nnz-Forum: Ich kannte Udo
Mit dem Tod von Udo Pichel beschäftigt sich eine nnz-Leserin, die ihn seit Jahren kannte.
Ich kenne ihn seit meinen Kindertagen und er war einer der Gründe,warum ich ausgerechnet Hilfsschullehrer werden wollte. Meine Mutter (auch Hilfsschullehrer) nahm mich oft in den Ferien mit zur Arbeit. Udo war Schüler der Pestalozzischule und zählte nicht zu den leistungstarken Schülern. Er kam aus einem "normalen" Elternhaus, seine Schwester ist Lehrerin.
Trotzdem nahm er es mit der Kleiderordnung damals schon nicht so genau. Ich habe ihn sehr aufmerksam und liebenswert in Erinnerung. Später grüßte er mich immer und bedankte sich bei seinen Lehrern und Erziehern für die schöne Zeit.
Um so trauriger hörte ich von seinem Absturz nach der Wende. Auch unsere Schüler erzählten sich die schauerlichsten Geschichten und nutzen seinen Namen, um sich über ihn lustig zu machen. Als sie hörten,dass er auch ein Förderschüler war, waren sie erstaunt.
Warum schreibe ich das? Er ist einer von Vielen und wird nicht der Letzte sein, um den wir uns in der Förderschule sehr bemühen. Aber nur wenige werden den Weg in ein "normales" Leben finden. Daran sind sie nicht alleine schuld. Die Mehrheit hat ihren Förderschulabschluss geschafft, der nicht zählt auf dem Arbeitsmarkt. Sie haben eine einfache Lehre absolviert, meist nur überbetrieblich. Sie wollen arbeiten, haben aber kaum eine Chance.
Vorigen Freitag habe ich einen Schüler nach schwerer Krebserkrankung mit 29 Jahren auf seinem letzten Weg begleitet. Der Trauerredner beschrieb seine Mühe und Willen einen Job zu finden. Es tat weh, bestätigt zu bekommen,dass sein Fleiß und Anständigkeit nichts nutzte.
Wenn die Udo - Verehrer als sein Vermächtnis begreifen, dass man niemanden einfach in eine Schublade stecken soll, dann nutzt es auch denen , die ihm noch folgen werden.
Mit traurigen Grüßen
Elke Falley, Förderschullehrerin
Autor: nnz
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Kommentare
Klassikerin
19.01.2011, 21:22 Uhr
Udo
Ein sehr netter Beitrag. Aber hatte sich Udo nicht schon vor der Wende für diesen - seinen Weg - entschieden. Fakt ist eines, er gehörte in die Strassen der Stadt, ähnlich wie damals der Dicke Peter.
Ich wurde immer belächelt, wenn ich sagte, dass er ein attraktiver Mann sei, er gehöre nur unter die Dusche gestellt und in ordentliche Kleider gesteckt.
Sissi
19.01.2011, 21:35 Uhr
Udos Geschwister
Wieviel Geschwister hatte Udo eigendlich ?
Also, ich kenne nur eine Schwester von Udo, die Marina heißt, und mit der Ich von 1988 bis 1990 bei Nordbrand gearbeitet habe.
Udo
Ich habe UDO als sehr nett und zuvorkommend kennengelernt.
Alstadtfest 2005 hatte meine Freundin Ihren 16ten Geburtstag, als wir über das fest geschlendert sind, sprang ein freund auf die grosse Bühne und fragte den Dj ob er ein geburtagslied auflegen könne,Er tat dies worauf hin UDO tanzte sang und Ihr persönlich gratulierte.
In den bis jetzt vergangenen Jahren passte er, wenn ich im Norma war immer auf mein Fahrrad auf,gegen kleinen Obulus natürlich.
Am Donnertstag 06.01.2011 sahen wir Udo das letzte mal gegen 0 Uhr
(dort wo die grosse Bühne zum altstadtfest steht)und hupten Ihm zu worauf er sonst grüsste, aber an diesem Abend kam keine Reaktion von Ihm, was uns sehr verwunderte, schliessen nun nach sein Tod daraus, das es Ihm da schon nicht mehr so gut ging.
