Do, 07:00 Uhr
27.08.2009
NNZ-Serie: WENDE-ZEITEN (Teil 4)
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat nicht nur die Ereignisse des Jahres 1989 aufgearbeitet, sondern blickt in diesem vierten Teil auf das Verhältnis von Kirche, Menschen und Sozialismus zurück....
Trotz mancher Kümmernisse richteten sich die Menschen - so gut es eben ging - in der DDR ein. Nicht als Staatsdoktrin, wohl aber in seinen Zielen und Ansprüchen wurde der Sozialismus von der überwiegenden Mehrheit der DDR-Bürger bejaht. Das Ergebnis des Volksentscheides vom 6. April 1968 über eine neue sozialistische Verfassung wertete die Staats- und Parteimacht in der Ulbricht-Ära als breite Zustimmung des Volkes für einen sozialistischen Weg. Damals votierten 94,46 Prozent für Annahme der neuen Verfassung. Die Block-Parteien hatten längst den Begriff Sozialismus in ihren Parteistatuten und Programmen verankert.
Deutscher Evangelischer Kirchentag in Leipzig vom 7. bis 11.7.1954. Die Hauptversammlung auf der Rosentalwiese am 11.7. Bildmitte der Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der CDU Otto Nuschke, daneben links: Präsident des Evangelischen Kirchentages D.Dr. Reinhold von Thadden-Trieglaff, der Amtierende Präsident der DDR und Präsident der Volkskammer Dr.h.c. Johannes Dieckmann und Bischof.Dr. Otto Dibelius.
Die Kirchen und Religionsgemeinschaften hingegen machten es sich in dieser Frage nicht so leicht. Ihr Weg war weitaus beschwerlicher, hatte es doch stets enorme Reibungspunkte zwischen staatlichen Instanzen und ihnen gegeben. Neben den weltanschaulichen Gegensätzen waren vor allem unterschiedliche Standpunkte in kirchenpolitischen Fragen und gegenseitiges Misstrauen lange Zeit dominierend. Seitens des Staates erinnerte man oft an die Worte von Karl Marx, Religion sei Opium für das Volk und so etwas müsse man ja nicht noch fördern.
Zudem war die Tatsache, dass die evangelischen Kirchen in der DDR 1957 am umstrittenen Militärseelsorgevertrag beteiligt waren und dem gesamtdeutschen Kirchenbund EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) angehörten, der DDR-Regierung ein Dorn im Auge und diente ihr als Gründe für fortwährende Repressalien gegen Kirchengemeinden und einzelne Christen.
Erst als sich die ostdeutschen Kirchen vom Militärseelsorgevertrag losgesagt hatten, war auch die staatliche Seite wieder zu Gesprächen und Vereinbarungen bereit. Eine weitere Klimaverbesserung war zu verzeichnen, als sich die DDR-Kirchen aus der EKD herausgelöst hatten und als Folge der fortschreitenden staatlichen Teilung ein eigenständiger Bund der evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) gegründet worden war.
10.1.1969 Eisenach: Begegnung mit Amtsträgern der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringens Zu einer freundschaftlichen Begegnung hatte der Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser (3.v.l.) , am 9.1.1969 in der Wartburgstadt Eisenach kirchliche Amtsträger und Vertreter der staatlichen Organe der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl eingeladen
Im Laufe der Zeit reifte in der Evangelischen Kirche die Überzeugung, dass eine fortwährende Ablehnung des Sozialismus als Gesellschaftsformation den Menschen nicht dienlich sein kann. In den Leitungsgremien und zahlreichen Kirchgemeinden verständigte man sich nach jahrelanger, zum Teil zermürbender Diskussion darüber, dass es zwischen den Idealen des Sozialismus und der christlichen Lehre durchaus Gemeinsamkeiten gibt. So war es auch nicht verwunderlich, dass auf der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (Kirchenparlament) in Schwerin im Jahr 1973 vom verbesserlichen Sozialismus (Probst Heino Falcke) die Rede war und der Begriff von der Kirche im Sozialismus geprägt wurde.
Dies fand verständlicherweise nicht nur Befürworter. Doch die Mehrheit der Synodalen erkannte gangbare Wege, die DDR-Gesellschaft mitgestalten zu können und das Leben in diesem Staat als Ort der christlichen Bewährung anzunehmen. Die Kirche im Sozialismus war eine der Zeit entsprechende und in ihr gereifte Standortbestimmung, die letztlich dazu dienen sollte und auch diente, den Christen in der DDR Schirm und Helfer bei der besseren Bewältigung von Konfliktsituationen in einem atheistischen Umfeld zu sein.
