So, 18:01 Uhr
21.08.2011
Exkursion: Pflegedesaster FFH-Gebiete
Die BUND-Kreisgruppe Nordhausen führte am Sonntag eine Gruppe interessierter Menschen durch das Naturschutzgebiet Mühlberg bei Niedersachswerfen, welches Teil des Thüringer FFH-(Flora-Fauna-Habitat-) Gebietes Nr. 4, Mühlberg-Himmelsberg-Kammerforst ist.
Die Exkursion zeigte die Widersprüche auf, die zwischen den zahlreichen Beschlüssen der internationalen, nationalen und regionalen Politik zur Erhaltung der Artenvielfalt und der Realität bestehen. Außerdem wurden die 12 Teilnehmer zahlreiche Pflanzenarten gezeigt, die das besagte Gebiet schützens- und erhaltenswert machen.
Die Beschlüsse zur Erhaltung der Artenvielfalt sind folgende:
International:
Doch praktisch alle diese Regelungen sind das Papier nicht Wert, auf dem sie geschrieben stehen. Fazit des Managementplanes für das obengenannte FFH-Gebiet (der Öffentlichkeit vorgestellt im Februar 2011, Quelle: Managementplan (Fachbeitrag Offenland) für das FFH-Gebiet Kammerforst-Himmelsberg-Mühlberg von Büro Rana, Halle Gesamt-Erhaltungszustand: Betrachtet man die Gesamtbewertungen, so muss wegen des großteils schlechten Zustands bezüglich der Beeinträchtigungen und des häufig nur noch in Teilen vorhandenen lebensraumtypischen Arteninventars bei gut der Hälfte der Flächen (36) der Wert C (Mangelhaft, d.A.) vergeben werden. Dem stehen nur vier Flächen gegenüber, die mit dem Gesamtwert A (hervorragend – d.A.) versehen werden können ….
Anhand von drei Beispielen wurde die Situation erläutert:
Wenn sich der Thüringische Umweltminister erst jüngst mir gegenüber positionierte, er kenne kein EU-Land, das wegen Nichterfüllung der FFH-Richtlinie zur Verantwortung gezogen wurde, zeigt dies eine beschämende und erschreckende Ignoranz.
Augenscheinlich wurde das Problem auf dem Mühlbergplateau, als wir eine gepferchte Schafherde sahen, die auf relativ intensiv genutzten, d.h. für die Schafe produktivem Grünland stand. Ein naturschutzfachlich wertvoller, aber kaum produktiver Halbtrockenrasen unmittelbar nebenan, wies keinerlei Beweidungsspuren auf und zeigte eine deutliche Verbuschungs- und Verfilzungstendenz.
Den Exkursionsteilnehmern wurden Pflanzenarten gezeigt, die auf die extensive Nutzung dringend angewiesen sind und zumindest z.T. als stark gefährdet gelten: Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris), Deutscher Enzian (Gentianella germanica), Fransen-Enzian (Gentianella ciliata) uns Katzenpfötchen (Antennaria dioica). Außerdem erfuhren sie mehr über Arten, die die Zerstörung der Halbtrockenrasen anzeigen: Saumarten wie Odermennig (Agrimonia eupatoria), Dost (Origanum vulgare) und die zur Verbuschung führenden Sträucher Schlehe (Prunus spinosa) und Hartriegel (Cornus sanguinea).
Weiterhin schauten sich die Teilnehmer auf einem BUND-eigenen Halbtrockenrasen-Grundstück am Mühlberg um, wo ihnen die ehrenamtlich durchgeführten Pflegeeinsätze der Kreisgruppe und ihre positiven Folgen erläutert worden. Das Grundstück wurde vom BUND vor allem erworben, um eine mögliche Ausweitung des Steinbruches Rüsselsee zu nach Osten zu verhindern.
Angesichts der Tatsache, dass es entgegen der vielen Beschlüsse und Vereinbarungen kaum noch öffentliche Mittel für die Landschaftspflege gibt, wurde die besondere Bedeutung ehrenamtlicher Pflege aufgezeigt. Die BUND-Kreisgruppe führt seit Jahren unentgeltlich derartige Einsätze im Gebiet durch und konnte nachweisliche Erfolge erzielen. Der Rückgang einiger Arten konnte zumindest punktuell aufgehalten werden.
