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So, 17:00 Uhr
12.04.2026
Christiane Groscurth erlebte die Bombenangriffe auf Nordhausen

Flucht-Erinnerungen eines Kindes

Als Flüchtlingskind erlebt Christiane Groscurth im April 1945 die verheerenden Bombenangriffe auf Nordhausen. Heute, 81 Jahre später, erinnert sich die 91-Jährige an jene Tage des Schreckens...

Blick auf das zerstörte Nordhausen.  (Foto: Werner Steinmann/Stadtarchiv Nordhausen) Blick auf das zerstörte Nordhausen. (Foto: Werner Steinmann/Stadtarchiv Nordhausen)
Als die Bomben fielen, war Christiane Groscurth neun Jahre alt. Heute ist sie 91 Jahre alt und lebt in einer Pflegeeinrichtung in Berlin. Die Erinnerungen an jene Tage im April 1945 haben sie nie losgelassen.
Unser Artikel anlässlich des Gedenkens an die Zerstörung Nordhausens brachte alles zurück. „Es bewegte mich sehr, ihn zu lesen. Als Kind habe ich die Bombenangriffe auf Nordhausen als Flüchtlingskind erlebt“, schreibt sie an unsere Redaktion.
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Bis 1943 lebte sie in Berlin, danach in Schlesien, der Heimat ihres Vaters. Am 20. Januar begann die Flucht mit einem Treck, von dem sie sich später trennten. Nach den traumatischen Erlebnissen in Nordhausen gerieten sie schließlich auch noch in die Panzerschlacht bei Trebra. Ein Geschehen, das sie vom Waldrand aus voller Angst miterlebten. Hier ist ihre Geschichte:

Auf dem Weg nach Nordhausen
Am Abend des nächsten Tages, etwa am 9. Februar, kamen wir nach etwa 30 Stunden im Zug in Dresden an und fanden einen völlig von Flüchtlingen überfüllten Hauptbahnhof vor. Es herrschte ein unvorstellbares Chaos. Dabei sind mir unvergesslich die vielen freundlichen Helfer, BDM-Mädchen und Hitler-Jungen, etwa zwischen 13 und 16 Jahren. Sie brachten uns unermüdlich Brote und warme Getränke. Ich erinnere mich wohl vor allem deswegen an die mit Teewurst bestrichenen Brote, weil bei mir zum ersten Mal auf der Flucht der Hunger größer als die Kälte war. Im vollgestopften Wartesaal - das war schon ein großer Vorteil gegenüber den kalten Bahnsteigen - übernachtete ich mit einem anderen Kind auf einem Tisch, vor dem meine Mutter völlig übermüdet saß und ihren Kopf auf mich legte.

Christiane Groscurth, heute 91 Jahre alt, lebt wieder in Berlin.  (Foto: privat) Christiane Groscurth, heute 91 Jahre alt, lebt wieder in Berlin. (Foto: privat) Dass nur wenige Tage später, am 13. Februar, der furchtbare Angriff die Stadt Dresden und natürlich auch die vielen Menschen im Bahnhof traf, hörten wir erst später. Irgendwann am folgenden Tag gelang uns die Weiterreise, die aber zunächst in Leipzig schon wieder beendet war, weil auf die Stadt gerade ein Bombenangriff niederging.

Schrecken im Bunker
Wir mussten unseren Seesack auf dem Bahnsteig zurücklassen und uns schnell mit vielen Menschen in den riesigen Bunker unterhalb des Hauptbahnhofs drängen, der 10.000 Personen Schutz bot. An seinem Eingang hatte ich schon einige völlig erschöpfte Menschen liegen sehen. Als dann meine Mutter sehr bald zu erkennen gab, dass auch sie nicht mehr könne, sich hinsetzte und die Augen schloss, fing ich an zu weinen, denn ich hatte schreckliche Angst, dass sie sterben könne und ich dann ja niemanden mehr kennen würde. Vorher hatte der Treck durch seine Gemeinschaft immerhin noch eine gewisse Geborgenheit geboten.

Erst als sie mir leise erklärte, dass es nicht so schlimm sei, sie sich aber nicht so weit in den Bunker drängeln lassen wolle, weil wir doch nach der Entwarnung möglichst schnell wieder zu unserem Sack wollten, war ich etwas getröstet. Allerdings war die ganze chaotische Situation – fast muss man von Panik sprechen – durch die unvorstellbar schlechte Luft, das Schreien von Kindern und das Stöhnen von Erwachsenen sowie durch die strengen Kommandos der Luftschutzwarte zum schnellen Weitergehen bzw. Weiterdrängen für alle beängstigend. Der Angriff dauerte eine ganze Zeit, aber nach der Entwarnung waren wir durch die Taktik meiner Mutter tatsächlich bei den Ersten auf dem Bahnsteig, sodass wir schon von weitem mit großer Erleichterung unseren Seesack entdeckten.