Die Katholische Kirche hingegen hielt sich mit offiziellen politischen Äußerungen sehr zurück. Auf präzise Definitionen hinsichtlich ihrer Stellung zum DDR-Staat verzichtete sie lange Zeit. Die Gründe dafür waren vielfältiger Art: In erster Linie verstand man sich als Verkünder des Wortes Gottes und fühlte sich vorrangig für das seelische Wohl der Gläubigen zuständig. Doch diese Selbsteinschränkung des kirchlichen Auftrages blieb nicht unwidersprochen. Besonders junge Katholiken kritisierten, dass in den Hirtenbriefen (von Bischöfen verfasste Schreiben an die Gemeinden) keine oder nur selten Stellungnahmen zu politischen Geschehnissen in der DDR zu finden waren. Nur wenige katholische Geistliche machten Konfliktpunkte wie die Grenzsituation, Pionier- und FDJ-Mitgliedschaft, Reisefreiheit oder Wehrkundeunterricht zu Themen ihrer Predigten. Selbst die Teilnahme katholischer Christen an der Jugendweihe war in den letzten Jahren des Bestehens der DDR kein Thema mehr.
Wesentlich aufgeschlossener und kritischer ging es in den kirchlichen Jugend-, Studenten-, Familien- und Mütterkreisen zu. Hier trafen sich wöchentlich oder monatlich Gläubige in geselliger Runde. Man redete und stritt über Themen des Alltags, dachte über Gott und die Welt nach oder erarbeitete gemeinsame Standpunkte zu aktuellen Lebensfragen. Das Interesse an solchen Treffs war so rege, dass diese zu den lebendigsten Trägern kirchlicher Gemeindearbeit wurden. Ihre Bedeutung wuchs auch in dem Maße, wie die innere Situation der DDR widersprüchlicher wurde.
Nicht selten entwickelten sich insbesondere aus den Jugend- und Studentenkreisen heraus Initiativgruppen, die sich mit speziellen Problemen des DDR-Alltags beschäftigten. Ganz oben an standen dabei Fragen des Umweltschutzes und des Ringens um den Erhalt des Friedens in der Welt. Die geschundene Natur begann sich mittlerweile zu wehren und die Rüstungsindustrie hatte Anfang der 1980er Jahre aufgrund des so genannten NATO-Doppelbeschlusses und der Gegenmaßnahmen des Warschauer Paktes Hochkonjunktur. Angesichts dieser Situation riefen die Kirchen und Religionsgemeinschaften 1982 zu ökumenischen Friedensgebeten auf. Durch gemeinsame Gespräche und Gebete fanden Christen und Nichtchristen enger zu einander und suchten nach Auswegen aus dieser verfahrenen Situation.
Republikweit gab es erste Signale eines Aufbruchs. Vielerorts kam es zu Gründungen von Initiativgruppen. Zu den bekanntesten zählten der Pankower Kreis, die Berliner Umweltbibliothek und der Friedenskreis Wittenberg. Später kamen noch die Friedensgruppen Jena und Weimar hinzu. Sie alle gelten als die wahren Vorboten eines Umbruchs in der DDR.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnzTrotz mancher Kümmernisse richteten sich die Menschen - so gut es eben ging - in der DDR ein. Nicht als Staatsdoktrin, wohl aber in seinen Zielen und Ansprüchen wurde der Sozialismus von der überwiegenden Mehrheit der DDR-Bürger bejaht. Das Ergebnis des Volksentscheides vom 6. April 1968 über eine neue sozialistische Verfassung wertete die Staats- und Parteimacht in der Ulbricht-Ära als breite Zustimmung des Volkes für einen sozialistischen Weg. Damals votierten 94,46 Prozent für Annahme der neuen Verfassung. Die Block-Parteien hatten längst den Begriff Sozialismus in ihren Parteistatuten und Programmen verankert.
Deutscher Evangelischer Kirchentag in Leipzig vom 7. bis 11.7.1954. Die Hauptversammlung auf der Rosentalwiese am 11.7. Bildmitte der Stellvertreter des Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der CDU Otto Nuschke, daneben links: Präsident des Evangelischen Kirchentages D.Dr. Reinhold von Thadden-Trieglaff, der Amtierende Präsident der DDR und Präsident der Volkskammer Dr.h.c. Johannes Dieckmann und Bischof.Dr. Otto Dibelius.
Die Kirchen und Religionsgemeinschaften hingegen machten es sich in dieser Frage nicht so leicht. Ihr Weg war weitaus beschwerlicher, hatte es doch stets enorme Reibungspunkte zwischen staatlichen Instanzen und ihnen gegeben. Neben den weltanschaulichen Gegensätzen waren vor allem unterschiedliche Standpunkte in kirchenpolitischen Fragen und gegenseitiges Misstrauen lange Zeit dominierend. Seitens des Staates erinnerte man oft an die Worte von Karl Marx, Religion sei Opium für das Volk und so etwas müsse man ja nicht noch fördern.
Zudem war die Tatsache, dass die evangelischen Kirchen in der DDR 1957 am umstrittenen Militärseelsorgevertrag beteiligt waren und dem gesamtdeutschen Kirchenbund EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) angehörten, der DDR-Regierung ein Dorn im Auge und diente ihr als Gründe für fortwährende Repressalien gegen Kirchengemeinden und einzelne Christen.
Erst als sich die ostdeutschen Kirchen vom Militärseelsorgevertrag losgesagt hatten, war auch die staatliche Seite wieder zu Gesprächen und Vereinbarungen bereit. Eine weitere Klimaverbesserung war zu verzeichnen, als sich die DDR-Kirchen aus der EKD herausgelöst hatten und als Folge der fortschreitenden staatlichen Teilung ein eigenständiger Bund der evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) gegründet worden war.
