Do, 10:18 Uhr
02.04.2020
nnz-Forum
Es gibt sinnvollere Maßnahmen als den Mundschutz
Wie sinnvoll ist der Einsatz von einfachem Mund- und Nasenschutz? Dieser Frage geht Mediziner Dr. Christian Marx im nnz-Forum nach und macht Alternativvorschläge...
Ich verstehe das Bedürfnis der Politik und auch einzelner Politiker, mit bestimmten Maßnahmen die Eindämmung der Epidemie forcieren zu wollen.
Ich selbst bin täglich mit der Situationsanalyse und der Umsetzung sinnvoller Maßnahmen in unserer Praxis beschäftigt. Ich predige unseren Mitarbeitern dabei, dass nicht gefühlte Wahrheiten zählen, sondern dass angesichts knapper Ressourcen auf wissenschaftlichen Daten gestütztes Handeln (evidenzbasierte Medizin) wichtig ist. Die Situation ist ernst und ich stehe zu 100% hinter den Maßnahmen zur Kontaktreduktion.
Ich habe vor der bisherigen Arbeit des Krisenstabes viel Hochachtung. Schade jedoch, dass der Landkreis Nordhausen mit der Allgemeinverordnung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) in der Öffentlichkeit jetzt den Weg der evidenzbasierten Medizin verlässt.
Wohl gemerkt, wir haben hier im Landkreis immer noch eine vergleichsweise gut kontrollierte Situation und diese ist damit sicher eine andere als in Großstädten. Mit dem längeren Tragen eines Mund-Nasenschutzes in öffentlichen Einrichtungen werden hier mit großer Wahrscheinlichkeit keine Übertragungen von SARS-CoV2 verhindert. Wichtig sind die Händehygiene, Abstandsregeln und der Schutz z.B. von Angestellten durch Plexiglasbarrieren.
Bei uns wird auf lange Sicht, und das wage ich nach der Initialphase mit Erkrankungen bei jüngeren Menschen zu behaupten, der Kampf gegen die Epidemie letztlich in den Pflegeeinrichtungen entschieden!
Medizinischer Mund-Nasenschutz ist für die Bevölkerung kaum verfügbar und auch in allen Gesundheitseinrichtungen knapp. Es könnte sogar ein Mangel dort verstärkt werden, wo er wirklich notwendig ist. Damit ist klar, dass überwiegend mehrfach getragener selbstgefertigter MNS zu Anwendung kommt.
Der Effekt des vom Laien getragenen MNS in der Prävention ist mehr als zweifelhaft:
Sie könnte Personen mit Infektzeichen in falscher Sicherheit wiegen und dazu verleiten, sich in die Öffentlichkeit zu begeben.
Selbst hergestellter Mund-Nasenschutz kann zwar die Verbreitungen von tropfengebundenen Viren z.B. beim Niessen mindern, nicht jedoch von Nanopartikeln in der Ausatemluft, für die die Porengröße zu groß ist.
Die nach kurzem Gebrauch eines jeden MNS auftretende Durchfeuchtung wird aus Gründen der nicht vorhandenen ausreichenden Menge dazu führen, dass dieser nicht gewechselt wird. Feuchter MNS steigert jedoch das Risiko des unsachgemäßen Gebrauchs und das Risiko der Schmierinfektion durch Berühren desselben mit den Fingern, da es bei der Durchfeuchtung zu einer Konzentration der Aerosole kommt. Wenn er, was nicht überprüfbar ist, nicht regelmäßig gewechselt und bei 60 Grad gewaschen wird, läuft jeder Bürger mit einem potentiell hoch infektiösen Stück Stoff im Gesicht herum!
Van Doremalen et al. zeigen in einer Publikation im New England Journal of Medicine vom 17.3., dass Viruspartikel auf Metall, Pappe und Plastik bis zu 48h überstehen können. 50% der Testdosis war auf den Oberflächen noch nach ca. 5-6h nachweisbar.
In öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln ist daher womöglich das Risiko für Schmierinfektionen sogar gesteigert, es sei denn, es erfolgen regelmäßige Flächendesinfektionsmaßnahmen. Eine sinnvolle Allgemeinverfügung wäre daher, die Pflicht zur Wischdesinfektion von Griffen, Halteeinrichtungen, Türen, Schaltern etc. in öffentlichen Einrichtungen und im öffentlichen Nahverkehr, wie sie in anderen Ländern zum Teil bereits erfolgt. Letztlich wäre hier der Landkreis selbst in der Pflicht und es könnten effektive Maßnahmen sofort und mit Mitteln des Landkreises durchgeführt werden. In Deutschland hätte der Landkreis übrigens damit eine echte Vorreiterfunktion!
Auch eine Pflicht zur Wischdesinfektion von Griffen an Einkaufswagen ist neben den Abstandsregeln sinnvoll. Ich konnte dies gestern beim Einkauf beobachten, es wurde bereits gut umgesetzt. Auch saß der Kassierer hinter einer Plexiglasbarriere gut geschützt. Er hatte jedoch einen selbst genähten, total durchfeuchteten Mundschutz unter (!) der Nase, die er mit den Fingern zurechtrückte, während er die Lebensmittel scannte. Ähnliches sehe ich auch bei vielen Patienten mit selbst genähtem Schutz. Gut gemeint ist nicht unbedingt sinnvoll. Die beschriebenen Szenarien sind also bereits Realität.
Stattdessen wird eine Maßnahme mit mehr als fraglichem Effekt der Bevölkerung übertragen, während der Landkreis als Träger des öffentlichen Personennahverkehrs, die Möglichkeiten, die er selbst sofort und mit eigenen Mitteln umsetzen könnte, nicht nutzt! Gibt es hier eigentlich auch eine politische Opposition oder nur Ja-Sager??