Wir fordern von der Politik mit Nachdruck ein entschiedenes und durchgreifendes Umdenken und Handeln zur Umsetzung der vielen Beschlüsse, insbesondere jener, die sich aus der FFH-Richtlinie und aus den Managementplänen für die FFH-Gebiete ergeben.
Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und verlangen von den Entwicklungsländern, z.B. die Abholzung ihrer Regenwälder einzustellen, sind aber selbst nicht einmal in der Lage, unsere selbst gestellten, vergleichsweise winzigen Hausaufgaben zu machen.
Die BUND-Kreisgruppe sucht dringend Mitstreiter zur Fortführung ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Wir treffen uns regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat um 18:30 im Vereinshaus Thomas Mann.
Bodo Schwarzberg, BUND-Kreisgruppe Nordhausen
Autor: nnzDie Exkursion zeigte die Widersprüche auf, die zwischen den zahlreichen Beschlüssen der internationalen, nationalen und regionalen Politik zur Erhaltung der Artenvielfalt und der Realität bestehen. Außerdem wurden die 12 Teilnehmer zahlreiche Pflanzenarten gezeigt, die das besagte Gebiet schützens- und erhaltenswert machen.
Die Beschlüsse zur Erhaltung der Artenvielfalt sind folgende:
International:
- Biodiversitätskonvention der UNO von 1992 (Übereinkommen über die biologische Vielfalt)
- -UN-Dekade der Biodiversität 2011-2020 als Programm der UN zum nachdrücklichen und weltweiten Schutz von biologischer Vielfalt)
- -FFH-Richtlinie der EU von 1992 zur Förderung des Schutzes der biologischen Vielfalt inklusive Verschlechterungsverbot
- -Biodiversitätskonzeptionen Europa mit einer eigenen Biodiversitätsstrategie von 2011
- -Regionaler Raumordnungsplan Nordthüringens mit dem allgemeinen Leitziel:
- Die historisch gewachsene Kulturlandschaft der Region Nordthüringen soll in ihrem unverwechselbaren Gepräge erhalten, gepflegt, weiterentwickelt, ggf. saniert und wiederhergestellt werden.
- NSG Mühlberg – Verordnung: die Kalktrockenrasen-, Kalkfelsflur- und Felsschuttgesellschaften sowie die Halbtrockenrasen zu erhalten,
- die artenreichen Lebensgemeinschaften mit einer Vielzahl von geschützten, gefährdeten und seltenen Pflanzen- und Tierarten, insbesondere die artenreichen Vogel-, Reptilien-, Amphibien- und Insektengemeinschaften, die als Eiszeitrelikte angesehenen Florenelemente und die zahlreichen Orchideen nachhaltig zu sichern,die durch die geologischen und orographischen Gegebenheiten und die dortigen Lebensgemeinschaften bestimmte Eigenart des Gebietes zu bewahren und dessen natürliche Entwicklung zu gewährleisten und die Entwicklung extensiv bewirtschafteter Grünland-Pflanzengesellschaften zu fördern.
Doch praktisch alle diese Regelungen sind das Papier nicht Wert, auf dem sie geschrieben stehen. Fazit des Managementplanes für das obengenannte FFH-Gebiet (der Öffentlichkeit vorgestellt im Februar 2011, Quelle: Managementplan (Fachbeitrag Offenland) für das FFH-Gebiet Kammerforst-Himmelsberg-Mühlberg von Büro Rana, Halle Gesamt-Erhaltungszustand: Betrachtet man die Gesamtbewertungen, so muss wegen des großteils schlechten Zustands bezüglich der Beeinträchtigungen und des häufig nur noch in Teilen vorhandenen lebensraumtypischen Arteninventars bei gut der Hälfte der Flächen (36) der Wert C (Mangelhaft, d.A.) vergeben werden. Dem stehen nur vier Flächen gegenüber, die mit dem Gesamtwert A (hervorragend – d.A.) versehen werden können ….
