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Mo, 17:50 Uhr
27.04.2026
Besuch auf der Streuobstwiese

Vom Schönen Nordhäuser und alten Archen

Dem Menschen zum Nutzen, den Tieren zum Wohl - bei Neustadt wurde gestern zum verweilen auf die Streuobstwiese geladen. Unter Birnbaumblüten und Sonnenschein gab es viel Interessantes zu erfahren, darunter auch Neuigkeiten zum „Schönen von Nordhausen“ und der verlorenen Gartenbaukultur im Südharz…

Kathleen Hahnemann und Gerd Ulm haben sich vor zwei Jahren gemeinsam auf die Suche nach dem "Schönen von Nordhausen" gemacht (Foto: agl) Kathleen Hahnemann und Gerd Ulm haben sich vor zwei Jahren gemeinsam auf die Suche nach dem "Schönen von Nordhausen" gemacht (Foto: agl)

„Wenn ich hier bin, lebe ich privilegiert“ - mit einem knappen Satz fasst Gerd Ulm zusammen, was ihm sein Streuobstwiesen bedeuten und wenn man den Blick kurz schweifen lässt, kann man kaum anders, als zuzustimmen. Die Birnen stehen in voller Blüte, der Wind geht leicht, die Sonne scheint, über dem Feuer kocht das Mittagessen (es wird Lamm geben) auf dem Tisch steht Apfelsaft - so lässt es sich aushalten.

Die Wiese ist ein Rückzugsort, nicht nur für den Obstbauern, sondern auch für die Tierwelt. „Vieles, was in der aufgeräumten Agrarlandschaft keinen Platz mehr findet, kommt hier unter. Das ist der Unterschied zur Plantage. Es geht am Ende auch um Ertrag, aber der ist nicht das alleinige Ziel. Wenn die Schafe die Wiese abgrasen, kommen Blindschleiche und Kröte noch weg, beim Rasenmäher schaffen sie das nicht. Die Hinterlassenschaften der Schafe locken Insekten an, die links und rechts auf dem Acker weg gespritzt werden, die Insekten bestäuben die Bäume, die Bäume bringen die Frucht, die Frucht ernährt Mensch und Tier.“

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Die Natur zieht auf der Wiese so über das Jahr ihre Kreise, eine im eigentlichen Sinne „natürliche“ Landschaft ist die Streuobstwiese aber nicht. Wie fast alles um uns herum - vom Acker über die Wiese bis zum Wald - hat der Mensch auch hier die „Kulturlandschaft“ geschaffen, mitunter über Jahrhunderte hinweg. Flora und Fauna haben sich angepasst und eingerichtet und neue Lebensräume sind entstanden. Was vom Menschen geschaffen wurde, muss auch vom Menschen gepflegt werden, meint Ulm, das gilt insbesondere auch für die Streuobstwiesen. Denn ohne menschliches Zutun würde das Land verbuschen und die ökologische Nische verschwinden.

Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl) Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)

Ganz so entspannt wie gestern zum „internationalen Tag der Streuobstwiese“, mit geführten Wanderungen zur Wiese, Picknick im Sonnenschein und viel Wissenswertem rund um das Biotop unter Bäumen, geht es denn auch für Ulm nur selten zu, als Obstbauer hat man fast das ganze Jahr über zu tun, die Arbeit ist körperlich fordernd, vieles wird von Hand gemacht, erzählt er. Der Mühen Lohn ist der Ertrag, mit dem Verkauf von Schüttel- und Tafelobst verdient Ulm auch etwas Geld. Wirtschaftlicher wäre freilich ein Feld mit Mais oder Raps oder eine auf Profit getrimmte Plantage. Doch Ulm liebt seine Wiesen wie sie sind und damit ist er nicht allein - nicht beim Streuobsttag und auch nicht, wenn ernsthaft angepackt werden muss. Der Landschaftspflegeverband Südharz/Kyffhäuser hilft gerne und bereitwillig, der Naturpark Südharz, die Hofmosterei aus Harzungen, die „Interessengemeinschaft Streuobstwiese“, Familie, Freunde und manch andere helfende Hand packt auch gerne mit an. Rund fünf Tonnen Obst erntet man so in einem guten Jahr.

Der Schöne
Ein Teil der Ernte landet bei Kathleen Hahnemann, die zusammen mit Alexander Ibe die Hofmosterei Harzungen betreibt, wobei nicht nur der Saft verbindet, sondern auch die geteilte Liebe zur Landschaft. Ulm und Hahnemann sind der vor gut zwei Jahren noch auf ganz andere Weise nachgegangen, nämlich auf dem Wege der historischen Nachforschung. „Nordhausen und die Region haben einst eine sehr lebendige und auch innovative botanische Tradition gepflegt, man hat experimentiert und neue Sorten gezüchtet und einiges Renomee genossen. Nach den Weltkriegen ist das sukzessive verloren gegangen und in Vergessenheit geraten. Da wollten wir mit der Suche nach dem „Schönen von Nordhausen“ anknüpfen und etwas von dieser Gartenkultur bergen“, erzählt Hahnemann.