Dr.med.C.Marx, Facharzt f. Innere Medizin
Autor: redIch verstehe das Bedürfnis der Politik und auch einzelner Politiker, mit bestimmten Maßnahmen die Eindämmung der Epidemie forcieren zu wollen.
Ich selbst bin täglich mit der Situationsanalyse und der Umsetzung sinnvoller Maßnahmen in unserer Praxis beschäftigt. Ich predige unseren Mitarbeitern dabei, dass nicht gefühlte Wahrheiten zählen, sondern dass angesichts knapper Ressourcen auf wissenschaftlichen Daten gestütztes Handeln (evidenzbasierte Medizin) wichtig ist. Die Situation ist ernst und ich stehe zu 100% hinter den Maßnahmen zur Kontaktreduktion.
Ich habe vor der bisherigen Arbeit des Krisenstabes viel Hochachtung. Schade jedoch, dass der Landkreis Nordhausen mit der Allgemeinverordnung zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) in der Öffentlichkeit jetzt den Weg der evidenzbasierten Medizin verlässt.
Wohl gemerkt, wir haben hier im Landkreis immer noch eine vergleichsweise gut kontrollierte Situation und diese ist damit sicher eine andere als in Großstädten. Mit dem längeren Tragen eines Mund-Nasenschutzes in öffentlichen Einrichtungen werden hier mit großer Wahrscheinlichkeit keine Übertragungen von SARS-CoV2 verhindert. Wichtig sind die Händehygiene, Abstandsregeln und der Schutz z.B. von Angestellten durch Plexiglasbarrieren.
Bei uns wird auf lange Sicht, und das wage ich nach der Initialphase mit Erkrankungen bei jüngeren Menschen zu behaupten, der Kampf gegen die Epidemie letztlich in den Pflegeeinrichtungen entschieden!
Medizinischer Mund-Nasenschutz ist für die Bevölkerung kaum verfügbar und auch in allen Gesundheitseinrichtungen knapp. Es könnte sogar ein Mangel dort verstärkt werden, wo er wirklich notwendig ist. Damit ist klar, dass überwiegend mehrfach getragener selbstgefertigter MNS zu Anwendung kommt.
Der Effekt des vom Laien getragenen MNS in der Prävention ist mehr als zweifelhaft:
Sie könnte Personen mit Infektzeichen in falscher Sicherheit wiegen und dazu verleiten, sich in die Öffentlichkeit zu begeben.
Selbst hergestellter Mund-Nasenschutz kann zwar die Verbreitungen von tropfengebundenen Viren z.B. beim Niessen mindern, nicht jedoch von Nanopartikeln in der Ausatemluft, für die die Porengröße zu groß ist.
Die nach kurzem Gebrauch eines jeden MNS auftretende Durchfeuchtung wird aus Gründen der nicht vorhandenen ausreichenden Menge dazu führen, dass dieser nicht gewechselt wird. Feuchter MNS steigert jedoch das Risiko des unsachgemäßen Gebrauchs und das Risiko der Schmierinfektion durch Berühren desselben mit den Fingern, da es bei der Durchfeuchtung zu einer Konzentration der Aerosole kommt. Wenn er, was nicht überprüfbar ist, nicht regelmäßig gewechselt und bei 60 Grad gewaschen wird, läuft jeder Bürger mit einem potentiell hoch infektiösen Stück Stoff im Gesicht herum!
Van Doremalen et al. zeigen in einer Publikation im New England Journal of Medicine vom 17.3., dass Viruspartikel auf Metall, Pappe und Plastik bis zu 48h überstehen können. 50% der Testdosis war auf den Oberflächen noch nach ca. 5-6h nachweisbar.
In öffentlichen Einrichtungen und Verkehrsmitteln ist daher womöglich das Risiko für Schmierinfektionen sogar gesteigert, es sei denn, es erfolgen regelmäßige Flächendesinfektionsmaßnahmen. Eine sinnvolle Allgemeinverfügung wäre daher, die Pflicht zur Wischdesinfektion von Griffen, Halteeinrichtungen, Türen, Schaltern etc. in öffentlichen Einrichtungen und im öffentlichen Nahverkehr, wie sie in anderen Ländern zum Teil bereits erfolgt. Letztlich wäre hier der Landkreis selbst in der Pflicht und es könnten effektive Maßnahmen sofort und mit Mitteln des Landkreises durchgeführt werden. In Deutschland hätte der Landkreis übrigens damit eine echte Vorreiterfunktion!
Auch eine Pflicht zur Wischdesinfektion von Griffen an Einkaufswagen ist neben den Abstandsregeln sinnvoll. Ich konnte dies gestern beim Einkauf beobachten, es wurde bereits gut umgesetzt. Auch saß der Kassierer hinter einer Plexiglasbarriere gut geschützt. Er hatte jedoch einen selbst genähten, total durchfeuchteten Mundschutz unter (!) der Nase, die er mit den Fingern zurechtrückte, während er die Lebensmittel scannte. Ähnliches sehe ich auch bei vielen Patienten mit selbst genähtem Schutz. Gut gemeint ist nicht unbedingt sinnvoll. Die beschriebenen Szenarien sind also bereits Realität.
Stattdessen wird eine Maßnahme mit mehr als fraglichem Effekt der Bevölkerung übertragen, während der Landkreis als Träger des öffentlichen Personennahverkehrs, die Möglichkeiten, die er selbst sofort und mit eigenen Mitteln umsetzen könnte, nicht nutzt! Gibt es hier eigentlich auch eine politische Opposition oder nur Ja-Sager??
Dr.med.C.Marx, Facharzt f. Innere Medizin
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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