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Sa, 13:18 Uhr
20.08.2011

Menschenbilder (12)

Aus dem im Spätherbst des Jahres 2011 erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Winfried Engler

Langjähriger Schwimmmeister im Waldbad Neustadt

„Nach der Maueröffnung kamen einige westdeutsche Schwimmmeisterkollegen nach Neustadt und waren erstaunt darüber, mit welch geringem technischen Aufwand wir unser Waldbad während der DDR-Zeit betrieben haben“, sagt Winfried Engler, dessen Leben seit 25 Jahren untrennbar mit dem idyllisch gelegenen Kleinod am Fuße der Burgruine Hohnstein verbunden ist.

Die technischen Einrichtungen für den Betrieb des 1958 eingeweihten Waldbades waren damals tatsächlich recht einfach. Der Einsatz von Winfried Engler hingegen als Voraussetzung für die alljährliche erneute Öffnung im Frühjahr ist nur schwer zu ermessen. Es gab nicht eine Saison seit 1958, während der das Bad geschlossen bleiben musste. Der Wasserkörper von damals 2.000 Kubikmetern wurde zunächst ausschließlich aus dem nahegelegenen Bach gespeist, der zu diesem Zweck ein kleines Wehr erhielt.

Die für die Füllung des Beckens über Betonrohre benötigte Zeit betrug mehrere Wochen und war abhängig von der Wasserführung des kleinen Fließgewässers. Ein Problem stellten dabei die Schwebstoffe dar, die vor allem nach starken Niederschlägen leicht mit in das Becken gelangen konnten. „Gab es nachts einen Platzregen, musste ich daher raus und schnell zum Bad fahren, um den Zufluss zu stoppen. Tat ich das nicht, war das Wasser im Becken wegen des massiven Schlammeintrags nicht brauchbar und musste im Extremfall wieder abgelassen werden“, sagt der 1952 in Neustadt OT Osterode geborene Schwimmmeister.

Das war aber nur eine von vielen Schwierigkeiten, die ihn und seinen das Bad in den 27 Jahren vor ihm führenden Schwiegervater über all die Jahre begleiteten: Ein zunehmendes Problem stellte die Undichtigkeit des Beckens dar: Bis zu 12 Kubikmeter pro Stunde entwichen vor der Sanierung im Jahre 2010 in den Untergrund und mussten ersetzt werden. Doch erst in den 80-er Jahren erhielt das Waldbad einen eigenen Brunnen und eine Pumpe, wodurch die Einhaltung des vorgeschriebenen Wasserstandes etwas besser gewährleistet werden konnte.

Zu den Schwierigkeiten im laufenden Betrieb gesellten sich weitere nach dem Ende der Badesaison. Nach dem Ablassen des Wassers im Frühjahr galt es, das Becken, die Rutsche und die Haltestangen zu streichen. Über mehrere Wochen verbrachte Winfried Engler dann viele Stunden täglich in dem leeren Becken, bewaffnet mit Pinsel und einem Farbeimer, um einen neuen blauen Anstrich aufzubringen. Zuvor musste er die vor sich hin bröselnden Betonwände ausbessern, das locker gewordene Material abschlagen und durch neuen Putz ersetzen.

„Diese Tätigkeiten konnten nur bei relativ hohen Außentemperaturen durchgeführt werden. Dabei wehte in dem leeren Becken meist nicht das geringste Lüftchen. Die Wärme staute sich ebenso, wie die Nitro-Dämpfe. Mir wurde oft schwindlig und ich musste die Arbeit unterbrechen“, erklärt er.

Trotz alledem: Kamen dann im Frühjahr die ersten Erholungssuchenden und fühlten sich wohl, dann war das für Winfried Engler die Bestätigung, dass sich all die viele Arbeit mal wieder gelohnt hatte.

