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Mo, 06:29 Uhr
14.11.2011

Menschenbilder (27)

Aus dem Ende November erscheinenden reich bebilderten Buch "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg veröffentlicht die nnz in loser Folge eine Auswahl an Texten über Mitbürger, die er seit April 2010 zu ihrem Leben, ihrer Tätigkeit und deren gesellschaftlichen und persönlichen Hintergründen gesprochen hat.

Gisela Hartmann

Bürgerrechtlerin
Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in Stadt und Landkreis Nordhausen


„Mittelmäßigkeit ist mir ein Ärgernis. Ich schätze den fachlichen Streit, der mich korrigiert und wachsen lässt.“ Und „Bildung und Ethik sind die Voraussetzung für verantwortliches Handeln in Politik und Gesellschaft“, sagt Gisela Hartmann, die ihr Leben der Mitmenschlichkeit und der ökologischen, ökonomischen und sozialen Erneuerung gewidmet hat. Für manche Menschen ist sie unbequem, weil sie den Finger in Wunden legt, und damit eingefahrene, nur allzu oft bequeme Gleise verlässt, weil sie mit dem eigenen Vorangehen zeigt, wie Probleme gelöst werden können, aber auch weil sie aus Idealismus und Überzeugung handelt, und dabei nie den eigenen Vorteil im Auge hat. Über alle Parteigrenzen hinweg genießt sie für ihr Engagement Respekt.

„Die Wahrheit kann warten, sie hat ein langes Leben vor sich“, zitiert sie Schopenhauer. Die Bibel und die Philosophen sind eine unerschöpfliche Quelle für ihre bewundernswerte Energie. Diese findet sie zu allererst in ihrem christlichen Glauben: „Alles, was ich tue, tue ich aus der Überzeugung heraus, dass unser Leben Aufgabe ist und geführt wird“, bekräftigt sie.

Gisela Hartmann wurde am 12.06.1939 in Eberswalde als Kind des Landwirtschaftswissenschaftlers Dr. Wilhelm Brick und der Geschäftsfrau Lucia Brick geboren. Ihr Vater fiel im Krieg in der Nähe von Riga, als sie zwei Jahre alt war. Ihr Urgroßvater war von 1892 bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1909 Bürgermeister in Heringen/Helme. Ihr Großvater väterlicherseits arbeitete ab 1936 als Telegrafendirektor in Nordhausen, ehe er Reichspostpräsident in Kassel wurde. Nach seiner Emeritierung zog es ihn zurück nach Nordhausen wo er im bekannten Rosenthal`schen Haus wohnte.

Nach dem Tod des Vaters lebte auch Gisela Hartmann mit ihrer Mutter und ihrem Bruder dort; - bis zu den entsetzlichen Tagen im April 1945, an denen die Bomben das alte Nordhausen zerstörten. „Die Schreckensbilder dieser Tage sind tief in meiner Seele liegen geblieben“, sagt Gisela Hartmann. Am 4. April 1945 floh die Familie aus der Stadt und fand auf dem Hof der Urgroßeltern in Heringen eine neue Bleibe. „Damals wohnten auf unserem Hof mehrere Flüchtlingsfamilien, 14 Russinnen und ein Kommandant. Alle versuchten in diesen Tagen zu überleben. Als erstes kaufte meine Mutter eine Ziege, damit wir Milch, und später von den Jungen, Fleisch bekamen. Mein Bruder und ich hatten täglich für das Futter zu sorgen. Meine Mutter eröffnete ein Geschäft und gründete gemeinsam mit dem Arzt Dr. Ernst Strecker in Heringen den Kulturbund. Sie organisierte Konzerte und Rezitationen und war politisch aktiv.

1953 verstärkte sich der Druck auf die Christen in der DDR und hierbei insbesondere auf die Junge Gemeinde. Der Tradition der Familie folgend, sollte Gisela nach der Grundschule die Oberschule besuchen. Doch kirchlich gebunden, bürgerlicher Herkunft zu sein und dazu noch eine selbständige Mutter zu haben, das genügte zu dieser Zeit, um vom Weg zum Abitur ausgeschlossen zu werden.