RUST IN PEACE UDO
Pro112
19.01.2011, 22:46 Uhr
Ich kannte Udo auch.
Ich gebe diesem Artikel voll Recht, in Deutschland bist du der letzte Arsch, wenn du kein Abitur hast, für die aus der Förderschule, hat man kein Interesse (ist aber nur in Deutschland so). Der deutsche staat interessiert sich nicht dafür und holt lieber billige Ausländer zum arbeiten her.
Hier muss dringend was getan werden, damit auch Förderschüler eine Chance habe in Deutschland, denn Förderschüler sind genauso Menschen und arbeitswillig wie wir und teilweise auch besser.Ich kenne einige persönlich und würde nie was schlechtes über sie sagen.
Retupmoc
20.01.2011, 08:05 Uhr
Sehr geehrte Frau Falley !
Wohltuende und warme Worte in einer kalten Zeit. Wenn ich gerade einen Hut auf hätte, würde ich diesen vor Ihnen ziehen. Ja Sie haben völlig Recht! In dieser Gesellschaft zählt nur noch der äussere Eindruck und mindestens ein Abitur. Das macht jedoch nicht den Wert eines Menschen aus. Sie haben das erkannt - Sie sind eine tolle Erzieherin.
Glückliche Kinder, die in Ihrer Klasse lernen dürfen. Weiterhin viel Erfolg in der Hoffnung, das Sie und Ihre Kollegen möglichst viele Kids vor dem Schicksal eines Menschen wie Udo Pichel bewahren.
mariechen*
20.01.2011, 08:24 Uhr
ohne Worte...
Es ist wirklich erstaunlich wie viele Bekannte und Freunde Udo doch hatte und wie vielen er am Herzen lag! Oh Nordhausen, wie bist du verlogen!
Sicher, in einer Kleinstadt wie NDH fällt es im Gegensatz zu Berlin oder München auf, wenn jemand wie Udo verstirbt, doch diese Beiträge hier, haben meiner Meinung nach nichts mit Anteilnahme zu tun. Wenn Udo nur halb so viel Aufmerksamkeit an seinem Leben zu Teil geworden wäre, wie es jetzt im Tod der Fall ist, hätte er ein anderes Leben führen können.
Jetzt braucht er keine Spenden mehr für Beerdigung oder Andacht etc.. Sinnvoller wäre es gewesen zu spenden als er noch am Leben war!
Mein aufrichtiges Beileid geht an alle, die Udo wirklich nahe standen und an seinem Leben Teil hatten.
Freidenker 1304
22.01.2011, 15:13 Uhr
Udo Pichel und der Umgang mit Förderschülern/Behinderten
Danke, Frau Falley, für Ihr offenes Wort. Sie sprechen in Ihrem Artikel zwei Sachen an, die miteinander verbunden sind. Zum einen den Menschen Udo Pichel, zum anderen die Problematik Förderschulkinder und deren weiterer Werdegang. Beides kenne ich, beides spricht mich an.
Es gab zum Thema Udo schon etliche, sehr unterschiedliche Kommentare. Ja, auch ich kannte Udo. Auch die letzten zwanzig Jahre. Kaum einer kannte ihn nicht. Er gehörte zum Nordhäuser Stadtbild, wie so viele Mitmenschen, die etwas anders als die Allgemeinheit sind. Da wird eben hingekuckt. Und ob er gut oder schlecht, ob er ein Original war ? Ich weiß es nicht. Auch er hatte Gefühle. Und die wurden auch oft verletzt. Er wusste genau, wer ihn einmal gut behandelt hat und wer nicht. Ich habe ihn freundlich, hilfsbereit, aber auch angetrunken fordernd und selten lautstark aggressiv erlebt. Ist das Gut, ist das Böse ?