10.1.1969 Eisenach: Begegnung mit Amtsträgern der Evangelisch-Lutherischen Kirche Thüringens Zu einer freundschaftlichen Begegnung hatte der Staatssekretär für Kirchenfragen Hans Seigewasser (3.v.l.) , am 9.1.1969 in der Wartburgstadt Eisenach kirchliche Amtsträger und Vertreter der staatlichen Organe der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl eingeladen
Im Laufe der Zeit reifte in der Evangelischen Kirche die Überzeugung, dass eine fortwährende Ablehnung des Sozialismus als Gesellschaftsformation den Menschen nicht dienlich sein kann. In den Leitungsgremien und zahlreichen Kirchgemeinden verständigte man sich nach jahrelanger, zum Teil zermürbender Diskussion darüber, dass es zwischen den Idealen des Sozialismus und der christlichen Lehre durchaus Gemeinsamkeiten gibt. So war es auch nicht verwunderlich, dass auf der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (Kirchenparlament) in Schwerin im Jahr 1973 vom verbesserlichen Sozialismus (Probst Heino Falcke) die Rede war und der Begriff von der Kirche im Sozialismus geprägt wurde.
Dies fand verständlicherweise nicht nur Befürworter. Doch die Mehrheit der Synodalen erkannte gangbare Wege, die DDR-Gesellschaft mitgestalten zu können und das Leben in diesem Staat als Ort der christlichen Bewährung anzunehmen. Die Kirche im Sozialismus war eine der Zeit entsprechende und in ihr gereifte Standortbestimmung, die letztlich dazu dienen sollte und auch diente, den Christen in der DDR Schirm und Helfer bei der besseren Bewältigung von Konfliktsituationen in einem atheistischen Umfeld zu sein.
Die Katholische Kirche hingegen hielt sich mit offiziellen politischen Äußerungen sehr zurück. Auf präzise Definitionen hinsichtlich ihrer Stellung zum DDR-Staat verzichtete sie lange Zeit. Die Gründe dafür waren vielfältiger Art: In erster Linie verstand man sich als Verkünder des Wortes Gottes und fühlte sich vorrangig für das seelische Wohl der Gläubigen zuständig. Doch diese Selbsteinschränkung des kirchlichen Auftrages blieb nicht unwidersprochen. Besonders junge Katholiken kritisierten, dass in den Hirtenbriefen (von Bischöfen verfasste Schreiben an die Gemeinden) keine oder nur selten Stellungnahmen zu politischen Geschehnissen in der DDR zu finden waren. Nur wenige katholische Geistliche machten Konfliktpunkte wie die Grenzsituation, Pionier- und FDJ-Mitgliedschaft, Reisefreiheit oder Wehrkundeunterricht zu Themen ihrer Predigten. Selbst die Teilnahme katholischer Christen an der Jugendweihe war in den letzten Jahren des Bestehens der DDR kein Thema mehr.
Wesentlich aufgeschlossener und kritischer ging es in den kirchlichen Jugend-, Studenten-, Familien- und Mütterkreisen zu. Hier trafen sich wöchentlich oder monatlich Gläubige in geselliger Runde. Man redete und stritt über Themen des Alltags, dachte über Gott und die Welt nach oder erarbeitete gemeinsame Standpunkte zu aktuellen Lebensfragen. Das Interesse an solchen Treffs war so rege, dass diese zu den lebendigsten Trägern kirchlicher Gemeindearbeit wurden. Ihre Bedeutung wuchs auch in dem Maße, wie die innere Situation der DDR widersprüchlicher wurde.
Nicht selten entwickelten sich insbesondere aus den Jugend- und Studentenkreisen heraus Initiativgruppen, die sich mit speziellen Problemen des DDR-Alltags beschäftigten. Ganz oben an standen dabei Fragen des Umweltschutzes und des Ringens um den Erhalt des Friedens in der Welt. Die geschundene Natur begann sich mittlerweile zu wehren und die Rüstungsindustrie hatte Anfang der 1980er Jahre aufgrund des so genannten NATO-Doppelbeschlusses und der Gegenmaßnahmen des Warschauer Paktes Hochkonjunktur. Angesichts dieser Situation riefen die Kirchen und Religionsgemeinschaften 1982 zu ökumenischen Friedensgebeten auf. Durch gemeinsame Gespräche und Gebete fanden Christen und Nichtchristen enger zu einander und suchten nach Auswegen aus dieser verfahrenen Situation.
Republikweit gab es erste Signale eines Aufbruchs. Vielerorts kam es zu Gründungen von Initiativgruppen. Zu den bekanntesten zählten der Pankower Kreis, die Berliner Umweltbibliothek und der Friedenskreis Wittenberg. Später kamen noch die Friedensgruppen Jena und Weimar hinzu. Sie alle gelten als die wahren Vorboten eines Umbruchs in der DDR.
Hans-Georg Backhaus