Nun hieß es wieder, auf einen Zug zu warten. Aber auf welchen? Es war nicht mehr so bitterkalt wie Ende Januar, aber doch herrschte noch Winter. In den sich drängenden Menschenmassen war es schon schwierig, dass eine Mutter mit einem größeren Kind zusammen blieb. Wie viel schwieriger muss es für Mütter mit mehreren kleineren Kindern gewesen sein! Beim langen Warten fiel mein Blick immer wieder auf die damals üblichen Spruchband-Parolen, die sich auch im Leipziger Hauptbahnhof befanden. Eine davon beschäftigte mich besonders: „Räder müssen rollen für den Sieg, unnötige Reisen verlängern den Krieg!“ War nun unsere Reise eine nötige oder unnötige? Verlängerten wir womöglich den Krieg? Der Ortsgruppenleiter in Langhelwigsdorf hatte ja doch deutlich gesagt, dass wir in 14 Tagen zurück könnten, und die waren doch schon bald herum.

Wohin sollte die Fahrt überhaupt weitergehen?
Unsere Fahrkarte vom 19. Januar hatte ja als Ziel Oehna bei Jüterbog – dorthin war die Schwester meiner Mutter mit ihren beiden Kindern evakuiert worden. Die Alternative war Nordhausen, wo wir auch Verwandte hatten. In jedem Fall wollte meine Mutter – aber mit uns auch Tausende andere – so weit wie möglich aus der von dauernden Fliegeralarmen bedrohten Großstadt Leipzig herauskommen. Die Entscheidung wurde uns dadurch abgenommen, dass wir die erste Möglichkeit zur Weiterfahrt wahrnahmen – und dieser Zug fuhr westwärts nach Nordhausen. Kleinere Kinder wurden oft durch die Fenster in die Abteile gereicht, ebenso wie manche Gepäckstücke. Vor den Türen bildeten sich Trauben von drängenden Menschen, und manchmal hatte ich Angst, zwischen Zug und Bahnsteig gedrückt zu werden. An normales Einsteigen war also gar nicht zu denken, geschweige denn an einen Sitzplatz. Mit vielen Unterbrechungen ging es weiter. Oft blieb der Zug auf freier Strecke stehen, weil er von Tieffliegern beschossen wurde.

Immer wieder Tiefflieger
Einmal war die Lokomotive zerstört worden, und es dauerte lange, bis sie ersetzt werden konnte. Mindestens einmal mussten wir den Zug verlassen und uns, wenn noch Platz war, unter die Waggons legen, denn das war der beste Schutz vor Tieffliegern. Andere mussten mit den Böschungen vorlieb nehmen. Ein für mich auch heute noch unheimliches Gefühl, zwischen Rädern und Schotter eingeklemmt zu sein, dazu auch immer die zwar sicher unbegründete, aber doch begreifliche Angst, der Zug könne plötzlich anfahren. Das Durcheinander und die verängstigten Menschen waren schrecklich.

Ankunft in Nordhausen
Nach meiner Erinnerung kamen wir an einem Abend bei Dunkelheit in Nordhausen an und gingen dann zu Fuß in den Rolandsweg, der in der Oberstadt lag. Die Tante und der Onkel - Marie und Max Quelle - hatten uns wohl schon länger erwartet und deshalb jeden Abend eine kupferne Wärmflasche in die Betten der Mansarde gelegt. Es war ein wunderbares Gefühl, nach dem Verlassen von Obernigk in das erste richtige und dazu auch noch vorgewärmte Bett zu kommen. Das unzerstörte und friedlich erscheinende Nordhausen gab uns nach dem Hin- und Hergerissensein der letzten Wochen ein Gefühl großer Geborgenheit.

Allerdings war das nur ein kurzer Traum, denn sehr bald gab es vermehrte Fliegeralarme, meist morgens, wenn die Stadt auf dem Weg der Flugzeuge nach Berlin, Leipzig oder Magdeburg von Bombengeschwadern überflogen wurde. Ich höre noch heute das gleichmäßige Brummen der Flieger, die man an klaren Tagen in ihrer präzisen Formation am Himmel sehen konnte. Da es aber bisher keine Bombenangriffe auf Nordhausen gegeben hatte, nahmen die Bewohner das Heulen der Sirenen – Voralarm: drei lang ausgehaltene Töne, dann Vollalarm: das schreckliche und durchdringende Auf und Ab der Töne – nicht sehr ernst. Meine Mutter und ich kannten natürlich schon von Berlin her furchtbare Angriffe, die sich die Menschen in Nordhausen überhaupt nicht vorstellen konnten.