Anhand von drei Beispielen wurde die Situation erläutert:
- Blaugrashänge am Nordabhang des Mühlberges und damit eine der nur vier von 70 Teilflächen der Halbtrockenrasen im FFH-Gebiet, mit einer hervorragenden Bewertung hinsichtlich Vegetationsstruktur, Artenzusammensetzung und (geringer) Beeinträchtigung
- zwei isolierte Halbtrockenrasen als typische Flächen für eine negative Gesamtbewertung infolge von fehlender Beweidung mit dem Ergebnis zunehmender Verbuschung und Verfilzung bzw. Artenrückgängen (Rand des Mühlberg-Plateaus)
- der Einbruch bei der Schafbeweidung., die sich für die Schäfer infolge niedriger Wollpreise und niedriger Vergütungen für die Landschaftspflege nicht mehr lohnt
- zu geringe Beweidung oder Beweidung zum falschen Zeitpunkt
- keine Beseitigung aufkommender Gehölze durch die Bewirtschafter
Wenn sich der Thüringische Umweltminister erst jüngst mir gegenüber positionierte, er kenne kein EU-Land, das wegen Nichterfüllung der FFH-Richtlinie zur Verantwortung gezogen wurde, zeigt dies eine beschämende und erschreckende Ignoranz.
Augenscheinlich wurde das Problem auf dem Mühlbergplateau, als wir eine gepferchte Schafherde sahen, die auf relativ intensiv genutzten, d.h. für die Schafe produktivem Grünland stand. Ein naturschutzfachlich wertvoller, aber kaum produktiver Halbtrockenrasen unmittelbar nebenan, wies keinerlei Beweidungsspuren auf und zeigte eine deutliche Verbuschungs- und Verfilzungstendenz.
Den Exkursionsteilnehmern wurden Pflanzenarten gezeigt, die auf die extensive Nutzung dringend angewiesen sind und zumindest z.T. als stark gefährdet gelten: Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris), Deutscher Enzian (Gentianella germanica), Fransen-Enzian (Gentianella ciliata) uns Katzenpfötchen (Antennaria dioica). Außerdem erfuhren sie mehr über Arten, die die Zerstörung der Halbtrockenrasen anzeigen: Saumarten wie Odermennig (Agrimonia eupatoria), Dost (Origanum vulgare) und die zur Verbuschung führenden Sträucher Schlehe (Prunus spinosa) und Hartriegel (Cornus sanguinea).
Weiterhin schauten sich die Teilnehmer auf einem BUND-eigenen Halbtrockenrasen-Grundstück am Mühlberg um, wo ihnen die ehrenamtlich durchgeführten Pflegeeinsätze der Kreisgruppe und ihre positiven Folgen erläutert worden. Das Grundstück wurde vom BUND vor allem erworben, um eine mögliche Ausweitung des Steinbruches Rüsselsee zu nach Osten zu verhindern.
Angesichts der Tatsache, dass es entgegen der vielen Beschlüsse und Vereinbarungen kaum noch öffentliche Mittel für die Landschaftspflege gibt, wurde die besondere Bedeutung ehrenamtlicher Pflege aufgezeigt. Die BUND-Kreisgruppe führt seit Jahren unentgeltlich derartige Einsätze im Gebiet durch und konnte nachweisliche Erfolge erzielen. Der Rückgang einiger Arten konnte zumindest punktuell aufgehalten werden.
Wir fordern von der Politik mit Nachdruck ein entschiedenes und durchgreifendes Umdenken und Handeln zur Umsetzung der vielen Beschlüsse, insbesondere jener, die sich aus der FFH-Richtlinie und aus den Managementplänen für die FFH-Gebiete ergeben.
Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und verlangen von den Entwicklungsländern, z.B. die Abholzung ihrer Regenwälder einzustellen, sind aber selbst nicht einmal in der Lage, unsere selbst gestellten, vergleichsweise winzigen Hausaufgaben zu machen.
Die BUND-Kreisgruppe sucht dringend Mitstreiter zur Fortführung ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Wir treffen uns regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat um 18:30 im Vereinshaus Thomas Mann.
Bodo Schwarzberg, BUND-Kreisgruppe Nordhausen