So besuchte sie ab 1953 das Institut für Lehrerbildung, obwohl dies eher nicht ihren beruflichen Vorstellungen entsprach. Sie ahnte nicht, dass sie dort durch den politisierten Unterricht in der DDR ihre ersten Erfahrungen als spätere Bürgerrechtlerin machen sollte. Über ökologische Zusammenhänge dachte sie wohl erstmals nach, als ihre Mutter über die Forschungstätigkeit ihres Vaters zum Einsatz von mineralischem Dünger in der Landwirtschaft sprach: „‘Das wird nicht nur ein Segen sein‘ “, war ihre Reaktion. "Heute denke ich oft daran, wenn unser Grundwasser überdüngt oder durch Pflanzenschutzmittel belastet ist“, sagt Gisela Hartmann.

Sie wurde nicht Jungpionier, trat nicht in die FDJ und auch nicht in die organisierte, aber nicht mit dem Herzen geschlossene Deutsch Sowjetische Freundschaft DSF ein.

1956 war für die junge Frau das Maß der politischen Auseinandersetzung mit der Leitung des Instituts für Lehrerbildung in Nordhausen überschritten. Banalitäten reichten aus, um ihretwegen Vollversammlungen wie ein Tribunal zu gestalten. Vor 120 Schülern und Lehrern sollte sie Reue geloben und ihre „Taten“ als Unrecht benennen. Sie wurde in zwei Fällen von Mitstudenten bei der Schulleitung denunziert.

Sie widerrief nicht und sie bereute nicht, weil es, so ihre Auffassung, nichts zu bereuen und nichts zu widerrufen gab. Weil sich jedoch ihr Kunsterziehungslehrer mutig für Gisela Hartmann einsetzte, musste sie die Schule vorerst nicht verlassen: „Er schrieb mir heimlich die Sätze auf, die die Schulleitung von mir erwartete, damit ich am Institut bleiben konnte. Ich bin ihm inhaltlich nicht gefolgt, aber ich habe ihn für seine Menschlichkeit und seinen Mut bewundert. Bis heute gilt ihm meine tiefe Zuneigung, denn wäre seine Unterstützung bekannt geworden, hätte er seinen Arbeitsplatz ganz sicher verloren. Lehrerpersönlichkeiten wie er prägen Kinder und Jugendliche mehr für ein ganzes Leben, als viele Jahre theoretischen Unterrichts“, sagt sie.

Lange blieb sie nicht mehr am Institut, weil sie die Unfreiheit und Diskriminierung nicht hinnehmen konnte. Nach einem zweijährigen Praktikum bei einem bekannten Internisten dieser Stadt gelang es ihr, ein Studium als Medizinisch–Technische Assistentin in Halle aufzunehmen, das sie zwei Jahre später mit Erfolg abschloss. Es folgten drei Jahre Berufstätigkeit in der Nervenklinik Dr. Isemann in Nordhausen, die damals verstaatlicht wurde.

Ein weiterer schwerer Schicksalsschlag nach dem Verlust ihres Vaters war der Unfalltod des Bruders von Gisela Hartmann, Peter-Wilhelm, im Jahre 1960. Er verunglückte mit dem Motorrad auf der damaligen F 80 bei Emseloh. Im selben Jahr heiratete sie Wolfgang Hartmann.

Auf Grund der Geburten der gemeinsamen Tochter Christiane im Jahre 1963, von Johannes 1965 und von Dorothea 1973 gab die junge Frau ihr Vorhaben, Medizin zu studieren, für immer auf. Ihre freie Zeit gehörte dem Engagement in der Evangelischen Kirche, im Kulturbund und im Elternaktiv an der Schule, die ihre Kinder besuchten.