Was wir allerdings damals auch nicht ahnten, was uns aber später tief erschütterte, war, dass die Stadt militärisch doch eine erhebliche Bedeutung hatte. Nachdem nämlich in Peenemünde im August 1943 alle Anlagen für die Raketenproduktion zerstört worden waren, wurden die angeblichen Wunderwaffen V1 und V2 bis Ende März im „Mittelwerk“, einer riesigen Stollenanlage unter dem Kohnstein dicht bei Nordhausen, gebaut. 60.000 KZ-Häftlinge aus 21 Ländern waren in dem dafür angelegten Außenlager „Dora“ des KZ Buchenwald untergebracht und haben dort Unvorstellbares erleiden müssen.

Der erste Luftangriff im Februar 1945
Ab Mitte Februar wuchsen die Ängste, denn die Bevölkerung war aufgerufen worden, die Löschsandtüten, Sandkisten und Wasservorräte zur Brandbekämpfung für ihre Wohnungen zu verdreifachen. Am 22. Februar traf Nordhausen dann um die Mittagszeit der erste wirkliche Angriff, bei dem einige Häuser in der Unterstadt zerstört wurden und 51 Menschen starben.

Die Zeitungen durften übrigens von dem Angriff nichts berichten. Das entnahm ich dem Buch: „Inferno Nordhausen“, das 1995 vom Archiv der Stadt herausgegeben wurde und dem ich auch weitere Einzelheiten verdanke. Zwar waren meine Erinnerungen an diese schreckliche Zeit immer lebendig geblieben, aber die größeren Zusammenhänge habe ich erst sehr viel später erfahren. Aus diesem Buch weiß ich auch, dass die Stadt damals gut 42.000 Einwohner hatte; dazu kamen etwa 23.500 „Ortsfremde“ (Kriegsgefangene, verwundete Soldaten, Flüchtlinge, Evakuierte, dazu 6.000 ausländische Arbeitskräfte).

Bald nach unserer Ankunft hatte für mich wieder der Schul-Alltag begonnen. Seit meiner Einschulung vor dreieinhalb Jahren war es die vierte Grundschule, die Töpfertor - Schule, in der Unterstadt gelegen. Mein Schulweg betrug gut 15 Minuten. Bei Voralarm wurden wir sofort nach Hause geschickt; kam aber gleich Vollalarm, mussten wir im Luftschutzkeller der Schule bleiben, was meine Mutter sehr beunruhigte. Sie hatte mir eingeschärft, bei Voralarm immer nach Hause zu kommen und niemals unterwegs in irgendein Haus zu gehen. Vielleicht verdanke ich dieser eindringlichen Warnung sogar mein Leben.

Meine Mutter hat darüber später folgendes notiert: “Es dauerte nicht lange- und wir bekamen in Nordhausen Luftangriffe. Nach einigen sehr ruhigen, gemütlichen Tagen ging das Inferno wieder los! Wir wohnten in der Oberstadt, während Christiane in der Unterstadt zur Schule gehen musste. Oft kam Alarm, wenn sie unten kurz vor der Schule angekommen war. Was sollte das arme, knapp zehnjährige Kind nun machen? Dort in ein fremdes Haus gehen? Ich hätte sie vielleicht niemals wiedergesehen! Sollte sie den Rückweg antreten? Was alles konnte da geschehen! Wenn sie die halbe Strecke zurückgegangen war, kam Entwarnung – was nun? Es war nicht auszudenken!"

Fast täglich Luftalarm
Den März über gab es fast täglich Alarme, aber keine weiteren Angriffe. Allerdings sind aus der Zeit einige Tote aus der Umgebung von Nordhausen durch Tiefflieger bekannt. Am Ostersonntag (1. April) wurde von überfliegenden Maschinen eine Bombe abgeworfen, durch die zwei Häuser zerstört und 30 Menschen getötet wurden.

