Mo, 07:03 Uhr
07.09.2009
NNZ-SERIE: WENDE-ZEITEN (Teil 7)
Die nnz setzt ihre Serie fort, die an die friedliche Revolution in der damaligen DDR und damit auch in Nordhausen vor 20 Jahren erinnern soll. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus beschreibt in diesem Teil wie sich die DDR-Bürgerrechtsgruppen formieren sich – Oder: Wir sind das Volk!
In der DDR-Gesellschaft waren im Sommer 1989 vielerorts deutliche Anzeichen eines Aufbruchs spürbar. Während in Budapest, Prag, Warschau und Ostberlin alsbald Botschaftsbesetzungen von DDR-Bürgern begannen, die damit ihre Ausreise in den Westen erzwingen wollten, wagten sich die bis dato oft unter schwierigen Bedingungen und unabhängig voneinander agierenden Bürgerrechtsgruppen an die Öffentlichkeit und gründeten Organisationen.
In diesem Zusammenhang tauchte verständlicherweise die Frage auf, warum diese Gruppen nicht als einheitliche Organisation auftraten? In Anbetracht unterschiedlicher weltanschaulicher Herkunft und Erziehung sowie der unermüdlich agierenden Stasi war die Formierung einer einheitlich handelnden Oppositionsbewegung in der DDR nahezu unmöglich.
So entstanden im Spätsommer 1989 zunächst das NEUE FORUM – eine Initiativgruppe, die die höchste Massenwirksamkeit erreichte und der Menschen wie Katja Havemann, Bärbel Bohley (Foto), Jens Reich und Sebastian Pflugbeil vorstanden. Etwa zur selben Zeit betrat eine weitere Gruppierung die politische Oppositionsbühne: der DEMOKRATISCHE AUFBRUCH. Die Idee zur Gründung war in Berlin geboren worden.
Zu den führenden Köpfen gehörten die Pfarrer Friedrich Schorlemmer, Reiner Eppelmann, Heinz Eggert, der Soziologe und Theologe Erhart Neubert, Rechtsanwalt Wolfgang Schnur und Christiane Ziller aus Nordhausen. Hauptsächlich im Berliner Raum machte schließlich eine dritte Kraft von sich reden. Sie gab sich den Namen DEMOKRATIE JETZT. Mitbegründer waren u. a. der bekannte Filmregisseur Konrad Weiß und Prof. Wolfgang Ullmann.
Standen auch bei allen Oppositionsgruppen Persönlichkeiten unterschiedlichster politischer und weltanschaulicher Orientierung an der Spitze, so einte sie anfangs doch der gemeinsame Wille, die DDR-Gesellschaft im Inneren zu erneuern, für die Sicherung der Grundfreiheiten einzutreten und eine ökologisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik auf den Weg zu bringen. Der Sozialismus stand zunächst ebenfalls nicht zur Disposition und schon gar nicht ein Rückfall in kapitalistische Verhältnisse.
Die Tage um den 7. Oktober 1989 setzten schließlich für jedermann eindrucksvolle Zeichen für den Beginn einer Wende im Staat der Arbeiter und Bauern. Während sich die alte Garde um Honecker während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR in Ost-Berlin umjubeln ließ, kam es zu gleicher Stunde, nur wenige Straßen von den Wink- und Huldigungsaufmärschen entfernt, zu spontanen Demonstrationen hunderter Berliner, vor allem Jugendlicher. Sprechchöre wie Jetzt oder nie – Demokratie!, Neues Forum, Neues Forum!, Gorbi, hilf uns! und Wir bleiben hier! waren unablässig zu hören.
Und es erklang das internationale Lied der Befreiung, das die Demonstranten aus der Schule her kannten Völker, hört die Signale. Stasi-Leute stellten sich den Demonstranten entgegen und versuchten sie aufzumischen. Am Abend meldete die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens Aktuelle Kamera im gewohnten Jargon: Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sich Bürger zusammen und riefen volksfeindliche Parolen.
Noch tags zuvor hatte KPdSU - Generalsekretär Michael Gorbatschow, der gemeinsam mit weiteren Partei- und Staatschefs aus dem sozialistischen Lager und einiger Entwicklungsländer an den Feierlichkeiten aus Anlass des Republik-Geburtstages teilnahm, gesagt: Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Der zu dieser Zeit noch mächtigste der Mann der DDR, Erich Honecker, sollte nur 12 Tage später zu spüren bekommen, wie recht Gorbatschow mit dieser Äußerung hatte.