Als Mitglied der Provinzialsynode der Kirchenprovinz Sachsen (ab 1970) und insbesondere der EKU-Synode (ab 1972), nahm sie 1972 an der Konferenz Europäischer Kirchen in Nyborg/ Dänemark teil, und setzte sich dort u.a. für die Anerkennung der DDR ein: „Das hatte einen ganz schlichten Hintergrund“, sagt sie. „Es war üblich, dass unsere auf der EKU-Synode DDR gefassten Beschlüsse vier Wochen später auf der EKU-Synode West bestätigt werden mussten. Das aber widersprach meiner Vorstellung von Selbstbestimmung“, erklärt sie. Diese Initiative führte nach 1989 bei einigen Menschen zu einer kurzen Irritation: Hatte sie etwa eine zu große „Staatsnähe“?

Dass ausgerechnet eine DDR-Kritikerin die Anerkennung der DDR forderte bzw. gefordert hatte, damit kamen einige in Staat und Kirche im Jahre 1972, und auch im Jahre 1990 nicht zurecht. „Ich habe stets sowohl die Politik der SED, als auch, wenn in meinen Augen notwendig, unsere Kirche kritisiert!“, betont sie. Letzteres bezog sich zum Beispiel auch auf Tendenzen einiger, wenn auch weniger Mitarbeiter in der Kirche, sich von den DDR-Mächtigen vereinnahmen zu lassen. Oder wie im Fall des Pfarrers Brüsewitz der sich verbrannte, und an dessen Bewertung sie als Kirchenleitungsmitglied beteiligt war, teilt sie bis heute nicht die Einschätzung in den offiziellen kirchlichen Verlautbarungen.

Ein zentrales Thema für Gisela Hartmann wurde der „konziliare Prozess“, die Etablierung einer kirchlichen Basisbewegung, die von Carl Friedrich von Weizsäcker 1985 auf dem Düsseldorfer Kirchentag ins Leben gerufen wurde. „Zahlreiche kirchliche Gruppen begannen die Kirchenleitungen aufzufordern, sich stärker für die benachteiligten Menschen in der DDR einzusetzen. Wir erwarteten, dass sie von der DDR-Regierung mit mehr Nachdruck eine Politik im Sinne von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einfordern. 1988 erreichten die Kirchen aus den Gemeinden mehr als 10.000 Eingaben zu den drei Schwerpunkten des konziliaren Prozesses.

Gisela Hartmann wurde von der ökumenischen Versammlung zur ökologischen Beraterin berufen. Sie initiierte das Thema „Energie für die Zukunft“ als eine der 13 Arbeitsgruppen, deren Vorsitzende sie auch war. Das Thema Umwelt und insbesondere die Ablehnung der Atomenergie nach dem Leukämietod ihres erst 15-jährigen Sohnes Johannes im Jahr 1980, waren für sie das folgerichtige Engagement. Mit der ihr eigenen Willenskraft setzte sie gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang Hartmann 1979 bei der zuständigen staatlichen Stelle, dem Gesundheitsministerium der DDR in Berlin, die Behandlung von Johannes in München durch, und ebenso den zeitweiligen Aufenthalt ihrer Tochter Christiane zur Knochenmarkspende.

Eingesetzt hat sich die Nordhäuserin stets für andere Menschen. „Meine Tochter Christiane brachte Kinder mit in unser Haus, die in der Schule z.T. auch auf Grund nicht optimaler Elternhäuser Schwierigkeiten hatten“, sagt sie. Als ein Schüler wegen schlechter Leistungen und schwerer Disziplinverstöße von der Schule gewiesen werden sollte, schlug sie bei Lenin nach. In der Publikation „Lenintelegramme von der Front“ stand der Satz: „Er ist erst vierzehn. Gebt ihm noch eine Chance.“ Mit diesen Worten eines „Klassikers“ konnte sie die Schulleitung überzeugen. Der Junge durfte bleiben. - Stets versucht Gisela Hartmann mit „fundierten Argumenten“ zu überzeugen, wobei sie gern auch Philosophen und Theologen wie Hannah Ahrend, Hans Küng und andere zu Rate zieht.