Die Initiative für das Waldbad geht auf den früheren Neustädter Bürgermeister Fritz Deistung zurück. Es wurde zwischen 1953 und 1958 in Eigenleistung vieler Bürger und einiger Betriebe an der Stelle eines ehemaligen Naturteiches errichtet und schließlich in einer feierlichen Zeremonie vom Neustädter Roland eingeweiht. „Mit Nordhäuser Doppelkorn und Curacao – zur Imitation des blau schimmernden Badewassers“, schmunzelt Winfried Engler.

Dabei hätte sich der Osteröder wohl zunächst kaum träumen lassen, dass er die gesamte zweite Hälfte seines Berufslebens dem Waldbad widmen und dass sein Name heute untrennbar mit ihm verbunden sein würde.

Eigentlich wäre er am liebsten Koch geworden und hätte an Bord eines Handelsschiffes die Weltmeere bereist. Da er jedoch keine entsprechende Lehrstelle erhielt, absolvierte er im VEB Verkehrsbetriebe Nordhausen eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und war mehrere Jahre lang, lediglich unterbrochen durch seinen eineinhalbjährigen NVA-Ehrendienst, mit der Wartung von Straßenbahnen, Bussen und Taxen befasst. An diese Zeit erinnert er sich vor allem auf Grund der dort erfahrenen Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Kameradschaft sehr gern.

1975 wechselte er mit dem Ziel eines etwas höheren Verdienstes zum VEB Wasserwirtschaft, wo Wartungs-, Erhaltungs- und Reparaturarbeiten u.a. an Rohrleitungen und Pumpstationen im Zentrum seines Arbeitsalltages standen. Während dieser Zeit qualifizierte er sich vor allem auf dem Gebiet der Schweißtechnik, was ihm auch bei seinem nächsten Betrieb, der Papierfabrik Ilfeld, zugutekam. Allerdings sind seine Erinnerungen an die Tätigkeit dort eher weniger positiv: „Es war die blanke Hölle dort: Der Gestank und der Staub aus der veralteten Heizungsanlage beeinträchtigten meine Gesundheit. Weil es keine entsprechenden Hilfsgeräte gab, mussten wir oft schwere Lasten heben. Hinzu kamen der Schichtbetrieb und die ständige Havariebereitschaft. Ich war froh, als ich von dort wieder weg konnte!“

Seine neue Perspektive hieß Waldbad Neustadt. Dort hatte er bereits im Jahre 1969 seine heutige Ehefrau Angelika kennengelernt, die damals gemeinsam mit ihrer Großmutter den Kiosk betrieb. Sein Schwiegervater, der aus Neustadt stammende Helmut Mund, galt als „Urgestein“ der Erholungseinrichtung. 27 Jahre lang, von 1959 bis 1986, war er dort Schwimmmeister. Zudem hatte er als „Schwimmmeisterobmann“ die Oberhoheit über sämtliche Bäder des Kreises Nordhausen und engagierte sich im Bezirksarbeitsausschuss für Schwimmmeisterfragen in Erfurt. Besonders gefragt war dabei sein Wissen auf dem Gebiet der Behandlung bzw. der Chemie des Badewassers.

Eines Tages im Jahre 1969 fragte er seinen Schwiegersohn, ob er sich nicht mit in das Waldbad einbringen wolle. „Ihm lag daran, dass ich einst seine Arbeit fortführe und er machte mich zunehmend mit den Anforderungen des Badbetriebs in Neustadt vertraut“, denkt Winfried Engler zurück. Zunächst unterstützte er seinen Schwiegervater nach Feierabend bei anfallenden Wartungsarbeiten, später übernahm er auf dem 5.000 Quadratmeter großen Gelände Pflegemaßnahmen und bereitete mit die nächste Badesaison vor.