Bei dem „Schönen von Nordhausen“ handelt es sich um einen Apfel, erstmals beschrieben 1835 von Karl Kaiser. Der robuste, leicht säuerliche Nordhäuser wird zur beliebten Sorte und ist so populär, dass im ersten Weltkrieg Anstrengungen unternommen werden, die Sorte in „Hindenburgapfel“ umzubenennen, was bis heute für Verwirrung unter Pomologen führen kann und letztlich durch einen Nachfahren Karl Kaisers unterbunden wird. In den 1990er Jahren ist der „Schöne“ in der Reihe der beliebtesten Apfelsorten immer noch auf Platz 17 zu finden, zumindest im Osten des Landes, wie Hahnemann und Ulm im Zuge ihrer Recherchen herausfinden.

Der Tag auf der Streuobstwiese wurde von Gerd Ulm, der "IG Streuobstwiese", dem Landschaftspflegeverband und dem Naturpark Südharz organisiert (Foto: agl) Der Tag auf der Streuobstwiese wurde von Gerd Ulm, der "IG Streuobstwiese", dem Landschaftspflegeverband und dem Naturpark Südharz organisiert (Foto: agl) Schwerer ist die Familie Kaiser zu fassen. Bekannt ist, dass die Anlagen der Kaisers mitten in der Stadt an der Elisabethstraße lagen und dass man gute Kontakte zu Friedrich Traugott Kützing unterhielt, der hier wohl eine Zeit lang auch seinen Wohnsitz hatte. Kützing war Botaniker von Rang und Namen und wird Nordhausen mit einem Denkmal und einem Straßennamen bis heute in Ehren gehalten. Über die Kaisers ist hingegen aller Bemühungen zum Trotz nicht viel bekannt, obwohl es die Züchter mit ihren Pflanzen bis zur Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 schaffen.

Umso mehr haben Hahnemann und Ulm aber zum Nordhäuser Gartenbau und zum „Schönen“ in Erfahrung bringen können. „Wir sind viel herumgekommen, mitunter mussten wir bis in die Seniorenheime gehen, um mit den alten Gartenbaumeistern zu reden, die noch wissen wie es war und wir haben einige Hinweise auf Standorte des „Schönen aus Nordhausen“ bekommen, viele Leute haben den Baum noch im Garten stehen, oder glauben es zumindest“, erzählt Hahnemann. Die eindeutige Bestimmung ist dabei nicht ganz einfach, als „gelbe Sorte“ ist der „Schöne“ für den Laien nur schwer zu bestimmen und selbst Leute vom Fach wie Gerd Ulm müssen die Frucht sehen, um sicher zu sein. „Das war ein Stück weit unser Problem im ersten Jahr, da hat der Nordhäuser kaum getragen, umso besser fiel dann aber die Saison letztes Jahr aus und wir haben uns viele Bäume genauer ansehen können“, berichtet der Obstbauer.

Der Schöne in Flasche und Fass
Unverhoffte, technische Hilfe bekam man aus Schweden in Form einer Kartierungs-App für die Landwirtschaft, die Pomologin Sylvia Krug mit nach Nordhausen brachte. Die genaue Lokalisierung der Bäume in der Region ist aber nur die eine Sache, passend zum großen Stadtjubiläum im kommenden Jahr will man den „Schönen“ auch verarbeiten und hat - wie könnte es für ein Nordhäuser Jubiläum anders sein - einen Schnaps gebrannt und eingelagert. „Saft haben wir vom geschüttelten „Schönen aus Nordhausen“ schon gepresst, der ist sehr lecker und im Moment auch noch im Sortiment, aber bis zum Stadtjubiläum reichen wir damit nicht und wir können uns nicht sicher sein, dass es in diesem Jahr genug Früchte gibt. Also haben wir unsere Maschine im Dezemberfrost noch einmal angeschmissen und Maische gemacht, die in Bad Frankenhausen gebrannt wurde und jetzt auf Lager liegt“, berichtet Kathleen Hahnemann.

Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)
Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)
Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)
Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)
Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)
Idylle pur inmitten der Kulturlandschaft - zum "Tag der Streuobstwiese" wurde zur Wiese am Rosenteich bei Neustadt geladen (Foto: agl)

Neben dem Obstler kommt ist der Nordhäuser Apfel auch auch als kleines Kunstwerk wieder zurück - der Berliner Bildhauer Andreas Hoferick hat nicht nur Nordhäuser Wurzeln sondern über die Familie auch eine eigene Streuobstwiese bei Herrmannsacker, die Verbindungen zu Ulm und Hahnemann war also nicht weit und mündeten in einem transportables Modell des „Schönen“, dass auch zum Tag auf der Streuobstwiese mit dabei war.

Ihre Nachforschungen haben Ulm und Hahnemann derweil im Jahresheft des Pomologenverband 2025 veröffentlicht und in einem kleinen Heft zusammengefasst, dass man bei Gelegenheit dem geneigten Leser auch in Nordhausen anbieten wird. Zu guter Letzt würde man gerne auch ein paar „Nordhäuser“ neu pflanzen, am liebsten mitten in der Stadt, zum bewundern und zum naschen für jedermann. Ob und wo das klappt steht allerdings noch nicht fest.
Angelo Glashagel
Autor: red

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