Ihr Ehemann Wolfgang Hartmann arbeitete während der DDR-Zeit als Diplomingenieur im Hochbaukombinat Nordhausen. Er legte seiner Frau nicht nur einmal Probleme von Kollegen aus seinem sozialistischen Betrieb ans Herz. Mit besonderer Hingabe engagierte sich die ganze Familie für ein Baby, dessen Mutter im Hochbaukombinat tätig war und inhaftiert wurde. Für acht Monate fand der Junge sein Zuhause in der Albert-Träger-Straße 29.

Darüber hinaus half sie mehreren ausreisewilligen Familien, die diffamiert, entlassen oder ebenfalls inhaftiert wurden. Sie nutzte Ihre Verbindungen zu etablierten kirchlichen Gremien und machte die Fälle bekannt, was einen gewissen Schutz vor staatlicher Willkür bedeutete.

Sieben Jahre lang übernahm sie in schwieriger Zeit als stellvertretende Vorsitzende des Parochialverbandes die Verantwortung für den Evangelischen Kindergarten in der Spiegelstraße. Gemeinsam mit den Eltern der Kindergartenkinder baute sie den Kindergarten aus. So entstanden neue Schlafräume, Turngeräte wurden mit Hilfe des westdeutschen Patenkindergartens angeschafft, und der Hofplatz mit Schotteroberfläche verwandelte sich in eine grüne Wiese.

Als ihre westdeutsche Tante starb, scheute sie sich nicht, die Mitarbeiter der Staatsicherheit aufzufordern, deren fast neue Waschmaschine für den Evangelischen Kindergarten an der Grenze nicht einzukassieren, sondern bis zum Empfänger gelangen zu lassen.

1986 gab es richtig Ärger: Gisela Hartman wurde als politisch aktive, praktizierende Christin gebeten, anlässlich einer Friedenskundgebung am 7. März zu den zur Teilnahme verpflichteten Menschen auf dem Bahnhofsplatz zu sprechen. Unter anderem forderte sie dort, den Wehrkundeunterricht durch das Fach Friedenserziehung zu ersetzen. Den staatlichen Zorn kann sie heute in ihrer Stasiakte nachlesen. Sie habe das gute Verhältnis von Staat und Kirche gefährdet, heißt es dort.

Dem Thema Umweltschutz fühlte sie sich nach dem Leukämietod ihres Sohnes Johannes besonders verpflichtet. Nachdem sie in der Gesellschaft für Natur und Umwelt des Kulturbundes auf zu geringe Handlungsmöglichkeiten und vor allem auf „zu wenig Wahrheit“ zu den tatsächlichen Umweltdaten stieß, gründete sie 1983 das „Kirchliche Umweltseminar“ Nordhausen.. Die Bepflanzung zahlreicher Straßen und Plätze in Nordhausen sowie von Teilen des Petersberges, die Verhinderung der Verfüllung der Tongruben an der Straße nach Petersdorf und die Rettung der Linden an der Albert-Träger- Straße gehen auf dessen Arbeit zurück.

Sie lud über mehrere Jahre Kindergruppen aus der einst von der Braunkohlenindustrie gebeutelten, extrem schadstoffbelasteten Region südlich von Leipzig nach Nordhausen ein. „Frische Luft für Ferienkinder“ hieß diese Aktion für Kinder aus der besonders betroffenen Region um Espenhain, während der ihnen u.a. auf zahlreichen Harzwanderungen das Atmen und das Erleben frischer Luft in einer intakten Natur ermöglicht wurde.

Auf ihre Initiative hin wurde das alte Küsterhaus an der Blasii-Kirche zum Zentrum des Kirchlichen Umweltseminars ausgebaut.

1988 konnte Gisela Hartmann in Schweden über die Bedeutung des in der DDR angeschobenen konziliaren Prozesses berichten. Aus dieser Zeit bestehen bis heute Freundschaften zu einer schwedischen Gemeinde. Ihre Mitglieder besuchten das Küsterhaus ebenso, wie Holländer aus der dortigen Patengemeinde und viele andere mehr. Vom Küsterhaus aus startete, gemeinsam organisiert vom Kirchlichen Umweltseminar und der Dritten Welt Initiative, zum ersten Mal die Aktion „Hilfe für Kinder von Tschernobyl“.