Und irgendwann übertrug ihm Helmut Mund die Schlüsselgewalt. Ein wichtiger Schritt für die spätere Weiterführung der Einrichtung durch Winfried Engler war das Bestehen der Schwimmmeisterprüfung im Jahre 1975. Denn während er den Badebetrieb als einfacher Rettungsschwimmer zuvor niemals ohne die Anwesenheit seines Schwiegervaters beaufsichtigen durfte, konnte er dies nun ganz allein übernehmen. Auf dem Gelände, auf dem er sich von nun an immer öfters von früh bis spät engagierte, befanden sich seit den 70-er Jahren das separat gelegene Planschbecken und bereits seit der Einweihung 1958 ein Spielplatz mit Volleyball- und Basketballfeld sowie einem Bolzplatz. Bis zu 1.800 Besucher frequentierten an einem einzigen Tag das Waldbad während der Vorwendezeit, darunter auch Schulklassen und viele FDGB-Urlauber. Für letztere gab es damals sogar sportliche Wettbewerbe im Bad – mit Zeitmessung und Kampfrichtern versteht sich.

Nach dem Eintritt von Helmut Mund in den Ruhestand, wurde Winfried Engler 1986 der verantwortliche Schwimmmeister im Waldbad Neustadt.

Die Wende führte zunächst zu einigen Problemen aber auch zu einer neuen technischen Ära der traditionsreichen Einrichtung: Zunächst schwebte das Damoklesschwert einer Nichtanerkennung seines Titels „Schwimmmeister der DDR“ über ihm. „Dabei stellte sich bei Vergleichen schnell heraus, dass unsere Fähigkeiten auf dem Gebiet des Rettungsschwimmens nicht schlechter waren, als die unserer westdeutschen Kollegen“, sagt Winfried Engler. Schließlich erfolgte aber die offizielle Anerkennung seiner Qualifikation.

Im Waldbad konnte nun endlich eine moderne Chlorierungsanlage installiert werden. „Das war ein großer Fortschritt. Denn unsere alte konnte nur bedingt als sicher bezeichnet werden. Glücklicherweise ist nie etwas passiert“, sagt er. Für die Pflege der Liegewiese stand ihm nun ein moderner Rasentraktor zur Verfügung. Die Sense hatte damit ebenso ausgedient wie der Pinsel beim alljährlichen Streichen des Beckens. Die zu DDR-Zeiten kaum erreichbaren Malerrollen erleichterten nun seine Arbeit.

Aber erst im Rahmen der Sanierung des Bades im Jahre 2010 entfielen auch die giftigen Nitro-Dämpfe: Der heutige Anstrich soll 10 bis 15 Jahre halten. Mit der Sanierung gehörte nun endlich auch der stetig steigende Wasserverlust des Beckens der Vergangenheit an. Einzig das Sprungbrett auf dem Dreimeter-Sprungtum durfte nicht wieder angebracht werden. Die Tiefe von 3,40 m darunter ist nach den heutigen Regelungen nicht mehr ausreichend dafür. Das Becken wurde zudem auf der einen Seite abgeflacht und ein Nichtschwimmerbereich abgetrennt. Daher weist der Wasserkörper heute nur noch ein Volumen von 1.700 Kubikmetern auf.

Geblieben ist allerdings die legendäre rote Fassbrause, die sich seit 1958 zu einem Markenzeichen des Waldbades gemausert hat. Ausgeschenkt wird sie seit 21 Jahren von Winfried Englers Ehefrau, die heute zudem ein umfangreiches Speisenangebot, von der Bockwurst, über Strammen Max bis hin zu Schnitzel mit Folienkartoffeln für die Badegäste bereithält.

Winfried Engler geht nicht ungern mit dem Ende der Saison 2011 in den Ruhestand: Zum einen, so sagt er, sei er während der Sanierungsphase „um fünf Jahre gealtert“. Aber das Wichtigste: „In all den Jahren gab es nicht einen schwerwiegenden Unfall. Und ich habe Angst davor, dass doch noch einmal etwas passiert.“ Zumal er von Mai bis September an sieben Tagen in der Woche, von 10 bis 20 Uhr den Blick nicht von der Wasserfläche wenden darf. „Früher halfen mir noch auf ehrenamtlicher Basis ab und zu einige Rettungsschwimmer. Heute aber macht kaum noch jemand etwas unentgeltlich oder für wenig Geld. Der Druck, der auf mir lastet, ist immer größer geworden. Aber ich möchte diesen Druck nicht mehr und freue mich darauf, ab 2012 nur noch als Badegast hierher kommen zu können.“

Dass er sich dafür auf jeden Fall eine Jahreskarte kaufen wird, steht für Winfried Engler außer Frage: „Jede Eintrittskarte kommt dem Bad zugute“, sagt er.