Am 3. April waren noch Osterferien, und ich erinnere mich nicht, warum ich am Nachmittag in der Unterstadt gewesen bin. Zunächst hatte ich gedacht, es könne eine besondere Veranstaltung der Schule gewesen sein (Handarbeiten?). Dann aber ist mir durch ein Gespräch mit einer Gleichaltrigen aus Merseburg in den Sinn gekommen, dass es sich wahrscheinlich an diesem letzten Ferientag um eine erste Zusammenkunft der „Jungmädel“ (BDM) des Jahrgangs 1935 gehandelt hat - die wurden wohl jeweils zu Hitlers Geburtstag (20. April) feierlich aufgenommen. Die genaue Erinnerung fehlt mir und ist sicher durch die folgenden Schrecken überlagert worden.

Gegen 16 Uhr gab es zunächst Voralarm, und ich machte mich schnellstens auf den Weg nach Hause. Nach etwa zehn Minuten kam Vollalarm, als ich gerade erst in die Eichendorff-Straße eingebogen war. Alle Menschen rannten in die Häuser, weil bei Alarm keiner mehr auf der Straße sein durfte, darüber wachte der für den jeweiligen Straßenabschnitt zuständige Luftschutzwart. So wurde auch mir zugerufen, dass ich sofort die Straße verlassen und in den Keller kommen müsse. Schließlich zog man mich in einen Hauseingang. Ich sehe noch die Kellertreppe vor mir, die ich schon hinunterging, als mir plötzlich der „Befehl“ meiner Mutter einfiel, immer nach Hause zu kommen. Die Hausbewohner wollten mich festhalten, aber ich konnte mich losreißen, um wieder auf die Straße zu gelangen und nach Hause laufen zu können.

Mutter wartete angsterfüllt auf die Tochter
Während dieses Laufens auf der menschenleeren Straße fielen schon die Metallstreifen (wie breites Lametta aussehend) zur Erde, die die Flugabwehr stören sollten, und gleich darauf hörte ich schon die ersten Bomben-Einschläge. Ich wusste, dass es bis zum Rolandsweg nur noch ein kurzes Stück war, und sah an der nächsten Kreuzung meine Mutter, die angsterfüllt auf mich wartete. Wir erreichten dann noch unseren Keller bei den Verwandten. Das Haus bebte bei den Bombeneinschlägen, blieb aber selbst unzerstört. Der eigentliche Angriff dauerte etwa 15 bis 20 Minuten, und dabei warfen 220 britische Bomber Spreng- und Brandbomben auf die Stadt.

Nach Ende des Angriffs wollte meine Mutter nun wissen, in welchem Haus ich gewesen war. Beim Betreten der Straße schlug uns die beißende und rauchgeschwängerte Luft entgegen, die wir bereits von den Berliner Angriffen kannten. Aber der Hauptangriff hatte mehr der Unterstadt gegolten, aus der immer wieder Detonationen zu hören waren. Schon als wir an die Kreuzung Eichendorff-/Leimbacherstraße kamen, sahen wir, dass die ganze Häuserreihe rechts vor der Förstemannstraße getroffen worden war. In einem dieser zerstörten Häuser war ich für kurze Zeit gewesen!

(Bei unserem ersten Nordhausen-Besuch nach der Wende im Jahre 1990 habe ich zunächst nur nach meinem Gedächtnis, dann aber mit Hilfe eines Stadtplanes meinen Schulweg rekonstruiert. In der Eichendorff - Straße gab es nur eine große Baulücke, eben jene Häuserzeile! Im Jahre 2001 fanden wir dort bereits Neubauten.)

Es stellte sich nun für uns wieder die Frage nach einem erneuten Aufbruch. Die größte Sorge meiner Mutter war die eines neuen Angriffes auf die Stadt. Der Keller des kleinen Einfamilienhauses schien ihr alles andere als sicher, und nach den Berliner Erfahrungen hatte sie Angst vor dem Verschüttet-Werden. Entscheidungen konnten an diesem Abend nicht mehr getroffen werden, aber meine Mutter besprach sich mit ihrer aus Bremen evakuierten Cousine Elsa Schabacker, die mit ihren drei Kindern Ursula, Hartmut und Volker ganz in der Nähe wohnte. Die beiden Frauen beschlossen, Nordhausen am folgenden Tag in Richtung Rüdigsdorf zu verlassen, wohin meine Tante Verbindungen hatte.