Jahrelang wurde das ehemalige Küsterhaus von den Schülern der Humboldt-Schule als Schülercafé genutzt.

Gisela und Wolfgang Hartmann beteiligten sich an der Seite von Pfarrer Peter Kube von der Altendorfer Kirchgemeinde, im Rahmen der in der Blasii-Kirche über viele Jahre hinweg veranstalteten „Friedensdekade“ sowie in Zusammenarbeit mit dem Pfarrerehepaar Rüther durch Aktivitäten in der Frauenberggemeinde, an der Vorbereitung der Wende in Nordhausen.

Für die legendäre, historische Demonstration auf dem August-Bebel-Platz am 31.10.1989 wurde sie gemeinsam mit dem Direktor des damaligen VEG Tierzucht, Dr. Johann Franz (siehe in diesem Band), an der Seite des letzten Vorsitzenden des Rates des Kreises Klaus Hummitzsch und des Sekretärs der SED-Kreisleitung Udo Mann, vom ersten „Runden Tisch“ in der Nacht vom 30. Auf den 31. Oktober 1989 zur Moderatorin gewählt. Sie war am 22.10.1989 Mitbegründerin des Neuen Forum in Nordhausen und aktiv an der Organisation der folgenden Dienstagsdemonstrationen beteiligt.

Am 03.12.1989 rief sie um 23.00 Uhr zehn weitere Aktive vom Neuen Forum und vom Demokratischen Aufbruch telefonisch zur Besetzung der Kreisverwaltung der Staatssicherheit auf. Die Durchsuchung und Sicherung von Beweismaterial dauerte bis in die frühen Morgenstunden. In dieser Nacht verhinderten sie durch ihr mutiges Einschreiten die weitere Verbrennung von Stasiakten direkt an den Öfen des MfS in der Dr. Kurt- Fischer- Strasse. In diesen Stunden erfuhr sie auch von den vorgesehenen Internierungslagern, und davon, dass sie auf der Liste für die zu Internierenden stand.

Schmunzelnd beurteilt sie das Verhalten einiger Menschen während der damaligen Zeit: „Als die bedrohlichen Tage vorbei waren, standen sie in den Startlöchern und haben den Sprung in die neue Zeit erfolgreich für sich genutzt. Ohne Verwaltungserfahrung wechselten sie aus den Großbetrieben direkt in die Verwaltung oder in die politische Verantwortung. Das richtige Parteibuch oder die richtigen Beziehungen waren von Vorteil.“

Die Arbeit des Runden Tisches in Nordhausen bewertet sie rückblickend kritisch. „Zu wenig Visionen, zu wenig Mut zur Erneuerung!!“ Und: „Die Vorwendeakteure aus Kirche und Staat kannten sich gut und übernahmen den Auftrag, die neue Zeit zu gestalten. Die Folgen davon spüren wir bis heute in Politik und Verwaltung“, sagt sie.

Weil ihr am Runden Tisch die umsetzungsorientierte Politik fehlte, gründete sie parallel zum Runden Tisch den Grünen Runden Tisch. Dort wurden bis zur Kommunalwahl im Mai 1990 ganz pragmatisch wichtige Weichenstellungen für die Region vorbereitet und durchgesetzt. Dazu gehörten der Stopp des nach DDR-Standard begonnenen Baues der Kläranlage und die Vorarbeit zur Gründung der Stadtwerke mit Hilfe von westdeutschen Fachleuten, z.B. dem Direktor der Stadtwerke Uelzen. Auch die Planung von Blockheizkraftwerken in der Stadt war ein Thema. Leider gelang es nicht, die Politiker zur Übernahme der Netze (damals kostenlos, da kommunales Eigentum) zu bewegen. Im Kreistag scheiterte die Gründung eines kreiseigenen Energieunternehmens an einer Neinstimme. Der Widerstand gegen die Gipsindustrie formierte sich, u.v.a. mehr. Einige der an den Grünen Runden Tisch berufenen Fachleute haben sich in leitenden Positionen mit gutem Erfolg bis heute bewährt.