Dennoch wird er auch in Zukunft noch dem einen oder anderen Kind das Schwimmen lernen. „Das ist mir ein ganz großes Anliegen“, betont er. – Es kommt vor, dass er auf eine Mutter zugeht, wenn er feststellt, dass sich ihre Tochter oder ihr Sohn im Wasser sehr wohlfühlt, aber nicht schwimmen kann. „Nicht selten können sich die Eltern die Schwimmausbildung nicht leisten. Dann mache ich das für sie und für das Kind auch mal so“, lächelt er.

Kopfzerbrechen bereiten den Schwimmmeister aber auch nicht selten andere Erlebnisse: „Die Null-Bock-Generation, die es vor der Wende so nicht gab, zum Beispiel. „Früher hatten wir unter den Jugendlichen immer Rettungsschwimmer. Heute fehlt uns diese Gruppe. Mancher Jugendliche betrinkt sich und belästigt andere Badegäste. Wenn ich dann einschreite, bekommt man z. T. respektlose Antworten. Das war früher nicht so“, beklagt er.

Zudem macht er eine zunehmende „Verweichlichung“ unter den Badegästen aus: „Immer öfters fragen sie, ob das Becken beheizt ist. Das ist meiner Meinung nach eine Folge der vielen warmen Spaßbäder. Vor der Wende sind stets auch bei niedrigen Wassertemperaturen und bei kühlem Wetter Badegäste zum Schwimmen gekommen. Heute geht da kaum noch jemand rein.“

Zu den im wahrsten Wortsinne schwärzesten Kapiteln seiner Arbeit zählt Winfried Engler auch die Toiletten. „Es ist ganz schlimm, wie manche Gäste diese hinterlassen.“ – Der Schwimmmeister reinigt sie seit zweieinhalb Jahrzehnten ganz allein.

Aber es gibt für ihn auch wunderschöne Momente in seinem Waldbad: „Bevor die ersten Gäste kommen, genieße ich früh morgens gemeinsam mit meiner Frau das Frühstück. Danach muss ich 12 Stunden hellwach sein, damit nichts Schlimmes passiert.“

Winfried Engler ist Vater einer Tochter (Sandra) und eines Sohnes (Oliver) und sehr naturverbunden. Am liebsten beobachtet er das Wild im Harz oder fährt Ski.

Sein Schweigersohn baut gerade eine Pferdezucht auf. Und dann sind da ja noch seine drei Enkel. „Ich habe auch in Zukunft Beschäftigung ohne Ende“, sagt er.

Abschließend sei noch ein Gästebucheintrag vom 21.08.1971 zitiert:

„Alle Sagen des Harzer Berglandes berichten von Schätzen und Edelsteinen. Wir haben in unserem Urlaub vom 8.8.-22.8.1971 einen kleinen, aber schönen Edelstein gefunden. Das Waldbad in Neustadt ist ein solcher. Hier verlebten wir herrliche Urlaubstage. Gepflegte Anlagen, sauberes Wasser, vorbildliche Aufsicht und gute Betreuung. Dem Bademeister Herrn Mundt und seinen Helfern alle Hochachtung. Das Waldbad, ein voller Ersatz für z. Teil überfüllte Ostseebäder. Nach neuesten Ermittlungen der Wissenschaft ein Nervenseil-Ersatzteillager“

Ein herzliches Dankeschön und Wiederseh’n.“
Heinz Schilling u. Frau, Schwerin Meckl.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt.
Autor: nnz

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