Die spontanen Demonstrationen vom 7. Oktober 1989, dem letzten Nationalfeiertag der DDR, blieben kein Einzelfall. Schon zwei Tage später fanden sie andernorts ihre machtvolle Fortsetzung, nämlich in der Messestadt Leipzig. Mehrere tausend Menschen gingen im Anschluss an das traditionelle montägliche Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße, um von den Regierenden Freiheit, Demokratie und die Freilassung inhaftierter Bürger einzufordern. Zwar hatte es an den Montagen zuvor auch schon Demos gegeben, jene aber vom 9. Oktober 1989 stellet alles bisherige in den Schatten. Über 70.000 machten eindrucksvoll deutlich, dass die Zeit für Veränderungen im Land gekommen war.
Doch nicht nur Mut und Entschlossenheit begleiteten die Menschen auf ihrer Demonstration durch das Zentrum der Messestadt. Gleichermaßen machten auch Angst und bange Fragen nach einem möglichen Einsatz der Sicherheitskräfte die Runde. Vor Augen hatten viele Menschen noch die Fernsehbilder vom Mai 1989 in Peking. Damals hatte die chinesische Führung auf dem Platz des himmlischen Friedens auf die Demonstranten schießen lassen, weil sie demokratische Veränderungen im Land gefordert hatten.
Auch in Leipzig bestand an diesem Montag die Gefahr eines Bürgerkrieges. Vieles jedenfalls deutete darauf hin. In den Nebenstraßen wurden auf Befehl Honeckers Armee- und Kampfgruppen-Einheiten zusammen gezogen. Die Lage spitze sich von Stunde zu Stunde zu. Der Aufruf von Gewandhaus-Kapellmeisters Kurt Masur zu Gewaltlosigkeit auf allen Seiten, die Weigerung der sowjetischen Führung, militärisch gegen die Demonstranten vorzugehen, aber auch die Intervention des Sicherheitsverantwortlichen im SED-Politbüro, Egon Krenz, gegen den Einsatzbefehl Honeckers, verhinderten schließlich in Leipzig die von vielen befürchtete chinesische Lösung. Erleichterung in der gesamten Republik, als in den späten Abendstunden die bis dato machtvollste Demonstration friedlich zu Ende ging.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnzIn der DDR-Gesellschaft waren im Sommer 1989 vielerorts deutliche Anzeichen eines Aufbruchs spürbar. Während in Budapest, Prag, Warschau und Ostberlin alsbald Botschaftsbesetzungen von DDR-Bürgern begannen, die damit ihre Ausreise in den Westen erzwingen wollten, wagten sich die bis dato oft unter schwierigen Bedingungen und unabhängig voneinander agierenden Bürgerrechtsgruppen an die Öffentlichkeit und gründeten Organisationen.
In diesem Zusammenhang tauchte verständlicherweise die Frage auf, warum diese Gruppen nicht als einheitliche Organisation auftraten? In Anbetracht unterschiedlicher weltanschaulicher Herkunft und Erziehung sowie der unermüdlich agierenden Stasi war die Formierung einer einheitlich handelnden Oppositionsbewegung in der DDR nahezu unmöglich.
So entstanden im Spätsommer 1989 zunächst das NEUE FORUM – eine Initiativgruppe, die die höchste Massenwirksamkeit erreichte und der Menschen wie Katja Havemann, Bärbel Bohley (Foto), Jens Reich und Sebastian Pflugbeil vorstanden. Etwa zur selben Zeit betrat eine weitere Gruppierung die politische Oppositionsbühne: der DEMOKRATISCHE AUFBRUCH. Die Idee zur Gründung war in Berlin geboren worden.
Zu den führenden Köpfen gehörten die Pfarrer Friedrich Schorlemmer, Reiner Eppelmann, Heinz Eggert, der Soziologe und Theologe Erhart Neubert, Rechtsanwalt Wolfgang Schnur und Christiane Ziller aus Nordhausen. Hauptsächlich im Berliner Raum machte schließlich eine dritte Kraft von sich reden. Sie gab sich den Namen DEMOKRATIE JETZT. Mitbegründer waren u. a. der bekannte Filmregisseur Konrad Weiß und Prof. Wolfgang Ullmann.