Für die 1990 gegen die drohende Schließung des Kalischachtes Bischofferode protestierenden Kumpel beschaffte sie gemeinsam mit Pfarrer Peter Kube durch eine Kollekte in der Blasii-Kirche das erste Handy. Nach dem Streik der Bergarbeiter übernachteten einige von ihnen im Cafe Konzil. Diesen Namen hatte das Küsterhaus als Erinnerung an den konziliaren Prozess der Kirchen in der DDR erhalten.

Im Januar 1990 fehlten Gisela Hartmann als Bürgermeisterkandidatin des Runden Tisches sechs Stimmen zum Erfolg. Sie wurde vom Kreistag zur Umweltdezernentin gewählt, verlor diese Funktion, da selbst parteilos, zur Kommunalwahl im Mai 1990 jedoch an die CDU. Sie bewarb sich als Fachbereichsleiterin Umwelt- und Naturschutz und bekleidete diese Funktion bis Dezember 2004. Sie etablierte die Agenda 21-Bewegung im Landkreis Nordhausen, konzipierte und realisierte das Energie- und Abfallwirtschaftszentrum am Standort Nentzelsrode und war und ist leidenschaftlich im Kampf um den Erhalt der Gipskarst-Landschaft, die Errichtung des Naturparks und des Biosphärenreservates Südharz engagiert.

Auf Einladung nahm sie an einer vom Weltstädtetag (JULA) und der UNO veranstalteten Umweltkonferenz in New York teil und besuchte, auf Einladung des Marshall Fond Denver, die Umweltstadt Boulder im US-Staat Colorado. In New York wurde sie in das „Weltteam des Internationalen Rates für Kommunale Umweltinitiativen (ICLEI)“ berufen. In dieser Funktion war sie auch in die Vorbereitung der Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992, sowie in Kanada und Portugal eingebunden.

Ebenfalls 1990 reiste sie mit drei weiteren Delegationsmitgliedern auf Einladung des Kyodan zu einer Vortragsreise über die friedliche Revolution in der DDR für drei Wochen nach Japan.

In Nordhausen war sie Initiatorin für die Gründung der Umweltakademie Nordthüringen e.V. und arbeitete bis 2002 in deren Vorstand.

1998 wurde sie Kandidat von Bündnis 90/Die Grünen für den Bundestag. In demselben Jahr trat sie der Partei bei, wurde in deren Landesvorstand gewählt und führte die Nordhäuser Bündnisgrünen 2004 wieder in den Kreistag und 2009 in den Stadtrat, deren Fraktionsvorsitzende sie seither ist.

All diese und zahlreiche weitere Aktivitäten und Mitgliedschaften in den verschiedensten sozialen, kirchlichen und ökologischen Gremien führen dazu, dass der Terminkalender von Gisela Hartmann auch heute noch gut gefüllt ist.

Was sie in der Lage ist, auch noch mit 72 Jahren zu bewegen, beweist sie insbesondere mit ihrem unermüdlichen Engagement für das Nordhäuser Kleinod Villenpark Hohenrode. Als Initiatorin und Vorsitzende des Fördervereins und der Bürgerstiftung Park Hohenrode mit heute mehr als 330 Mitgliedern gelang es, den Park als Eigentum der inzwischen gegründeten Bürgerstiftung Park Hohenrode zu erwerben. In wenigen Jahren soll der dendrologisch wertvolle Park aus der Gründerzeit mit seinen architektonisch bedeutenden Gebäuden für die Menschen der Region, aber auch darüber hinaus, ein wichtiger Baustein für die Nordthüringer Parklandschaft werden.

Gisela Hartmann wurde für ihr Engagement für die Umwelt und ihre Zivilcourage vor und nach der friedlichen Revolution 1989 im Jahr 2004 vom Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Das Buch wird von Helmut Peter von der Autohaus Peter GmbH und vom Maler und Grafiker Klaus-Dieter Kerwitz (mit Grafiken) großzügig unterstützt. Kommentare sind nicht erwünscht.
Autor: nnz

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