweiter auf dem Sachsenring bei der WM 1960 wurde, meinen dritten WM-Sieg hintereinander verpasste, dafür aber mein Sportkamerad B. Eckstein gewann. Im Land wird wieder diskutiert, das ist gut so“.

Was „Täve“ schon immer ausgezeichnet hat, sind seine munteren Erzählungen über besondere Geschehnisse, die nicht unbedingt mit seinem Sieg endeten. So trägt er gern an seiner Anzugsjacke (auch an diesem Abend) eine kleine Erinnerungsnadel von den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Nach Erhalt der Bronzemedaille vier Jahre davor in Melbourne im 100 km Mannschaftszeitfahren, wollte er als Kapitän hier besser abschneiden und erinnert sich noch ganz genau: „Es war bei Gluthitze ein fast mörderisches Rennen. Als Gemeinsame Deutsche Mannschaft antretend, flimmerte uns vier DDR-Fahrern trotz Frühstart um 9.00 Uhr der Asphalt auf der Autobahn vor unseren Augen. Nach 75 km bei über 40 °C im Schatten und nur jeweils einer Trinkflasche, um Gewicht zu sparen, verließen unserem G.Lörke seine Kräfte und musste aufgeben. Da aber bei der Zieldurchfahrt der dritte Fahrer einer Mannschaft gewertet wurde, war für uns verbliebenen drei Fahrer jeder folgende Kilometer eine besondere Qual. Dann schwächelte unser E. Adler und erlitt einen regelrechten Einbruch. Wir mussten aber zusammenbleiben. E. Hagen, der damals amtierende Friedensfahrtsieger zwickte abwechselnd mit mir Egon in seinen Hintern, damit er nicht müde wird und auch noch ganz ausfällt. Im Ziel doch gemeinsam angekommen, fielen wir uns gegenseitig in die Arme, holten die Silbermedaille und verdrängten dabei noch die favorisierten Kapitonow (holte den Sieg im Einzel), Melichow und Co. aus der Sowjetunnion um fast zwei Minuten! Solche Momente kann man einfach nicht vergessen und konnten gemeinsam über die späteren blauen Flecke am Hinterteil von E. Adler schmunzeln. Bei diesem Rennen erlitt allerdings der Däne Jensen einen Hitzschlag, dem er später erlag. Das sind auch traurige Momente.“

Nach Bronze und Silber in dieser olympischen Disziplin konnte übrigens doch noch der Name Schur in das Olympiabuch eingetragen werden. Gemeinsam mit seinen Kameraden Kummer, Landmann und U.Ampler holte „Täves“ Sohn, Jan, in Seoul 1988 Gold.

„Mythos Täve“ wurde u.a. von einem Gast gefragt, der am Straßenrand der Schlussetappe der Friedensfahrt 1960 in Berlin auf ihn vergeblich wartete, was da eigentlich passiert sei. „Trotz unzählbar erlebter Rennen kann ich mich noch heute genau daran erinnern. Der Gesamtführende war vor dem Start dieses letzten Abschnittes unser E. Adler. Ich wollte, dass Egon die Fahrt gewinnt, doch leider stürzte er schwer, schaffte trotzdem wieder den Anschluss an das Hauptfeld. Durch einen Defekt musste er auf ein Ersatzrad umsteigen. Gemeinsam ließ ich mich als Kapitän mit M. Weißleder zurückfallen, um ihn wieder an das Feld heranzuführen. Es war aber zu stark, wir verloren immer mehr Zeit. Dafür gewann aber unser Erich Hagen die Etappe und damit auch die Gesamtwertung der Fahrt.

Ich bin aber froh, dass sie bis heute, 51 Jahre danach, auf mich warten mussten“, sagte der immer schlagfertige Rentner Schur….

Er stellte gern seine Terminatorin, Ex-Leistungsschwimmerin und langjährige Ehefrau Renate vor, die er im damaligen „Konsum“-Hotel, dem heutigen „Berghotel“, im nahen Oberhof kennenlernte und 1962 heiratete.

Nach der Filmvorstellung seines Lebenswerkes mit dem anwesenden Regisseur Dr. Büchel und extra aus den USA angereisten Kameramann Hans Peter Otto ging ein hochinteressanter Abend im überfüllten Zuhörersaal zu Ende, die in vielen Städten seine Fortsetzung finden wird. Dafür muss der rüstige Rentner Schur mit seinem jüngeren Radsportpartner seinen Trainingsplan im Raum Magdeburg aber stark reduzieren…..

Man kann allgemein feststellen, dass ihn das zugeschlagene Tor zur sportlichen Brücke der Vergangenheit, die eigentlich über die „Hall of Fame“ in die gemeinsame Gegenwart führen soll, nicht schadet, sondern noch populärer macht!
Hans-Ullrich Klemm
Autor: nnz

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Kommentare
Bodo Schwarzberg
23.05.2011, 00:04 Uhr
Täve und die "innere Einheit"
Ein sehr schöner Beitrag, mit einem um so ernsteren Hintergrund. Ohne eine neue "Teilung" zu schaffen, sollte die Feststellung schon erlaubt sein, dass die größten Bekenntnisse zur "inneren Einheit" Deutschlands vozugsweise aus den alten Bundesländern kommen.

Gerade dort liegen aber auch die Wurzeln für deren erschwerte Bildung: Die Treuhand ging mit einem Federstrich über so manche ostdeutsche, immerhin oft vierzig Jahre währende Identität hinweg, indem sie Betriebe zu hunderten schliff, sie ostdeutschen Interessenten mit Verweis auf ihre angebliche Unkenntnis verweigerte und westdeutschen Glücksrittern zum entgültigen Ruin überließ.

Dass Täve von der Einladung beim Bundespräsidenten ausgeladen wurde, passt gut dazu. Der Osten beherbergte die untergegangene Gesellschaft, demzufolge dürfen deren einstigen Idole nicht offiziell gefeiert werden. Wenn dann angesichts derartiger Missachtungen aber einige Ossis in Ostalgie verfallen, werden sie als ewig Gestrige beschimpft. Schöne deutsche Einheit.

Zwar durfte der 107-jährige Johannes Heesters auch nicht zum Dinner mit Königin Beatrix und dem Bundespräsidenten, aber das hat ja wohl mit dessen umstrittener Vergangenheit während der Nazizeit zu tun, die ihm die Holländer bis heute nicht verziehen haben. Zwar bin ich der Meinung, dass man einem 107-jährigen gegenüber eine gewisse Gnade walten lassen sollte, dennoch bekomme ich Bauchschmerzen, wenn ich annehmen muss, dass Täve und Heesters wegen ihrer jeweiligen Systemnähe vom Bundesprädidialamt "diskriminiert" wurden.

Denn zwischen Diktatur und Diktatur gibt es ja wohl noch einige Unterschiede.
Wolfi65
23.05.2011, 08:29 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Gehört nicht zum Thema
->EchterNordhäuser<-
23.05.2011, 09:45 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Es wird dann wieder oberflächlich.
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