Er war, mit netten und mit schlechten Seiten, eben ein Mensch. Gewiss, manchmal war er mir unheimlich, manchmal auf Grund seines Zustandes fand ich ihn abstoßend. Ich war dabei, als man ihm medizinische Hilfe bzw. frische Kleider anbot. Er lehnte meist ab. Oft jedoch tat er mir leid, er bekam manchmal von mir paar Euro.
Und für Moralapostel : Das dies überwiegend in Alkohol umgesetzt wurde, war mir dann klar. Aber ihn zum Abstinenzler zu machen wäre wohl kaum möglich gewesen. Er war nun mal dem Alkohol zugetan. Und dann hatte er wenigstens einen für ihn schönen Abend. Denn im Gegensatz zu verbotenem Drogenkonsum legitimiert und verdient unser Staat am Alkoholkonsum. Jetzt ist Udo tot. Ich weine ihm nicht hinterher.
Doch er wird wohl nicht vergessen werden. Dazu war er zu bekannt. Und wenn ich an ihn denke, wünsche ich ihm alles Gute, da, wo er jetzt ist. Und er hat als Mensch ein würdiges Begräbnis verdient, auch wenn es ein Armenbegräbnis ist. Soviel zu meinen Gedenken an Udo.
Das andere Problem ist, wie in dieser Gesellschaft, wie in dieser Stadt, wie wir mit den Menschen umgehen, die mit geistigen und körperlichen Gaben nicht so gesegnet sind. Auch ich habe eine Tochter, die leicht Behindert nach harten Bemühungen den Abschluss der Förderschule und eine einfache Lehre geschafft hat.
Kein Fall für die Behindertenwerkstatt. Aber die nun etwas langsamer ist und mehr Hilfe braucht. Auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, keine Fahrerlaubnis besitzt. Aber eigentlich hoch motiviert ist. Die jeden Job annehmen würde, der akzeptabel ist und ihr ein erträgliches Auskommen ermöglichte. Meine Tochter wurde trotz guter Beurteilungen und hoher Förderungsangebote des Arbeitsamtes nach mehrmaligen Probebeschäftigungen nicht übernommen.
Weil auf Grund der Arbeitsmarktlage hier genug "nicht" Behinderte vor der Tür stehen, bei denen nicht Arbeitsamt, Integrationssamt u.a. beteiligt sind. Weil eben viele Arbeitgeber Behinderte allgemein nicht einstellen. Auch die Arbeitgeber, die (durch das Arbeitsamt finanziert) Förderschüler oder leicht Behinderte in Probebeschäftigungen annehmen, aber von vornherein an keiner Weiterbeschäftigung interessiert sind, sondern über den Probezeitraum nur die geschenkte Arbeitskraft abschöpfen wollen. Fairerweise muss gesagt werden, es gibt unter den Arbeitgebern auch andere.
Doch das sind zu wenige für die vorhandenen Arbeitssuchenden. Und manche können wirtschaftlich auch nicht. Wohl dem, der die Mittel und die Muße hat, sozial zu sein und Menschlichkeit zu zeigen. Natürlich kann man hart sein. Schert Euch dahin, wo es Arbeit auch für Euch gibt. Küchen-, Hotelkraft in Touristengebieten Bayern oder Ost- bzw. Nordsee. Hilfsarbeiter im Großraum Stuttgart / Frankfurt M. Hier findet Ihr nichts ! Wie es dabei in dem Menschen aussieht, der verzweifelt hier sein Leben sucht, der hier geboren und hier zuhause ist, interessiert nicht. Oder sollte es doch? Ich wünsche meiner Tochter und allen anderen nur leicht Behinderten und Förderschülern, die vor der gleichen Situation stehen, sie würden jemanden finden, der ihr eine reale Chance zu fairen Lohn gibt, der ihren Lebensunterhalt sichert. Und der mit ihrer etwas langsamerer Arbeit leben kann. Hartz 4 sollte keine Lösung sein, das bezahlen nämlich alle. Es stimmt, es gibt viele Sozialfälle, die nicht arbeiten wollen. Es gibt aber auch sehr viele, die engagiert und motiviert sind, aber hier keine reale Chance bekommen.
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