Standen auch bei allen Oppositionsgruppen Persönlichkeiten unterschiedlichster politischer und weltanschaulicher Orientierung an der Spitze, so einte sie anfangs doch der gemeinsame Wille, die DDR-Gesellschaft im Inneren zu erneuern, für die Sicherung der Grundfreiheiten einzutreten und eine ökologisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik auf den Weg zu bringen. Der Sozialismus stand zunächst ebenfalls nicht zur Disposition und schon gar nicht ein Rückfall in kapitalistische Verhältnisse.
Die Tage um den 7. Oktober 1989 setzten schließlich für jedermann eindrucksvolle Zeichen für den Beginn einer Wende im Staat der Arbeiter und Bauern. Während sich die alte Garde um Honecker während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR in Ost-Berlin umjubeln ließ, kam es zu gleicher Stunde, nur wenige Straßen von den Wink- und Huldigungsaufmärschen entfernt, zu spontanen Demonstrationen hunderter Berliner, vor allem Jugendlicher. Sprechchöre wie Jetzt oder nie – Demokratie!, Neues Forum, Neues Forum!, Gorbi, hilf uns! und Wir bleiben hier! waren unablässig zu hören.
Und es erklang das internationale Lied der Befreiung, das die Demonstranten aus der Schule her kannten Völker, hört die Signale. Stasi-Leute stellten sich den Demonstranten entgegen und versuchten sie aufzumischen. Am Abend meldete die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens Aktuelle Kamera im gewohnten Jargon: Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sich Bürger zusammen und riefen volksfeindliche Parolen.
Noch tags zuvor hatte KPdSU - Generalsekretär Michael Gorbatschow, der gemeinsam mit weiteren Partei- und Staatschefs aus dem sozialistischen Lager und einiger Entwicklungsländer an den Feierlichkeiten aus Anlass des Republik-Geburtstages teilnahm, gesagt: Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Der zu dieser Zeit noch mächtigste der Mann der DDR, Erich Honecker, sollte nur 12 Tage später zu spüren bekommen, wie recht Gorbatschow mit dieser Äußerung hatte.
Die spontanen Demonstrationen vom 7. Oktober 1989, dem letzten Nationalfeiertag der DDR, blieben kein Einzelfall. Schon zwei Tage später fanden sie andernorts ihre machtvolle Fortsetzung, nämlich in der Messestadt Leipzig. Mehrere tausend Menschen gingen im Anschluss an das traditionelle montägliche Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße, um von den Regierenden Freiheit, Demokratie und die Freilassung inhaftierter Bürger einzufordern. Zwar hatte es an den Montagen zuvor auch schon Demos gegeben, jene aber vom 9. Oktober 1989 stellet alles bisherige in den Schatten. Über 70.000 machten eindrucksvoll deutlich, dass die Zeit für Veränderungen im Land gekommen war.
Doch nicht nur Mut und Entschlossenheit begleiteten die Menschen auf ihrer Demonstration durch das Zentrum der Messestadt. Gleichermaßen machten auch Angst und bange Fragen nach einem möglichen Einsatz der Sicherheitskräfte die Runde. Vor Augen hatten viele Menschen noch die Fernsehbilder vom Mai 1989 in Peking. Damals hatte die chinesische Führung auf dem Platz des himmlischen Friedens auf die Demonstranten schießen lassen, weil sie demokratische Veränderungen im Land gefordert hatten.
Auch in Leipzig bestand an diesem Montag die Gefahr eines Bürgerkrieges. Vieles jedenfalls deutete darauf hin. In den Nebenstraßen wurden auf Befehl Honeckers Armee- und Kampfgruppen-Einheiten zusammen gezogen. Die Lage spitze sich von Stunde zu Stunde zu. Der Aufruf von Gewandhaus-Kapellmeisters Kurt Masur zu Gewaltlosigkeit auf allen Seiten, die Weigerung der sowjetischen Führung, militärisch gegen die Demonstranten vorzugehen, aber auch die Intervention des Sicherheitsverantwortlichen im SED-Politbüro, Egon Krenz, gegen den Einsatzbefehl Honeckers, verhinderten schließlich in Leipzig die von vielen befürchtete chinesische Lösung. Erleichterung in der gesamten Republik, als in den späten Abendstunden die bis dato machtvollste Demonstration friedlich zu Ende ging.
Hans-Georg Backhaus