Auf dem Friedhof vom Angriff überrascht
Die Nacht war ruhig, soweit man das nach einer solchen Bomben-Attacke überhaupt sagen kann. Am Morgen des 4. April holten uns meine Tante und ihre Kinder im Rolandsweg ab, und wir konnten unseren nun noch verkleinerten Seesack auf eines ihrer Räder packen. Wir waren gerade aufgebrochen, zu Fuß die beladenen Räder schiebend, als plötzlich Flugzeuglärm zu hören war, und kurz darauf fielen schon wieder Bomben, dieses Mal aus 243 Maschinen. Da durch den Angriff am Nachmittag vorher die Sirenenanlage der Stadt zerstört worden war, hatte es für die Bevölkerung keinerlei Vorwarnung geben können. Wir befanden uns gerade neben dem Alten Friedhof, auf den wir sofort flüchteten. Völlig ungeschützt, hinter Grabsteinen hockend, haben wir diesen verheerenden Angriff im Freien verbracht und unverletzt überlebt.

Ein Wunder! Die Hölle dieser 20 Minuten in Worten wiederzugeben ist mir nicht möglich – sie bleiben eines meiner Kriegs-Traumata. Vielleicht kann ein Absatz aus einer noch vor der Wende erschienenen Broschüre von Manfred Schröter, „Die Zerstörung Nordhausens und das Kriegsende im Kreis Grafschaft Hohenstein“, Nordhausen 1988, aus dem ich auch noch weiter zitieren werde, eine Ahnung des Schreckens vermitteln:

„Wer weiß, wie lange eine Minute dauern kann? Zwanzig solcher unendlichen Minuten währte das Zerstörungswerk. In jeder dieser Minuten starben 350 Menschen, in jeder Sekunde also sechs. Jeder Nordhäuser rechnete mit seinem Tod im nächsten Augenblick. Niemand konnte etwas Aktives zum Überleben tun, nur in der Deckung bleiben, warten, hoffen, beten. In den Kellern, den Splittergräben, den Unterständen hockten sie, klammerten sich aneinander. Draußen krachte und tobte es infernalisch, Schlag auf Schlag folgten die furchtbaren Erschütterungen mit ohrenbetäubendem Getöse. Zwischen den einzelnen Einschlägen hörten sie das entsetzliche Pfeifen der nächsten vom Himmel stürzenden Bomben. Explosionsgase, Staub und Qualm verdunkelten alles und ließen das Atmen zur Qual werden.“

Stadt massiv zerstört
Nach diesen beiden Angriffen am 3. und 4. April war laut Schröter Nordhausen zu 74 % zerstört und stand damit prozentual an 7. Stelle in Deutschland. 8.800 Menschen waren getötet worden; 6.000 von ihnen waren Ortsansässige, das entsprach 14 % der Bevölkerung (Dresden verlor am 13. Februar 5 %), dazu kamen 1.500 nicht-ständige Bewohner (Soldaten, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und Flüchtlinge) sowie 1.300 Häftlinge. Seit Anfang Januar 1945 war der Gebäudekomplex der Boelcke-Kaserne als Nebenlager des KZ „Dora“ für die Unterbringung von Häftlingen benutzt, hauptsächlich der Kranken. Tausende Häftlinge waren dort eingesperrt und durften bei Alarm keine Schutzräume aufsuchen. Dadurch erklärt sich die große Zahl dieser Opfer.

Zum Vergleich: Bremen hatte seit Anfang 1940 179 Bombenangriffe; dabei verloren gut 4.000 Menschen ihr Leben, und die Stadt war im Mai 1945 zu 62% zerstört. Die relativ geringen Verluste verglichen mit der kleinen Stadt Nordhausen (2 Angriffe, 8.800 Tote!) sind sicher zum einen auf die besseren Schutzmaßnahmen der Großstadt zurückzuführen. Darüber hinaus gab es in Bremen besonders viele Bunker, in denen die Bewohner bei Angriffen Zuflucht suchen konnten. Nordhausen hatte kaum Vorkehrungen für die Bevölkerung getroffen, da man wohl nicht mit Bombenangriffen rechnete und schon gar nicht mit solchen von der Stärke, wie sie erst am Kriegsende möglich waren.
Christiane Groscurth
Autor: red

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Kommentare
Echter-Nordhaeuser
12.04.2026, 17:54 Uhr
Erinnerungen eines Kindes
Deshalb ist es heute wichtiger denn je das sich so etwas unsere Politiker anhören.
Nordhusia
12.04.2026, 18:47 Uhr
Liebe Frau Groscurth,
herzlichen Dank, dass Sie diese bewegenden Erinnerungen teilen. Es ist so wichtig, dass solch ein Wissen aus erster Hand weitergegeben wird und wir uns immer wieder bewusst machen, wie wichtig Frieden und Menschlichkeit sind. Möge es nie wieder Krieg geben.
Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.
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